• en
  • de
one day cuban tobacco farmer estanislao acosta

Ein Tag im Leben von Estanislao Sanchez Acosta

Ein freier Markt ist nicht sein Fall. Estanislao Sanchez Acosta, der seit 63 Jahren in Tabakfeldern im westlichen Kuba arbeitet, ist schlichtweg zufrieden, seine Produkte nicht an verschiedene Klienten verkaufen zu müssen.

 

Estanislao gehört einer lokalen Kooperative in San Juan y Martínez an, 20 Minuten außerhalb von Pinar del Río im Westen Kubas. Ich hatte gehofft, ihn in seinem Haus anzutreffen, doch dort ist absolut keine Spur von ihm. Laut seiner Frau Zenaida Hernandez Prieto befindet er sich irgendwo draußen auf den Feldern hinter der Trockenscheune, doch die Pflanzen sind groß – größer als so mancher Kubaner. „Er ist wohl zurückgegangen, um Blätter zu ernten“, meint sie, als sie über den Grasweg aus dem Haus des Ehepaars zur Scheune zurückkehrt.

In der glühenden Nachmittagssonne spaziere ich den Pfad, der die zwei Haupttabakfelder voneinander trennt, entlang bis zum Ende, wo Estanislaos Pferd an einen Zaun angebunden ist, der als Abgrenzung zum benachbarten Tabakfeld dient.

Der rote, kiesige Boden hier eignet sich ausgezeichnet für Tabak.

Als ich zurückblicke, sehe ich plötzlich, dass einige der Tabakblüten hin- und herschwanken. Nach wie vor keine Spur von Estanislao, aber ich spüre seine Gegenwart, und während ich mich nähere, bemerke ich immer mehr Aktivität zwischen den Reihen der sich bewegenden Pflanzen. Ich sehe seinen schmutzigen weißen Hut, bevor ich ihn selbst zu Gesicht bekomme sowie vier oder fünf seiner Kollegen von eher kleiner Statur in ebenso verschwitzter, dreckiger Kleidung. Sie alle tragen verschiedenste Arten schützender Kopfbedeckungen und pflücken systematisch – Reihe für Reihe – Tabakblätter.

„Wir pflanzen die Samen normalerweise im November und ernten im März, aber manchmal muss man sich anpassen und sowohl später säen als auch ernten“, erzählt er mir, ohne dabei den Blick von den Pflanzen abzuwenden. „Der rote, kiesige Boden hier eignet sich ausgezeichnet für Tabak. Der pH-Wert ist gut und wenn nicht, dann fügt man Kalziumkarbonat hinzu, um die Säure zu reduzieren.“

Eine befriedigende Kooperative

Estanislao ist einer von fast 70 Farmern, die der Kooperative angehören. Sie tragen die Verantwortung für ihre „eigenen“ Felder, die sich rund um die Gegend befinden. Wie in Kuba so üblich, besitzt niemand von ihnen das Land. „Der Staat verpachtet das Land an den Chef der Kooperative“, erklärt er. „Und wir, die leitenden Farmer, sind selbst für die Bewirtschaftung und Arbeiter verantwortlich.“ Die Felder auf der gegenüberliegenden Seite des Zauns werden in Form einer CPA (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) geführt, doch Estanislao bevorzugt die Arbeitsweise seiner Kooperative.

„Diese Farmer arbeiten ebenso wie wir kollektiv, aber es gibt einen Unterschied. Nach der Ernte verkaufen sie ihren Tabak und das Geld wird zwischen ihnen aufgeteilt. Ich bezahle einige Leute dafür, dass sie für mich arbeiten. Was übrig bleibt nachdem ich den Tabak verkauft und [meine Arbeiter] bezahlt habe, behalte ich selbst. Am Ende der Woche mache ich also eine Kalkulation der Ernte um zu sehen, was produziert wurde. Die Kooperative leiht mir dann Geld, damit ich meine Angestellten entsprechend bezahlen kann. Der Rest gehört mir.“

Ich bezahle einige Leute dafür, dass sie für mich arbeiten

Der Tabak wird an das staatseigene Unternehmen Cubatabaco verkauft, das diesen wiederum an verschiedene Fabriken liefert. Viele würden sagen, dass ein freier Markt besser wäre, aber Estanislao bevorzugt es, das Ganze möglichst einfach zu halten. „Ich finde es gut, wenn man weiß, wer sein Produkt kauft und dass man nicht versuchen muss, es an verschiedenen Orten zu verkaufen. Das ist praktisch.“

Für die Arbeit mit Tabak geboren

Wir gehen zu seinem bescheidenen Haus zurück, wo er einige seiner vielen Tiere hält – Hühner, Hunde und scheinbar – laut Estanislao – einen Wicht von einem Schwein. Er möchte unbedingt, dass ich es sehe und versucht, es mit einem seltsamen entenartigen Ruf anzulocken, doch das Schwein lässt sich vorerst nicht blicken. „Vielleicht kommt er später raus“, meint Estanislao und gibt die Suche auf. Nur keine Eile, denk ich mir.

one day estanislao acosta tobacco leaves front

Photo: Simon Lundh

Der heute 70-jähige Estanislao arbeitet seit 63 Jahren mit Tabak und kennt sich aus oder, genauer gesagt: Er versteht sein Geschäft bestens. „Ich wurde da quasi hineingeboren“, erklärt er. „Wir waren sechs Geschwister und haben alle den Beruf von unserem Vater gelernt. Ich begann mit der Reinigung und dem Entfernen von Knospen sowie dem Pflücken der Blätter und diese Arbeit hat mir immer schon gefallen.“In der Vergangenheit arbeitete Estanislao auf verschiedenen Plantagen, doch vor 20 Jahren begann er, sich auf den Anbau vor der eigenen Haustür zu konzentrieren, und das tut er nach wie vor.

