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torcedor rafael barrera la flor domenicana one day

Ein Tag im Leben von Rafael Barrera

Es ist stockdunkel, als ich um sechs Uhr morgens bei Rafael Barrera in Tamboril, einem Vorort von Santiago, eintreffe. Die Straße, die zu seinem Haus führt, ist gerade und die Seitenstraßen deuten auf ein laufendes Wohnbauprojekt hin, das nur langsam voranzuschreiten scheint. Sein Haus ist das einzige, das man hier findet, während die meisten anderen Grundstücke entlang der Straße eine dichte, wilde Vegetation aufweisen. Hin und wieder kommt ein Motorrad vorbei sowie einige Fußgänger, die auf dem Weg zur Arbeit sind.

Es gibt keine Straßenbeleuchtung, und so stammt das Licht, das auf ihre Gesichter sowie die umliegenden Palmen und Bananenstauden auf den Grundstücken von Barreras künftigen Nachbarn fällt, einzig vom Mond und der Beleuchtung seines Hauses – mit Abstand das nobelste Zuhause eines Tabakarbeiters, das ich je gesehen habe.

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Photo: Simon Lundh

Dafür gibt es eine Erklärung: Vor einem Jahr unterzeichnete sein damals 18-jähriger Sohn Luís einen 450.000 Dollar schweren Vertrag mit dem Major-League-Baseballteam Oakland Athletics. „Das hat unser Leben grundlegend verändert“, meint Rafael. „Wir wohnen jetzt viel komfortabler.

Früher lebten wir gemeinsam mit meiner Mutter in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, aber jetzt haben wir dieses hier.“ Rafael kaufte das Haus vor einem Jahr und lebt hier mit seiner Frau Miledys Herrera und seinen drei Kindern, darunter auch Luís, der sich zur Zeit aber in einem Trainingscamp seines neuen Arbeitgebers aufhält.

Als wir das Haus verlassen und uns auf den fünfminütigen Weg zur Arbeit machen, kündigt ein rosa bis rötlicher Lichtschimmer am Horizont den Sonnenaufgang an. In der Ferne bellen die Hunde und krähen die Hähne und das Wetter ist angenehm. Wir spazieren eine Straße hinunter: Auf der einen Seite befindet sich eine aufgelassene, überwachsene Industriebäckerei, auf der anderen ein von einer langen, grauen Mauer mit Stacheldraht umgebener Baumarkt. Wir biegen rechts auf die Hauptstraße der Stadt ab, und als wir uns der Fabrik La Flor Dominicana nähern, sehen wir immer mehr Leute, die idente schwarze Firmen-T-Shirts mit dem Aufdruck „Crew“ auf der Rückseite tragen, aus Minibussen aussteigen oder auf Motorrädern vorbeifahren.

Es braucht Zeit und Charakterstärke, so eine Zigarre herzustellen.

In der Arbeit tragen selbst Firmenpräsident Litto Gómez und sein Sohn und Vizepräsident Antonio Gómez solche T-Shirts. Es ist ein wahrlich familiär geführtes Unternehmen mit großem Herz. „Viele meiner Arbeitskollegen wohnen in der Nähe von mir und so treffen wir uns oft außerhalb der Arbeit auf ein Bier oder gehen gemeinsam Essen“, erzählt Barrera. Es überrascht wohl nicht, dass sich viele der Gespräche bei diesen Zusammenkünften um Zigarren drehen.

„Wir reden darüber, welche Zigarre wir gerade machen, und wie, denn es kann ja sein, dass wir an den gleichen Zigarren arbeiten. Aber wir sprechen sehr wohl auch über andere Dinge“, sagt er lachend. Das familiäre Miteinander tritt noch deutlicher zum Vorschein, als ich erfahre, dass Litto Gómez auch entscheidend zu Luís’ athletischem Erfolg beigetragen hat. „Er half mir sehr was meine Buben betrifft. Ich hätte das nie alleine geschafft. Wann immer ich ihn auch fragte, ob er mir mit Sportausstattung oder dergleichen helfen kann, tat er das. Nicht ein einziges Mal hat er mich abgewiesen. Und ich hab ihn oft um Hilfe gebeten.“

