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cabinet humidor furniture after conversion result marc andre

So konstruiert man einen individuellen Humidor aus einem Möbelstück

Eine reizvolle Alternative zum Neukauf eines Humidors besteht im Umbau eines bestehenden Möbelstücks. Der Reiz liegt darin, dass es diesen Humidor garantiert kein zweites Mal gibt, dass ein altes Möbelstück oder Musikinstrument einer neuen Bestimmung zugeführt wird und dass dahinter niemand einen Humidor vermutet, zumindest nicht auf den ersten Blick. Man kann fast jedes beliebige Möbel zum Humidor umfunktionieren.

 

Bei der Auswahl des passenden Möbels sollte man auf seine Abmessungen achten. Eine Breite von weniger als 55 Zentimeter (22 inches) eignet sich schlecht zur Lagerung ganzer Kisten. Eine Innentiefe von weniger als 35 Zentimeter (14 inches) ist problematisch, da für eine gute Luftzirkulation das Befeuchtungssystem an der Rückwand frei nach oben blasen muss. In diesen Luftschacht sollten auch keine Zigarrenkisten hineinragen, da sie die Luftzirkulation behindern würden.

Zur Türe hin sollte der Abstand von Tabletts, Trays oder Kisten mindestens 20 Millimeter (0.8 inch) betragen. Optimal sind Möbelbreiten ab 60 Zentimeter (24 inches), die Tiefe sollte mindestens 35 Zentimeter (14 inches) betragen. Die Höhe ist an sich Nebensache, wenn auf ausreíchend Luftzirkulation geachtet wird.

Indirekter Umbau

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Herangehensweisen an ein solches Projekt. Handelt es sich bei dem Möbelstück um eine wertvolle Antiquität oder soll aus anderen Gründen in die Substanz des Möbels nicht eingegriffen werden, so wird ein passgenauer Korpus gefertigt, der in das bestehende Möbel nur noch eingeschoben wird.

cabinet humidor furniture before conversion marc andre

Photo: Marc André

Bleibt noch zu beurteilen, ob die Möbeltüre gleichzeitig als Humidortüre fungieren kann oder aber ob man besser mit einer separaten Innentüre (meist aus Glas) arbeitet.

Der Vorteil dieser Lösung liegt darin, dass der Innenschrank in der Werkstatt gefertigt werden kann und nur noch in das Möbel eingeschoben werden muss.

Das Möbelstück bleibt damit nahezu unversehrt. Lediglich ein kleines Loch an der Möbelunterseite ist erforderlich, um das Zuleitungskabel für das Befeuchtungssystem in das Möbelstück zu führen. Das dürfte in nahezu jedem Fall noch vertretbar sein.

Auch in Schrankwände, Nischen oder in nicht genutzte Türöffnungen können Innenschränke eingefügt und mit der optisch zur Einrichtung passenden Verblendung ausgestattet werden. Allerdings sind die Kosten eines derartigen Projekts meist höher, da ja im Grunde ein kompletter Humidor (nur eben ohne dekoratives Außenfurnier) gefertigt werden muss.

Direkter Umbau

Die handwerklich interessantere und für den halbwegs begabten Heimwerker mit Maschinenausstattung auch selbst zu bewältigende Herausforderung besteht im direkten Umbau eines Möbels zum Humidor. Hierbei wird der bestehende Möbelkorpus als Außenhaut genutzt und diese von innen entsprechend verkleidet und ausgestattet.

cabinet humidor furniture recesses top panel marc andre

Photo: Marc André

Da dieses Vorgehen die mit Abstand interessantere Variante ist, als einen fertigen Korpus in ein rechteckiges Loch zu schieben, möchte ich Ihnen anhand eines konkreten Kundenauftrags aufzeigen, wie ein solcher Umbau erfolgt.

Bei dem Projekt sollte der Unterschrank einer etwa 80 bis 90 Jahre alten Kredenz zum Humidor umfunktioniert werden. Im unteren Bereich sollten Kisten gelagert werden, in den beiden Schubladen Einzelzigarren. Das Möbelstück maß ca. 100 cm in der Höhe, 140 cm in der Breite und war 75 cm tief.

Für den Kunden war die große Tiefe ein Problem. Zwar sieht dieses Möbel sehr reizvoll und interessant aus, um eine künstlerisch wertvolle Antiquität handelte es sich aber nicht. Also greift man zu Säge und Fräse, trennt die Rückwand heraus und kürzt das gesamte Möbel in der Tiefe auf 50 cm. Das ist in der Tat ein „einschneidender Eingriff“. Da der Kunde die in den Schubladen gelagerten Zigarren gerne sehen möchte, wurden in die Deckplatte über den Schubladen zwei Ausfräsungen für Glasplatten eingelassen.

cabinet humidor furniture tray rectangular angled recesses side walls marc andre

Photo: Marc André

Die Herausforderung bei diesem Möbel bestand in seinem verwinkelten Grundriss im Innern. Zudem ist das Möbel vorne schmaler als hinten. Damit kann ein herkömmlicher Ablagerost unmöglich eingesetzt werden. Zunächst wurden alle unebenen Stellen wie die Füllungen der Rückwand durch Unterfütterung mit Platten aus Spanischer Zeder auf ein einheitliches Niveau gebracht.

