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Vergleichstest: Eine Vitola – Drei Lagerungsarten

Welche Auswirkung hat die Lagerung auf eine Zigarre? Unser Humidor-Experte Marc André hat 45 Testern drei gleiche, allerdings vollkommen unterschiedlich gelagerte Zigarren vorgelegt.

 

Dieser Test will aufzeigen, wie sich die Lagerung auf eine Zigarre auswirkt. Dazu wurden folgende Vorbereitungen getroffen: Jahrelang waren die 150 Testzigarren fachgerecht bei knapp 70% relativer Feuchtigkeit gelagert. Im Jahr 2010 wurden sie in drei Teilmengen zu je 50 Stück aufgeteilt und noch zwei weitere Jahre gelagert – allerdings in grundverschiedenen Umgebungen. Einige Wochen vor dem Test wurden sämtliche Zigarren im professionellen Humidor wieder auf gleiche Feuchte gebracht. Beim Vergleichstest rauchten die Teilnehmer dann die drei ungleich gelagerten Punch Coronas (142 x 16,7 | 5 5/8 x 42, Boxing date AGO 07) parallel. Jede nummerierte Zigarre (1, 2 und 3) wurde von den 45 Testpersonen nach Aussehen und Verarbeitung, Bouquet, Aroma, Geschmack, Stärke und Brandverhalten beurteilt.

Die Lagerung

Zigarre 1: Lose gelagert (nicht in der Kiste) in einem schlecht konstruierten Humidor mit passiver Befeuchtung (Luftfeuchte zwischen 55% und 80%).

Zigarre 2: Gelagert im elektronisch geregelten Humidor bei 72% relativer Feuchte und in geschlossenen Zigarrenkisten.

Zigarre 3: Gelagert in der geschlossenen Zigarrenkiste, aber außerhalb des Humidors, also ohne Befeuchtung. Einige Wochen vor dem Vergleichstest wurden sämtliche Zigarren wieder im professionellen Humidor zusammengeführt und in offenen Kisten gelagert.

Ergebnis „Aussehen und Verarbeitung“

Die Trockenlagerung hat den Zigarren nicht wirklich gut getan. Zigarre 1 wurde von 88 Prozent der Testpersonen als sehr gut, gut oder zufriedenstellend beschrieben. Zigarre 2 erreichte mit 86 Prozent ähnliche Werte, Zigarre 3 schätzten allerdings nur 67 Prozent als gut aussehend ein.

Ergebnis „Bouquet“ (Geruch im kalten Zustand)

Signifikant ist der Bouquetverfall sowohl bei Zigarre 1 (aus dem Standardhumidor) als auch bei der trockenen Zigarre 3. Interessant ist, dass der zwischenzeitlich vertrockneten Zigarre häufiger das Attribut „typischer Tabakduft“ zugewiesen wurde als der im Standardhumidor gelagerten Nr. 1.

Diese Einschätzung könnte auch daher kommen, dass die Zigarren allesamt wieder für mehrere Wochen im selben Humidor gelagert wurden. Die Einschätzung dürfte also eher einem gewissen Geruchstransfer zuzuschreiben sein als der Entwicklung der Zigarre selbst.

Interessant ist auch, dass viele Teilnehmer der vertrockneten Zigarre Nr. 3 zwar ein verhaltenes Bouquet bescheinigt haben, sie aber schlussendlich für die beste Zigarre hielten. Dann allerdings meist nicht wegen des guten Geschmacks, sondern wegen des leichten Zugwiderstandes und des guten Brandverhaltens.

Ergebnis „Aromen“

Auffallend ist die gute Aromenbeurteilung der korrekt gelagerten Zigarre Nr. 2. 61% der Befragten beurteilten das Aroma als sehr gut bis gut. Die vertrocknete Nr. 3 kommt bei dieser Auswertung auf 37%.

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Photo: Marc André

Das Ergebnis der Nr. 1 aus dem Standardhumidor hat mich aber überrascht: gerade einmal 25% beurteilten das Aroma als sehr gut bis gut. Da der Standardhumidor aus dem „falschen“ Holz gebaut war (kanadische Zeder), fand hier eine deutlich wahrnehmbare Aromenveränderung der Zigarre statt, die größtenteils nicht positiv konnotiert wurde.

Erstaunlich ist, dass etwa die Hälfte der Teilnehmer, die richtig eingeschätzt haben, welche Zigarre wie gelagert worden war, der Zigarre Nr. 1 ein gutes bis sehr gutes Aroma bescheinigt haben.

Diejenigen, die der Nr. 3 den Vorzug gaben, fanden das Aroma von Zigarre 1 größtenteils als zufriedenstellend oder schlechter, dafür aber die Nr. 3 besser. Das könnte mit der persönlichen Vorliebe für mildere Zigarren zusammenhängen – das ist aber nur eine Vermutung.

Ergebnis „Geschmack“

71% der Befragten bescheinigten den Geschmack der fachgerecht gelagerten Zigarre als sehr gut bis gut. Die vertrocknete Zigarre hat immerhin 31% der Befragten so gut geschmeckt, dass sie dieses Urteil abgegeben haben.

Zigarre Nr. 1 bringt es gerade noch auf 24%. Auch das ist erstaunlich – ist doch die relative Luftfeuchte nie niedriger als 55% und nie höher als 82% gewesen. Aber offensichtlich scheinen diese Schwankungen nicht nur die Gefahr von Deckblattschäden zu erhöhen, sondern signifikant den Geschmack zu beeinflussen.

