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Tabakanbau: Setzlinge werden in den Boden gepflanzt

Tabak Provenienz: Connecticut

In dieser Serie stellen wir die wichtigsten Anbaugebiete für Zigarrentabak vor. Dieser wächst bekanntlich nur in eng umgrenzten, mit günstigem Klima und entsprechenden Böden gesegneten Landstrichen dieser Erde. Dazu kommen Kunst und Erfahrung der Tabakbauern, Experten und Techniker, die alle zusammen für die edlen goldbraunen Blätter sorgen, die uns wohlverarbeitet Genuss und Freude bereiten. Denn so weiß der Kenner – es gibt keine guten Zigarren mit schlechtem Tabak.

Welcher Aficionado kennt sie nicht die schönen, hellbraunen, seidenweichen, fast goldenen Connecticut Shade-Deckblätter? Nahezu alle bekannten Marken aus der Dominikanischen Republik sind damit umhüllt. Connecticut Shade, Connecticut Broadleaf und neuerdings Connecticut Havanna sind Tabake, die in mehrfacher Weise bemerkenswert sind. Ein schmaler, 75 Meilen langer Streifen im Connecticut River Valley südlich der Grenze zu Massachusetts ist die Heimat des einzigen Weltklasse-Zigarrentabaks der USA. Noch dazu sind es meist Deckblätter, die hier produziert werden – die Königsklasse im Tabakanbau.

Mein Chefredakteur tippt auf den Globus: „Diesmal geht’s weiter nördlich, definitiv nicht in die Tropen“- oder Sub-Tropen, wo ich bisher meist in Tabaksachen unterwegs war. Connecticut liegt an der Ostküste der USA zwischen New York und Boston. Bei näherer Betrachtung auch wieder nicht so weit nördlich gelegen, wenn man bedenkt, dass sich New York etwa auf der gleichen geographischen Breite wie Neapel befindet.

Im Reich von General Cigar und der Familie Cullmann

Ich bin froh, im klimatisierten Amtrak-Waggon zu sitzen, der pfeifend die Penn-Station in New York Richtung Norden verlässt. In weniger als drei Stunden wird er mich ins Herz Neu Englands, nach Hartford, der Hauptstadt des ,Constitution States“, bringen. Die Häuserschluchten Manhattans sind bald hinter uns, Wohn- und Industrieruinen weichen freundlicherem Grün. Die Zeiten, da man sich mit Zigarren, Bourbon und einer Poker-Partie im Salonwagen die Zeit vertrieb, sind leider vorbei. So habe ich Gelegenheit, mich etwas einzulesen: Der erste Europäer, der des Connecticut-Flusses ansichtig wurde, war der Holländer Adriaen Block im Jahre 1614. Hier verlief damals die Grenze zwischen Neu-Holland und Neu-England. Englische Siedler kamen bald nach. ,,Connecticut“ ist die Verballhornung von „quinetucket“, was in der Sprache der Algonquin-Indianer so viel wie „langer Gezeiten-Fluss“ heißt.

Tatsächlich führt der Fluss besonders nach der Schneeschmelze gewaltige Mengen an Schlamm mit sich von so weit her wie Quebec in Kanada und hat im Verlauf der Jahrtausende Long Island vor seiner Mündung aufgeschüttet. Für die Schifffahrt ein Hindernis, für die Tabakfarmer nördlich von Hartford eine Freude. Die Gletscher, die sich einst Richtung Süden wälzten, hinterließen schlammige Böden – ideal für den Tabakanbau. Diesen gab es allerdings nicht in der heutigen Form ohne die Pionierarbeit der Familie Cullman durch fünf Generationen hindurch und in der Folge von General Cigar, ein Unternehmer, das heute zum Imperium des Konzerns Swedish Match gehört.

Vor mehr als 150 Jahren wanderte der deutsche Kaufmann und Weinhändler Ferdinand Kullmann in die USA aus. Seinen Namen anglisierte er bald auf Cullman. Bereits er interessierte sich für Zigarren. Sein Sohn Joseph stieg ins Tabakgeschäft ein, das aber erst unter dessen Nachfolger Joseph Jun. so richtig zu blühen begann. Damals baute man in Connecticut dunkle Deckblätter an. Joseph Jun. organisierte Havanna Seed und pflanzte ihn auf den flachen, fruchtbaren Feldern des Connecticut River Valley. Sein Vater dachte, er sei verrückt, ließ sich aber überzeugen, da die helleren Deckblätter bei den Konsumenten gut ankamen.

