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Plasencia Brothers

Plasencia-Zigarren: Die neue Generation

Alles begann 1865, als sich Eduardo Plasencia von den Kanarischen Inseln über den Atlantik auf den Weg nach Kuba machte, um dort Tabak anzubauen. 1890 begann sein Neffe Sixto Plasencia Juarez für ihn zu arbeiten. „Das war mein Urgroßvater, der 1898 seine eigene Plantage bekam“, erzählt Nestor Andrés Plasencia, Vizepräsident von Plasencia Cigars und Plasencia Tobacco. „Mein Großvater, der ebenfalls Sixto hieß, setzte die Tradition fort. Sie hatten bald einen guten Ruf als Tabakbauern.“ 

Plasencia Brothers

Ausdauer liegt uns im Blut. Ich bin wirklich stolz darauf, was mein Großvater und Vater erreicht haben. | Photo: Otto Mejia L.

Alles lief gut, bis ihnen die kubanische Revolution 1959 den ersten Schlag versetzte. „Fidel Castro beschlagnahmte 1963 alle Plantagen. Zwei Jahre später verließen Sixto und seine Familie Kuba mit leeren Taschen und gingen nach Mexiko.“ Damals war Nestor Senior 15 Jahre alt. Nach zwei Wochen in Mexiko zogen sie weiter nach Honduras, wo Sixto Plasencia nicht nur ein, sondern gleich zwei Jobangebote erhielt. „Er war als guter Mensch bekannt und nahm sogar den schlechter bezahlten Job an, weil er diesen zuerst zugesagt hatte.“ Nach nur drei Monaten machte sich die Familie auf den Weg nach Nicaragua. Sixto arbeitete in Jalapa, während Nestor an der Universität Agrarwissenschaften studierte. Nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1969 begann er mit seinem Vater auf einer Plantage zu arbeiten. Später kauften sie ihre eigene Tabakfarm. Doch dann machte ihnen 1979 wieder eine Revolution einen Strich durch die Rechnung. Die Sandinisten übernahmen die Macht, und plötzlich wurde es für Kubaner gefährlich, im Land zu sein. Da der vormalige Diktator Anastasio Somoza mit dem Zigarrengeschäft in Nicaragua begonnen hatte, wurden Kubaner mit ihm in Verbindung gebracht, das heißt, man ging davon aus, dass sie Revolutionsgegner seien. 

Daher zog Nestor Senior nach Honduras, um noch einmal von vorne zu beginnen, während sich Sixto in Miami niederließ, aber oft nach Honduras reiste, um seinem Sohn zu helfen. Die Situation war alles in allem nicht so schlimm wie beim ersten Mal, als sie Kuba verlassen mussten. „Ausdauer liegt uns im Blut“, ist Nestor Junior überzeugt. „Ich bin wirklich stolz darauf, was mein Großvater und Vater erreicht haben. Es ist unglaublich, wie sie all das überstehen konnten.“ Doch es sollte noch ein weiterer harter Schlag folgen, denn nur zwei Jahre später – 1981 – vernichtete Blauschimmel 100 Prozent ihrer Ernte. „Das war wirklich furchtbar, und um dem entgegenzuwirken, haben sie ein damals neues Fungizid eingesetzt. Die 1982er-Ernte war in Ordnung, aber wir haben zu viel von dem Pilzbekämpfungsmittel verwendet und der Schimmel wurde somit resistent. Also mussten wir mit dem Blauschimmel und den dadurch geringeren Erträgen leben und gleichzeitig versuchen, unsere Kunden nicht zu verlieren. 1986 hat mein Vater dann neue Techniken entwickelt, um den Schimmel in den Griff zu bekommen, aber er stellt nach wie vor ein Problem dar.“ Nach zwei katastrophalen Jahren begann Nestor Senior, sich Gedanken über eine zusätzliche Einkommensquelle zu machen. „In diesen schlechten Zeiten mussten wir ein wenig Land verkaufen und Kredite aufnehmen, aber wir haben trotz aller Schwierigkeiten nie aufgehört, zu arbeiten. 1985 beschloss mein Vater dann, dass wir mit der Zigarrenproduktion beginnen sollten, weil wir mehr vertikal integriert sein wollten.“ Plasencia begann Zigarren für Cigars by Santa Clara und Interamerican Cigars herzustellen. „Die Produktion war sehr klein“, erklärt Nestor, „aber nach und nach haben wir es mit harter Arbeit und guter Qualität geschafft, dass mehr Leute von unseren Zigarren erfahren haben. Wir konnten die Produktion langsam steigern.“ 