Der Nr. 1 wurden recht häufig die Beschreibungen „trocken, flach, heuartig, staubig, süßlich, nussig“ zugeordnet. Alle Teilnehmer, die der Nr. 1 einen süßlich-nussigen Gechmack abgewinnen konnten, haben diese auch als die beste Zigarre gekrönt. Aber auch den Teilnehmern, die Nr. 2 als die beste Zigarre bezeichneten, kam die Nr. 1 süßlich-nussig vor. Das ist schon interessant und eine auffallende Häufung. Offensichtlich scheinen die Lagerungsbedingungen der Nr. 1 die Entwicklung dieser Geschmackswahrnehmung zu begünstigen. Die Nr. 1 kam an sich ziemlich schlecht weg: „salzig, bitter, schlicht geschmacklos“ – das waren weitere Einschätzungen der Teilnehmer.

Ergebnis „Stärke“

Die Beurteilung der Stärke einer Zigarre ist schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Was ist Stärke? Ich selbst habe damit doch einige Probleme, dies zu beschreiben, vor allem dann, wenn einer Zigarre ein volles Aroma bei gleichzeitig geringer Stärke zugemessen wird. Eine Zigarre wird als kräftig empfunden, wenn sie eine gewisse Auswirkung auf die Physiologie des Menschen hat. Wenn eine Zigarre Schweißausbrüche verursacht, wird man vermuten, dass sie wohl eher stark als mild ist.

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Photo: Marc André

Auch ist der Umstand, was man vor dem Tasting getrunken oder gegessen hat, beeinflusst unweigerlich die Wahrnehmung. So wird eine Zigarre mit Sicherheit als stärker empfunden, wenn man dazu Wasser oder einen Wein verkostet. Nimmt man stattdessen rauchigen Whisky oder Rum in Fassstärke, dann wird die Zigarre als milder empfunden. Wie auch immer man sich diesem Thema nähert – es ist nicht ganz einfach. Aus diesem Grund ist das Vergleichsrauchen so interessant, weil man hier nicht absolut, sondern relativ zueinander verkostet und bewertet.

Ich hatte erwartet, dass Nr. 1 und Nr. 2 in der Stärke ähnlich beurteilt werden. Das war jedoch nicht der Fall. Offensichtlich hat die Lagerung bei schwankenden Luftfeuchtewerten eine signifikante Auswirkung auf die empfundene Stärke der Zigarre. Offensichtlich wird der Ligero unter diesen Lagerungsbedingungen sehr in Mitleidenschaft gezogen. Das Attribut „Frische“ wurde der Nr. 1 kein einziges Mal verliehen.

Während Zigarre Nr. 1 (Standardhumidor) von 71% der Befragten als eher mild bis mild beurteilt wurde, sind dies bei unserer Trockenzigarre nur 45%. Dass Zigarre Nr. 2 am längsten ihre Power behält, wird doch recht deutlich – weniger als ein Viertel der Befragten bezeichnete die Nr. 2 als eher mild bis mild. Mit Sicherheit schwingt hier auch der Effekt mit, dass das wahrgenommene Aroma (typischer Tabakduft) mit der Einschätzung „eher stark bis stark“ relativ stark korreliert ist und nur eine geringe Standardabweichung aufweist.

Brandverhalten

Da alle Zigarren über einen Zeitraum von knapp drei Monaten auf den korrekten Feuchtegehalt gebracht wurden, ist eine relativ ähnliche Verteilung zu erwarten gewesen.

Die Schlussfolgerungen

62% haben richtig getippt und der Nr. 2 die korrekte Lagerung zugesprochen. Erstaunlich ist, dass mehr Teilnehmer (24%) die einst ausgetrocknete Zigarre Nr. 3 der bei schwankender Luftfeuchte gelagerten Zigarre Nr. 1 (13%) vorziehen.

Meine Erwartung, dass Zigarre 1 und 2 (also aus den beiden Humidoren) relativ dicht beieinander liegen würden, wurde konterkariert. Dass schwankende Luftfeuchte für Zigarren offensichtlich direkt vergleichbar ist mit schwankenden Temperaturen bei der Weinlagerung – das hätte ich so ausgeprägt nicht erwartet.

Und da knapp ein Viertel der Teilnehmer ausgetrocknete Zigarren ganz toll fanden, ist also mein Ratschlag, man sollte ausgetrocknete Zigarren gleich entsorgen, in dieser Form nicht richtig. Also: zunächst einmal die trockenen Zigarren auf Normalzustand bringen und testweise rauchen – vielleicht findet sich ja doch noch ein Arömchen (immerhin 7% der Teilnehmer fanden das Aroma der Extra-Dry sehr gut. Addiert man die Beurteilungen sehr gut und gut, dann erreicht Extra-Dry sagenhafte 39% positive Zustimmung hinsichtlich des Aromas. Überraschungen versüßen das Leben.

Information:

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Marc André
M info@humidorbau.de
T +49 (0) 711 8877958

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Winter-Ausgabe 2012 veröffentlicht. Mehr

Marc André

Marc André ist leidenschaftlicher Zigarrenraucher und Humidorbauer. Er hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt, ist beratend und ausführend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Neben seiner Vortragstätigkeit zum Thema Zigarrenlagerung und Humidorbau betreibt er die Website www.humidorbau.de und bietet dort mit seinen zu 100% in Deutschland gefertigten Humidoren der Century-Serie vom kleinen Tischhumidor bis zum Agingschrank Lösungen zur professionellen Zigarrenlagerung an.


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