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felipe lopes meza explaining tobacco leaf farm turrent

Ein Tag im Leben von Felipe Lopes Meza

Wenn Sie etwas über Tabakanbau erfahren möchten, dann ist Felipe Lopes Meza der richtige Mann für Sie. Auf den Feldern der Familie Turrent geschieht nichts, worüber er nicht Bescheid weiß.

 

Nach Abschluss seines Studiums in Agrarwissenschaften traf Felipe Lopes Meza vor 35 Jahren die Entscheidung, seine große Familie an der Westküste Mexikos zurückzulassen, um eine Karriere in der Tabakindustrie in San Andrés Tuxtla, Veracruz, zu starten. Er arbeitete zehn Jahre lang für das staatliche mexikanische Tabakunternehmen Tabamex, bevor er bei der Tabacalera Alberto Turrent begann.

felipe lopes meza turrent tobacco farm work

Photo: Simon Lundh

Wir befinden uns auf einem der Tabakfelder der Familie Turrent in der Nähe der Stadt, die an einem Hang im nördlichsten tropischen Regenwald Lateinamerikas liegt. Der heute 59-jährige Felipe ist für die Bewirtschaftung der Felder verantwortlich. Es scheint, dass ihm nie der Gesprächsstoff ausgeht, besonders wenn es sich um Tabak handelt.

„In diesem Feld hier müssen wir derzeit die kleinsten Blätter pflücken, die sogenannten ,Kinder‘ am oberen Ende der Pflanzen, damit die größeren Blätter mehr Platz zum Wachsen haben“, erklärt er. „Die Kinder stehlen ja auch Nährstoffe, und das wollen wir nicht.“

Regen, Nebel, Landschaft und – zur Krönung – ein vollständiger Regenbogen schaffen ein fast mystisches Ambiente, als wir an diesem frühen Morgen von Feld zu Feld fahren, um die Anwesenheit der Beschäftigten zu überprüfen. Die Tabacalera Alberto Turrent stellt Feldarbeiter tageweise an, und so kann die Situation von Tag zu Tag anders aussehen. „Wenn es regnet, tauchen weniger Leute auf. Das Gleiche gilt im Fall von Festen am Vortag wie etwa einer Hochzeit oder einer ‚Quinceañera‘ (traditionelle Feier des 15. Geburtstags eines Mädchens), bei denen Alkohol getrunken wurde“, meint Felipe. Ein Mitarbeiter überreicht ihm die Anwesenheitsliste und er vergleicht sie mit jenen der letzten Tage. „Heute sind 199 Arbeiter auf den Feldern, also neun weniger als gestern. Das ist in Ordnung. Würde der Unterschied 30 oder 40 betragen, dann hätten wir ein Problem. Wenn wir zu wenig Beschäftigte haben, räumen wir dem Pflücken stets Priorität ein.“

felipe lopes meza turrent farm workers

Photo: Simon Lundh

Wir begeben uns zur nächsten Station, wo vier Männer mit Pferden ein Feld pflügen. „Hier graben wir den Boden um, damit die Erde atmen kann“, informiert Felipe. Gegen 8.30 Uhr fahren wir zurück zu seinem Haus, um dort zu frühstücken, bevor die zweite Runde beginnt.

Während er den Wagen lenkt, faltet er ein großes Blatt Papier auseinander, auf dem sich Informationen über jedes Feld befinden – von der Erntezeit bis zur Anzahl der Tabakblätter –, und erklärt mir jede Spalte. Dabei fährt er zügig weiter und ich behalte die Straße noch mehr im Auge als zuvor, in der Hoffnung, ich könnte seinen vorübergehenden Mangel an Konzentration kompensieren.

