• en
  • de
blank

Heinrich Villiger im Gespräch über das internationale Familienunternehmen Villiger

Im Mai dieses Jahres wurde Heinrich Villiger 85 Jahre alt. Der Zigarrenhersteller aus der Schweiz hat fast 65 Jahre lang nicht nur das Unternehmen Villiger Söhne geprägt, sondern ein Tabakwissen erworben, das seinesgleichen sucht. Im Interview anlässlich seines Geburtstages betont er die Rolle seines Vaters, der mit seinen Ratschlägen die Basis für dieses Tabakwissen geschaffen habe, wovon er heute noch zehre.

Photo: Villiger Söhne

Photo: Villiger Söhne

Nach seinem Abitur 1950 in Neuchâtel war ein gewünschtes Rüstzeug geschaffen: vor allem die Sprachen Englisch und Französisch. Im zweiten Schritt schickte ihn sein Vater für eineinhalb Jahre nach Nord-, Mittel- und Südamerika und in die Karibik, wo er den Rohtabak von der Pike auf kennenlernen sollte. In Maryland, South und North Carolina sowie Virginia nahm er an den Auktionen für Zigarettentabake teil, denn Villiger Söhne hatte damals im schweizerischen Münsingen noch eine Beteiligung an einer Zigarettenfabrik. Connecticut (Connecticut Shade) und Broadleaf in Hartford, Massachusetts, das in Deutschland als Deckblatt verarbeitet wurde, waren die nächsten Stationen.

Kuba lernte Villiger vor der Revolution kennen, in der Dominikanischen Republik volontierte er beim Vater von Hendrik Kelner, der später die Davidoff-Produktion aufbaute. In Europa war er eine Saison in Amsterdam an der Tabakbörse tätig, anschließend mit Austria Tabak in der Türkei zum Einkauf von Orient-Tabaken unterwegs. Seine „Feuertaufe“ kam mit der Aufhebung des Maschinenverbots 1958 für Deutschland, wo Villigers Großmutter Louise 1910 eine Niederlassung gegründet hatte. Villiger Söhne verwendete als erstes Unternehmen in Deutschland Strangmaschinen für die Wickelherstellung, das waren umgebau- te Zigarettenmaschinen, um die Produktion zu rationalisieren.

Damit folgte der nächste Schritt zum rekonstituierten Tabak-Umblatt. Vielfach fälschlich als HTL (Homogenized Tobacco Leaf) bezeichnet, jedoch eigentlich ein für Bandtabak eingetragenes Warenzeichen von General Cigar. Heinrich Villiger begleitete all diese Schritte der Mechanisierung, ohne die Villiger Söhne im Weltwettbewerb nicht hätte überleben können. 2014 produzierte das Unternehmen 1,5 Milliarden Zigarillos und Zigarren, ein Anteil davon sind Handelsmarken. Das entspricht in Deutschland einem Marktanteil von 24 Prozent, in Spanien von 21 Prozent und in der Schweiz von 40 Prozent.

Herr Villiger, Sie blicken auf 65 Jahre Beruf(ung) zurück. Gibt es Entscheidungen, die Sie heute anders fällen würden?

Ich würde nicht mehr in das Fahrradgeschäft einsteigen. Mein Bruder und ich hatten in der Schweiz ein kleines Unternehmen gekauft und erhebliche Mittel in die Erweiterung investiert. Aber die Fabrik brannte ab, der Wiederaufbau war teuer. Und auch der Kauf der Diamant-Fahrradwerke in der ehemaligen DDR kostete uns viel Geld. Ende der 90er-Jahre haben wir das Fahrradgeschäft liquidiert. Es war ein finanziell teures Engagement, wir bauten hervorragende Räder, natürlich auch mit viel Herzblut. Das wäre besser im Tabakgeschäft investiert gewesen.

Ihr Unternehmen liegt im Absatzvergleich unter den größten zehn der Weltrangliste. Wie behauptet sich Villiger Söhne gegen die Großkonzerne?

