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Tony Gomez La Flor Dominicana

Die nächste Generation bei La Flor Dominicana: Tony Gomez

„Am Tag meines Uni-Abschlusses habe ich mit Freunden eine große Party geschmissen. Aber um fünf Uhr früh habe ich geduscht, bin in einen Anzug geschlüpft und nach New Orleans zur IPCPR geflogen. Als ich am Flughafen aufwachte, konnte ich mich nicht mehr so genau erinnern, wie ich dort hingekommen war.“ Die Art und Weise, wie Tony Gomez jenen Tag beschreibt, an dem er ins Unternehmen seines Vaters und seiner Stiefmutter – La Flor Dominicana – einstieg, suggeriert, dass er nie Zweifel an dieser Entscheidung hatte.

Doch zu Uni-Zeiten sah die Sache anders aus. „Ich wollte immer schon kreative Dinge tun“, sagt er. So spielte er in ein paar Bands, studierte Englisch mit Schwerpunkt auf Schreiben und Film als Nebenfach. Er bewarb sich sogar bei Filmschulen, weil er ein Drehbuchstudium machen wollte. „Aber dann habe ich es mir anders überlegt. Ich hatte das große Glück, dass mir mein Vater und meine Stiefmutter angeboten haben, in das Unternehmen, das sie aufgebaut hatten, einzusteigen. Wenn man so eine Chance bekommt, sollte man sie nutzen.“ 

Tony and Litto Gomez

Tony Gomez startet am morgen nach seinem Uni-Abschluss bei La Flor Dominicana. | Photo: Simon Lundh

Litto und Ines Gomez gründeten ihr Unternehmen als Tony etwa sieben Jahre alt war, und obwohl er bei seiner Mutter aufwuchs, war er stets von Tabak umgeben. Denn er verbrachte die Wochenenden bei seinem Vater, der ihn in den Ferien auch in die Dominikanische Republik mitnahm, wo er sich in dessen Büro und in der Fabrik aufhielt. An jenem Morgen nach seinem Uni-Abschluss, als ihn sein Vater im Unternehmen begrüßte, war Tony 21 Jahre alt. „Mein Dad hat nie Druck gemacht. Aber ich hatte Tabak irgendwie immer im Hinterkopf und wollte den Versuch wagen. Ich dachte mir, wenn es mir nicht gefällt – auch gut. Aber ich habe mich sofort verliebt. Innerhalb eines Jahres wusste ich, dass ich mein ganzes Leben hier bleiben möchte. Na ja, hoffe ich zumindest.“ Litto meint, dass Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen. „Es funktioniert nicht, jemanden zu etwas zu zwingen. Natürlich habe ich gehofft, dass er einsteigen wird. Denn es gibt nichts Schöneres, als wenn die nächste Generation der Familie das, was du aufgebaut hast, weiterführt. Damit geht ein Traum in Erfüllung.“

Tony and Litto Gomez with Cigars

Ein anscheinend unschlagbares Team der Zigarrenszene: Litto und Tony Gomez, hier in ihrer Fabrik in Tamboril| Photo: Simon Lundh

Tony startete seine Karriere im Tabakgeschäft im Verkaufsbereich als Vertreter in Florida. Das sei laut Litto perfekt gewesen: „Er hat an der Universität in Tallahassee studiert und war mit dieser Gegend vertraut. Zugleich ist er ein Latino aus Miami und kennt die Leute dort. Das sind zwei gänzlich verschiedene Szenen und normalerweise würde man zwei Vertreter dafür brauchen.“ Beide lachen und Tony erklärt, dass ihn sein Vater quasi ins kalte Wasser warf. „Natürlich hat er mir Ratschläge gegeben, aber er wollte, dass ich selbst lerne und meine eigenen Fehler mache.

