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Ein Plädoyer für Klassiker – Gereifte klassische vs. limitierte Zigarren

Wenn ich die Wahl zwischen einer gereiften klassischen und einer limitierten Zigarre habe, dann fühle ich mich zur ersteren hingezogen.

 

Im Mittelpunkt dieser Kolumne stehen oft seltene Zigarren wie limitierte Serien. Ich habe über Davidoffs geschrieben, die nicht mehr hergestellt werden, über die zwölfjährige Geschichte von Edición Limitadas und viele andere Raritäten. Worüber ich geschrieben habe und was die meisten von uns gerne rauchen, das sind allerdings zwei verschiedene Paar Schuhe.

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Photo: Cigar Research

Es sind eher Montecristo No. 2, Cohiba Lancero, Partagás Short und ein paar Dutzend andere Zigarren, die wir gern in unseren Humidoren reifen lassen. Und wenn die Zeit zum Genuss gekommen ist, öffnet man den Humidor und fragt sich: Eher eine Limited Edition oder eine klassische Zigarre? Ich möchte aufzeigen, wieso Sie fast immer eine alte klassische Zigarre einer limitierten Produktion vorziehen sollten.

Ich bin derzeit auf Besuch im Ferienhaus eines Freundes in Nicaragua. Hoch oben auf einem Berg gelegen, hat man einen traumhaften Ausblick auf die Kaffeeplantagen. Mocha, die schokoladenfarbige Labrador-Hündin, folgt uns auf Schritt und Tritt, geht jedoch auf Distanz, wenn Zigarren angezündet werden.

Das älteste Gebäude auf diesem Gelände ist aus Stein gebaut. Hier bewahrt man all jene Dinge auf, die kühl oder vor der Sonne geschützt bleiben sollen – auch Zigarren. Vor dem offenen Schrankhumidor stellte sich die Frage: Sollen wir eine zehn Jahre alte Montecristo No. 2 rauchen oder eine jüngere Edición Regional?

Eine Botschaft an Zigarrenhersteller

Was gibt es Neues? Das ist eine Frage, die wir zu oft in Zigarrengeschäften stellen. Natürlich bin ich stets neugierig und möchte über die jüngsten Kreationen Bescheid wissen. Aber wenn ich nach Spanien fahre und dort Zigarrenläden besuche, dann gibt es kaum Neues. Und das ist eine Erleichterung, weil ich zur Abwechslung einmal nichts probieren „muss“. Es ist eine Freude, das bekannte Sortiment zu begutachten – Marken mit Geschichte, Zigarren, die ich vor fünf, zehn oder noch mehr Jahren auch schon geraucht hatte.

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Photo: Cigar Research

Schöne Erinnerungen werden wach und rein aus Nostalgie könnte ich die Urenkelin der allerersten Zigarre kaufen, die ich je genossen habe, die Romeo y Julieta Corona. Oder vielleicht einige, die ich bei meinem ersten Besuch in Kuba rauchte?

Im Laufe der Zeit verschwinden immer mehr historische Vitolas und es scheint, als würden Limited Editions zunehmend mehr Platz in den Regalen einnehmen. Bei Habanos sagte man mir, dass man nur Zigarren aus der Produktion streicht, die zu selten gekauft werden. Dagegen ist nichts einzuwenden; wir müssten sie einfach nur kaufen.

Es ist schade, dass wir so viele schlanke Vitolas wie die Partagás Connoisseur Selection verloren haben, doch ich nehme an, wir tragen ebenso Schuld daran, wie die Hersteller. Wir haben es schlichtweg verabsäumt, ihnen die Botschaft zu übermitteln, dass wir selbst Zigarren mit einem ungewöhnlichen Format, beispielsweise die Ninfa, hin und wieder gerne rauchen möchten. Wenn ich also eine Entscheidung fälle, welche Zigarre ich rauche oder welche Kiste ich kaufe, um genügend Vorrat zu haben, dann stehen Zigarren aus der regulären Produktion ganz oben auf der Liste. Das ist der beste Weg, um Zigarrenherstellern zu kommunizieren, welche Zigarren sie meiner Meinung nach weiterhin produzieren sollen.

Was ist das Besondere?

Nehmen Sie zwei Zigarren her, die beide zehn Jahre alt sind. Für gewöhnlich reifen jene mit Natural-Deckblättern besser als jene mit dünnen oder Maduro-Deckblättern oder jene, deren Tabak schon vor dem Rollen lange gelagert wurde. Standardzigarren mit dickeren Colorado (Natural)-Deckblättern reifen einfach am besten.

Zigarren in limitierter Auflage sind insofern oft „aufgepäppelt“, als der Tabak häufig lange gereift wurde, bevor die Zigarre gerollt wird. Diese Zigarren befinden sich schon auf ihrem Höhepunkt, sobald sie auf den Markt kommen, verlieren jedoch mit der Zeit oft an Ausgewogenheit und Stärke.

