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francisca del rosario gonzalez aguirre quality inspector cigar factory

Ein Tag im Leben von Francisca del Rosario González Aguirre

Im Dorf Santa Cruz, außerhalb des Zigarren-Mekkas Estelí in Nicaragua, beginnt der Arbeitstag früh für Francisca del Rosario González Aguirre, die allgemein unter dem Namen Panchita bekannt ist. Um 4 Uhr 30 steht sie auf, um in der dunklen Küche, die von einer schwachen Energiesparlampe nur spärlich beleuchtet wird, Frühstück zu machen. Dieses kommt daraufhin in einen Thermobehälter, der auf dem Tisch des von grauen Zementwänden umgebenen Wohnzimmers steht – bis sie sich auf den Weg in die Arbeit macht, doch das ist erst knapp zwei Stunden später.

francisca del rosario gonzalez aguirre controlling quality cigars factory

Photo: Fredrik Svensson

Seit 18 Jahren ist sie für die Qualitätskontrolle bei Joya de Nicaragua, der ältesten Zigarrenfabrik Nicaraguas, verantwortlich, wo sie im Alter von zwölf Jahren zu arbeiten begann – das war 1968, im selben Jahr, als diese ihre Pforten öffnete.

Sie startete als Despalilladora (Arbeiterin, die Tabakblätter entrippt) und hat inzwischen fast alles, was die Kunst der Zigarrenherstellung involviert, getan und es genossen.

„Mir hat alles davon Spaß gemacht. Es ist mir sehr wichtig, stets neue Dinge zu lernen“, meint sie.

„Ich lerne von meinen Kollegen und sie lernen von mir. Ich bin nicht besser als sie oder irgendwer anderer nur weil ich Qualitätsprüferin bin. Wir arbeiten zusammen und helfen einander. Das Wichtigste ist, bescheiden zu bleiben, nicht zu stolz zu sein.“

Der Grund, weshalb sie in der Zigarrenindustrie zu arbeiten begann, war ihre Schwester. „Sie war dort beschäftigt und schlug es mir ebenfalls vor. Damals gab es nicht so viele andere Jobs. Nachdem ich wirklich jung war, machte ich gleichzeitig auch eine Ausbildung zur Sekretärin.“ 1978 schloss sie diese ab und in den Neunzigern arbeitete sie drei Jahre vorübergehend als Sekretärin.

In Liebe vereint

Als die Sonne aufgeht ist es an der Zeit, ihren Mann Miguel Angel Pineda Jimenes sowie ihre Töchter und sechs Enkelkinder, die bei ihr wohnen, zu verlassen. Die Bushaltestelle befindet sich nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt, das direkt neben dem Pan-American Highway, der Hauptverkehrsader Zentralamerikas, liegt. Sie schnappt sich den Thermobehälter, umarmt ihre zwei jüngeren Enkelkinder und gibt ihrem Mann einen Kuss.

francisca del rosario gonzalez aguirre with husband miguel before going to work

Photo: Fredrik Svensson

Die beiden vermitteln den Eindruck, nach 34 Jahren Ehe immer noch sehr verliebt ineinander zu sein. „Kommunikation ist einfach alles“, behauptet Miguel. „Wir sind seit 34 Jahren verheiratet und reden über alles. Paare, die nicht miteinander reden, trennen sich.“

Panchita ist mit dem, was sie hat, zufrieden. „Ich mache mir keine großen Sorgen, denn wir haben genug Essen auf dem Tisch. Gott gibt uns stets, was wir benötigen. Ich brauche kein großes Haus. Mein Mann und meine Familie, die in diesem bescheidenen Heim mit mir wohnen, machen mich sehr glücklich. In diesem Haus weiß jeder, dass wir in Liebe vereint sind.“

Stattdessen ist ihre größte Sorge, wie lange sie noch bei Joya de Nicaragua arbeiten darf. „Ich bin 56 und das Pensionsalter liegt bei 60 Jahren. Ich würde danach gerne weiterarbeiten, aber ich weiß nicht, ob sie es mir erlauben. Deshalb mache ich mir ein wenig Gedanken darüber, was ich mit den Jahren, die mir bleiben, tun soll – vorausgesetzt es ist Gottes Wille, dass ich länger lebe.“

