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Abe Flores PDR Cigars

PDR Cigars-Gründer Abe Flores über seinen Weg in die Zigarrenbranche

„Haben sie dieses Zimmer gesehen?“ Die Begeisterung ist Abraham Flores, Besitzer und Grüner von PDR Cigars, förmlich ins Gesicht geschrieben, als er die Tür neben seinem Büro öffnet. „Es gibt wohl nicht viele Leute, die einen Proberaum in ihrer Fabrik haben“, verkündet er, schnappt sich eine elektrische Bassgitarre und zupft an den Saiten. Sein Studio ist komplett ausgestattet – mit Schlagzeug, vier Keyboards, Gitarren, Bass, Kontrabass, Verstärker, Aufnahmegeräten und natürlich einem Sitzbereich samt großen Aschenbechern. „Ich begann mit einem Rollertisch, fügte Sofas und ein Sound-System hinzu und dann dachte ich mir, ich könnte doch eine Schalldämmung anbringen und das Zimmer in einen Proberaum verwandeln, wo wir Zeit verbringen und Zigarren rauchen können. Und das tat ich auch.“ Musik spielte immer schon eine wichtige Rolle in seinem Leben, einst so sehr, dass er professioneller Musiker werden wollte.

Es begann als Abe 14 Jahre alt war, dank seiner Sprachlehrerin an der High School in Salem, Massachusetts. „Sie kam aus Chile, unterrichtete Englisch als zweite Sprache und eines Tages brachte sie uns in den Hörsaal. Ich war hin und weg als ich all die Instrumente dort sah. Als sie mich fragte, ob ich eines davon mit nach Hause nehmen wolle, flippte ich fast aus. Ich war ja nur ein armer Junge aus der Dominikanischen Republik und da sagt mir diese Frau, ich könne einfach ein Instrument auswählen.“

Etwa zehn Jahre zuvor hatte die Familie beschlossen, dass Abes Vater samt Kindern in ihr Heimatland zurückkehren und dort einen Gemischtwarenladen eröffnen würden. Seine Mutter würde unterdessen in New York bleiben, in einer Textilfabrik arbeiten und Geld nach Hause schicken. „Ich glaube, sie fanden, dass New York damals zu gefährlich war – zu viel Verbrechen und Drogen.“ Schlussendlich lebte Abe jedoch nicht mit seinem Vater in der Hauptstadt Santo Domingo. Stattdessen zogen er und seine Schwester zu den Großeltern in die Bergregion Bonao, wo er von klein auf in der Landwirtschaft mithelfen musste. Er war davon nicht wirklich begeistert.

„Welches Kind mag denn schon gerne frühmorgens aufstehen und mit einem Maultier in die Berge aufbrechen, um dort bei der jeweiligen Ernte der Saison zu helfen? Wir taten, was notwendig war, um Brot auf dem Tisch zu haben. Jedes Jahr verbrachten wir einen Monat mit unserem Vater (in Santo Domingo) und ein Mal sogar ein ganzes Schuljahr, was ich viel mehr genoss. Aber es war schwierig für ihn, sich sowohl um sein Geschäft als auch um uns zu kümmern.“

So musste Abe lernen, wie man Tiere schlachtet. „Ich kann ein Huhn töten, das ist okay. Doch meine Großmutter gab mir ein Ferkel zum Aufziehen, und als es groß war, sagte sie mir, ich solle es schlachten. Das war furchtbar. Ich hab sogar noch ein Foto, wo ich auf diesem Schwein reite. Als ich älter war, brachte mir mein Großvater bei, wie man eine Kuh mit einer Machete tötet. Das ist viel schwieriger, denn ein Schwein muss man nur ausbluten. Ich konnte die Kuh nicht richtig töten. Alle meine Cousins hatten das schon einmal getan und schauten zu. Ich weinte und die Kuh schrie. Das war nicht die Art von Leben, die ich mir vorstellte.“

Abes Großeltern kultivierten alles Mögliche auf ihrer Farm, darunter auch Tabak. Wie so viele andere Zigarrenhersteller, wuchs Abe also mit Tabak auf. Mit dem einzigen Unterschied, dass er es hasste und nie wieder eine Farm sehen wollte, als er im Alter von 14 mit seinem Vater und seiner Schwester in die USA zurückkehrte. „Nie wieder, schwor ich mir, und war so froh, zu gehen!“

Sie landeten in Salem, Massachusetts, und an jenem Tag im Hörsaal wählte Abe schließlich ein Cello aus. „Eigentlich wollte ich ja den Kontrabass, aber ich wusste nicht, wie ich den im Bus zur Schule und zurück nach Hause bringen sollte.“ Seit diesem Tag wollte er Musiker werden. Er spielte im Schulorchester, sparte Geld, um einen E-Bass zu kaufen, gründete eine Heavy Metal-Band und entdeckte danach sein Interesse für Jazz. Schließlich erhielt er ein Stipendium an der Universität of California in Berkeley. Sein Vater war davon allerdings nicht begeistert.

