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cohiba seleccion box boxingdate 2003 after bloom eurotium 2013

Zigarren kühl lagern?

Auf den kleinen Beipackzetteln in vielen Zigarrenkisten findet man die Empfehlung, Zigarren sollten bei 16–18 °C gelagert werden. Was tun, wenn der Sommer naht?

 

In der Winterzeit redet man sich gern ein, die Raumtemperatur übersteige den empfohlenen Wert zur optimalen Lagerung von Zigarren (16 bis 18 °C) nicht allzu sehr. Im Sommer sind Temperaturen von 25 °C und mehr im Wohnbereich kaum zu verhindern.

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Photo: EuroCave

Für viele Menschen, die in Regionen wohnen, wo Klimaanlagen nicht zur Standardausstattung gehören, stellt sich dann die Frage, wie man im häuslichen Humidor diese Temperaturempfehlung erreichen soll. Bei manch einem Passionado wandern die Zigarren dann in den Keller oder es entsteht der Wunsch nach einem Humidor mit integrierter Kühlfunktion.

Seit nunmehr acht Jahren experimentiere ich mit unterschiedlichen Feuchte- und Temperaturwerten und kann aus einem doch recht reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen.

In diesem Artikel werden wir uns kritisch mit den (scheinbaren) Argumenten für eine gekühlte Zigarrenlagerung auseinandersetzen und uns die damit in der Praxis verbundenen Probleme ansehen. Neben einigen nicht ganz vermeidbaren Exkursen in die Physik sollen auch praktische Handlungsempfehlungen gegeben werden.

Argument 1 – Aromenerhalt und Nachreifung

„Werden Zigarren bei 16–18 °C gelagert, so bleibt das Aroma länger erhalten.“

Beginnen wir mit dieser am schwierigsten zu beantwortenden These. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich in Publikationen (speziell aus dem amerikanischen Sprachraum) lese, dass die ganze Diskussion um die Zigarrenlagerung und Nachreifung im Grunde genommen Humbug sei – die Zigarren seien mit ihrer Auslieferung auf dem Höhepunkt und perfekt rauchbar. Das trifft für einige Zigarren gewiss zu.

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Photo: EuroCave

Für andere aber ganz und gar nicht. Das Aroma einer Zigarre verändert sich über die Jahre zweifellos. Fragt sich nur, ob positiv oder negativ und welche Einflussfaktoren dabei eine Rolle spielen.

Im Laufe der Zeit verflüchtigt sich allenfalls enthaltener Ammoniak, das Frischegefühl am Gaumen reduziert sich, da sich im Tabak die Vielfachzucker zu Einfachzuckern umwandeln, und die Gefahr der Bildung eines bitteren Kondensatgeschmacks reduziert sich erheblich. Diese Entwicklung geht in einem Alutubo langsamer vor sich als etwa in einem begehbaren Humidor.

Wenn die Zigarre offen und umgeben von Frischluft lagert, sind die Ammoniaknoten bereits nach wenigen Monaten verflogen und nach zwei bis drei Jahren riecht die Zigarre recht flach. Die Umgebungsluft hat der Zigarre das Bouquet geraubt. Ob Sie dieses Experiment bei 18 °C oder bei 25 °C durchführen – das Ergebnis ist nahezu das gleiche! Hinsichtlich der Aromenentwicklung kann die Temperaturempfehlung also nicht gelten.

extreme efflorescence cigars cohiba 2006 boxing date 2003 front view

Photo: EuroCave

Möglicherweise ist mit 16–18 °C einfach nur gemeint: „Lagere die Zigarren einfach im Haus und stelle sie nicht in die Sonne.“ Vielleicht stammt die Empfehlung auch daher, dass die Zigarren nach ihrer Fertigstellung vor dem Verpacken für einige Wochen bei etwa 16 °C in der Fabrik gelagert werden. Grund dafür ist, dass der Wassergehalt des Tabaks nach dem Rollen noch bei etwa 17 bis 18 Prozent liegt.

Die Lagerung bei niedrigerer Temperatur bewirkt ein langsames Verdunsten des überschüssigen Wassers, bis sich im Tabak eine Feuchte von etwa 12 bis 13 Gewichtsprozent an Wasser eingestellt und die Zigarre so ihren optimalen Feuchtegehalt erreicht hat.

Wie dem auch sei, nicht die Temperatur, sondern die Menge an Frischluft, der die Zigarre ausgesetzt ist, und die relative Luftfeuchte sind die wirklich relevanten Einflüsse. Daher meine Empfehlung: Lagern Sie, wenn immer möglich, Zigarren in Kisten und nicht einzeln. Die Einzellagerung in einem klassischen Tischhumidor ist in Ordnung, wenn die Zigarren innerhalb von ein bis zwei Jahren geraucht werden.

Bei längeren Aufbewahrungszeiten sollte so wenig Frischluft wie nur möglich an die Zigarre kommen. Wenn Sie dies berücksichtigen und die relative Luftfeuchte bei etwa 70 Prozent möglichst konstant halten, dann sind sommerliche Temperaturen von 28 °C kein Problem. Bei derart hohen Temperaturen reduziere ich lediglich die Luftfeuchte auf etwa 65 Prozent, sonst sind mir persönlich die Zigarren zu weich.

