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Honduras Tabakfeld

Tabak Provenienz: Honduras

Vorweg ein paar Zeilen Geografie und Geschichte: Honduras liegt im Herzen des zentralamerikanischen Isthmus umspült von der Karibischen See im Norden und Osten und dem Pazifischen Golf von Fonseca im Südwesten. Die Nachbarn der Republik von 6,5 Millionen Menschen sind Nicaragua im Süden, Guatemala im Norden und El Salvador im Osten. Das Land wird von einem gebirgigen Zentralmassiv beherrscht, ein beständiger Nordost-Passat bringt regelmäßige Niederschläge und feuchte, warme Luft – Bedingungen, unter denen sich die Tabakpflanze wohl fühlt und in denen die meist exilkubanischen Vegueros und Tabaqueros bald heimisch wurden.

Honduras ist die Heimat großer Marken wie CAO, Camacho, La Intimidad, La Libertad, Peterson, Puros Indios, Toraño, Zino, u. v. m. Tabak wurde hier bereits im S. Jahrhundert von den Mayas angebaut. Kolumbus betrat zentralamerikanischen Boden rund 1000 Jahre später. Das weite Land hinter dem Kap nannte er Honduras – die „Tiefen“.

Von Tegucigalpa nach Danli

In einer großen, modernen Maschine fliegen wir von Miami in die honduranische Hauptstadt Tegucigalpa. Ich bin nicht unglücklich, dass Wolfgang Held, österreichischer Zigarrenimporteur und international gefragter Designer, geschäftlich in Miami aufgehalten wurde und mich seiner reizenden Gattin Marlies anvertraute. Durch das Fenster beobachten wir dichte Kumulus-Wolken, die uns immer wieder verschlucken. In Honduras, dem größten Regenwaldgebiet Zentralamerikas, wechseln dicht bewaldete Berge in schneller Folge mit üppig grünen Tälern. Tegucigalpa liegt in einem relativ engen Tal. In steilen Spralen geht es abwärts. Auf der einen Seite die Berghänge, auf der anderen die ersten Häuser, Autos, Menschen …zum Greifen nah.

Nach einer fast formlosen und freundlichen Immigration eine erfreuliche Überraschung: Maya Selva, die französisch-honduranische Zigarrenlady, holt uns persönlich ab. Während der folgenden zwei Stunden im Pickup-Truck nach Danli fühle ich mich als King of the Road: flankiert von bezaubernden Damen, eine gewaltige Flor de Selva El Galanzwischen den Fingern. Es geht durch herrliche Taler, über Bergpässe, vorbei an verschlafenen Dörfern, Pferdekoppeln und alten, ziegelgedeckten Kirchen. Ausgedehnte Bananenplantagen zeugen vom langen Arm der United Fruit Company. Hier war das Aufmarschgebiet der Contras im Kampf gegen das revolutionäre Nicaragua im Süden.

Maya Selva im Tabakfeld Honduras

Im Tabakfeld blüht Lady Maya Selva sichtlich auf | Photo: Sebastian Zimmel

Copan, Comayagua und Jamastran

Peterson Belicoso Honduras

Honduras at its best – ein altes Maya-Emblem schmückt die schwarze Kiste | Photo: Sebastian Zimmel

An einem kleinen Tabakfeld kommen wir zu einem abrupten Stopp. Es ist Anfang Mai, und die Ernte, die Campaña, hat gerade begonnen. Hier ist man später dran als in Kuba. Die Aussaat beginnt im Jänner, die Ernte drei Monate später. Traumatisiert durch Attacken des gefürchteten Blauschimmels, der schon ganze Ernten hinweggerafft hat, hat man bewusst den Vegetationszyklus in die trockenere Periode verlagert. In Honduras haben wir drei Anbaugebiete für Tabak: Im Osten Copán, im Zentrum das kleinste Gebiet, Comayagua, mit rund zehn Prozent der Gesamtproduktion, und hier „ Maya Selva deutet auf die savannenartigen Hügel ringsum das größte Gebiet, das Hochtal von Jamastran. Ich verwende für meine Flor de Selva 40 Prozent Copán und 60 Prozent Jamastran.

In der Vuelta Abajo in Kuba ist die Erde fett und von einem nahezu lebhaften Rot. Im Jalapatal in Nicaragua, einer vulkanischen Gegend, sind die Böden hart und schwarz wie Ebenholz.Und hier im Tal von Jamastran grau bis rosa, manchmal leicht rötlich. In der Vuelta herrscht eine konstante Feuchtigkeit, hier im Hochtal ist es vergleichsweise trocken. Angebaut wird primär Connecticut und Cuban Seed Habana 2000-Deckblätter unter Zelten, Filler unter freier Sonne. Beim Connecticut, der zweieinhalb Meter hoch wird und bis zu 26 Blätter trägt, lässt man die schöne zartrosa Tabakblüte stehen. Das auf Kuba praktizierte Desbonado, das systematische Entfernen der Tabakblüte, geschieht hier beim Habana 2000 nur bei einem Teil der Pflanzen. Nach welchen Kriterien weiß nur der erfahrene Veguero. Wir benennen die Blattypen von oben nach unten Ligero, Seco und Volado Viso.“ Hinauf zum Ligero muss sich das zierliche Energiebündel ordentlich strecken.

Wenn man die Blüte entfernt, kann es sein, dass die ganze Kraft des Wachstums in die Blätter geht und diese zu dick werden. Ein kleiner taktiler Exkurs: Greift man in Kuba Tabakblätter an, wirken sie oft wegen der vielen ätherischen Öle leicht klebrig.

