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Die Deckblatt-Spezialisten aus Ecuador

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Ein Mitarbeiter wendet Tabakbündel in Olivas beeindruckender Tabakverarbeitungsanlage in Estelí in Nicaragua

Im Jahr 1925 brach der 18-jährige Angel in die Vereinigten Staaten auf. Wie so viele andere verließ er Kuba, weil es in seiner Heimat nichts mehr für ihn gab, so John Oliva Jr., Finanzchef der Oliva Tobacco Company und Enkel von Angel. „Sie waren furchtbar arm“, sagt er. „Er hatte elf Geschwister und verließ sein Zuhause schon mit neun Jahren, um in einem Geschäft zu arbeiten und seine Familie zu unterstützen. Die Samen stellten eine symbolische Geste dar, und er erhielt sie zusammen mit dem Geld von seinem Bruder. Das war alles, was er hatte, als er in den USA eintraf. Es sollte ihn daran erinnern, woher er kam.“ Nach ein paar Gelegenheitsjobs und einem gescheiterten Versuch, im Wäschereigeschäft Fuß zu fassen, war Angel als Verkäufer und Lagerarbeiter im Tabaksektor tätig. Fünf Jahre später, 1934, gründete er die Oliva Tobacco Company. „Er hatte bereits in Kuba mit Tabak zu tun, denn mein Urgroßvater war Landverwalter bei der Cuba Tobacco Land Company in Pinar del Río gewesen“, erzählt John, und es wird klar, dass er seinen Großvater sehr bewunderte. „Er liebte Tabak. Ich hatte die Chance, mit ihm zu arbeiten, bevor er starb, und er brachte mir alles bei, was ich über Tabak weiß. Er besaß bis zuletzt außergewöhnliche Fähigkeiten.“ Eine seiner größten Stärken, so sein Enkel, war seine Vorahnung. „Er hatte einen enormen Instinkt, wie etwa vor dem Embargo, als es ihm gelang, all diesen Tabak aus Kuba zu bekommen.“ Angel, der die Auswirkungen der Revolution voraussah, hatte die letzte Ernte des kubanischen Tabaks von der kubanischen Regierung gekauft. „Mein Großvater war ein aufmerksamer Leser und sehr scharfsinnig. Er wusste, dass Fidel Castro die Macht im Land übernehmen würde und das Ende nahe war.“ Angel hatte sogar schon vor dem Embargo nach alternativen Standorten gesucht, u. a. in Honduras, begann aber mit dem Tabakanbau in Quincy im nördlichen Florida. „Damals war Candela-Tabak eine große Sache, also kaufte er Stanford Newman von der Newman Cigar Company ein Zugticket, und die beiden fuhren hin und kauften Tabak, um ihre Produktion in Tampa aufrechtzuerhalten.“ Die Oliva Tobacco Company verkaufte von Anfang an Tabak an fast alle großen Namen in der Branche. Nur die Herkunft des Tabaks hat sich geändert. Nachdem man sich in Honduras niedergelassen hatte, startete Angel in Nicaragua, doch dann zwang ihn eine weitere Revolution, nach Alternativen zu suchen. Die Übernahme durch die Sandinisten in Nicaragua 1979 brachte ihn nach Ecuador. Die Familie hatte bereits nach anderen Möglichkeiten zum Anbau von Deckblättern gesucht. In Nicaragua ging das nicht, da sie dort ihre Farmen verloren hatte. Die Tatsache, dass Mittelamerika nach dem Hurrikan Fifi mit Blauschimmel zu kämpfen hatte, half nicht gerade. Glücklicherweise erwies sich der Umzug nach Ecuador als eine der bisher wichtigsten Entscheidungen des Unternehmens. „Wir kauften eine Farm, auf der versucht wurde, Sumatra im Schatten zu ziehen, was in Ecuador unmöglich ist. Der Tabak fühlt sich wie Klopapier an – er ist viel zu dünn“, erklärt John Jr. So übernahm Angel die Leitung der nach seiner Frau benannten Farm La Meca und begann stattdessen mit dem Anbau von Sun-Grown-Tabak. Was sich als genialer Zug erwies. „Ecuador will nur Deckblätter anbauen. Das ist vermutlich eines der Dinge, die mein Großvater als Vision hatte: dass es erstaunlich sein würde, eine Ernte zu haben, die 80 oder 90 Prozent Wrapper und Binder hervorbringt.“

