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Portrait of Oscar Valladares

Leaf by Oscar – Eine Erfolgsgeschichte

Erst vor kurzem verlegte Oscar Valladares seine Produktion in die alte Oliva-Fabrik in Danlí, Honduras. Dort hat er derzeit etwa 100 Angestellte, doch die Räumlichkeiten bieten Platz für doppelt so viele Buncher und Roller und haben somit die besten Voraussetzungen für einen Ausbau – etwas, das Valladares sehr schnell gelungen ist. „Im Moment arbeiten hier 20 Paare, aber bald werden wir 20 weitere beschäftigen“, sagt er und zeigt auf einen leeren Raum. „Alles ist wirklich schnell geschehen. Manchmal wache ich auf und frage mich, ob ich das alles nur geträumt habe. “Aber es ist kein Traum. In bloß vier Jahren gelang es ihm, sich mit Leaf by Oscar in einem wettbewerbsintensiven Markt einen Namen zu machen.

Alles begann vor zwölf Jahren, als er zustimmte, mit ein paar amerikanischen Besuchern fünf Tage lang durch Honduras zu fahren. „Ich habe damals in Tegucigalpa gelebt und in der Tourismusbranche gearbeitet, also Autos vermietet, Hotelbuchungen und dergleichen gemacht“, erzählt Oscar. „Eines Tages waren alle Fahrer im Einsatz und so fragte mich der Manager, ob ich ein paar ,Gringos‘ am Flughafen abholen und einige Tage herumkutschieren kann. Ich bin nie zuvor in meinen Leben am Steuer eines Busses gesessen, aber nachdem ich die Arbeit im Büro langweilig fand, hab ich zugesagt. Die Straßen hier sind teils wirklich eng, und manchmal bin ich auf dem Gehsteig gelandet, wenn ich die Kurve zu schnell genommen habe, aber ich habe keinen Unfall verursacht.“

Einer der „Gringos“ war Rocky Patel. „Ich habe ihm beim Zigarrenrauchen zugesehen und eine gute Beziehung zu Rocky aufgebaut. Er wollte mehr Gruppen nach Danlí bringen und unsere Dienste in Anspruch nehmen. Also habe ich dem Manager von dem Angebot erzählt und ihm gesagt, dass ich diesen Job gerne übernehmen würde. Ich begann Zigarre zu rauchen und nach einer Weile habe ich gemerkt, dass sich mein Geschmackssinn veränderte. Wenn Rocky Tastings gemacht hat, konnte ich ihm zum Beispiel sagen, welche Blätter süßer waren, und er meinte, dass ich einen feinen Gaumen hätte.“

Photo: Simon Lundh

Zwei Jahre später bot ihm Rocky einen Vollzeitjob an, den er allerdings ablehnte. „Ich wollte nicht die ganze Zeit an ein und demselben Arbeitsplatz sitzen. Im Jahr darauf fragte er mich wieder und bekam dieselbe Antwort von mir. ,Bist du verrückt? Du kannst so viel mehr verdienen‘, meinte Rocky. Ich wollte den Job nicht, aber als meine Freundin, die aus Danlí kommt, im Jahr darauf schwanger wurde, habe ich dann doch ja gesagt.“

Wir betreten die Fabrik durch ein kleines Geschäft, in dem all seine Marken verkauft werden: Leaf by Oscar, Rosalila, Island Jim #2 – eine Eigenmarke für den Zigarrenshop Leaf & Bean in Pittsburgh – und sogar sein Erstling namens 2012. „Ich mag es, wenn jede Zigarre ihre eigene Geschichte hat“, verrät Valladares. „Als wir unsere ersten Zigarren machten, habe ich eine einzelne Zigarre in die Mitte jeder Kiste gelegt, die somit hervorstach. Laut Maya-Prophezeiung sollte die Welt am 21. Dezember 2012 untergehen und diese Zigarre war somit als ein letzter Smoke gedacht – oder, um einen Neubeginn zu feiern.“

