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Camacho: Eine Institution im Wandel

Zum Zeitpunkt meines Besuchs der künftigen Camacho-Fabrik in Danlí, Honduras, gibt es noch jede Menge zu tun. Überall rund um dieses mächtige Gebäude klettern Arbeiter mit oder ohne entsprechende Sicherheitsausrüstung auf Gerüsten herum, bohren Löcher in Wände, mischen Zement und verlegen Kabel. 
„Hier werden wir Verpackungsmaterial lagern und dort werden die Entrippungsmaschinen stehen“, informiert Manuel Batista bei unserer großen Tour durch die Fabrik. Wir gehen über die halbfertige Treppe ohne Geländer hinauf ins Obergeschoss, wo sich die Zigarrenroller-Etage vor mir ausbreitet.

Das gesamte Gebäude umfasst 21.000 Quadratmeter, fast doppelt so viel wie Camachos derzeitige Fabrik. „Wir werden eine Trockenscheune und eine Einrichtung zur Fermentation haben. Außerdem planen wir, unseren eigenen Tabak hier in Honduras anzubauen“, sagt Batista. „Bisher kam all unser Tabak aus der Dominikanischen Republik, aber wir hoffen, dieses Jahr unsere erste Ernte einzubringen“, fügt Luis Tábora hinzu. „In der Vergangenheit waren wir von anderen Lieferanten abhängig. Es ist gut, eine weitere Tabakquelle zu erschließen, denn somit übernehmen wir die Kontrolle über unsere Vorräte.“

Photo: Simon Lundh

Die Idee zur Errichtung der neuen Fabrik entstand vor ein paar Jahren; die Bauarbeiten starteten im Mai 2015. Grund dafür war eine erwartete Nachfragesteigerung. Das Unternehmen wächst, und man geht davon aus, dass sich die Produktion innerhalb der nächsten fünf Jahre verdoppeln wird. Allerdings war nicht von Anfang an klar, ob die Fabrik in Honduras gebaut werden würde. Die Entscheidung der Zentrale schwankte zwischen Estelí in Nicaragua und Danlí.

Es gab bereits Arbeitskräfte in Honduras. In Condega in Nicaragua hatte man schon mit dem Tabakanbau begonnen, doch was die Fabrik betraf, hätte man ganz von vorne anfangen müssen. Am Ende übernahm Oettinger Davido auch die Tabacalera Santiago in Estelí. Betriebe an beiden Standorten zu haben ist von Vorteil, denn sie liegen nur ein paar Stunden voneinander entfernt. So kann ganz einfach Tabak aus zwei Ländern verwendet werden, für dessen Aufbereitung allerdings nur eine Einrichtung notwendig ist. 
Es ist eine beeindruckende Anlage mit hohen Decken und viel Licht. Hinter dem Hauptgebäude befindet sich ein großer Lagerraum für Tabak, davor das Verwaltungsbüro. Im Gegensatz dazu wirkt die derzeitige Fabrik klein, dunkel und feucht.

Camacho hofft damit nicht nur, in den nächsten fünf Jahren 24 Millionen Zigarren zu produzieren, sondern will auch seine Anerkennung der Angestellten zum Ausdruck bringen. „Viele Unternehmen kommen und gehen. Mit dieser Investition möchten wir zeigen, dass wir an unsere Mitarbeiter glauben. Wir schaffen damit ein besseres Arbeitsumfeld und vermitteln ihnen, dass wir gekommen sind, um zu bleiben“, sagt Batista.

Für ihn selbst stellte dies eine der größten Herausforderungen dar. Er zog eigens für diesen Job im August letzten Jahres von Santiago in der Dominikanischen Republik, wo er für Davidoff arbeitete, nach Honduras. „Ich musste zuerst einmal meine Führungsposition aufbauen und ein gutes Verhältnis von Loyalität, Vertrauen und Kommunikation schaffen statt Furcht über die Macht meiner Rolle zu verbreiten“, erzählt er. Das ist nicht immer leicht für einen Neuankömmling, wenn auch nur wegen ganz grundlegender Dinge. „Manchmal verstehen sie meinen Dialekt nicht. Einige Wörter bedeuten hier nicht einmal dasselbe. Letztens sagte ich einem Arbeiter, wir würden etwas ,ahorita‘ erledigen – das heißt ,jetzt‘ in der Dominikanischen Republik. Er bewegte sich nicht vom Fleck. ,Ahorita‘, wiederholte ich, bis mir klar wurde, dass dieses Wort hier ,später‘ bedeutet. Also sage ich nun stattdessen ,luego‘. Ich höre ihnen zu, schätze ihre Meinungen und fordere sie auf, Vorschläge zu machen.“

Tábora fügt erklärend hinzu, dass es sich früher um ein Familienunternehmen handelte, der Besitzer alle Entscheidungen traf und die Arbeiter das gewohnt sind. „Nach Davidoffs Kauf der Fabrik im Jahr 2008 blieb der Geschäftsführer, und somit existierte diese Vorgangsweise noch bis vor kurzem. Die Änderung dieser Einstellung ist also eine Herausforderung.“ Batista kann das bestätigen: „Manchmal fühlen sie sich nicht wohl, wenn wir einen Gedankenaustausch führen. Aber wir wollen ihre Ideen hören!“

