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Soll man einen Humidor regelmäßig lüften?

Die Empfehlung, einen Humidor regelmäßig zu lüften, findet sich in nahezu jedem Zigarrenbuch, Internetforum oder auch in Humidor-Anleitungen. Da liest man doch tatsächlich Begründungen wie: „Zigarren geben Gase an die Umgebungsluft ab, die … durch Lüften des Humidors abgeführt werden müssen. Nur wenn der Humidor regelmäßig gelüftet wird … entsteht kein Muffgeruch im Humidor“. Mit Verlaub, das ist Unsinn.

Das Aroma des Tabaks gehört in die Zigarre und nicht ins Wohnzimmer. Je häufiger eine Zigarre frischer Luft ausgesetzt ist, desto stärker ist der Bouquetverlust. Jeder Zigarrenraucher wird bestätigen können, dass mit der Zeit die Zigarre an „Nase“, also an riechbaren Aromen, verlustig wird. Vor allem dann, wenn die Zigarren einzeln im Humidor und nicht in der Kiste gelagert werden, ist dieser Effekt nachzuvollziehen. Schauen wir uns zunächst die angeführten Argumente an.

Die Zigarre benötigt zur Reifung Sauerstoff – Das ist an sich korrekt. Würde man eine Zigarre vakuumiert lagern, so würde sie extrem langsam reifen und völlig andere Aromen ausbilden. Das habe ich selbst mehrfach experimentell verifiziert. Daraus den Schluss zu ziehen, man müsse den Humidor regelmäßig zwecks Frischluftzufuhr öffnen, ist jedoch falsch. Selbst in einem voll gefüllten Humidor ist genügend Restluft enthalten, damit sich das Aroma des Tabaks positiv entwickelt und nicht die Gefahr der Entstehung von Bitterstoffen oder im Extremfall von Faulgeruch (wie bei vakuumierter Lagerung) besteht.

Dazu ein einfaches Experiment: Man nehme einen sehr dicht schließenden Humidor, fülle ihn mit Zigarren und lasse ihn für drei Monate geschlossen. Misst man während dieser Zeit den Sauerstoffgehalt der Luft im Humidor, so stellt man fest, dass sich dieser so gut wie überhaupt nicht senkt. Es ist korrekt – die Zigarre benötigt zur Aromenausbildung Sauerstoff, aber sie verbraucht ihn nicht in der Form, wie eine Pflanze Kohlendioxid verbraucht. Die Zigarre „atmet“ also den Sauerstoff nicht ein, vielmehr gibt die Zigarre Ammoniakverbindungen an die Luft im Humidor ab (das sind die beschriebenen Gase), was die Ursache für den Stallgeruch ist. Bleibt der Humidor lange Zeit geschlossen, so ist die Luft im Humidor nahezu gesättigt mit den ausgedünsteten Aromenverbindungen, und diese Ausdünstungen reduzieren sich (bleiben in der Zigarre).

Das wird landläufig als „reduktive“ Lagerung (im Vergleich zur oxidativen Lagerung beim regelmäßigen Lüften) bezeichnet. Wobei der Begriff einer Reduktion rein chemisch gesehen Unsinn ist, weil im chemischen Sinne keine Reduktion stattfindet. Es wird lediglich das Abdampfen der aromenwirksamen Komponenten des Tabaks reduziert. Aber genau das ist es ja, was wir wollen. Die Zigarre soll möglichst lang nach Tabak duften und eine ausgeprägte Nase aufweisen statt im Bouquet immer flacher zu werden.

Verhinderung des Muffgeruchs durch regelmäßiges Lüften – Im Humidor soll es leicht „stallig“ riechen. Das ist bedingt durch die Ausgasung der Ammoniakverbindungen und vollkommen normal. Muffgeruch ist etwas ganz anderes. Riecht es im Humidor nach feuchtem Keller oder nassem Hund, dann gibt es dafür zwei Hauptursachen: Entweder zu hohe Luftfeuchte über längere Zeit und möglicherweise Schimmelbildung (nicht mit der Zigarrenblüte zu verwechseln), oder falsches Material im Humidor (z. B. rohe MDF oder Hartfaserflächen bei Tabletts oder bei Lagerböcken für die Bodenbretter bei Humidorschränken).

Die Zigarren selbst werden bei korrekter Lagerung niemals Muffgeruch entwickeln. Der Grund für die Lüftungsempfehlung des Humidors liegt meines Erachtens in zwei Punkten: A) Das Unvermögen passiver Befeuchtungssysteme über längere Zeit eine konstante und nicht zu hohe Luftfeuchte zu erzeugen. B) Die Verwendung ungeeigneter Materialien beim Humidorbau. Durch das regelmäßige Lüften kann unter diesen Umständen zwar der Muffgeruch verhindert werden, weil die zu hohe Luftfeuchte reduziert wird und der Muffgeruch, bedingt durch die falschen Materialien, aus dem Humidor entweichen kann, aber eben zum Preis des Aromenverlustes der Zigarre.

Fazit und Empfehlung: Ein intelligent gebauter Humidor mit einer präzisen Befeuchtung bedarf keiner weiteren Lüftung (die ja beim normalen Öffnen des Humidors sowieso geschieht). Lagern Sie nach Möglichkeit Zigarren in der Kiste und legen Sie die Kiste in den Humidor – das ist das Beste, was Sie für die Zigarre tun können. Sie wird ihr Bouquet über viele Jahre erhalten und sich perfekt entwickeln. Sofern in Ihrem Humidor ein Tablett eingesetzt ist, schauen Sie sich die Innenkanten der Luftlöcher im Tablettboden an. Wenn diese nicht aus einem wasserfesten Sperrholz oder aus Massivholz bestehen, sondern eine homogene, hellbraune Fläche aufweisen (MDF), dann entfernen Sie das Tablett aus dem Humidor und der Muffgeruch wird ganz erheblich reduziert.

Marc André

Marc André ist leidenschaftlicher Zigarrenraucher und Humidorbauer. Er hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt, ist beratend und ausführend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Neben seiner Vortragstätigkeit zum Thema Zigarrenlagerung und Humidorbau betreibt er die Website www.humidorbau.de und bietet dort mit seinen zu 100% in Deutschland gefertigten Humidoren der Century-Serie vom kleinen Tischhumidor bis zum Agingschrank Lösungen zur professionellen Zigarrenlagerung an.


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