Als er vor acht Jahren sein erstes eigenes Unternehmen gründete, produzierte er noch keine Zigarren, sondern vertrieb Rocky Patels Linien in Honduras. „Da es keine Zigarrengeschäfte in Honduras gab, fuhr ich herum und versuchte, Zigarren an Souvenirläden, Restaurants und Bars zu verkaufen, die aber nur einzelne Stücke erworben haben. Also beschloss ich, ein Event zu organisieren. 50 Leute kamen, rauchten und liebten es, aber niemand hat mir etwas abgekauft. Zwei Monate später habe ich ein weiteres Event veranstaltet, das auch Rocky besuchte. Ich hatte Journalisten von Magazinen eingeladen. Auf den Fotos, die ihre Artikel begleiteten, sah man all diese Diplomaten mit Zigarren, und so kamen Rocky Patels Linien hier in Mode. Also habe ich 75 kleine Humidore gemacht und sie in Restaurants, Bars und Tankstellen aufgestellt und der Umsatz stieg um 300 Prozent! Rocky war beeindruckt und hat mir den gesamten zentralamerikanischen Markt anvertraut.“

Etwa zur gleichen Zeit nahm Valladares einen Partner auf, doch das ging nicht sonderlich gut. „Ich musste meine Geschäftsbeziehung mit Rocky Patel aufgeben und zog 2011 nach Tegucigalpa, weil ich pleite war. Ein Jahr später bin ich nach Danlí zurückgekehrt und dann kam der Anruf von Bayron.“

Photo: Simon Lundh

Wir spazieren durch die Reifehallen, den Sortierbereich und das Durcheinander von Kartons, die sich im Sample Room befinden und Tabak aus aller Welt beinhalten. Hier handelt es sich um die Goldmine von Bayron Duarte, Master Blender und Partner von Valladares. „Ich habe meine erste Zigarre geraucht, als ich vier Jahre alt war“, erinnert sich Duarte. „Ich bin mit Tabak aufgewachsen und arbeite inzwischen seit 22 Jahren damit.“

Die beiden trafen einander erstmals, als Valladares als Busfahrer für Rocky Patel tätig war. „Bayron ist stets hier, sieben Tage die Woche“, erzählt Valladares. „Einmal rief er mich um 3 Uhr in der Früh an und meinte, ich solle in die Fabrik kommen, um seinen neuen Blend zu testen.“

Duarte wuchs im Umfeld der Familie Padrón auf und stieg im Alter von zwölf Jahren ins Tabakgeschäft ein – zuerst half er beim Bau der Fabrik, danach arbeitete er als Buncher und schließlich als Qualitätsprüfer. „Er war Produktionsleiter bei Oliva, als eine Gruppe Kanadier nach einer Fabrik suchte, um in dieser eine Million Zigarren herzustellen. Gemeinsam mit Freunden fand er eine entsprechende Anlage. Die Kanadier zahlten für 25.000 Zigarren und verschwanden daraufhin zwei Jahre lang von der Bildfläche“, sagt Valladares. „Bayron war also ebenfalls pleite und seine Partner wollten verkaufen. Deshalb rief er mich an, aber ich hatte kein Geld.“ Valladares hatte nie die Absicht, seine eigene Fabrik zu besitzen, doch er kontaktierte seinen Bruder und bat ihn um einen Kredit. Der meinte, er hätte nicht so viel Geld. „Aber du hast ein Haus“, erinnerte ihn Oscar. „Vertraust du mir?“ lauteten seine magischen Worte und sein Bruder murmelte zwar „Meine Frau wird mich umbringen“, erklärte sich am Ende allerdings bereit, eine Hypothek aufzunehmen.

Leaf by Oscar Cigar

Photo: Simon Lundh

Daraufhin ging es größtenteils bergauf. Das Unternehmen begann vorerst mit 24 Kisten von 2012-Zigarren, für die ausschließlich Tabak aus Maya-Gebieten verwendet wurde. Zu diesem Zeitpunkt kam auch Jim Robinson, der Inhaber von Leaf & Bean, ins Spiel. „Er rief mich an, weil er eine Gruppe hierher brachte. Er mochte meine Zigarren und war stolz, dass sein Geschäft das erste in den USA gewesen ist, in dem sie erhältlich waren. Er bestellte 30 Kisten. Später wollte er, dass ich seinen Haus-Blend mache, der Leaf & Bean by Oscar heißen sollte. Ich war von der Idee, dass mein Name drauf steht, nicht begeistert, aber er meinte, das würde sich besser verkaufen, weil die Leute, die auf Besuch nach Honduras kommen, das Produkt so mit mir in Verbindung bringen würden.“