Und so wurden die Cullmans die größten Deckblattproduzenten im Bundesstaat. Edgar Cullman Sen., der jahrzehntelange Patriarch von General Cigar, der seine Lehre bei H. Anton Bock begann, kaufte unermüdlich Marken (z. B. Macanudo, Ecxalibur, El Credito oder Don Sebastian) und Fabriken und schuf ein ganzes Zigarrenimperium. Edgar Cullman Jun, setzte die Familientradition fort. Alle haben ihr Geschäft von der Pike auf gelernt, allen fünf Generationen ist die Liebe zum Tabak gemeinsam. Joseph Cullman Jun.: Du brauchst ein Gespür für den Tabak, für seine weichen, seidigen Blätter – entweder du hast es, oder nicht.“

Angel Daniel Nuñez

Einer, der dieses Feeling zweifellos hat, ist Daniel Núnez, jetzt viel beschäftigter COO von General Cigar. Mittlerweile ist er mehr im Flugzeug zuhause als in den Tabakfeldern. Daher habe ich Glück, ihn in seinem Büro in Bloomfield, ein paar Meilen nördlich von Hartford unweit der Interstate 91, anzutreffen. Es empfängt mich ein freundlicher, kräftiger Mann, Mitte 50.Man sieht, er hat Jahrzehnte in den sonnigen Tabakfeldern verbracht. In seinem Schnurrbart stehen schon erste Silberfäden, immer wieder huscht ein breites Lächeln über sein Gesicht. Eine Macanudo Hyde Park aus der Café-Serie, harmonisch, mild, cremig am Gaumen, schafft eine entspannte Atmosphäre, ebenso mein Hinweis auf seine Lehrmeister, die ich teilweise auch gekannt habe: Ramón Cifuentes, Alfons Mayer oder Edgar Culmann Sr. Ja, Daniel Nunez, der wohl in der DominikanischenRepublik, aber nicht direkt in einem Tabakfeld geboren wurde, ist durch eine harte Schule gegangen.

Der unerbittlichste war wohl Ramón Cifuentes aus alter kubanischer Tabakdynastie, der ihm Pünktlichkeit – heute ist Daniel Núnez immer noch oft schon um 6 Uhr in der Früh an seinem Arbeitsplatz anzutreffen – extreme Sauberkeit auf dem Feld und in den Scheunen und ein umfassendes Wissen über Tabak vom Samen bis zur Fermentierung eingebläut hat. Ein großer Motivator war natürlich auch Edgar Cullman Sen. Daniel Núnez ist kein Mann großer Worte, eher ein Mann der Tat, und so sitzen wir bald in seinem SUV unterwegs zur ,,Farm 3“ von General. Er outet sich als Autofreak, der sich schon als junger Mann sein Taschengeld mit Reparaturen und Tuning verdient hat. Mit dem ersten Geld erstand er einen Ford Mustang, heute fahrt er einen Audi.

Am Anfang helfen noch Propangasöfen bei der Trocknung in der Scheune | Photo: Sebastian Zimmel

Schon von weitem sieht man inmitten der grünen Fluten die riesigen weißen Zelte, die über die Felder mit Shade (Schatten) Tabak gespannt sind. Mehr als 1200 Acres (1 Acre-4047 m’), davon 260 eigene, bewirtschaftet General Cigar. Es ist Ende Juli und die Ernte ist schon voll im Gang. Von einem Trupp Pflücker werden wir freundlich begrüßt. Die Arbeit im Tabakfeld ist kein Picknick. Insbesondere das „Suckering“, wo die unteren Blätter entfernt werden, damit die oberen besser wachsen können. Hier arbeitet man sich in gebückter Haltung auf lehmigen Boden bei sauna-artigen Temperaturen durch die Tabakstauden.

Daniel Núñez sieht klein aus neben den in den unteren Lagen schon ziemlich gerupften Pflanzen, deren Spitzen mit Draht an das Dach des Zeltes gebunden sind. Kleine Schweißperlen stehen auf seiner lichten Stirn, als er ein schönes Blatt gegen die Sonne hält. Es greift sich weich, seidig, leicht klebrig an.Er ist zufrieden. ..Lass den Tabak zu dir sprechen“, hat ihm einer seiner Lehrer mitgegeben …

Wenn der Tabak lächelt, kannst du es förmlich sehen.“ Erst im Juni waren die Tabaksetzlinge auf den gut vorbereiteten Boden gepflanzt worden. Connecticut Shade, lerne ich, ist eine , Hazelwood-Variante kubanischen Tabaks, der einst mit Sumatra gekreuzt wurde. Die ersten Versuche waren nicht sehr ermutigend, bis jemand bemerkte, dass Sumatra unter einem natürlichen Wolkenschild gedeiht. Diesen ahmen die Zelte nach, und so kommt es zu diesen schönen, hellen, dünnen und seidigen, feinadrigen Blättern. Während der Wachstumsperiode erhält Connecticut mehr Regen als Kuba im Winter. Und gerade Deckblätter brauchen mehr Regen als Filler-Tabake.