Andere sind Maduros, die sich durch interessante Aromen und Süße auszeichnen, wenn sie lanciert werden. Doch wenn die Deckblätter zu intensiv verarbeitet wurden, altern sie schnell und ungraziös.

Wie wir wissen, reift eine Montecristo No. 2 langsam und mit Würde. Ihr Geschmacksspektrum entfaltet sich allmählich, während sie den Mantel der Jugend fallen lässt. Vor kurzem genoss ich eine, die in den 1950er-Jahren gerollt wurde. Sie hatte ihren einzigartigen Charakter von Holz- und Ledernoten behalten, war aber von einem stärkeren blumigen Aroma geprägt. Ich bezweifle stark, dass eine der heutigen Maduros in mehr als 50 Jahren so gut schmecken wird.

Drei Marken

Lassen Sie uns einen Blick auf drei verschiedene Marken werfen, die es schon seit geraumer Zeit gibt und die uns vermutlich auch noch lange begleiten werden. Möglicherweise lagern diese Zigarren ohnehin in Ihrem Humidor. Und wenn nicht, dann sollten Sie diese vielleicht kaufen.

Cohiba

Diese Marke muss man nicht erst vorstellen. Sie ist jung, aber unglaublich bekannt. Für jene von uns, die reifegelagerte Zigarren mögen: Cohibas erreichen ihren Höhepunkt relativ rasch. Dieses Statement mag überraschen. Aber Cohibas schmecken in der Regel am besten zwischen 0 und 15 Jahren. Die dickeren Vitolas wie Siglo VI oder Robusto sind für ihre exzellente Qualität innerhalb der ersten fünf Jahre bekannt. Nachdem Cohibas aber aus lange fermentiertem Tabak hergestellt werden, haben sie bei ihrem Launch schon fast ihren Höhepunkt erreicht. Sie werden dann gewöhnlich nur sanfter und milder. Wenn Sie Cohibas möchten, die im Alter gewinnen, dann sind jene mit kleinem Ringmaß wie die Lanceros oder Panetelas die beste Wahl.

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Photo: Cigar Research

Partagás

Seit mehr als einem Jahrhundert ist Partagás eine Ikone in Havanna und aller Welt. Diese starke Zigarre behält ihren Geschmack über Jahrzehnte. Einige Connaisseurs rauchen sie erst, wenn sie eine Dekade gelegen sind. Die würzige Partagás erfährt während ihrer Reifung eine Verwandlung. Sie behält ihren starken, scharfen Charakter lange Zeit und wird erst nach langer Lagerung milder. Dies macht einen wesentlichen Aspekt ihrer Identität aus, und so bleiben einige der feineren, aber interessanten Aromen zunächst verborgen. Sobald sie ausgereifter ist, entfaltet sie jedoch einen erstaunlich komplexen Geschmack mit einer Vielfalt an floralen Noten, Zitrus-Anklängen und Teearomen.

H. Upmann

Simon Chase hat mich auf das Reifepotenzial der H. Upmann aufmerksam gemacht. Dies wird oft übersehen, weil leichtere Zigarren den Ruf haben, nicht aufregender zu werden. Das ist aber ein Irrtum. Wenn eine Zigarre geschmackvollen Tabak beinhaltet, hat sie das Potenzial für eine interessante Reifung – ganz gleich wie stark sie ist. Das ist der Grund, weshalb H. Upmanns im Alter gewinnen. Die weichen Töne von Cerealien werden von anderen leichten Geschmacksnoten abgelöst. Zedernholz, Kräuter der Provence und eine Reihe anderer interessanter Aromen wurden beim Genuss von über 25 Jahre alten Zigarren dieser Marke festgestellt.

Im Sog der Geschichte

Zigarrenrauchen verbindet uns mit der Vergangenheit. Es ist eine Leidenschaft, der Menschen schon seit Jahrhunderten nachgehen. Einige der Marken, die wir heute genießen, sind in gewisser Weise Teil einer Kette historischer Ereignisse.

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Photo: Cigar Research

JFK rauchte seine Petit Upmanns, und andere Persönlichkeiten wie Winston Churchill, Fidel Castro, Groucho Marx und Ernest Hemingway hatten ebenfalls ihre Lieblingszigarre. Heute können wir einige dieser Marken immer noch genießen. Die erwähnten Persönlichkeiten rauchten keine Special Editions, die gerade beim Händler eingelangt waren. Nur klassische Zigarren können eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen.

Und so stehe ich nun hier in den Bergen Nicaraguas vor der Frage: Sollen wir eine Limited Edition-Zigarre rauchen oder eine mit Bezug zur Geschichte? Einige der Zigarren in diesem Humidor wurden vom Vater meines Freundes bereits vor mehreren Jahrzehnten, noch vor der nicaraguanischen Revolution, gekauft. Zigarren besitzen die einzigartige Fähigkeit, einen zurück in die Vergangenheit oder in die Lage eines anderen zu versetzen. Für viele von uns stellt der Genuss einer prä-revolutionären kubanischen Zigarre eine Möglichkeit dar, in eine Zeit zu reisen, als das Land wirtschaftlich florierte. Und was meinen Freund betrifft: er kann eine der Zigarren seines Vaters rauchen und sich an diesen Helden erinnern, der während der nicaraguanischen Revolution sein Leben gab.