Photo: Simon Lundh

Zum Mittagessen fahre ich mit Tábora zum Haus seiner Eltern, wo er unter der Woche wohnt. Als er vor zwei Jahren seine Stelle bei Camacho bekam, beschlossen er und seine Frau, mit ihren drei Kindern nach Tegucigalpa zu ziehen statt in Danlí zu bleiben. Jedes Wochenende macht er sich auf die eineinhalbstündige Reise in die Hauptstadt. „Meine Frau und ich dachten, dass es besser für die Kinder wäre, in Tegucigalpa zu leben. Die Schulen und Wohnverhältnisse sind dort besser und es ist nicht wirklich so weit weg. Manchmal fahre ich auch wochentags hin. Aber im Moment ist das wegen der Arbeitsanforderungen nicht möglich. Ich hoffe, dass sie in Zukunft hier herkommen können oder vielleicht ziehen wir auch in eine andere Stadt.“ Es sei auch eine gute Gelegenheit, so Tábora, sich seinen Eltern zu widmen. „Wir sind viel herumgezogen, und ich war 20 Jahre lang nicht in Danlí. Jetzt, wo sie alleine leben, hab’ ich eine zweite Chance, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen.“

Es ist sein erster Job in der Zigarrenindustrie und er bezeichnet sich selbst als „der Finanztyp“. „Ich bin derjenige, der ,Nein‘ sagt wenn alle wollen, dass ich ,Ja‘ sage“, meint er schmunzelnd. Der Umzug hat jedoch weitaus mehr Verantwortung mit sich gebracht. Batista und Tábora sind derzeit mit Multitasking konfrontiert, weshalb sie gewöhnlich bis spätabends arbeiten. „Wir kümmern uns um viele Sachen, die normalerweise nicht zu unserem Aufgabenbereich gehören, wie etwa Personalfragen, Einkauf, Logistik, Computerangelegenheiten und rechtliche Dinge, und führen Gespräche mit den Lieferanten“, erklärt Tábora. „Wir planen, letztendlich verschiedene Abteilungen am neuen Standort zu schaffen, aber im Moment sieht die Lage eben so aus, dass wir die Lücken füllen.“

Photo: Simon Lundh

Die Bedingungen in der neuen Fabrik dürften eine enorme Verbesserung sein, was offensichtlich auch schon andere Leute bemerkt haben. „Ein Vertreter einer der großen Zigarrenunternehmen war hier und wollte die Anlage besichtigen“, erzählt Tábora. „Hinterher meinte er, dass es um sie und andere Betriebe gar nicht gut bestellt sei, denn wenn Arbeiter einmal diesen Ort gesehen haben, dann würden sie sicher in keine andere Fabrik wollen.“ Die Situation der Angestellten war in der Tat einer der Gründe, wieso er die Stelle annahm. „Ich bin hier aufgewachsen und weiß deshalb, dass in dieser Industrie Verbesserungen notwendig sind. Ich sah den Job als eine Chance, Dinge zu verändern.“

Trotz der neuen Philosophie erfuhr das Personal erst bei der jährlichen Betriebsfeier Ende 2015 von der neuen Fabrik. Der Grund war erneut der „alten Führungsstil“. Das Vorhaben wurde geheim gehalten, aber die Leute begannen Vermutungen anzustellen, als sie die Baustelle sahen.

Nach Arbeitsschluss begleite ich Batista zu dem gemieteten Haus in den Hügeln, wo er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen lebt. Es ist ein großes, schönes Gebäude mit Swimmingpool und einem weitläufigen, üppigen Garten sowie Hängematte und ein paar Schaukelstühlen auf der geräumigen Veranda. Er zögerte keine Sekunde wegzuziehen, als er das Jobangebot in Danlí erhielt. „Ich hatte davon geträumt und dafür gearbeitet und strahlte somit übers ganze Gesicht“, erinnert er sich. Batista wuchs mit Tabak auf und arbeitete als Kind den Sommer über in der väterlichen Fabrik OK Cigar. „Ich half im Fermentationslager, bei der Qualitätskontrolle und beim Verpacken. Als ich die Hochschule abschloss, arbeitete ich halbtags und lernte am Nachmittag. Später wurde ich zum Produktionsleiter befördert.“

Photo: Simon Lundh

2008 kaufte Davidoff die Fabrik, die sich schon teils in dessen Besitz befand, und letzten Herbst zog Batista nach Honduras. „Nach meiner Zusage meinten sie, ich solle zuerst mit meiner Familie darüber reden, aber ich war mir sicher, dass sie einverstanden sein würde.“ Seine Frau Gladys bestätigt: „Ich sagte ihm, solange wir vier zusammen sind, ist alles in Ordnung.“ Der Umzug nach Honduras sei, so Batista, nicht schwer gewesen. „Anfangs fühlte sich meine Frau einsam, aber inzwischen geht es ihr viel besser. Mein Sohn Brian hat sogar schon einen honduranischen Akzent.“ Und vom Türeingang erklingt augenblicklich die selbstbewusste Stimme des Neunjährigen: „Ahorita heißt später, nicht jetzt.“ Batista und seine Frau lachen.

„Ich wusste nichts über Danlí und als wir das erste Mal herfuhren, fragte ich mich, wo wir hier waren. Rings um uns erhoben sich Berge, aber das ist okay. Am Wochenende fahren wir allerdings nach Tegucigalpa, weil Danlí für meine Frau und die Kinder wenig zu bieten hat. Man liest viel Schlechtes über Honduras, doch wir fühlen uns sicherer hier als in Santiago.“ Mit anderen Worten: Sie sind gekommen, um zu bleiben. „Ich habe einen Einjahresvertrag mit Option auf Verlängerung und liebe meinen Job hier. Unser Team ist gut und die Zusammenarbeit mit Luis großartig. Wir nennen einander sogar schon ,Compa‘ – ,Compadre‘.“

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2016 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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