Sodann wurden die Platten aus Spanischer Zeder in der passenden Größe angefertigt und Stück für Stück der gesamte Innenraum verkleidet.

Da aufgrund der Unterschneidung zu den Türen hin ein normaler Ablagerost nicht einsetzbar war, wurden Kanthölzer mit rechteckigen und im Winkel gefrästen Ausnehmungen an die Seitenwände gesetzt. In die Ausnehmungen wurden dann die vier Querfriese einfach nur eingesteckt.

cabinet humidor drawers perforated bottom panels marc andre

Photo: Marc André

Die Einfräsungen der Auflageleisten müssen in der Tiefe exakt identisch sein, die Einbauhöhe der Kantleisten im Schrank muss rechts und links exakt auf gleicher Höhe sitzen und natürlich müssen die Querfriese identisch in der Höhe sein. Nur so ist gesichert, dass später alle Querfriese auf einer Höhe sitzen und die darauf abgestellten Kisten und Tabletts nicht wackeln. Die Schubladen wurden ebenfalls in der Tiefe eingekürzt und die Bodenplatte entnommen.

Eine neu gelochte Bodenplatte wurde angefertigt und in die bestehende Bodennut der Schublade eingeschoben. Die Seiten-, Front- und Rückwand der Schublade werden mit Sipo-Mahagoni verkleidet (aufgrund der Ausharzgefahr nicht mit Spanischer Zeder). Zum Befestigen der Verkleidungsplatten verwende ich keinen Leim, sondern ausschließlich den Druckluftnadler. Dieser schießt 20 mm lange Nadeln durch das Holz und hält die Platten sicher an Ort und Stelle. Zudem hat das Verkleidungsholz dadurch die Möglichkeit zu arbeiten, ohne dass sich die Längenausdehnung auf das Möbel überträgt und dieses beschädigt. Holz hat eine unglaubliche Kraft …

cabinet humidor furniture led stripe light mounted marc andre

Photo: Marc André

Unter der hinteren Deckplatte des Möbels wird auf beiden Seiten eine LED-Leuchte auf einer 40° abgewinkelten Leiste befestigt, die später die Schublade von innen beleuchtet.

Man muss hier etwas experimentieren, damit der Abstrahlwinkel der LED-Leiste und deren gewinkelte Montageleiste ein gutes Lichtbild ergibt. Die LEDs dürfen nicht zu hell sein, da ansonsten die Deckblätter der Zigarren ausbleichen können. 3-4 W pro Meter ist das Maximum bei einem Abstand von 15 cm zu den Zigarren.

Als letztes wird das Befeuchtungssystem und dessen Sensorik im Unterschrank eingebaut. Elementar wichtig ist dabei, dass der Befeuchter hinten an der Rückwand frei nach oben blasen kann.

cabinet humidor furniture humidification huminator mini marc andre

Photo: Marc André

Nur wenn der Sensor frei angeströmt werden kann, ist eine präzise Messung der relativen Luftfeuchte und damit auch die präzise Steuerung derselben möglich. Für dieses Möbel habe ich als Befeuchtungssysten den Huminator Mini gewählt.

Wenn dann der Schleifstaub entfernt ist und alle Kabel verlegt sind, kommt der angenehme Teil: das Einschlichten der Zigarren.

Der Zeitaufwand für den kompletten Umbau belief sich auf ca. 18 Stunden. Die Gesamtkosten für Umbau, Material, elektronischer Luftbefeuchtung, Beleuchtung und Schubladen betrugen rund € 2500.

 

 

cabinet humidor final result cigar boxes marc andre

Photo: Marc André

Information:

Richten Sie Ihre Fragen gerne direkt an den Autor:
info@humidorbau.de

Der Humidor
www.humidorbau.de

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Winter-Ausgabe 2015 veröffentlicht. Mehr

Marc André

Marc André ist leidenschaftlicher Zigarrenraucher und Humidorbauer. Er hat verschiedene Befeuchtungselektroniken für Humidore entwickelt, ist beratend und ausführend im Bereich Humidor-Sonderserien und Individualanfertigungen tätig. Neben seiner Vortragstätigkeit zum Thema Zigarrenlagerung und Humidorbau betreibt er die Website www.humidorbau.de und bietet dort mit seinen zu 100% in Deutschland gefertigten Humidoren der Century-Serie vom kleinen Tischhumidor bis zum Agingschrank Lösungen zur professionellen Zigarrenlagerung an.


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