Robinson bestellte 5000 Stück und nahm 1000 davon mit, indem er jedem seiner Besucher jeweils 100 Stück gab. Nach einer Woche rief er Valladares an und meinte, er solle ihm die restlichen 4000 schicken, weil die Zigarren bereits ausverkauft waren. Anscheinend mochten die Leute die Verpackung, denn: die Zigarre war in ein Tabakblatt statt in Cellophan eingewickelt.

Bayron und Oscar hatten diese Idee bereits für jene einzelne Zigarre, die in der 2012er-Kiste hervorstach, also fragten sie Robinson, ob er das auch wolle, und er war einverstanden. „Ein Tabakblatt bewahrt den Geschmack besser als Plastik. Es ist natürlicher, mehr im Sinne der Maya und rustikaler“, erklärt Duarte. Da Robinson immer mehr Zigarren bestellte, stockte Valladares von einem Roller und einem Buncher auf insgesamt 25 Angestellte auf und verlegte seine Produktion in größere Räumlichkeiten. Seine Zigarren gewannen zunehmend Beachtung auf Social Media Sites und Robinson wurde von Geschäftsbesitzern kontaktiert, die Leaf & Bean by Oscar verkaufen wollten. „Ich wollte keine Zigarre verkaufen, die wie ein Geschäft heißt, also habe ich den Namen auf Leaf by Oscar geändert.

Jim eröffnete innerhalb von drei Monaten rund 100 Kundenkonten in den USA. Heute sind unsere Zigarren in 1000 Shops in ganz Amerika erhältlich sowie auch in ein paar Ländern in Europa, Lateinamerika und der Karibik.“ Es folgten zwei weitere Umzüge, und im Jänner 2015 ließ sich das Unternehmen schließlich in der alten Oliva-Fabrik nieder.

Photo: Simon Lundh

Valladares und Duarte führen mich nach draußen zum Kühlraum. Dann fragt mich Oscar plötzlich: „Wollen Sie etwas anderes sehen? Bayron und ich haben nämlich ein Hobby.“ Wir gehen ans andere Ende des Grundstücks, wo neben einer Karosseriewerkstatt 10 bis 15 Käfige entlang einer Mauer aufgereiht sind. „Wir veranstalten Hahnenkämpfe. Das ist eine Tradition hier“, erklärt er, holt einen Hahn aus dem Käfig und zeigt mir seine Federn. „Dieser ist aus Alabama, der dort aus Puerto Rico und den hier haben wir von A. J. Fernandez bekommen“, erzählt Duarte. „Der mag Hahnenkämpfe auch.“ Er holt ebenfalls einen Hahn aus dem Käfig, aber er kommt jenem von Valladares zu nahe und die beiden – ich meine natürlich die Hähne – gehen aufeinander los. „Wie man sehen kann, sind sie Brüder“, sagt Duarte lachend.

Die Geschichte von Valladares geht weiter. Er besitzt nun zwei Zigarrengeschäfte: ein kleines in Tegucigalpa und ein weiteres mit der einzigen Lounge des Landes in San Pedro Sula. Er baut seinen eigenen Tabak an und brachte 2016 die neue Marke The Oscar heraus. Alles in allem hat er eine intensive Laufbahn hinter sich und rückblickend ist er über die Höhen ebenso froh wie über die Tiefen. „Pleite zu sein kann das Beste aus einem herausholen. Wenn ich damals Geld gehabt hätte, dann hätte ich wohl wie alle anderen irgendeine extravagante Verpackung gemacht. Aber es geht darum, anders zu sein. Ich sehe gerne die Reaktionen der Leute, wenn sie meine Zigarre anschauen und sich fragen: Was zum Teufel ist das? Es gibt sogar Menschen, die sie mitsamt dem Verpackungsblatt rauchen!“

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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