Schließlich treffen wir bei seinem Haus ein, wo seine Frau Maricella das Essen herrichtet. Bereits zwei Stunden zuvor begann Felipes Arbeitstag mit einer Versammlung der heutigen Belegschaft vor seinem Büro auf einem der Plätze der Stadt. Noch in der Morgendämmerung delegierte er Aufgaben an die verschiedenen Team-Leader. „Wir besprechen jeden Morgen mit den Gruppenleitern und Fahrern, was zu tun ist. Diese bringen die Teams dann zu ihrem jeweiligen Abeitsbereich, wo sie die ihnen zugeteilte Aufgabe erledigen.“

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Photo: Simon Lundh

Felipe macht sich frisch, während Maricella das Frühstück serviert. Die beiden trafen einander kurz nach seiner Ankunft in San Andrés. „In welchem Jahr haben wir gleich noch mal geheiratet?“ fragt er seine Frau mit einem etwas beschämten Lächeln. „Ich vergesse das immer.“ Und sie antwortet routinemäßig: „Du bist 1980 hergekommen und wir haben zwei Jahre danach geheiratet, also 1982.“

Bald darauf erblickte ihr erster Sohn Felipe das Licht der Welt. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und ist nun als Agrarwissenschafter für die Stadt tätig. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Salvador arbeitet als Chemiker in einem Krankenhaus. „Ich wollte stets, dass meine Söhne mehr erreichen als die Menschen, die ich tagtäglich in den Feldern arbeiten sehe, und Gott sei Dank ist ihnen das gelungen. Eines Tages werde ich in Pension gehen und vielleicht wird mein Sohn dann meinen Job bei der Familie Turrent übernehmen.“

Am Sonntag geht Felipe manchmal auch in die Kirche. Er ist katholisch und hat, wie er mir erzählt, Zeichen gesehen, dass Gott existiert. „Wenn gewisse Dinge in meinem Leben passieren, dann wende ich mich an San Judas Tadeo (der Apostel Judas Thaddäus*). Ich baue zum Beispiel Bohnen an, und einmal regnete es zur Erntezeit. Es ist nicht gut, wenn die Bohnen nass werden. Aber wir richten uns jedes Jahr mit Gebeten und Gesängen an ihn und aufgrund dieser Hingabe blieb mein Feld trocken, während auf andere der Regen fiel. Es heißt, der Glaube kann Berge versetzen, und mein Glaube ist groß.“

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Photo: Simon Lundh

Wie sich herausstellt, ist Felipe selbst so eine Art Heiliger beziehungsweise ein Schutzengel für Nichtschwimmer. „Ich schwimme sehr gern und habe mindestens vier Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Vor kurzem sah ich eine Person, die in einem Fluss die Kontrolle verlor und da niemand etwas tat, eilte ich zu Hilfe. Dann gab es da einen Buben, der in einen Swimming-Pool sprang und nicht wieder auftauchte. Ich war etwa 30 Meter entfernt und schwamm schnell rüber, um ihn herauszufischen.“

Die zweite Runde endet vor dem Lunch, die dritte um 15.30 Uhr. Sobald die Arbeiter ihr Tagespensum erfüllt haben, fährt Felipe zurück ins Büro, um die Pläne für den nächsten Tag zu erstellen. Auf einer bekritzelten Weißwandtafel finden sich in etwa die gleichen Informationen, die er mir zuvor während der Autofahrt gezeigt hatte. „Das ist eine Zusammenfassung all der Aufgaben, die an einem Tag erledigt werden: Hier steht das Datum, was auf wie viel Hektar gepflanzt wurde, ob es sich um Sumatra-, San Andrés- oder Habano-Deckblätter handelt, wann der Boden gedüngt wurde und so weiter“, erklärt er mir erneut. Nach der Arbeit fahren wir zu seinem Haus zurück, wo er sich gewöhnlich ausruht und fernschaut, bevor das Abendessen bereit ist.

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Photo: Simon Lundh

San Andrés ist nach 34 Jahren zwar seine neue Heimat geworden, aber er sehnt sich ganz offensichtlich nach dem Ort, an dem er aufwuchs und wo seine gesamte Familie immer noch lebt. Wenn er darüber spricht, bezeichnet er diesen als „mi tierra“ – mein Land. Auf meine Frage, was er von seinem „tierra“ am meisten vermisst, nennt er zuerst einmal das Essen.

„Dort wo ich herkomme, gibt es viele Gerichte mit Fisch und Meeresfrüchten, wie Shrimps-Cocktail, Ceviche, ,Zarandeado‘ (eine spezielle Art von mariniertem Fisch, wörtlich: geschüttelt) und ,Pozole‘ (traditionelle, mexikanische Suppe) mit Garnelen.