„Er sagte einfach nein“, erinnert sich Abe. „Ich hatte auch ein volles Fotografie-Stipendium für Mass Art (Massachusetts College of Art and Design)und wir fuhren hin, um uns die Universität anzuschauen. Als mein Vater all die Hippies dort sah, sagte er nur, ich solle mir einen ,normalen‘ Job suchen. Er sagte ebenfalls nein, als ich der Luftwaffe beitreten wollte. Er selbst hatte einen ziemlich hohen Rang beim Militär während der Ära von Trujillo (Diktator der Dominikanischen Republik, 1930–1961), wollte aber nicht, dass ich diesen Weg einschlage. Wie alle anderen, wurde er dazu gezwungen – damals hatte man nur zwei Optionen.“

So studierte Abe Flores stattdessen Medizin, doch die Liebe zur Musik blieb und gewann die Oberhand. Wegen Karpaltunnelsyndrom musste er zwar mit dem Cello-Spielen aufhören, Bass war allerdings kein Problem. Mit der Gründung seiner Band Edable Gray nahm seine Musikerkarriere so richtig ihren Beginn. „Mein Englisch war damals nicht sehr gut und ich schrieb das Wort ,edible‘ (essbar, genießbar) falsch. Die anderen Bandmitglieder fanden das lustig, und so blieben wir dabei. Wir hatten einen Sänger und Rapper und spielten einen Mix aus Rock, Soul, R & B und Funk. Wir brachten zwei Alben raus, die nach wie vor auf iTunes und Spotify erhältlich sind.“

Sie waren ziemlich erfolgreich und traten mit vielen größeren Bands wie e Mighty Mighty Bosstones, Blessid Union of Souls und Kinky auf, aber wie das bei so vielen Gruppen der Fall ist, kamen bald Egos mit ins Spiel. Als der Sänger einmal zu oft nicht bei einem Konzert erschien, war das Abenteuer vorüber. „Das Label hatte uns gesagt, dass sie uns fallen lassen würden, wenn das erneut passiert, und so war es “, erklärt Abe. „Wir versuchten, nur mit dem Rapper aufzutreten, aber das klang furchtbar und deshalb entschied ich: Das war’s.“

Nachdem Medizin nicht wirklich sein Ding war und der Internet-Boom sich anbahnte, beschloss Abe, ins Tech-Business einzusteigen. Nebenbei verkaufte er Zigarren an seine Arbeitskollegen. „Mein Cousin regte mich dazu an. Er arbeitete in einem italienischen Restaurant in New York, reiste immer wieder in die Dominikanische Republik und brachte Zigarren mit zurück, die er an seine Kunden verkaufte.“ Er ist auch derjenige, dem Abe seine erste Kostprobe von Premiumtabak zu verdanken hatte – an einem Tag, der sich als dramatisch erweisen sollte. „Ich war damals 16 und wir machten Urlaub in der Dominikanischen Republik. Wir schwammen in einem Fluss und grillten auf einem Felsen, als jemand plötzlich eine weiße Masse vom Berg her- unterstürzen sah. Es kam zu Überschwemmungen – fast so wie ein Tsunami! Also schnappten wir die Kinder und machten uns schnell davon. Später lasen wir, dass drei Menschen gestorben waren.“

Abe startete im Bereich Online-Werbung, als eine Stelle beim Zigarren-Webshop Tinder Box frei wurde. „Dann begann Google das, was wir taten, billiger anzubieten und so schloss das Unternehmen, für das ich arbeitete. Ich bekam ein Angebot, nach Kalifornien zu ziehen, aber nachdem ich Zigarren rauchte empfahl man mir, mich um einen Job bei einem Zigarrenunternehmen umzuschauen. Ich kümmerte mich um den Website-Aufbau und schließlich tauchten Leute wie Rocky Patel auf, die meine Arbeit sehen wollten. Gleichzeitig machte der Einkäufer bei Tinder Box rein gar nichts, also sagte ich ihnen, dass ich seinen Job übernehmen könnte. Sie feuerten ihn und ich baute langsam direkten Kontakt mit den Kunden auf, reiste in alle Fabriken und fing an zu lernen.