In Honduras behält man ein Gefühl der Weichheit, Samtigkeit in Erinnerung. In der Nähe steht eine riesige Casa diel Tabaco. Die Trockenscheunen sind hier zulande sehr groß. Marlies und ich folgen aufmerksam unserer Lehrmeisterin. Mit feinem Sprühregen wird die Feuchtigkeit in der Halle kontrolliert. Der Duft des trocknenden Tabaks ist vielleicht nicht so beißend wie in Kuba. Auch bei der anschließenden Fermentation, die beim Ligero in Honduras nur sechs Monate dauert, wie wir erfahren, ist der Geruch im Vergleich zu Kuba wesentlich mildet es, ist gekommen, um uns zur Puros Indios-Fabkzu bringen. Unweit davon werden wir in der firmeneigenen Farm untergebracht.

Puros Messe 2006 Carlos Diez

Carlos Diez, Wolfgang Held, Ronaldo Reyes Senior, Marlies Held, John Curry, International Marketing Representative Puros Indios | Photo: Sebastian Zimmel

Von hier aus kann Don Rolando sein Reich gut überblicken. Die Sonne geht über dem Hügelland unter; die Zeit scheint still zu stehen. Ohne viel zu reden sinken wir leicht erschöpft in die gemütlichen Ohrenfauteuils der Hacienda und entzünden unsere Zigarren – der Staub der Tabakfelder soll ruhig an den Schuhen bleiben. Es ist einer jener raren Augenblicke des Einklangs und gegenseitigen Verständnisses, den Maya Selva in Anspielung auf ihre Petit Cigares so trefflich beschreibt. Ein kurzer Moment Zärtlichkeit, perfekt balanciert.

Am Eingang der nagelneuen Fabrik weht die weiße Fahne von Honduras mit den hellblauen Streifen und den fünf Sternen und gleich daneben, etwas kleiner, die kubanische Flagge. Der weißhaarige, schlanke Patriarch empfängt uns freundlich, schon morgens eine seiner geliebten Aliados in der Hand. Sein blütenweißes Hemd ist mit dem Namenszug Rolando bestickt. Die Frage, wann er denn seinen Arbeitstag beginne, beantwortet seine Tochter Oneida, eine stets gut gelaunte, blonde Latina: ,,Mein Vater ist ein rastloses Arbeitstier. Vor Sonnenaufgang geht er kaum ins Bett. In der Nacht geistert er durch die Hallen und kontrolliert die tagsüber gerollten Zigarren.“ Der fleißige Don Rolando Reyes verweist verschmitzt auf „130 Jahre Berufserfahrung“ – 65 Jahre als Tabaquero, weitere 65 Jahre Überstunden.

Perfektionist und Exzentriker

Honduras Don Ronaldo Reyes

Don Ronaldo Reyes – ein König in seinem Reich | Photo: Sebastian Zimmel

Leicht hatten es er und seine Familie nicht. Ein Schicksal, das er mit den Plasencias oder Toraños teilt. Emigration aus Kuba mit Familie und Kleinkindern, dann ein mühsamer Neubeginn in den USA. Die Kooperation mit Lew Rothmans J. R. Cigars, dem größten Zigarrenhändler der USA, die allerdings auch ihre Höhen und Tiefen hatte, gab starken Aufwind. Gekrönt wurde das Lebenswerk mit der neuen Fabrik in Danli.

Hier herrscht emsiges Treiben. Es wird Tabak sortiert, gewogen, gerollt. Die meist weibliche und stets gut genährte Belegschaft ist konzentriert an der Arbeit, aber dennoch fröhlich und entspannt. Vorarbeiterin Maria Luisa huscht lächelnd mit einem Arm voller Torpedos vorüber. Hier wird alles von Hand gefertigt. Dem Patriarchen entgegnet man mit Respekt. Er kann recht streng werden, wenn seinem scharfen Auge nur der kleinste Fehler unterkommt. Solche Zigarren werden mit schnellerHandbewegung expediert. Ein leichter Hang zur Exzentrik ist Don Rolando nicht abzusprechen, wenn man an seine Riesenformate denkt, oder daran, dass er in seiner Fabrik in Honduras nie honduranische Tabake verwendet. Die sonnengereiften Sumatra-Deckblätter aus Ecuador kommen von der befreundeten Oliva-Familie, mit denen er seit kubanischen Tagen zusammenarbeitet, Die Filler sind aus Nicaragua, Brasilien oder der Dominikanischen Republik.

Ein Opfer für Yum Kaax

Eine Weile noch fliege ich den Rauchwolken meiner Cienfuegos hinterher und versuche die leichten Edelholznoten zu erhaschen. Dann leere ich meinen Mojito und lasse mich nach kurzem, herzlichem Abschied von meiner charmanten Reiseleiterin und der gastfreundlichen Familie Reyes zur Busstation bringen. Als die grüne Landschaft vorübergleitet-eine Reise in die Hauptstadt und nach San Pedro Sula liegt noch vor mir überlege ich, mit welcher Zigarre ich wohl dem alten Maya Gott der Ernte, Yum Kaax, huldigen werde: Mit einer CAO des stets freundlichen Cano A. Ozgener, einer würzigen Camacho, einer blumigen Flor de Copán oder einer Maria Mancini, die schon die Phantasie eines Thomas Mann inspiriert hatte? Auf der Hieroglyphentreppe der Ruinenstadt von Copán muss ich an Maya Selvas Worte denken: Wem die dominikanischen Zigarren zu diskret und die kubanischen zu schwer sind, der ist in Honduras gut aufgehoben. Eine Tabakblüte hinterm Ohr und eine blumige Zigarre in der Brusttasche nahe meinem Herzen ziehe ich weiter zu neuen Ufern und grünen Fluten.

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Frühjahrs-Ausgabe 2006 veröffentlicht.  Mehr


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