• en
  • de
Zino Davidoff with Cigar

100 Jahre Zino Davidoff: Eine Legende, die lebt

Davidoff Château Series

Inspiriert von Frankreichs großen Weinen, schuf Davidoff. die feine Château-Serie | Photo: Oettinger Davidoff Group

Ich nähere mich dieser Titelgeschichte, als würde ich dem berühmten Mann aus Genf heute zum ersten Mal begegnen. Ich betrete sein Geschäft in der Rue de Rive. Es ist Vormittag, und der Meister empfängt mich persönlich. Bis ins hohe Alter bediente Zino Davidoff seine Kunden. Zumindest eine Stunde am Vormittag bringt er im Geschäft zu. Der Boden unter unseren Füßen ist – von unten betrachtet – der Himmel vom Paradies.

Im 250 m2 großen Keller lagern an die zwei Millionen Zigarren unter optimalen Bedingungen. Sein Auftritt: „Madame?“ Mein Französisch …äußerst hölzern. Galant und mit Leichtigkeit wechselt Monsieur Davidoff in fließendes Deutsch. Spanisch, Russisch oder Englisch sind für ihn ebenso selbstverständliche Umgangssprachen wie Italienisch und Jiddisch. Sein unvergleichliches slawisches Timbre klingt durch.

Der Kosmopolit begrüßt mich mit offener Geste graublauen Augen, verschmitztem Lächeln und einem Minenspiel, das unvergesslich bleibt. Seine Erscheinung ist gepflegt,wie immer trägt er Anzug und Krawatte, wirkt very britisch. Der leidenschaftliche Bridgespieler liebt lange Fußmärsche, liest wann immer er kann, besonders gern Geschichtsbücher. Sein Lieblingsessen sind Bratheringe mit Zwiebelsauce und Pellkartoffeln – das einfache, scharfe
und salzige Essen seiner Kindheit.

Im Hinterzimmer sitzt Lenin

Zino Davidoffs Eltern besaßen zunächst einen kleinen Tabakhandel in Kiew.Die kinderreiche Familie drehte in Handarbeit Zigaretten mit Goldmundstück aus blondem, türkischem Tabak. Der künftige Protagonist des Fine Smoke schätzte dieses einfache Leben: „Jeder muss seinen Weg finden. Das ist gut so.“

1912 fliehen die Davidoffs vor den zaristischen Judenpogromen nach Genf, wo der Vater ein kleines Zigarettengeschäft eröffnet. Damit gelingt es der siebenköpfigen Familie, ihr Leben ähnlich wie in der Ukraine fortzuführen. Im Hinterzimmer wird Tabak verlesen, gemischt und gerollt .. und Revolution gemacht. 

Der kleine Laden dient als Treffpunkt vieler Exil-Russen. Einer von ihnen ist Wladimir lljitsch Uljanow und dafür berüchtigt, selten zu bezahlen. Er sollte später die UdSSR gründen und unter dem Namen Lenin bekannt werden.

Davidoff Laden Boulevard Philosphes

Wo alles begann: Der kleine Davidoff-Laden am Boulevard de Philosophes | Photo: Oettinger Davidoff Group

Die Liebe seines Lebens

Zino Davidoff and his Family

Zino Davidoff – nicht nur ein Genussmensch, auch Familienmensch | Photo: Oettinger Davidoff Group

Zinos Liebe zur Zigarre entzündet sich mit seinen Wanderjahren in die Neue Welt. Die Reise nimmt 1924 in Argentinien ihren Anfang und führt ihn weiter nach Brasilien: Ich erkannte, dass hierin der Adel unseres Handwerks liegt … in diesen großen, kräftigen Blättern.“ Sein Herz verliert er vollends in Kuba. Mit einer Leidenschaft, die neugierig, begeistert und unersättlich“ ist, will er alles über die Havannazigarre wissen. Seine Lehrjahre auf der Insel werden für die Zukunft der Rauchkultur segensreich sein.

Zurück in Genf, muss der Heimkehrer seinen eigenen „Vatermissionieren“: Für seinen Plan, Puros in großen Mengen zu importieren, möchte der junge Davidoff in einen Klimakeller investieren. Kurze Zeit später besitzt er den ersten begehbaren Humidor auf europäischem Boden. Der Handel mit Zigarren in großem Stil kann beginnen. Zino Davidoff ist das,was man heute einen Networker nennt.

Auch wenn überall sonst auf der Welt die Drähte zu Kuba reißen, der Mann am Genfer See kann jederzeit Havannas organisieren. Das trägt ihm unter Journalisten und Aficionados bald den Beinamen „unser Mann in Havanna“ ein. Und so ist es auch: Auch wenn Monsieur Davidoff rein physisch in Genf verweilt, sein Herz streift in Kuba umher durch die Vuelta Abajo, das geheiligte Viereck, ockerrot, meine Heimat, meine Wahlheimat“, wie er in seinem Zigarrenbrevier schreibt.