“
So war er also plötzlich im Zigarrengeschäft gelandet. „Noch bevor ich bei Tinder Box aufhörte, begann ich mit den drei Rodriguez-Brüdern zu arbeiten, die ein Unternehmen namens Don Leoncio in New Orleans besaßen. Ihre Zigarren waren okay, aber inkonsistent und nichts Besonderes.“ Abe Flores entwickelte die Marke Pinar del Río für die Firma, doch nach fünf Jahren hatte er genug. Die Brüder wollten nicht, dass er geht. Aber, so Abe: „Sie wussten nicht, was sie tun. Leute stahlen Zigarren und Tabak von ihnen und ich konnte einfach nicht weitermachen. Ich verdiente mehr Geld mit Website-Design, doch sie meinten, ich könne meine eigene Fabrik haben und tun, was immer ich wolle.

Cigar Roller

Photo: Simon Lundh

Luis war der einzige der Brüder, der mir zuhörte, und so schlug ich ihm vor, mit mir in die Dominikanische Republik zu ziehen. Er ist immer noch im Unternehmen und Teileigentümer der Fabrik.“ Danach lancierte Abe Flores, jüngstes Mitglied der dominikanischen Zigarrenvereinigung ProCigar, die erfolgreiche Marke PDR unter seinem eigenen Namen, ein paar Jahre später zog er in seine derzeitige Fabrik und kaufte die Anteile der beiden anderen Rodriguez- Brüder. „Zu diesem Zeitpunkt half mir Jochy Blanco (Tabacalera Palma) wirklich sehr. Er stellte mir eine Fabrik und Tabak zur Verfügung und meinte, ich solle einfach zurückzahlen, sobald ich Geld hätte.

Der Grund, wieso die Marke PDR so gut ankam, war vermutlich eine Kombination von Verpackung, Preis und Qualität der Zigarren. Es passte einfach alles. Wir hatten, nun da wir Tabak von Jochy bekamen, mehr Konsistenz oder vielleicht war es auch nur, weil Leute den Namen einfacher aussprechen konnten?“

Heute verwendet Abe drei verschiedene Deckblätter – Criollo 98, Corojo 99 und Habano – sowie dominikanischen Einlagetabak und wenn er so etwas wie ein eigenes Markenzeichen hat, dann ist es der Piloto Cubano-Filler. „In all meinen Top-Premiumzigarren befindet sich zumindest ein halbes oder ganzes Blatt Piloto.“ Obwohl er voller Tatendrang ist und nie aufgibt, hätte er ein paar Mal schon fast das Handtuch geworfen. „Viele Leute tun es, aber das ist der einfache Weg, und irgendwie fühlte ich, dass ich weitermachen sollte. Ich danke Gott dafür, dass er mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute schickte. Jochy war einer davon. Abgesehen davon, dass er mir ein Gebäude und Tabak zur Verfügung stellte, brachte er mir auch bei, wie man in der Dominikanischen Republik mit rechtlichen Dingen umgeht. Man muss viel wissen, um Klagen in diesem Land zu vermeiden. Wenn man in den USA vergisst, Sozialversicherung für einen Angestellten zu zahlen, kann man das hinterher immer noch regeln. Aber hier wird man sofort geklagt, selbst wenn nur zwei Pesos fehlen.“

Auf dem gewundenen Pfad dorthin, wo er heute ist, erreichte Abe viele persönliche Ziele. Immerhin wurde er tatsächlich Musiker, wenn auch nur für kurze Zeit, und er setzt seine Kunstfertigkeit nach wie vor in seinem Job ein. „Ich designe alles – Ringe, Verpackungen und Kisten. Ich mache Kunst, die Menschen rauchen.“ Heute ist er glücklich, in seinem Studio einfach zu jammen. In der Vergangenheit hat er sich viel Wissen angeeignet. „Ich war stets der Bandleader und da lernt man, wie man mit Menschen umgeht. Das ist etwas, das sie einem im College nicht beibringen können. Diese Erfahrung muss man selbst machen.“

Ähnliches gilt, was seine Kindheit und die Zeit auf der Farm betrifft, die er damals so sehr hasste. „Mein Großvater war eine äußerst tatkräftige Person und das habe ich von ihm geerbt. Gewissen Leuten wird alles einfach in den Schoß gelegt und wenn ich das sehe, dann bin ich dankbar für meine Erfahrung. Es war hart, sogar militant, und ich hasste es, aber wir arbeiteten zusammen, um täglich Essen auf dem Tisch zu haben. Das ist nun Teil meiner Persönlichkeit, und so rolle ich den Stein weiterhin den Hügel hinauf.“

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2016 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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