Argument 2 – Schutz vor Schimmel und Zigarrenblüte

„Eine niedrigere Lagerungstemperatur schützt vor Schimmel und reduziert die Blütebildung der Zigarre.“

Ist das wirklich so? Ein einfaches Experiment: Nehmen Sie ein Stück Käse und lagern Sie es bei 25 °C und 70% relativer Luftfeuchte. Es wird langsam aber sicher vertrocknen. Aber nicht verschimmeln. Wo verschimmelt der Käse am schnellsten? Im kalten, feuchten Kühlschrank. Ganz einfach deshalb, weil Schimmel seine optimale Wachstumstemperatur zwischen 5 und 15 °C hat.

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Photo: EuroCave

Es ist praktisch unmöglich, bei Temperaturen über 22 °C Schimmel auf einer Zigarre wachsen zu lassen. Allenfalls dann, wenn die relative Luftfeuchte längere Zeit auf Werte von über 75% steigt. Ich habe im mehreren Experimenten versucht, den Schimmel von Brot, Erdbeeren, Zitrusfrüchten und Käse durch Abstriche auf Zigarren zu übertragen. Leider (oder glücklicherweise) ohne Erfolg. Der geringe Wassergehalt des Tabaks reicht nicht aus, um dem klassischen Lebensmittelschimmel ausreichend Wachstumsgrundlage zu geben.

Sofern tatsächlich Schimmel auf der Zigarre wächst, handelt es sich fast immer um den Erotium.spp, einen nicht Toxin bildenden Pilz, der in jeder Bettmatratze und in jeder Umgebung mit einer relativen Feuchte von mehr als 60 Prozent wächst. Auf der Zigarre wächst dieser Pilz nur oberflächlich auf dem Deckblatt, ist vollkommen harmlos und kann leicht mit der Zigarrenblüte verwechselt werden. Tritt dieses Pilzgeflecht auf der Zigarre auf, so wischt man es einfach ab.

Wenn nun Zigarren gekühlt gelagert werden, so wird man bei 16 °C Lagerungstemperatur und 65 bis 70 Prozent relativer Luftfeuchte feststellen, dass sich die Zigarren verhältnismäßig trocken anfühlen. Das liegt daran, dass ab Temperaturen von weniger als 18 °C die relative Luftfeuchte sukzessive erhöht werden muss, um die 13 Gewichtsprozent an Wasser in der Zigarre zu gewährleisten.

Also wird man die Luftfeuchte erhöhen auf Werte zwischen 75 und 80 Prozent. Und da bemerkt der aufmerksame Leser das Problem: Geringe Temperatur und andauernd hohe Luftfeuchte erhöhen die Schimmelgefahr. So lange es sich nur um den Eurotium handelt, ist das harmlos, wenn aber tatsächlich ein Aspergillus-flavus auf den Zigarren wächst, dann wird es brenzlig. Und diese Gefahr besteht bei Lagerungsbedingungen mit niedriger Temperatur und hoher relativer Luftfeuchte.

Geringere Neigung zur Blütenbildung

Wer zum ersten Mal „Zigarren in Blüte“ erlebt hat und nicht weiß, womit er es zu tun hat, ist schnell dabei, seinen gesamten blühenden Bestand zu entsorgen, weil die Blüte fälschlicherweise für gefährlichen Schimmel gehalten wird (siehe Cigar Journal 1/2010). Interessanterweise beginnen Zigarren meist in den Monaten März, April, Mai und Juni verstärkt Ausblühungen zu bilden.

Ob das mit der „inneren Uhr“ des Tabaks zu tun hat vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls findet man Ausblühungen auch auf Zigarren, die in einer gekühlten Umgebung gelagert werden. Hier konnte ich bisher keinen Unterschied feststellen und schon gar nicht eine Reduzierung der Blütebildung bei gekühlter Lagerung.

Argument 3 – Schutz vor Schädlingen

„Die gekühlte Zigarrenlagerung schützt vor Schädlingen.“

Dies ist das häufigste Argument zur Begründung einer kühlen Zigarrenlagerung und – wie ich vermute – auch der eigentliche Grund für den Hinweis auf den Beipackzettelchen in den Zigarrenkisten. Und doch vollkommen vergeblich, wie wir gleich sehen werden. Die Zigarre hat einen real existierenden Feind, den Lasioderma serricorne, allgemein bekannt als Tabakkäfer.