Triumph oder Niederlage?

Sind Zigarren limitierter Auflagen besser? Meiner Ansicht nach sind sie gewöhnlich nur anders. Bei diesen speziellen Zigarren wird selten besserer Tabak verwendet als bei hochwertigen regulären Marken.

Was meine Erfahrung mit alten Zigarren betrifft, kann ich keinen Qualitätsunterschied zwischen regulären Zigarren und hochwertigen Special Editions feststellen. Wenn überhaupt, dann finde ich reguläre Produktionen nur deshalb besser, weil ich es genieße, Notizen über die Charakteristika der gleichen Zigarren zu verschiedenen Phasen ihres Alters zu machen. Meine Aufzeichnungen über die Montecristo No. 2 könnten fast ein Buch füllen.

Am Ende fiel uns die Entscheidung leicht. Wir schnappten uns eine paar alte Montecristos No. 2 und machten uns mit der schokoladenfarbenen Labrador-Hündin auf den Weg zu einem Gebäude am Rande des Geländes namens Mirador, was so viel wie Aussicht bedeutet.

Wir genossen den Blick über das Tal mit seinen üppigen Kaffeeplantagen, das Jahrzehnte der Familiengeschichte miterlebt hat und Schauplatz heftiger Kämpfe während der Revolution war. Die Zigarren halfen uns, die Geschichte in unmittelbarem Bezug zum Vater meines Freundes und zu einer Handwerkskunst längst vergangener Tage zu verstehen. Bald ist es an der Zeit, den Humidor aufzustocken und die Botschaft an Zigarrenhersteller zu schicken, dass wir mehr von diesen klassischen Zigarren möchten.

Die Reifung verfolgen

In den letzten sechs Jahren habe ich Aufzeichnungen über eine Kiste Montecristo No. 2 gemacht. Jedes Jahr rauchte ich eine der Zigarren aus dieser Kiste und machte Verkostungsnotizen. Mein Ziel ist es, ihre Entwicklung über längere Zeit festzustellen. Ich möchte wissen, wann diese Zigarren den Höhepunkt ihres Geschmacks erreicht haben. Hier einige Auszüge meiner Notizen:

Erstes Jahr
Die Zigarren wurden 2007 hergestellt und ich kaufte sie im selben Jahr. Die erste Zigarre, die ich rauchte, war trotz ihres jugendlichen Alters überraschend gut. Sie zeichnete sich durch herrliche Aromen von Kakao, schwarzem Pfeffer und Holz aus.

Zweites Jahr
2008 war eine Enttäuschung für mich, denn die Zigarre schien von allen Merkmalen der Jugend geprägt zu sein. Es war schwierig, die verschiedenen Geschmacksrichtungen auszumachen, denn die Zigarre wurde zu heiß und wirkte ausdrucksloser als zuvor, hatte jedoch ein stärkeres Ammoniak-Aroma.

Drittes Jahr
Obwohl die Ammoniak-Noten im Jahr 2009 zurückgingen, waren sie immer noch stark. Nach wie vor eine Enttäuschung, aber zumindest begann sich eine cremige Textur hervorzuheben.

Viertes Jahr
2010 schienen die Zigarren schließlich ihre extremsten jugendlichen Eigenschaften abgelegt zu haben. Der Geschmack war im Vergleich zu dem, was ich erwartet hatte, weiterhin gedämpft, aber Eichen- und Zedernaromen sowie Cremigkeit machten sich bemerkbar.

Fünftes Jahr
Keine wesentlichen Veränderungen seit 2010. Nach wie vor Anzeichen der Jugend, aber zugleich auch gut ausgewogene Holzaromen und ein wenig Süße.

Sechstes Jahr
Die jugendlichen Eigenschaften sind deutlich weniger spürbar. Im Mittelpunkt stehen nun Holznoten, eine leichte Süße und eine cremige Textur mit einem Hauch von schwarzem Pfeffer, Zederntönen und leicht floralen Anklängen.

Ich nehme an, dass sich diese Zigarren nach wie vor im Reifestadium befinden und mit der Zeit noch besser werden.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Colin C. Ganley

Colin Ganley worked for Cigar Journal from 2007 to 2015 and now makes his home in Nicaragua where he heads up Cigar Tourism and Twin Engine Coffee. He ist he author of Le Snob: Cigars (2011). He also writes for cigar publications around the world, including Cigar Snob magazine, and runs the website cigarresearch.com, which is devoted to his research and writing on cigars. He developed a system for rating and reviewing cigars called the Independent Cigar Rating System (ICRS), which has been adopted by several independent reviewers and websites.


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