Beraten statt verkaufen

Inzwischen – man schreibt das Jahr 1946-ist der kleine Genfer Tabakladen zum europäischen Mekka der Zigarrenszene geworden. Der Prophet formt unermüdlich seine eigene Geschichte. Davidoff bringt in Zusammenarbeit mit der kubanischen Fabrik Hoyo de Monterrey seine eigene Linie heraus die Château-Serie. Die Zigarren stehen an Qualität den fünf großen französischen Bordeaux-Weinen, deren Namen sie tragen, in nichts nach. Hier beginnen Erfolg und Vision der Marke Davidoff.

In den ersten sechs Monaten verkauft Zino 100.000 Stück seiner Eigenmarke: ,,Das ist meine Fortune, mein Stolz.“ Prominente aus allen Ländern der Welt lassen sich bei Davidoff beraten: „Ich war nie Verkäufer. Ich war immer Berater.“ Und Raymond Scheurer, einer von Zinos Wegbegleitern über 34 Jahre und heute Senior Vice President bei Davidoff International, ergänzt: „Zino war stets ein Diener. Für ihn war die beste Dienstleistung, die man geben konnte, Begeisterung zu vermitteln.“

Dies praktiziert die Zigarrenlegende Zeit seines Lebens. Zu seinen Kunden zählen unter vielen anderen klingenden Namen Isaac Stern, Orson Welles, König Fuad II. aus Ägypten,Fürst Rainier, Elvis Presley und nicht zuletzt Harald Juhnke.

„Tiefe Bindungen sind zwischen ihnen und mir entstanden, denn die Zigarre bringt Menschen einander näher“, erinnert er sich im Zigarrenbrevier. Eine große gegenseitige Wertschätzung verbindet ihn mit Arthur Rubinstein, der in den Augen Davidoffs als Zigarrenraucher ein „vollendeter Amateur im edelsten Sinne des Wortes“ war. Rubinstein wiederum nennt seinen Freund „groß“ und „einzigartig“.

Dr. Ernst Schneider und Zino Davidoff

Das kongeniale Duo Dr. Erns Schneider und Zino Davidoff etablierte „Davidoff“ zur Weltmarke | Photo: Oettinger Davidoff Group

Begegnung mit Folgen

1948 kreuzen sich die Wege von Zino Davidoff und Dr. Ernst Schneider, Schwiegersohn des Direktors des Tabakgroßhandelshauses Oettinger in Basel. Keiner der beiden mag geahnt haben, dass diese Begegnung ein großes, gemeinsames Werk und eine lebenslange Freundschaft besiegeln würde. Ernst Schneider, heute Präsident der Oettinger Davidoff Group, erinnert sich: „Er empfing mich stets mit offenen Armen, wie er dies bei allen Menschen tat. Er war aber auch raffiniert und verlangte Rabatte.“

Noch kurz bevor aus den Freunden Geschäftspartner werden, katapultiert ein weiteres wichtiges Ereignis den Namen Davidoff in die Topliga der Zigarrenbranche. 1967 reist eine Delegation der Cubatabaco nach Genf und unterbreitet Zino Davidoff den Vorschlag, eine exquisite Havannazigarre nach ihm zu benennen, als Dank für seine Verdienste um die Puro. Ein Jahr später ist die Davidoff Nt.1 geboren. Kurz danach lassen Davidoff Nr. 2 und Ambassadrice die Herzen der Aficionados höher schlagen.

Am vermeintlichen Höhepunkt seiner Karriere angekommen, beschäftigt sich unser Mann in Havanna“ schließlich mit dem Gedanken, seinen wohlverdienten Ruhestand vorzubereitern.

Doch Ernst Schneider schmiedet ganz andere Pläne. Für stolze vier Millionen Schweizer Franken kauft er 1970 die Goldgrube an der Rue de Rive und ,verpflichtet“ seinen Freund, sich drei Jahre lang als Botschafter für das Unternehmen zu präsentieren. Schneider bastelt an einer Vision, derzufolge der Name Davidoff zur Weltmarke werden soll. Aus den drei gemeinsamen Geschäftsjahren werden fast 25. Die Marke Davidoff wird zum Synonym für edle Zigarren, Accessoires und Luxusartikel wie Cognac, Parfum, Schreibgeräte, Süßwaren und Kaffee.