Als ich begonnen habe, waren wir gerade auf der Suche nach einem neuen Vizepräsidenten für den Verkaufsbereich. Mein Vater gab mir eine Kundenliste und meinte, ich solle mich selbst um alles Weitere kümmern. Mann, er hat mich den Wölfen zum Fraß vorgeworfen!“ Die Situation verbesserte sich kaum, als sie schließlich einen neuen Vizepräsidenten hatten. Tony rief stets Litto an, wenn es etwas zu besprechen gab. Der meinte: „Hör mal, du hast einen Boss. Ruf ihn an und lass mich in Ruhe.“ 

Vier Jahre später zog Tony von Miami in die Dominikanische Republik und wurde selbst Vizepräsident. Heute ist der Dreißigjährige vorwiegend für Marketing, künstlerische Gestaltung und Blending verantwortlich. „Je mehr ich mit dem Unternehmen zu tun hatte, desto mehr wurde mir bewusst, was für eine Kunst die Herstellung von Zigarren ist. Ich bin meinem Vater und Ines dankbar, dass ich das tun darf, was ich am besten kann.“ Laut Litto sei er auch ein perfekter „Link“ zu neuen Kunden: „Zwischen uns älteren Leuten und der jüngeren Generation gibt es einfach nicht so eine starke Verbindung.“ Nach Tony dürfte auch bald die nächste Generation mitmischen.

Denn der älteste Sohn von Litto und Ines – der 17-jährige Litto Jr. – interessiert sich schon jetzt fürs Zigarrengeschäft. „Er kennt sich mit Zigarren aus und erscheint in Anzug und Krawatte bei der IPCPR, wo er den ganzen Tag arbeitet, obwohl wir ihn nie gebeten haben, das zu tun. Er merkt sich auch den Namen von jedem einzelnen Kunden, den er getroffen hat.“ Als Angehöriger in einem Familienbetrieb zu arbeiten ist gänzlich anders als „nur“ ein Angestellter zu sein. Die Tatsache, dass man mehr als bloß den Namen des Unternehmens repräsentiert, kann zusätzlichen Druck bedeuten.

Tony und Litto Gomez vor ihrer Fabrik

„Es gibt nichts schöneres, als wenn die nächste Generation der Familie das, was du aufgebaut hast, weiterführt. Damit geht ein Traum in Erfüllung.“ – Litto Gomez | Photo: Simon Lundh

Tony sieht das nicht so. Er ist stolz darauf und meint, man müsse sich der Geschichte dessen, was sein Vater aufgebaut hat, bewusst sein. „Er wuchs in einer armen Gegend in Uruguay auf und musste einiges durchmachen. Es gab sicher Tage, an denen er hungrig war. Ich habe mich nie in so einer Lage befunden und kann mich somit sehr glücklich schätzen.“ Litto räumt ein, dass seinem Sohn nichts geschenkt wurde, denn es sei nicht einfach, in ein gut laufendes Familienunternehmen einzusteigen. Man müsse nicht nur dafür sorgen, dass das so bleibt, sondern es auch weiter ausbauen. 

Tony hat keine Angst vor der Zukunft. „Mein Vater hört sich meine Meinungen und Ideen an. Dafür respektiere ich ihn am meisten. Er ist Litto Gomez, eine Legende, ein Mitglied der Hall of Fame, und hat Dinge erreicht, von denen andere in der Branche nur träumen können. Er muss sich meine Ideen nicht anhören, aber er tut es. Manche davon sind gut, andere schlecht.“ Die beiden sind nicht immer einer Meinung. So erinnert sich Litto, dass er Tony einen Monat lang beobachtete, als dieser an Labels, Zigarrenringen und sonstigem für La Nox arbeitete. „Als er fertig war, hat er mich gefragt, was ich davon halte.

Ich habe ihm gesagt, dass ich die Farbe Blau bei Zigarren hasse, und sah, dass er enttäuscht war. Aber ich habe auch gemeint, dass er nichts ändern soll. Viele Leute mögen es. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch, es geht um Vorlieben. Ich mag niemanden in seiner Kreativität einschränken.“ Tony meint, dass glücklicherweise alles gut gegangen sei, denn sonst hätte er seine kreative Karriere wohl an den Nagel gehängt. Alles in allem scheinen sie glücklich zu sein, miteinander zu arbeiten. „Er ist nicht nur mein Vater, sondern auch mein bester Freund. Wir sind ein gutes Team und uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Ich stimme mit seiner Philosophie voll überein und so sind wir meist einer Meinung. Es gibt nur wenige andere Erfahrungen im Leben, die so bereichernd sind.“

This article was published in the Cigar Journal Winter Edition 2018.

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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