• en
  • de
blank

1 Zigarre, 3 Geschmäcker

Der Habanos Day 2018 in Deutschland bot die Möglichkeit für ein unkonventionelles Tasting. Knapp zwei Jahre lang wurden 150 Montecristos Petit No. 2 (Boxing Date April 2014) unter verschiedenen Bedingungen gelagert. Die Zigarren wurden zunächst einzeln gewogen, zu schwere und zu leichte Exemplare wurden aussortiert. Im Januar 2016 wurden drei Teilmengen zu je 50 Stück in grundverschiedenen Umgebungen eingelagert. Vier Wochen vor dem Tasting wurden alle Zigarren wieder in einem professionellen, elektronisch gesteuerten Schrankhumidor auf 70 Prozent relative Luftfeuchte gebracht. Die farblich gekennzeichneten Gruppen (Rot, Blau und Grün) wurden von 50 Testpersonen nach Bouquet, Zugwiderstand, optischem Eindruck, Aroma, Geschmack und Geschmacksentwicklung im Rauchverlauf beurteilt. Die finale Abschlussfrage: „Welche Zigarre würden Sie zu Ende rauchen?“ bildete den spannenden Höhepunkt des Tastings. Den Teilnehmern war nicht bekannt, welche Farbe welcher Lagerungsart zugeordnet war.

blankERGEBNIS „BOUQUET“ (GERUCH DER ZIGARRE IM KALTEN ZUSTAND)
Das Ergebnis ist keine große Überraschung. Während fast 80 Prozent aller Teilnehmer der im Humidor gelagerten Zigarre ein typisches bis intensives Bouquet attestierten, waren es bei der im Wohnraum gelagerten Zigarre gerade einmal 26 Prozent und bei der im Kühlschrank gelagerten Zigarre 60 Prozent. Die Erklärung dazu: Bei niedrigen Temperaturen wird der Nachreifungsprozess fast gänzlich gestoppt. Jedenfalls zieht schwankende Luftfeuchte die größten Einbußen im Bouquet nach sich.

ERGEBNIS „ZUGWIDERSTAND“ (IM KALTEN ZUSTAND)
Generell ist der Zugwiderstand der Petit No. 2 als leicht bis mittel einzustufen, die Bewertungen liegen bei allen drei Gruppen ähnlich. Würde man diesen Test erst nach etlichen Jahren Lagerungszeit durchführen, so wäre zu erwarten, dass die Urteile weiter auseinander lägen: Der Zugwiderstand der Kühlschrankzigarre wäre am stärksten (durch den sich zusammenziehenden Tabak), jener der im Wohnraum gelagerten (nicht befeuchteten) Zigarre am leichtesten.

ERGEBNIS „OPTISCHER EINDRUCK“ (BEURTEILUNG DES DECKBLATTS, MEHRFACHNENNUNGEN MÖGLICH)
Den wünschenswerten Zustand eines seidig-öligen Deckblatts weist die Kühlschrankzigarre mit 19 Prozent definitiv nicht auf. Auffällig ist die signifikante Beurteilung „rau/stumpf/vortretende Adern“ mit 67 Prozent. Stark schwankende Luftfeuchte (Wohnraum) und niedrige Temperaturen (Kühlschrank) führen zu einem schnelleren Abbau der Öle im Tabak und sind verantwortlich für dieses Ergebnis.

ERGEBNIS „AROMA“
Legen wir die Urteile Gut und Sehr gut zusammen, so kann weder die Kühlschrankzigarre (24%) noch die Wohnraumzigarre (26%) wirklich überzeugen, während die korrekt gelagerte Zigarre 67 Prozent erreicht. 45 Prozent der Teilnehmer beurteilen die Kühlschrankzigarre als weniger gut bis schlecht. Dass die Kühlschrankzigarre hier nicht gut abschneidet war klar, gespannt war ich aber auf das Ergebnis der Wohnraumzigarre, da sich in der Vergangenheit bei allen Tastings gezeigt hat: Im Kühlschrank gelagert ist hinsichtlich des Aromenerhaltes immer noch besser als die Lagerung bei schwankender Luftfeuchte. Und siehe da, 52 Prozent attestieren erwartungsgemäß der Wohnraumzigarre schlechte Werte.