Goldener Connecticut Shade – Dunkler Broadleaf

Goldene Connecticut Shade Deckblätter

Der Lohn der Mühe: Herrliche, goldene Connecticut Shade-Deckblätter | Photo: Sebastian Zimmel

In mehreren Primings (Pflückungen), zwischen denen oft einige Tage liegen können, arbeiten sich die Pflücker von unten nach oben die Pflanze entlang. Ein Unikum ist in Connecticut zu sehen: Damit die empfindlichen Blätter ja nicht verunreinigt werden oder mit dem Boden in Berührung kommen, werden sie auf eine lange Matte zwischen den Pflanzenreihen gelegt. Diese wiederum wird von einem der Pflücker mit einer Fahrrad ähnlichen Apparatur weiterbewegt, bis die Bündel in Körben geschlichtet werden.

Unterwegs zu einer Trockenscheune halten wir bei einem Feld Connecticut Broadleaf. Dieser wächst in der freien Sonne und wird im ganzen Stamm geerntet. Die Blätter sind dicker, gröber, kleben richtig bei Berührung, fast wie Fliegenpapier. Dennoch ergeben sie bei richtiger Behandlung gute Umblätter oder auch dunkle, süße Maduro-Deckblätter. Mit sichtlichem Stolz betrachtet Daniel Núñez die Trockenscheune, vor der wir stehen. Sie ist rund 60 Meter lang und 12 Meter breit und hoch. ,Ein Bentley unter den Scheunen.

Und schon seine 100.000 US-Dollar wert. Das macht es auch erklärlich, warum Connecticut Shade so teuer ist. Eine Casa del Tabaco in der Karibik kostet einen Bruchteil; ebenso sind die Löhne dort wesentlich niedriger. Tabak von drei kann in so einer Scheune trocknen – und General füllt 125 davon jedes Jahr mit Shade-Tabak. Ein Pfund Deckblatt kann schon 50 Dollar kosten und ist so eines der teuersten landwirtschaftlichen Produkte überhaupt.

Mit einer Riesennähmaschine werden Blattpaare zusammengenäht. 22 kommen auf eine Stange und werden in bis zu 13 Etagen mit entsprechendem Abstand in die Scheune gehängt. Oft schon (aber meist vergebens) hat man versucht, Connecticut Shade anderswo zu pflanzen – in der Dominikanischen Republik, in Costa Rica, Honduras, Mexiko -sogar in Kuba. Aber nirgends gelang es, Farbe, Textur oder Aroma zu kopieren. Am ehesten gelingt das noch in Ecuador.

Bei der ersten Phase der Trocknung, die 6 bis 7 Tage dauert, helfen noch Propangasöfen, die rund um die Uhr bewacht werden. Ein intensiver, dichter Geruch steht in der Scheune. Später geht man zur Luftrocknung über, wo durch ein ausgeklügeltes System an Lüftungsklappen der hygroskopische Tabak die Feuchtigkeit, die er am Abend aufgenommen hat, untertags wieder abgibt. Und nach sechs Wochen im Schuppen hat sich das helle Grün der Blätter in ein schönes helles Braun verwandelt. Je zwei Stangen, das sind 44 Blätter, werden in Kartons geschlichtet und gehen auf die Reise in die Dominikanische Republik, wo der arbeitsaufwändige Fermentationsprozess beginnt. Mehrfach werden die Blätter aufgeschichtet, sortiert, verpackt und monatelang gelagert. Das im Detail zu schildern ist wohl eine andere Geschichte.

Einen ganz besonderen Prozess durchlaufen die Macanudo-Deckblätter. Diese kommen verpackt und fermentiert wieder zurück in ein Winterquartier nach Hartfield, Massachusetts. Dort werden sie noch milder, weicher, harmonischer. Einen Blick darf ich noch auf die Versuchsstation in Bloomfield werfen. Sonnengereifter Connecticut Havanna Seed ist das

Missing Link zwischen Broadleaf- und Shade-Tabaken-reich an ätherischen Ölen, voller Aroma, würziger als Broadleaf. Zurück in New York lasse ich in einem weichen Lederfauteuil in Manhattans Upper East Side im exklusiven Club Macanudo meine Reiseeindrücke Revue passieren. Als ich dem Rauch meiner mächtigen Macanudo Gold Label Lord Nelson nachblicke, fällt mir Kate Cullman-Hedges aus der Tabakdynastie ein, mit der ich vor Jahren an der Spitze des World Trade Centers gestanden bin. ,,Du musst den Tabak lieben“, gab sie mir auf den Lebensweg mit – und so habe ich es bis heute gehalten.


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