Spannende politische Veränderungen

Auf dem Weg zur Bushaltestelle füttert Panchita einige illegal in einem Gehege gehaltene Rehe mit Gras. Während der 15-minütigen Fahrt nach Estelí sitzt sie in dem überfüllten Bus ganz vorne beim Armaturenbrett. Jeder scheint sie zu kennen, und das ist auch in der Fabrik der Fall. Obwohl sie behauptet, dass sie sich alle gegenseitig in Arbeitsangelegenheiten beraten, wirkt es, als wäre sie die Ratgeberin.

francisca del rosario gonzalez aguirre going to work along road

Photo: Fredrik Svensson

Was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn wenn man seit 44 Jahren im selben Unternehmen arbeitet, weiß man sicher ein wenig mehr als die meisten anderen Leute. Das bedeutet auch, dass sie all die Veränderungen in der jüngsten Geschichte Nicaraguas und deren Auswirkungen auf ihren Arbeitsplatz miterlebt hat.

Als sie in der Fabrik zu arbeiten begann, hieß diese Nicaragua Cigars und die Diktatur der Familie Somoza beherrschte das Land. Im Jahr 1979 stürzte die sozialistische Guerillaorganisation FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) Diktator Anastasio Somoza Jr. und die Fabrik wurde verstaatlicht. „Nach dem Triumph waren wir unter der Leitung von Präsident Daniel Ortega, was aber auch bedeutete, dass wir nicht wirklich wussten, wer die Besitzer waren.“

francisca del rosario gonzalez aguirre going to work by bus

Photo: Fredrik Svensson

Als die Sandinisten 1990 die Wahlen verloren, wurde die Fabrik an die Arbeiter übergeben, die sich auf die Suche nach einem geeigneten Inhaber machten. Zuletzt beschlossen sie, die Fabrik an Dr. Alejandro Martínez Cuenca, den früheren Außenhandelsminister in der sandinistischen Regierung, zu verkaufen.

„Da die vormalige Verwaltung alles mitgenommen und uns ein mittelloses Unternehmen übergeben hatte, begannen wir, an Türen zu klopfen. Wir entschieden uns für Dr. Martínez Cuenca, weil er uns mehr Optionen als die anderen bot.“

Martínez Cuenca änderte den Namen des nun erneut privatisierten Unternehmens, das er heute nach wie vor leitet. „Ich bevorzuge den derzeitigen Betrieb“, sagt Panchita. „Die Arbeitsbedingungen sind besser und wir wissen, was in der Firma abläuft. Außerdem gibt es viel weniger Bürokratie. In den 1980er-Jahren gab es eine Person für jede administrative Aufgabe, was mittlerweile jedoch reduziert wurde, und das ist viel besser so.“

Konzentriert und Entschlossen

Ein Teil von Panchitas Job ist es, sicherzugehen, dass jede Kiste zum Export bereit steht. Und so macht sie jeden Morgen zunächst einmal Stopp in ihrem kleinen Büro und sieht einige Ordner durch, um sich zu vergewissern, dass die Bilanz vom Vortag stimmt. Den restlichen Morgen verbringt sie in der Verpackungsabteilung und der dritte Stopp ist bei der Qualitätskontrolle.

Wir kontrollieren, ob die Zigarren perfekt gerollt sind. Alle Schritte der Qualitätskontrolle sind gleichermassen wichtig, um geringwertige Arbeit zu entdecken.

„Am Vormittag überprüfe ich zuerst die Feuchtigkeit der Zigarren und danach mache ich alle möglichen Dinge hier“, erklärt sie. „Ich sorge dafür, dass alle ihre Arbeit ordentlich erledigen, und wenn neues Material hereinkommt, müssen wir dieses kontrollieren. Ich hake die Kisten für den Export auf der Versandliste ab und gehe sicher, dass Gewicht und Inhalt jeder Packung korrekt sind.“ Sobald Panchita die Fabrik betritt, wechselt sie ganz eindeutig in den Arbeitsmodus. Sie scheint auch außerhalb der Arbeit eine ziemlich konzentrierte und entschlossene Frau zu sein, doch bei der Arbeit tritt das noch deutlicher zum Vorschein. Es ist ihr wichtig, Dinge richtig zu machen – etwas, das nach dem Lunch während der zweiten Tageshälfte, die sie oben bei der zweiten Phase der Qualitätskontrolle verbringt, noch offensichtlicher wird.

