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cigar shop coverstory germany 3-2014

Deutschland ist Europas Zigarren-Schlaraffenland

3,7 Mrd. Zigarren und Zigarillos – dies meldete das Statistische Bundesamt für das Jahr 2013 als Verbrauch in Deutschland. Eine gigantische Zahl, die es allerdings zu differenzieren gilt.

 

Steuerlich werden die meisten Zigarillos (hängt vom Gewicht ab), vor allem aber alle Zigarren (ob Short- oder Longfiller) gleich behandelt. Eine aufgeschlüsselte Statistik stellt das Amt nicht zur Verfügung, daher muss sich der Autor in das Land der Spekulationen begeben, um die Anzahl der Premiumzigarren zu schätzen.

bertold brecht smoking cigar during united nations american activities hearing

Photo: Getty Images/Francis Miller

Da ist die große Menge der Zigarillos, stellvertretend seien Marken wie Moods, Clubmaster, Café Crème oder Petit Nobel genannt. Dann kommen die Produkte von mittelständischen Unternehmen wie August Schuster, Woermann Cigars, Paul Bugge und Don Stefano dazu – traditionelle deutsche Produzenten und Importeure.

Und nicht zu vergessen die schweizerische Firma Villiger, die zwei Produktionsstandorte in Deutschland betreibt. Damit sind wir bei Shortfillern angekommen, die von den genannten Unternehmen im Zigarrenformat produziert werden und als Sumatra oder Brasil in Deutschland seit Jahrhunderten beliebt sind.

Und die Premiumzigarren? Schätzungen gehen seit dem Zigarrenboom der 1990er-Jahre von 10 bis 12 Millionen Stück aus. Der 5th Avenue mit ihren Havannas wird nachgesagt, dass sie davon die Hälfte absetzt.

Einige „mutige“ Schätzer liegen sogar bei einem Gesamtvolumen von 20 Millionen Stück, addieren dann freilich handgerollte Bundles hinzu, die Puristen nicht zu den Premiumzigarren zählen.

Da gehen pro Marke schon mal 500.000 Stück per anno für einen Preis von unter drei Euro über die Theke. Wie dem auch sei, diese Zahlen beeindrucken – vor allem angesichts der Rauchverbote in der Gastronomie und am Arbeitsplatz.

Mir sagte der Arzt: Rauchen Sie ruhig Ihre Virginien. Um die Ecke muss schließlich mit oder ohne ein jeder. Bertold Brecht.

Zigarrenhauptstadt Bünde

Deutschland ist ein Zigarrenland! Keine Frage. Und die Zigarrenhauptstadt ist Bünde, wie bereits ein Schild auf dem Bahnhof den ankommenden Gästen verkündet. Wie kam es dazu?

Traditionell landete vor 100 Jahren der Tabak in Bremen per Schiff und wurde dort verarbeitet. Bald stiegen aber die Löhne, und die Industrie suchte nach preiswerteren Arbeitskräften.

gerhard schroeder federal chancellor germany with cigar at federal chancellery

Photo: Getty Images/Ulrich Baumgarten

Die Verschiffung über die Weser nach Bünde war ein Vorteil; die durch die Industrialisierung arbeitslos gewordenen Weber waren der zweite Vorteil. In der Blütezeit der Bündener Zigarrenindustrie um 1935 zählte die Stadt 258 Zigarrenfabriken, bereits 1914 gab es ein Dutzend Millionäre. Doch auch diese Branche wurde von der Industrialisierung und neuen Produkten überholt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte noch bis in die 1950er-Jahre das Maschinenverbot, das Kanzler Brüning während der Weimarer Republik zur Sicherung von Arbeitsplätzen installiert hatte.

Nicht so in benachbarten Ländern wie Belgien und den Niederlanden, die ebenfalls sehr viele Zigarren herstellten. Sie überholten Bünde, und als das Maschinenverbot fiel, nahmen viele Hersteller eine Entschädigung des deutschen Staates an und schlossen ihre Betriebe.

Heute existieren in Bünde, und Umgebung noch die Unternehmen Arnold André, Dannemann, August Schuster, Woermann Cigars sowie eine Produktionsstätte von Villiger Söhne.