Plasencia brothers and staff

Alle drei Plasencia Brüder fühlen sich ihren Mitarbeitern eng verbunden | Photo: Otto Mejia L.

Die Familie Plasencia bot allen politischen und biologischen Katastrophen die Stirn und kehrte Anfang der 1990er-Jahre nach Nicaragua zurück. Die Sandinisten mussten bei den Wahlen 1990 eine Niederlage hinnehmen und die neue Präsidentin Violeta Chamorro wies den Plasencias ein Stück Land in Estelí zu, das 30 Prozent der Fläche ihres ehemaligen Besitzes in Jalapa entsprach. 1994 begannen sie mit der Zigarrenproduktion in Ocotal, ein paar Jahre späternin Estelí. „Dann kam der Boom, und wir kauften Plantagen in Estelí und Jalapa. Wir hatten genug Tabak für unsere eigene Produktion und haben deshalb begonnen, Tabak zu verkaufen. Heute besitzen wir jeweils zwei Fabriken in Nicaragua und Honduras. 1997 waren wir schuldenfrei!“ 

Ein Jahr danach begann Nestor Andrés Vollzeit im Unternehmen zu arbeiten. „Ich wollte immer schon Agrarwissenschaften studieren und wie mein Vater sein“, erzählt er. „ Er hat mich in den Ferien zum Arbeiten geschickt, während meine Freunde gespielt haben. Moment mal, eigentlich hab ich das nicht gemocht!“ meint er und lacht laut über diese Erkenntnis. „Aber ich habe dabei alles gelernt – Rollen, Fermentieren und alles über Bewässerung – und die Plantagen habe ich sehr wohl gemocht. Heute weiß ich das wirklich zu schätzen.“ Plasencia erzeugt seit dem Einstieg in die Zigarrenproduktion zwar vorwiegend Zigarren für private Marken, macht jedoch auch seine eigenen Linien: 1898, Clásica und Reserva Orgánica (ab sofort Original genannt). Letztere ist Nestor Andrés persönliches kleines, aber immer größer werdendes Projekt. „Ich hatte mehr oder weniger gerade erst meine Ausbildung abgeschlossen, als ich meinen Vater fragte, ob ich eine komplett organische Zigarre machen kann, und er war sehr aufgeschlossen“, erzählt Nestor. „Ich finde es wirklich faszinierend, traditionelle Methoden mit neuem Wissen zu kombinieren. Wir verwenden Regenwurmkot, das organische Insektizid Neem, Knoblauch gegen Ungeziefer, das diesen Geruch nicht mag, und eine Pilzart namens Trichoderma, um Wurzelkrankheiten zu verhindern. Außerdem bauen wir zwischen den Pflanzen Juckbohnen an, weil diese der Luft Stickstoff entziehen und dem Boden zuführen. Wenn man Tabak auf nachhaltige Weise anbauen kann, wird es noch viele weitere Generationen von Zigarrenherstellern geben.“ 

Plasencia Fabrik

Plasencia-Angestellte können auf medizi- nische, soziale und psychologisch Unterstützung zurückgreifen. Die meisten arbeiten seit der Unternehmensgründung für die Familie | Photo: Otto Mejia L.