Unsere Jobs hängen davon ab, einen guten Job zu machen

„Ich suche nach Zigarren minderwertiger Qualität. Es kann sein, dass die Textur nicht so ist, wie sie sein sollte, sie zu locker oder zu hart ist. Wir kontrollieren, ob die Zigarren perfekt gerollt sind. Alle Schritte der Qualitätskontrolle sind gleichermaßen wichtig, um geringwertige Arbeit zu entdecken. Ich werde nicht alles finden, aber jemand anderer wird es.“

francisca del rosario gonzalez aguirre quality control factory joya de nicaragua

Photo: Fredrik Svensson

Sie ist definitiv stolz darauf, wie sie ihren Lebensunterhalt verdient. „Es ist eine Herausforderung für mich, mir all der schlechten Dinge, die passieren können, bewusst zu sein und sicherzustellen, dass alles reibungslos abläuft. Das müssen alle Angestellten tun, denn unsere Jobs hängen davon ab, einen guten Job zu machen.“

Der Tag neigt sich dem Ende zu und die Roller und Buncher verlassen über die Laderampe auf der Rückseite des Gebäudes hektisch die Fabrik. In der Zwischenzeit diskutiert Panchita im Verpackungsraum mit ihren Kollegen über einen Karton. Sie wiegen ihn und vergleichen das Label darauf einige Male mit der Versandliste, bevor sie beschließen, ihn zu öffnen. „Das Gewicht stimmte nicht mit jenem auf der Liste überein und es stellte sich heraus, dass tatsächlich eine Zigarre fehlte“, informiert sie. Der Fehler wird behoben und danach kann sie schließlich ihre zigarrenfarbene Schürze für den Tag ablegen und die Fabrik wie alle anderen durch den Hinterausgang verlassen.

francisca del rosario gonzalez aguirre family evening veranda

Photo: Fredrik Svensson

Es ist etwa 17 Uhr und wir gehen den Pan-American Highway hinunter, um einen erneut überfüllten Bus zurück nach Santa Cruz zu nehmen. „Wenn ich nach Hause komme, setze ich mich eine Weile vor den Fernseher, um zu relaxen. Da meine Töchter bei uns wohnen, kümmern sie sich um den Haushalt, das heißt ich kann entspannen wenn ich heimkomme. Gegen 21 Uhr gehe ich in mein Zimmer, bete und verbringe einige Zeit mit Gott.“

Wie bei den meisten Menschen in Nicaragua spielt Gott auch in Panchitas Leben eine große Rolle. Sie bezeichnet sich zwar als Katholikin, doch im Gegensatz zu den meisten anderen geht sie nicht in die Kirche und will nicht mit Religion in Verbindung gebracht werden. „Ich bin nicht katholisch, weil ich in die Kirche gehe. Man muss für die Suche nach Gott nicht in die Kirche gehen, denn wir haben die Bibel, seine Worte, und das ist alles, was wir brauchen, um zu erkennen, was wir verbessern können. Religion gibt mir oder anderen nichts. Wir leben nicht für die Religion, sondern für Gott, zu dem wir beten müssen. Wir leben für Jesus, der uns Licht schenkt und leitet.“

francisca del rosario gonzalez aguirre evening home with husband miguel

Photo: Fredrik Svensson

Wir haben den Bus kaum verlassen, als Panchita auch schon von ihren Enkelkindern umarmt wird. Kurz danach taucht Miguel auf und einen Kuss später betreten wir das Haus.

Ein Motorrad ist in einer Ecke des Wohnzimmers geparkt, über der Tür zur Küche hängt ein Kruzifix und von einer der Wände aus behält die Jungfrau von Guadalupe die Familie wachsam im Auge.

Panchita steuert schnurstracks auf einen der zwei Sessel gegenüber der Marienikone zu, die offensichtlich ihr und Miguel gehören. Der Fernseher ist bereits eingeschaltet und wir treffen zur Halbzeit einer Episode von „La Patrona“, einer der unzähligen lateinamerikanischen Seifenopern, ein. Die Kids laufen neugierig herum und schaffen es nicht, ihren Blick von dem, was auf dem Bildschirm passiert, zu reißen. Es dauert nicht lange und Miguel schließt sich Panchita an. Und hier werden sie die eine oder andere Stunde verweilen, bis die Zeit gekommen ist für Schlaf, Gebet und Dankbarkeit für den heutigen und den nächsten Tag.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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