ERGEBNIS „GESCHMACK“
Gewiss ist die Beurteilung des Geschmacks immer subjektiv, doch bei dieser Art Tasting, bei dem die Zigarren relativ zueinander bewertet werden, sind die Ergebnisse doch recht verlässlich. Mit 60 Prozent an Beurteilungen wie Gut und Sehr gut gewinnt die Humidorzigarre weit vor den beiden anderen Kandidaten mit jeweils 19 Prozent. 62 Prozent der Nennungen attestieren der Kühlschrankzigarre einen weniger guten bis schlechten Geschmack, wobei fast 29 Prozent die Kühlschrankzigarre als schlecht im Geschmack bezeichnen. Fassen wir die Urteile Zufriedenstellend, Gut und Sehr Gut zusammen, so landet die Humidorzigarre mit 86 Prozent eindeutig auf Platz 1. Danach folgt mit 55 Prozent die Wohnraumzigarre und das Stück aus dem Kühlschrank erreicht nur 38 Prozent.

ERGEBNIS „GESCHMACKSENTWICKLUNG IM RAUCHVERLAUF“blank
Bei dieser Beurteilung waren Mehrfachnennungen möglich. Interessant waren vor allem die Bewertungen, welche eine deutlich wahrnehmbare Geschmacksentwicklung und zugleich eine positive oder negative Einschätzung zeigten. Auch hier weist die Zigarre aus dem Humidor auf, dass eine positive und deutlich wahrnehmbare Veränderung des Geschmacks im Rauchverlauf mit der korrekten Lagerung korreliert.

WELCHE ZIGARRE WÜRDEN SIE ZU ENDE RAUCHEN?
Auf die letzte Frage sollten die Teilnehmer angeben, welche Zigarre sie zu Ende rauchen würden bzw. welche für sie die beste ist. Das Ergebnis hat mich an sich nicht, aber im recht eindeutigen Ergebnis doch überrascht. 70 Prozent aller Testteilnehmer haben die im Humidor gelagerte Zigarre als die beste empfunden.
Als Fazit kann festgehalten werden, dass die Lagerung bei Raumtemperatur (selbst wenn diese zwischen Sommer und Winter schwankt) und ca. 70 Prozent relativer Luftfeuchte mit Abstand das beste Ergebnis liefert. Die Lagerung im Kühlschrank zerstört die Zigarre unaufhaltsam und ist definitiv keine Option. Stark schwankende Luftfeuchtigkeitswerte sollten aber ebenso unbedingt vermieden werden, da sie den Nachreifungsprozess empfindlich stören. Das ist übrigens ein großes Problem normaler Tischhumidore. Öffnet man bei trockener Umgebungsluft den Deckel, so sinkt die relative Luftfeuchte stark ab. Bis das Befeuchtungssystem wieder die Zielfeuchte von rund 70 Prozent erreicht hat, kann es viele Stunden dauern. In dieser Zeit geben die Zigarren Feuchtigkeit an die Umgebung ab, weil das Befeuchtungssystem die verloren gegangene Feuchtigkeit nicht schnell genug kompensieren kann. Plant man eine Lagerung auf längere Zeit, so sollten Zigarren nicht einzeln, sondern immer in der Kiste gelagert werden. Zudem sollte ein Befeuchtungssystem eingesetzt werden, das verloren gegangene Feuchtigkeit in kürzester Zeit kompensiert und möglichst konstante Lagerungsbedingungen ermöglicht.

blank

Marc André ist leidenschaftlicher Zigarrenraucher und Humidorbauer. Er hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt, ist beratend und ausführend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Neben seiner Vortragstätigkeit zum Thema Zigarrenlagerung und Humidorbau betreibt er die Website www.humidorbau.de und bietet dort mit seinen zu 100% in Deutschland gefertigten Humidoren der Century-Serie vom kleinen Tischhumidor bis zum Agingschrank Lösungen zur professionellen Zigarrenlagerung an.


Newsletter

    Related posts

    Top