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Photo: Simon Lundh

La Flor Dominicana eröffnete seine Fabrik in Tamboril im Jahr 1996. Die Einrichtungen sind offen und voller Licht, und im Zentrum dieses ehemaligen Nachtclubs befindet sich nach wie vor die achteckige Tanzfläche mit ihrer pyramidenförmigen Glasdecke – nunmehr gefüllt mit Zigarrenkisten sowie Sesseln und einem Tisch, auf dem einer der allgegenwärtigen riesigen Aschenbecher steht. Rafael wird sein Platz für den heutigen Tag zugewiesen und nachdem er eingestempelt hat, holt er seinen Sessel und sein Werkzeug vom gestrigen Arbeitsplatz.

Die Aufseher gehen herum und schütteln jedem einzelnen Angestellten die Hand, und selbst wenn die Uhr noch nicht Sieben geschlagen hat, wird bereits an Zigarren gearbeitet. Mir fällt sofort auf, dass Rafael sehr schnell und ernsthaft arbeitet. „Die Geschwindigkeit hängt davon ab, welche Zigarre man macht“, erklärt er. „Ich mache sechs oder sieben verschiedene und meine Spezialität ist die Mysterioso, die komplizierter als die meisten anderen Zigarren ist. Ein Kollege und ich sind die einzigen hier, die das können und es braucht Zeit und Charakterstärke, so eine Zigarre herzustellen.“ Um acht Uhr ist es Zeit fürs Frühstück. Als die Sirene ertönt, glaubt man fast, Fred Feuerstein könnte jeden Moment über den Schwanz des Dinosauriers hinunterrutschen.

Es ist ein wahrlich familiär geführtes Unternehmen mit großem Herz.

Manche der Angestellten gehen den kurzen Weg bis zur Hauptstraße, andere essen, was sie von zu Hause mitgebracht haben, aber die meisten, darunter auch Rafael, schlagen den noch kürzeren Weg zu einem kleinen Imbissstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Fabrikstore ein und bestellen tostada (Toast) und einen frischen Fruchtsaft. Zu Mittag isst er jedoch oft zu Hause und entspannt. „Normalerweise mache ich ein halbstündiges Nickerchen, bevor ich nach der Mittagspause zur Arbeit zurückkehre. Es ist wirklich angenehm, so nahe bei der Fabrik zu wohnen“, meint er mit einem zufriedenen Lächeln.

Der heute 38-jährige Rafael arbeitet seit 16 Jahren bei La Flor Dominicana, also fast von Beginn an. Davor war er in einer Teigwarenfabrik beschäftigt. „Ich war sieben oder acht Jahre alt, als ich dort begann, hatte mit Mehl zu tun und tat das, bis ich 14 oder 15 war.“

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Photo: Simon Lundh

Danach bekam er einen Job bei einer kleinen Schweizer Zigarrenfabrik. „Tabak ist die größte Industrie hier. Mein Vater machte zwar keine Zigarren, aber er war ebenfalls in der Branche tätig, nämlich im Wartungsbereich, und ich habe zwei Brüder, die in anderen Fabriken arbeiten.

Mein dritter Bruder, der inzwischen gestorben ist, hat auch Zigarren gemacht. Es ist eine Stadt des Tabaks und so habe ich mich diesem gewidmet.“ Nach ein paar Jahren in der Schweizer Fabrik begann Barrera für Fuente zu arbeiten, wo er zwei Jahre beschäftigt war, bevor er im Alter von 21 zu La Flor Dominicana wechselte.