Banderlole als Pass

In den 1990er-Jahren findet auch die erste Begegnung mit dem noch , ungeborenen“ European Cigar Cult Journal statt – ein Davidoff-Abend in Wien, organisiert von Dr. Helmut Romé und Beppo Mauhart, damaliger Direktor der Austria Tabak. Er erinnert sich: Zino Davidoff war mit Leidenschaft, Natürlichkeit und Professionalität der Frontman bei Davidoff.Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt. Die Beziehung zum European Cigar Cult Journal wurde nahezu familiär, erinnert sich Don“ Sebastian Zimmel, Tabakgroßhändler in Wien und Zigarrenautor der ersten Stunde: Für meinen Sohn David war er wie ein gütiger Opa. Als ich ihn zum wiederholten Male vom Flughafen abholte, hatte er seinen Pass vergessen. Durch den Dutyfree-Shop konnte ich ihn damals an der Passkontrolle vorbei schmuggeln. In der Zeitung stand dann: Zino Davidoff braucht nur einen Zigarrenring statt eines Passes vorweisen!“

Eine Königin wird entmachtet

Eine einzige Hürde gilt es in der Erfolgsgeschichte Oettinger-Davidoff zu meistern. 1989 kommt es zum Zerwürfnis mit den Kubanern. Zino Davidoff, der einst die kubanische Zigarre zur Königin gekrönt hatte, muss seine Geliebte vom Thron stürzen. Die Weissagung eines alten brasilianischen Pflanzers bezüglich Kuba und Zino („es wird für dich nichts anderes mehr geben“) sollte sich nicht erfüllen. Seitens Davidoff wird kolportiert, dass die gewünschte Qualität -Basis der Davidoff-Philosophie-nicht mehr gewährleistet sei und die Insulaner versuchten, 51 Prozent der kubanischen Tochtergesellschaft an sich zu reißen. Cubatabaco bestreitet die mangelnde Qualität, beharrt aber auf einer Miteigentümerschaft. Als Davidoff am Gipfel des Konflikts öffentlich 30.000 kubanische Zigarren verbrennen lässt, verschmoren die einst heißen Drähte zu Kuba. Wer die Verträge schließlich kündigt, darüber schweigen beide Seiten bis heute.

Während die gesamte Branche noch orakelt, ob die fortan aus der Dominikanischen Republik stammenden Davidoffs vom Konsumenten angenommen würden, hat das Duo Schneider-Davidoff die Kubakrise längst gemeistert. Hendrik Kelner, einer der weltbesten Zigarrenhersteller, mischt fortan für Davidoff die Tabake und leitet die Produktion vom Samen bis zur Zigarre. Er kreiert neue Tabake und Zigarren von Weltklasse. Damit spricht Davidoff von Beginn an ein junges Publikum an und liegt voll im Trend: junge Genießer sind im Kommen.

Als Zino 1994 stirbt, steht der magische Davidoff Schriftzug für Luxus, stilvolle Lebensart und Genuss. Davidoff-Oettinger ist heute ein global agierendes Unternehmen im Familienbesitz Rund 2700 Mitarbeiter sind im Stammunternehmen und in den 30 Tochtergesellschaften in 120 Märkten beschäftigt. In den S4 Davidoff Shops weltweit, bei SS0 Fachhandels- und 1700 Gastronomie-Depositären warten perfekte Zigarren auf ihre Bestimmung: auf die Stunde, in der der Konsument dem ,,Good Life“ huldigt. Junge Mitarbeiter im Unternehmen berichten, dass Kollegen, die schon lange für Davidoff arbeiten, immer wieder von Zino sprechen. Fragt man Dr. Ernst Schneider, wie sein Freund im Unter nehmen nachwirkt, so ist seine Antwort klar und sicher: „Er lebt weiter.“

Verlassen wir Zino Davidoffs Geschäft in der Rue de Rive. Seine Lebensphilosophie?

Ich finde das Leben wunderbar. Ich hoffe, dass ich bis 100 gesund bleibe, und ich werde mit meiner Ware bleiben.“ Ein bedächtiges „Au Revoir“ geleitet uns zur Tür.

Ich habe einen kreativen, respektvollen, vor Lebensfreude leuchtenden, leidenschaftlichen und offenen Menschen kennen gelernt. Mir geht es wie allen, die seinen Laden betreten haben: Als Kunde bin ich gekommen, als Freund gehe ich fort. Freundschaften machen Menschen unsterblich. Zino hebt die Zeit auf.

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Frühjahrs-Ausgabe 2010 veröffentlicht.  Mehr

Katja Gnann

She learned her journalistic skills from scratch at a regional daily newspaper, for which she wrote articles for many years. Through working for the magazine Der Spiegel in Rome she had the opportunity to increase her professional knowledge in the field of media. Katja studied art history and Romance studies in Heidelberg, Palermo and Rome and, during the course of her studies, spent many years in Italy. The country was her teacher in things related to pleasure and lifestyle. She has been working for Cigar Journal since 2004. In 2010 she became editor-in-chief.


Newsletter

    Related posts

    Top