Neben den harmlosen „Problemen“ wie Eurotium-Schimmel (geflechtartige, watteähnliche Fasern auf der Zigarre), der Pflaumenmilbe (kleine, weiße auf der Zigarre umherlaufende Punkte) oder der Zigarrenblüte (weiße, meist punktförmige Ausblühungen) ist der Zigarrenkäfer ein echter Schädling. Wobei nicht der Käfer an sich das Problem ist, sondern seine Larve. Diese kann im Tabak der Zigarre verborgen sein und entwickelt einen regen Appetit. Mit dem Ergebnis kreisrunder Löcher im Deckblatt, die bis tief in die Zigarre reichen. Sofern Sie Zigarren mit kreisrunden Löchern im Deckblatt entdecken, ist kontrollierte Panik durchaus angemessen.

beetle infestation holes left by tobacco beetle cigar box

Photo: EuroCave

Jeder verantwortungsvolle Zigarrenimporteur frostet seine Zigarren sofort nach Erhalt für einige Tage bei mindestens –30 bis –40 ° C. Das schnelle Einfrieren tötet die Käferlarve zuverlässig ab. Die Betonung liegt auf „schnell“. Die Käferlarve hat die unglaubliche Eigenschaft, bei Kälte eine Glykolverbindung zu produzieren, die als Frostschutzmittel das Erfrieren der Larve verhindert. Nur wenn der Gefrierprozess schnell abläuft, hat die Larve keine Chance sich zu schützen.

Ziehen wir nun den Kreis zum Argument der gekühlten Lagerung. Werden Zigarren unter 20 °C gelagert, so könne sich der Tabakkäfer nicht fortpflanzen. Dies schütze die Zigarren vor Käferbefall, so das oft gehörte Argument.

Hierzu muss man feststellen (wie bereits bemerkt), dass nicht der Käfer die Zigarren zerstört, sondern die Käferlarve. Sofern die Zigarre mit der lebenden Larve „infiziert“ ist, bringt auch eine Lagerung bei 15 °C rein gar nichts. Erst bei Temperaturen unter 5 bis 6 °C wird die Larve inaktiv, hört also auf zu fressen und verhungert. Man müsste die Zigarren also mehrere Wochen im Kühlschrank bei niedrigen Temperaturen lagern. Dann ist die Larve tot – und die Zigarren vertrocknet.

Zwar ist die relative Luftfeuchte im Kühlschrank an sich sehr hoch, die niedrige Temperatur lässt es aber nicht zu, dass die Zigarren ausreichend Wasser einlagern und so vertrocknen sie. Kaum zu glauben, aber so ist es. Es ist zwar korrekt, dass sich der geschlüpfte Käfer bei niedrigeren Temperaturen nicht fortpflanzt, die Larve bleibt aber aktiv! Ist das nicht Grund genug für eine gekühlte Zigarrenlagerung? Nein. Ist die Larve einmal in der Zigarre (und das sehen Sie von außen nicht), so hilft nur das Einfrieren und das übernimmt der Importeur.

Ist eine gekühlte Zigarrenlagerung vollkommen sinnlos?

Ob nun eine gekühlte Lagerung tatsächlich Sinn macht, hängt von der Zielsetzung der Zigarrenlagerung ab. Sollen Zigarren auf lange Zeit im Sinne des Cigar Aging (also mehrere Dekaden mit dem Ziel der Wertsteigerung) eingelagert werden, dann ist die Lagerung bei möglichst konstanten Feuchte- und Temperaturbedingungen angebracht. Allerdings ist das in der Praxis nur möglich in großen Räumen, in denen die Zigarren in Kisten gelagert werden.

Für den „normalen“ Zigarrenraucher, der in seinem Humidor bzw. in seinem Humidorschrank sowohl Zigarren für den zeitnahen Konsum als auch einige Kisten über einen längeren Zeitraum aufbewahrt, ist die Lagerung bei Zimmertemperatur eine sinnvolle und vollkommen unproblematische Empfehlung. Ob dann im Sommer das Thermometer einmal für drei Wochen 28 Grad im Humidor anzeigt ist völlig irrelevant – vorausgesetzt, die relative Luftfeuchte weist zum einen den richtigen Wert auf und ist zum anderen möglichst konstant.

Temperaturschwankungen in einem Bereich von 15 bis 30 Grad Celsius zerstören eine Zigarre nicht. Bedeutend anders verhält sich das Ganze bei schwankender Luftfeuchtigkeit. Lagert die Zigarre zu feucht, dehnt sie sich aus. Wird dann die Umgebungsluft abrupt trockener, kann das schrumpfende Deckblatt die Spannungen der Einlage nicht mehr halten – es reißt.

Da die relative Luftfeuchte temperaturabhängig ist, wird schnell klar, weshalb der Wunsch zum Erhalt einer konstanten Temperatur besteht – weil es nämlich einfacher scheint, eine konstante relative Luftfeuchte herbeizuführen. Leider ist das nur in der Theorie der Fall. Die Praxis sieht ganz anders aus …

Erfahren Sie mehr zum Thema in Teil 2 des Artikels.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Marc André

Marc André ist leidenschaftlicher Zigarrenraucher und Humidorbauer. Er hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt, ist beratend und ausführend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Neben seiner Vortragstätigkeit zum Thema Zigarrenlagerung und Humidorbau betreibt er die Website www.humidorbau.de und bietet dort mit seinen zu 100% in Deutschland gefertigten Humidoren der Century-Serie vom kleinen Tischhumidor bis zum Agingschrank Lösungen zur professionellen Zigarrenlagerung an.


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