Im vergangenen Jahr hat Plasencia sein Portfolio um zwei Linien erweitert. Die Alma-Serie und die Plasencia-Serie Cosecha 146, die nach der 146. Ernte der Familie Plasencia aus dem Jahr 2011 benannt ist und mit Tabak aus Nicaragua und Honduras hergestellt wurde. „Mit dieser Zigarre möchten wir die erste Plasencia-Tabakernte im Jahr 1865 feiern,“ erklärt Nestor. So besteht der Familienbetrieb nun seit über 150 Jahren und wird laufend von neuen Familienmitgliedern verstärkt. 

Nestor Andrés Bruder Gustavo arbeitet in der Buchhaltung sowie für Plasencia 1865 in Miami und vor kurzem ist auch der jüngere, 23 Jahre alte Bruder José Luis ins Unternehmen eingestiegen. „Ich habe immer schon gewusst, dass ich im Tabakbereich arbeiten möchte“, sagt er. „Als ich noch ein Kind war, hat mich mein Vater auf alle Plantagen mitgenommen und seine Leidenschaft für Tabak hat mich motiviert. Abgesehen davon sind Tabakpflanzen wirklich einzigartig. Es gibt keine andere Pflanze, die drei verschiedene Geschmacksrichtungen aufweist. Und nicht zuletzt faszinieren mich all die Menschen, die vom Saatgut bis zur fertigen Zigarre involviert sind.“ José Luis hatte nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsstudiums eigentlich vor, im Finanzbereich des Unternehmens tätig zu sein, aber im Moment verbringt er mehr Zeit auf den Feldern als im Büro. Wie sein älterer Bruder Nestor Andrés möchte auch er seinen eigenen Blend kreieren, und obwohl er erst sechs Monate im Unternehmen arbeitet, verliert er keine Zeit. „Nachdem es drei Jahre dauert, eine Zigarre zu machen, hab’ ich mit der diesjährigen Ernte angefangen.“ 

Großen Wert legt man bei Plasencia auf Mitarbeiter, auch auf die persönliche Entwicklung der Angestellten. „Wir veranstalten Seminare zum Thema wie man sein Potenzial erreicht, haben einen Psychologen engagiert und bieten zum Beispiel auch Englisch-Kurse an. Wir möchten die Leute dazu ermutigen, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Wenn jemand denkt, dass er nur 250 Zigarren pro Tag machen kann, dann blockiert er sozusagen. Wenn jemand hingegen denkt, dass er 300 Zigarren pro Tag schafft, dann wird ihm das auch gelingen. Es ist sehr wohl möglich, den besten Tabak anzubauen und die Leute zu bestärken, dass sie ihr Bestes tun.“ Das bedeutet in dem Fall, die beste Zigarre zu schaffen. „Unser Ziel ist es, eine Zigarre zu machen, die man mit Freunden oder Familienmitgliedern genießen und dabei eine Weile seine Probleme vergessen kann“, sagt Nestor Andrés. „Wir bringen verschiedene Generationen und Leute zusammen. Das heißt, es geht uns nicht ums Zigarrengeschäft, sondern vielmehr darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, Dinge zu genießen – und das über Zigarren.“ 

Information

Plasencia verkauft u. a. Tabak an: Altadis, Swedish Match, Quesada, Swisher, Davidoff, La Flor Dominicana, Drew Estate, Abe Flores, E. P. Carillo und Joya de Nicaragua 

Herstellung von Zigarren für: Rocky Patel, Alec Bradley, Nat Sherman, Casa Magna, Maya Selva, Villiger und das Unternehmen Altadis (für das sie Montecristo erzeugen) 

Bewirtschaftete Fläche: 1200 ha (3000 Acres): in Nicaragua (Jalapa, Estelí, Condega, Ometepe), Honduras (Jamastran, Talanga, San Agostin), auch kleinere Flächen in Costa Rica und Panama 

50 Prozent der Ernte verkauft Plasencia als Rohtabak, 50 Prozent werden für die Herstellung von Zigarren verwendet (eigene Marken und für andere Hersteller) 

Hauptmärkte: 1. USA, 2. Europa, speziell Deutschland, Distributeur in Südafrika und in Kürze auch in Thailand 

Standorte: Danlí, Estelí, Miami, Barcelona 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2017 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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