Wir machen es anders als die anderen, suchen Marktnischen. 97 Prozent des Tabakwarenmarktes sind Zigaretten und werden beherrscht von vier Weltkonzernen und dem chinesischen Tabak-Monopol. Diese Konzerne produzieren aber auch Zigarren und Zigarillos und gehören somit zu unseren Mitbewerbern. Aber Zigarren gehören nicht zu ihrem Kerngeschäft. Durch unsere Vielzahl von Produkten können wir viele Kundenwünsche befriedigen, auch in kleinen Ländern.

Die Anfeindungen durch Politik und Öffentlichkeit erschweren Ihren unternehmerischen Erfolg. Fühlen Sie sich persönlich angegriffen?

Wenn ich den Tag abends mit meiner Frau bespreche, muss ich angesichts des Unverständnisses der Politik den Kopf schütteln. Für ein so altes Familienunternehmen, das mit so viel Herzblut und Engagement handelt, ist es frustrierend zu sehen, wie die Politik mit massiven Restriktionen unsere Produkte torpediert. Leider werden wir dabei mit den Weltkonzernen, die vorwiegend Zigaretten herstellen, in einen Topf geworfen. Einmal wurde ich nach einer TV-Talkshow, wo ich die Zahl der Passivrauchertoten anzweifelte, sogar vor Gericht gebracht. Glücklicherweise hatte der Richter ein Einsehen und be- wertete es als freie Meinungsäußerung.

Mit 85 Jahren sind Sie noch voll im operativen Geschäft aktiv. Welche Weichen haben Sie für die personelle Zukunft Ihres Unternehmens gestellt?

Wir haben eine sehr einfache Führungsstruktur. Die verschiedenen Unternehmen in der Schweiz, in Deutschland, in Indonesien und USA sind in der Villiger Söhne Holding AG zusammengefasst. Wir haben einen dreiköpfigen für das operative Geschäft verantwortlichen Verwaltungsrat, der die Gruppe mit zwei Geschäftsführern, je für Technik und Marketing, führt. Ich kann mich auf das konzentrieren, was mir Freude macht, oder dort, wo „es brennt“, was auch hin und wieder vorkommt. Wir haben auch eine tatkräftige Frau im Verwaltungsrat, Dr. rer. nat. Hubertine Underberg, Präsidentin des Verwaltungsrates der Underberg AG. Zurzeit absolviert eine meiner Enkelinnen, die mich im Februar nach Santo Domingo und Kuba begleitet hat, ein Management-Trainee-Programm durch alle Abteilungen des Unternehmens, und eine zweite Enkelin arbeitet in der Marketing-Abteilung in der Schweiz.

Welche privaten Wünsche möchten Sie sich noch erfüllen?

Es ist ein unrealistischer Wunsch, aber mir würde eine karibische Insel vorschweben, wo ich fischen und angeln kann. Mein Motorrad habe ich nach 45 Jahren Tourenfahrten quer durch Europa und auch in Amerika und Afrika mit Tränen in den Augen verkauft. Treu bin ich jedoch meinem Mountain Bike geblieben. Und die Jagd bringt mir nach wie vor viel Freude und Abwechslung.

Mit wem und warum würden Sie gern einen Abend bei einer Zigarre verbringen und was wären die Gesprächsthemen?

Wir würden eine gute Zigarre mit einem feinen Whisky genießen, und die ganzen Tabakgegner wären ausgeschlossen, denn die sind in der Regel „emotional aufgeladen“. Wenn er noch lebte, würde ich gern Ernest Hemingway treffen. Die Themen wären: Zigarren, Jagen und Fischen.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2015 veröffentlicht. Mehr

Frank Hidien

From 1997 to 2005, Frank Hidien was editor in chief for the German magazine Pipe & Cigar and has since been working as a freelance journalist. He is Cigar Journal’s correspondent in Germany, and for other publications he writes on subjects related to gastronomy.


Newsletter

    Related posts

    One Comment;

    1. Pingback: Heinrich Villiger gibt Führungsposition als CEO ab | Cigar Journal

    Comments are closed.

    Top