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John Oliva Jr. trägt die Fackel weiter und führt die lange Familientradition der Zigarrenherstellung fort

Zu diesem Zeitpunkt hatte Angel seine beiden Söhne angeworben, um aus dem Unternehmen einen Familienbetrieb zu machen. John Sr. stieg 1970 ein, nachdem sein Vater – freundlich und wohlwollend – Schuldgefühle bei ihm erweckt hatte. Zuvor war er in der Computerbranche tätig. Texas Instruments kaufte sein Geschäft und wollte es nach Houston verlegen. „Aber mein Vater wollte nicht dort hin ziehen“, erinnert sich John Jr. „Gleichzeitig sagte ihm mein Großvater, dass er in den Ruhestand gehen würde, dass es niemanden gäbe, der die Leitung übernehmen könnte, und dass er einen Käufer für die Firma habe. Mein Vater wusste im Grunde immer, dass die Geschichte des Käufers wahrscheinlich erfunden war. Aber der Trick funktionierte.“ John Jr. lacht und betont, dass sein Vater nicht widerwillig ins Unternehmen einstieg. Zum einen, weil er nicht wollte, dass der Familienbetrieb stirbt, zum anderen, weil damit viel Geld zu verdienen war. „Wie auch immer, ich finde es höchst unwahrscheinlich, dass mein Großvater das Unternehmen in seinem hohen Alter noch verkauft hätte, selbst wenn mein Vater nicht eingestiegen wäre. Er liebte dieses Geschäft.“ John Sr. baute den Betrieb aus. Vier Jahre später schloss sich sein Bruder Angel Jr. an, und mit dem Einstieg von John Jr. im Jahr 1991 ist nun auch die dritte Generation vertreten. Nach dem Studienabschluss von John Jr. wollte sich sein Vater ein zweites Standbein aufbauen und hatte mit einer Seafood-Firma zu tun. Für diese begann auch sein Sohn zu arbeiten. Der erinnert sich: „Ich war mir nicht sicher, ob ich ins Tabakgeschäft einsteigen wollte. Mir schwebte eher vor, FBI-Agent zu werden, aber dann habe ich geheiratet und bin in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Schließlich musste ich eine Familie ernähren.“ Als John Sr. beschloss, aus dem Seafood-Geschäft auszusteigen, sagte ihm sein Sohn, dass er bei Oliva arbeiten wolle. „Ich liebe ja Tabak. Im Alter von acht Jahren habe ich zum ersten Mal Tabakblätter in Quincy gepflückt – für 25 Cent die Reihe. Ich dachte, ich würde im Sommer frei haben, aber nein – sie hatten einen Job für mich. Zuvor bin ich immer mit meinem Großvater nach Ecuador gereist.“ Um das Jahr 2000 kauften die Olivas einige Farmen außerhalb von Quevedo, zwei Stunden nördlich von Guayaquil. Neben A.S.P. sind sie die Hauptproduzenten der berühmten ecuadorianischen Deckblätter. Während sich A.S.P. fast ausschließlich auf Connecticut konzentriert, baut Oliva auf den insgesamt sechs Farmen Sumatra und Habano an. Angesichts der untragbaren politischen Situation und Kriminalität sowie einer ausgelaugten Farm ist Honduras aus dem Rennen, aber Anfang der Neunziger kehrte Oliva nach Nicaragua zurück, wo heute Filler wie auch Wrapper kultiviert werden und der gesamte Tabak des Unternehmens verarbeitet wird. John Jr. ist stolz darauf, wie sie ihren Tabak verarbeiten. „Ich glaube, dass wir hier etwas Besonderes tun. Die Blätter werden bis zu einem Jahr fermentiert, vor allem die höheren Primings. Ich weiß, dass man auch anderswo von gereiftem Tabak hört. Aber Tabak leicht zu fermentieren, in eine Kiste zu legen und ihn zu lagern ist eine Sache, was wir tun, eine andere. Bei uns wird der Tabak so lange fermentiert, bis er reif für den Rauchgenuss ist. Wir überstürzen nichts.“

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Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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