Solche Speisen vermisst man natürlich. Für gutes ,Zarandeado‘ braucht man ,Leña de Manga‘, eine spezielle Art von Brennholz, das dem Seebarsch einen besonderen Geschmack verleiht, und das gibt es hier nicht. Die ,Birria‘ (mexikanischer Eintopf, traditionellerweise mit Ziegen- oder Schaffleisch) schmeckt auch anders. Nach meiner Ankunft in San Andrés vertrug ich das Essen nicht, wurde krank und nahm zwölf Kilo ab. Glücklicherweise gab meine Mutter meiner Frau ein paar Rezepte. Und sie gibt ihre Rezepte nicht jedem! Aber sie wollte, dass ihr Sohn gutes Essen bekommt, selbst wenn er so weit weg wohnt.“

felipe lopes meza family afternoon group portrait

Photo: Simon Lundh

Felipe wuchs mit acht Geschwistern auf und ist der einzige, der beschloss, an der Universität zu studieren. Um dieses Vorhaben zu realisieren, musste er arbeiten, denn sein Vater war ein Farmer und die Familie hatte nicht viel Geld.

Und so half er während seines Studiums jedes Wochenende sowie in den Ferien seinem Bruder auf dem Markt aus – etwas, das er auch schon in der Hauptschule tat.

„Mein Vater musste elf hungrige Mäuler stopfen und ich verkaufte deshalb auch schon zuvor Kaugummi und putzte Schuhe. Zu meinen Studienzeiten waren wir an den Wochenenden gewöhnlich von 3.30 bis 18 Uhr mit dem Entladen von Lieferwägen und anderen Dingen beschäftigt. Alle meine Geschwister arbeiteten. Ich war der einzige, der von zu Hause weg ging – aber es hat sich gelohnt. Ich hab viel erreicht und …“

Plötzlich verschlägt es ihm die Stimme und er schaut weg.

Nach einer Weile sieht er mich an und trommelt mit seiner rechten Faust auf die linke Seite seiner Brust.

Ich bin stolz auf meine Familie

Erst nach ein paar Sekunden wird mir die Bedeutung dieser Geste bewusst, nämlich, dass er seine Familie stets in seinem Herzen trägt.

„Er wird sentimental, wenn er über die alten Zeiten spricht“, höre ich seine Frau aus der Küche rufen. Felipe blickt erneut weg und starrt an die Decke. Er ist den Tränen nahe und es dauert ein wenig, bis er die Sprache wiederfindet. „Ich bin stolz auf meine Familie und werde emotional“, meint er schließlich.

Obwohl er seinen Job liebt, hat er nicht mehr lange Zeit, diesen auszuüben, denn er könnte im Grunde schon nächstes Jahr in Pension gehen. „Bei Personalknappheit kann es stressig werden. Wenn niemand da ist, um die Blätter aufzuhängen, dann können wir nicht ernten und so weiter und so fort. Ich hab sehr viel Verantwortung. Ich will mich zur Ruhe setzen, damit mein Sohn meine Arbeit übernehmen kann, aber wenn ich das jetzt tue, würde ich nur 65 Prozent meines derzeitigen Gehalts bekommen.“

„Wenn ich erst mit 65 in Pension ginge, dann wären es 100 Prozent. Dann wiederum bedeutet das fünf weitere Jahre Arbeit und man möchte sein Leben ja auch genießen. Ich würde zum Beispiel gerne meinen eigenen Mais, Bohnen und Tabak anbauen. Oder vielleicht sogar ein Fischrestaurant eröffnen. Wer weiß. Manche Leute werden krank, wenn sie nichts tun – man muss also aktiv bleiben.“

 

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Photo: Simon Lundh

* Judas Thaddäus ist einer der zwölf Apostel und gilt als Helfer in verzweifelten Situationen und bei schweren Anliegen. Besondere Verehrung wird ihm aufgrund der Wirtschaftslage und Kriminalität gerade in den letzten Jahren in Mexiko zuteil. (Quelle: www.heiligenlexikon.de)

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Winter-Ausgabe 2015 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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