Hoch qualifizierter Fachhandel

Deutschland rangiert mit seinem Angebot an Premiumzigarren ganz oben in der Welt. Ein Vergleich mit den USA verbietet sich wegen deren Größe und weil Havannas dort nicht angeboten werden. Ein konkreter Vergleich spricht allerdings Bände. Die amerikanische International Premium Cigar & Pipe Retailers Association (IPCPR) veranstaltet ihre Messe auf einer Fläche von 51.000 Quadratmetern und empfängt durchschnittlich 6000 Menschen, Ausstellungspersonal inbegriffen.

Udo Lindenberg raucht auch mit dem Zigarren-Kenner Gerhard Schröder.

Die Intertabac in Dortmund hingegen verzeichnete 2013 immerhin 9585 Fachbesucher und wird in diesem Jahr auf fünf Hallen aufstocken; dies bei 36.000 Quadratmetern und mehr als 460 Ausstellern.

Neben Kuba dürfte Deutschland das breiteste Angebot an Havanna-Marken abbilden, Kopf an Kopf mit der Schweiz. Hunderte Marken anderer Herkunftsländer ergänzen das Portfolio, das Tausende von Fachhändlern anbieten.

Schaut man sich Europa an, so waren (und sind, teilweise) Staaten wie Spanien, Frankreich oder Österreich durch Tabakmonopole geprägt, die zur Folge hatten, dass kaum neue Marken auf diese Märkte gelangten. Keine gute Voraussetzung für das Entwickeln einer breiten, qualifizierten Händlerstruktur wie in Deutschland. Hier gibt es eine Vielzahl von familiengeführten Geschäften, beispielweise 50 an der Zahl bei John Aylesbury, oder Filialisten wie Dürninger und Wolsdorff.

udo lindenberg cigar attending live tour presentation 2013

Photo: Getty Images/Christian Augustin

Klimaräume sind keine Seltenheit, klimatisierte Schränke in kleineren Geschäften ebenfalls nicht, und wenn ein Passionado auf dem Lande lebt, gibt es immer noch die Online-Shops. Händler-Vereinigungen sind in Deutschland dominant. Stellvertretend seien drei Gruppen hervorgehoben, worunter es Händler gibt, die Mitglied in allen Vereinigungen sind.

Die 5th Avenue ist für mittlerweile neun Casas del Habanos zuständig. Hinzugekommen ist unlängst eine zweite Casa für Peter Heinrichs in Köln, bei Redaktionsschluss war eine zehnte Casa im Gespräch.

Die nächste Stufe bilden 69 Habanos Specialists sowie eine wachsende Zahl von Habanos Points.

Sodann die erwähnten John Aylesbury-Händler, ein freiwilliger Zusammenschluss von Händlern zum Vertrieb von exklusiven Produkten, und natürlich die Davidoff-Depositäre, wovon viele bei Wolsdorff organisiert sind.

Heute wird Davidoff von dem Traditionsunternehmen Arnold André vertrieben, ein Fokus liegt weiterhin auf der Gastronomie, sofern das die Gesetze erlauben. Hinzu kommt die Davidoff Tour Gastronomique mit Veranstaltungen bei Top-Köchen, die von prominenten „Paten“ mit Vorträgen bereichert werden.

Rauchen in der Gastronomie

Die gesetzliche Entscheidung zum Rauchen in der Gastronomie obliegt den 14 Bundesländern. Bayern, Nordrhein-Westfalen und das Saarland haben ein komplettes Rauchverbot erlassen, das in Ausnahmefällen das Rauchen innerhalb von geschlossenen Gesellschaften erlaubt.

In den restlichen Bundesländern existieren vernünftigere Nichtraucher-Schutzgesetze, zumeist mit folgenden Ausnahmen: Einraumgaststätten bis 75 Quadratmeter, abgeschlossene Nebenräume, geschlossene Gesellschaften und grundsätzlich ab 18 Jahren.

Information:

Weitere Auskünfte erteilt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband:
www.dehoga-bundesverband.de

International Premium Cigar & Pipe Retailers Association (IPCPR)
www.ipcpr.org

InterTabac – Internationale Fachmesse für Tabakwaren & Raucherbedarf
www.westfalenhallen.de

 

Dieser Artikel wurde im Country Report Deutschland 2014 veröffentlicht. Mehr

Frank Hidien

From 1997 to 2005, Frank Hidien was editor in chief for the German magazine Pipe & Cigar and has since been working as a freelance journalist. He is Cigar Journal’s correspondent in Germany, and for other publications he writes on subjects related to gastronomy.


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