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Ringmaße: Eine Frage der Generationen?

Oft sind es zufällige Begegnungen, die einem die größte Freude bereiten. Am Freitag nach Weihnachten, einem jener besonderen Tage, an denen London so gut wie ausgestorben ist, aber alle Geschäfte geöffnet sind, fand ich mich in der Jermyn Street wieder, um einen Hut umzutauschen, den ich geschenkt bekommen hatte. Nachdem ich ein passendes Stück gefunden hatte, spazierte ich Richtung St. James’s Street, wo sich an der Ecke Davidoff of London befindet, ein Geschäft, das mir seit seiner Gründung im Jahr 1980 bestens vertraut ist.

 

Normalerweise rufe ich vorher an, um zu sehen, wer gerade im Geschäft ist, doch während der Weihnachtszeit ist das eine reine Glückssache und so ging ich aufs Geratewohl hinein. Sie können sich wohl vorstellen, wie erfreut ich war, als mich nicht nur der Inhaber Edward Sahakia, sondern auch sein Sohn Eddie begrüßten. In den nächsten eineinhalb Stunden führten wir ein lebhaftes Gespräch über den aktuellen Stand der Zigarrenwelt, das ich noch lange in Erinnerung behalten werde.

Die Beliebtheit von schlanken Vitolas hielt mit Zigarren wie der Davidoff 3000 und der Dunhill Atado bis in die 1980er-Jahre an.

Ganz oben auf der Tagesordnung standen Zigarren zur Begleitung unserer Überlegungen. Obwohl uns der gesamte Inhalt des Humidors zur Verfügung stand, wurde bald klar, dass Edward vor kurzem in der Vielzahl der präsentierten Kisten etwas Besonderes entdeckt hatte.

Er griff in eine ungewöhnlich schmale Cabinet Selection-Kiste und brachte zwei lange, dünne, ausgesprochen elegante Zigarren zum Vorschein. Es handelte sich um Hoyo de Monterrey Le Hoyo du Gourmet mit einer Länge von 170 mm bei einem Ringmaß von 33.

Er meinte, das sei zwar wahrscheinlich nicht das, was ich dieser Tage gewohnt bin, beharrte jedoch darauf, dass es sich lohnen würde, sie zu rauchen. Unser Gespräch drehte sich daraufhin um den relativ neuen Trend, der zu immer dicker werdenden Vitolas tendiert. Edward und ich sind ungefähr gleich alt, genauer gesagt liegen unsere Geburtstage nur drei Monate auseinander. Eddie hingegen stammt aus einer anderen Generation. Er konnte es kaum glauben, dass jemand ein Format wählen würde, das eher einem Trinkhalm in einem Cocktail-Glas glich, als einer tatsächlichen Zigarre, und zündete sich prompt eine Romeo Wide Churchill mit Ringmaß 55 an.

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Photo: Edward Sahakian/Simon Chase

Die Senioren-Generation dachte indes an die 1970er-Jahre zurück (ich stieg 1977 ins Havanna-Geschäft ein), als es keine Havanna-Marke, die etwas auf sich hielt, verabsäumte, ein langes, schlankes Format in ihr Portfolio aufzunehmen.

Namen wie Punch Ninfas (178 mm / Ringmaß 33) und Romeo y Julieta Shakespeare (175 mm / Ringmaß 28) kamen uns in Erinnerung. Die Beliebtheit von schlanken Vitolas hielt mit Zigarren wie der Davidoff 3000 und der Dunhill Atado bis in die 1980er-Jahre an, bevor diese dann bei Zigarrenrauchern in Ungnade fielen.

Eddie war wirklich überrascht, als wir ihm erklärten, dass damals das Wort „Robusto“ im Zigarrenvokabular nicht existierte. Was allerdings nicht heißt, dass Zigarren im Robusto-Format (124 mm / Ringmaß 50) nicht erhältlich waren. Klassiker wie die Partagas Serie D No. 4 und Hoyo Epicure No. 2 gab es schon seit den frühen 1960er-Jahren, aber sie waren nicht populär. Erst 1989, als Cohiba ihre Robusto vorstellte, wurde das bislang nur innerhalb von Kubas Fabriken verwendete Wort öffentlich preisgegeben. Und löste die Robusto-Revolution aus.

Der Absatz von Robustos stieg in den 1990er-Jahren – nicht nur unter europäischen Rauchern von kubanischen Zigarren, sondern auch unter amerikanischen Rauchern von nichtkubanischen Premiumzigarren. Vor dem Zigarrenboom in Amerika (1994 bis 1997) galt Lonsdale (Ringmaß 42) als das beliebteste Format, wurde jedoch bald von der Robusto von der Spitze verdrängt.

Der Absatz von Robustos stieg in den 1990er-Jahren

Seither haben Zigarren auf beiden Seiten enorm an Umfang zugelegt. Ein Besuch der Websites von führenden amerikanischen Zigarrenherstellern verrät, dass deren Portfolios heute mit Ringmaßen von 55 oder mehr nur so übersät sind.

Ringmaße von 60 sind nahezu allgegenwärtig und 64 sowie 66 absolut keine Seltenheit. Kuba ist zwar etwas zurückhaltender, doch das 56er-Ringmaß der Cohiba BHK 56 zeigt, in welche Richtung es geht.

Um die Debatte anzufachen, berichtete ich von einem Gespräch zwischen Zigarrenliebhabern, das ich im Vorjahr zufällig gehört hatte. Einer davon meinte, dass sich seiner Ansicht nach Leute, die Zigarren mit traditionellem Umfang rauchen, also bis zu einem Ringmaß von 49, besser benehmen als jene, die zu Formaten mit einem Ringmaß von 50 oder mehr greifen. Der Gegensatz, meinte er, sei mit dem Unterschied zwischen dem Besitzer eines hochfrisierten Porsche Carrera und jenem eines Rolls Royce Phantom vergleichbar.

Edward lächelte milde, Eddie runzelte die Stirn.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Frühjahres-Ausgabe 2014 veröffentlicht. Mehr

Simon Chase †

Simon Chase, der von der New York Times als „britischer Zigarren-Weiser“ bezeichnet wurde, arbeitete von 1977 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 für das in London ansässige Unternehmen Hunters & Frankau – Habanos-Vertriebshändler für das Vereinigte Königreich. In dieser Zeit erwarb er umfassende Kenntnisse über die Zigarrenindustrie der Vergangenheit und Gegenwart, besonders jene in Kuba. Heute leitet er seine eigene Beratungsfirma Simon Chase Limited, die sich auf Zigarren-Marketing und Tabakgesetzgebung spezialisiert. Zudem ist er nach wie vor nicht-exekutives Mitglied im Vorstand von Hunters & Frankau. Im Jahr 1998 erhielt er von Habanos S.A. die Auszeichnung Hombre Habano del Año (Habanos-Mann des Jahres) in der Kategorie Kommunikation. Seither ist er bestens als Auktionator beim Gala-Dinner zum Abschluss des jährlichen Habano-Festivals bekannt.


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