„Einer meiner Brüder arbeitete hier und ich kannte den Boss, also sagte ich, dass ich auch gerne hier arbeiten würde und sie gaben mir die Chance, das zu tun. Für mich ist das viel besser, denn zur Fabrik Fuente sind es 40 Minuten mit dem Bus. Und außerdem sind wir hier wie eine große Familie.“

Alles in allem ist er glücklich über die Wahl seines Arbeitsplatzes und seine Karriere. „Wir sind hier krankenversichert und manche von uns verdienen besser als einige Leute mit Hochschulbildung. Du kannst einen akademischen Titel haben und trotzdem nicht mehr als 20.000 Pesos (etwa USD 460,-) pro Monat verdienen, und manche von uns bekommen mehr als das.“

Viertel nach vier ist der Arbeitstag zu Ende und wir kehren in sein vorübergehend leeres Haus zurück. Die Kinder sind noch nicht von der Schule zurück und seine Frau, ebenfalls eine Zigarrenrollerin, ist auch noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Sie ist in einer Fabrik namens Dominica Believe beschäftigt. „Es ist eine kleine Fabrik, deren Besitzer ursprünglich mit mir bei La Flor Dominicana arbeitete. Miledys und ich haben uns bei Fuente kennengelernt, als wir beide dort angestellt waren.“

Unser Leben hat sich grundlegend verändert.

Dies verdeutlicht einmal mehr die Intimität der Zigarrenwelt von Tamboril, und als ich sie zu einem späteren Zeitpunkt frage, ob es Rivalität zwischen ihnen gibt, antworten sie mit einem ausweichenden Lächeln. Bei der darauffolgenden Frage, wer der bessere Zigarrenroller sei, sind sie jedoch einer Meinung: „Das ist er“, sagt Miledys mit einem ähnlich reservierten Lächeln wie jenem zu meiner vorherigen Frage, während Rafael ungeniert und mit einem gewissen Amüsement auf sich zeigt, jedoch rasch hinzufügt: „Aber sie ist ebenfalls sehr schnell.“

„Sollen wir zum Haus meiner Mutter gehen, damit Sie sehen können, wie wir zuvor gelebt haben?“, fragt mich Raphael. „In dieser Gegend wohnen die meisten meiner Kollegen und auch meine Brüder“, sagt er, als wir in der Nachbarschaft ankommen, wo er früher ansässig war. „Viele der Leute, die hier leben, arbeiten entweder mit mir oder bei anderen Fabriken wie Davidoff oder La Aurora.“

Die Gegend ist um einiges lebendiger als jene, wo er jetzt lebt: Hupende Motorräder und Autos versuchen einander in schmalen Straßen zu überholen – Straßen, bevölkert von Menschen, die an diesem warmen, schwülen Nachmittag gesellig auf Sesseln oder am Randstein zusammensitzen, während aus besagten Fahrzeugen laute lateinamerikanische Rhythmen erklingen.

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Photo: Simon Lundh

Seine Mutter sitzt draußen und sagt kaum etwas, als mir Rafael eine „Grand Tour“ durch jene Art von Haus gibt, die mir in diesem Kontext mehr vertraut ist: eine offene Küche samt Wohnzimmer plus angrenzende Schlafzimmer.

„Ja, das sind meine Trophäen“, sagt er ein wenig verlegen, als ich ihn über die Pokale frage, die auf einer Mauer stehen, die den Hauptbereich des Hauses unterteilt. „Und hier sind noch ein paar an der Wand. Samstagabends und Sonntagmorgens spiele ich Softball mit einer Gruppe von Jungs. Wir haben verschiedene Teams und Ligen aufgestellt.“

Er spielt zwar schon sein ganzes Leben lang Baseball und Softball, aber das Level seines Sohnes hat er nie wirklich erreicht. „So gut bin ich nicht geworden“, meint er grinsend. „Aber mein Spielen hat das Interesse von Luís geweckt. Als kleines Kind kam er mit mir, und als er älter wurde, teilte er mir mit, dass er zu trainieren beginnen möchte. Und ich sagte ihm, er könne spielen so viel er wolle, solange es nicht sein Studium beeinträchtigt.“

Rafael und seine Frau mögen vielleicht noch arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, aber sie tun das ohne den finanziellen Stress, mit dem so viele andere Familien in der Dominikanischen Republik konfrontiert sind. Luís hat es in die großen Ligen geschafft und mit der Unterzeichnung des eingangs erwähnten Vertrags möglicherweise die Zukunft seiner Familie gesichert.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Winter-Ausgabe 2014 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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