Seine Kinder sind allerdings nicht in seine Fußstapfen getreten. „Ich habe zwei Söhne. Der eine arbeitet als Krankenpfleger in Venezuela und der andere als Lehrer auf Isla de la Juventud, Insel vor der Südküste Kubas. Sie haben Sie haben beide studiert und andere Berufswege gewählt. Ich habe auch einen Stiefsohn, der zwar nicht hier arbeitet, aber manchmal kommt und mir hilft.

Etwa 50 Meter vom Gartentor entfernt, hinter einer Reihe von Bäumen und neben einem der Tabakfelder, sind vier Ochsen im Schatten angekettet – ein paar davon liegen, ziemlich unbeeindruckt von meiner Gegenwart einfach da, während die anderen etwas misstrauisch wirken und so viel Abstand wie möglich halten. „Das sind gute, robuste Tiere“, sagt Estanislao.

Ernte das ganze Jahr über

Jeden Morgen steht er um 5.30 Uhr auf und während der Tabaksaison sieht sein Tagesablauf mehr oder weniger immer gleich aus. Tabak ist sein Haupterzeugnis, doch daneben widmet er sich auch der Kultivierung anderer Produkte sowie der Tierhaltung.

„Ich stehe auf, melke die Kühe und bringe die Ochsen hinaus. Danach helfe ich bei der Tabakarbeit, die gerade zu tun ist. Wenn ich nicht mit Tabak beschäftigt bin, widme ich mich dem Anbau von Yuca, Bohnen oder Reis. Am nächsten Tag der gleiche Einsatz. So sieht mein Leben aus. Am Sonntag konzentrieren wir uns mehr auf Tabak, weil dieser am Montag abgeholt wird, das heißt wir müssen ihn vorbereiten und sicherstellen, dass er trocken ist.“

Zum Ende der Saison – üblicherweise Ende März – ändert sich Estanislaos Arbeitstag. „Wenn die eine Saison endet, beginnt schon die nächste. Nach dem Tabak ist es also zum Beispiel an der Zeit, Reis zu ernten. Dieses Jahr haben wir eine späte Ernte, weil wir Probleme mit Wasser hatten. Viele Samenbeete wurden zerstört und müssen neu austreiben.

one day estanislao acosta cow

Photo: Simon Lundh

Nach der Reisernte im Juni widmen wir unsere Aufmerksamkeit dann wieder dem Tabak und dem Entfernen der Adern.“

Auf meine Frage, ob sie die Tabakfelder je ruhen lassen, antwortet er: „Ja. Das einzige was wir dort anbauen ist Mais, weil das keine Auswirkungen auf den Boden hat. Und wir lassen auch unsere Tiere grasen, weil deren Kot und Urin ein guter Dünger sind.“

Bei unserer Rückkehr taucht zwischen dem Wohnhaus und einer Art Lager, das sich von diesem kaum unterscheidet, plötzlich das Schwein auf. Das Tier ist eindeutig skeptisch was meine Gegenwart betrifft und hält Distanz. Als ich mich nähere, ergreift es schnurstracks die Flucht durch ein großes Loch im Zaun. Estanislao läuft ihm nach, um es zu füttern. Angesichts des Lächelns, das sich unter dem dreckigen, sonnengebleichten Hut auf seinem Gesicht breit macht, dürfte er ebenso stolz auf das Schwein wie auf seine Ochsen sein.

An beiden Enden des Gartens befinden sich Bananenhaine, in denen Hühner herumhuschen, teils in Begleitung des Schweins. Ich bemerke eine schiefe Leiter, die gegen einen von zwei Mandelbäumen am Gelände gelehnt ist. „Die ist für die Hühner“, erläutert Zenaida. „Sie klettern abends auf den Baum und schlafen dort.“ Gleich daneben befindet sich ein Hühnerstall, der angesichts dessen etwas überflüssig wirkt.

Alles in allem scheinen Estanislao und seine Frau ein glückliches, entspanntes Leben zu führen. „Es gibt nicht viel, worüber ich mir Sorgen machen müsste“, meint er. „Am meisten besorgt ist man wohl, wenn seine Kinder krank sind. Aber unsere sind gesund, nett und waren auch nie widerspenstig oder so. Darüber bin ich glücklich.“

In der Küche sind neben der Abwasch drei bunte Thermosflaschen im 80er-Jahre-Stil neben zwei leeren Flaschen Havana Club aufgereiht und ich frage mich, welche Kombination von Getränken dieses ältere Paar während eines Arbeitstages konsumiert. Im Wohnzimmer befinden sich gegenüber dem Fernseher zwei Schaukelstühle – anscheinend ein Muss in Lateinamerika –, in denen es sich das Ehepaar nach der Arbeit gemütlich macht.

„Du solltest dein Hemd wechseln. Es ist ja total dreckig“, sagt Zenaida zu ihrem Mann, als ich ein Foto von den beiden machen möchte. „Setz dir zumindest einen sauberen Hut auf.“ Estanislao winkt mit einem freundlichen Lächeln ab, nachdem sie gegen seinen Willen einen anderen Hut holt. „Ich arbeite mit Tabak. Da wird man dreckig. Das ist eben so.“

Und so geht ein weiterer Arbeitstag, ein weiterer erfolgreicher Einsatz zu Ende.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


Newsletter

Auf dem Laufenden bleiben und die besten Berichte per E-Mail erhalten.

Related posts

Top