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Pete Johnson: Alte Schule

blankIn den Achtzigern zählte Metallica zu jenen Bands, die Thrash Metal weltweit populär machten. Ihre ersten drei Alben zeichneten sich durch schnellen, schweren und aggressiven Metal aus, wobei Master of Puppets (1986) den krönenden Höhepunkt bildete. … And Justice for All (1988) war viel progressiver und komplexer, bevor die Band die Dinge verlangsamte und sich mit ihrem von der Kritik gefeierten Black Album (1991) einem schwereren Groove verschrieb. Diese Platte sowie die beiden folgenden Alben – Load und Reload – spalteten die Fangemeinde. Einige Hardcore-Fans gingen mit Metallica weiterhin durch dick und dünn, während andere die musikalische Entwicklung hassten und forderten, dass sie zu ihren Wurzeln zurückkehren sollten. St. Anger (2003) half da nicht gerade. Das Album, mit einem neuen Bassisten eingespielt und durchzogen von einem seltsamen Snare Drum-Sound, wurde von Kritikern und Fans größtenteils verrissen. Aber spulen wir nach vorne: 2008 kehrten Metallica mit Death Magnetic schließlich zu ihren Wurzeln zurück. Und das tut heute auch Pete Johnson, Gründer von Tatuaje Cigars und ehemaliger Bassist der Heavy Metal Band Hung Jury, mit seiner eigenen Version von „Death Magnetic“. „Irgendwie habe ich stets im Hinterkopf, dass ich einen weiteren ,Song‘ schreiben muss“, erzählt er, als wir uns bei der InterTabac in Dortmund treffen. „Im Laufe der Jahre habe ich versucht, neue, verrückte Dinge für die Branche zu tun, doch je älter ich werde, desto mehr denke ich an die Vergangenheit. Ich bin dorthin zurückgekehrt, wo ich bei der Gründung der Marke vor 15 Jahren begonnen habe, also zur alten Schule.“ Und nichts ist wohl mehr von der alten Schule als Metallicas Debütalbum Kill ‚Em All von 1983.

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Pete mit jener Person, die er als erste anruft, wenn mit seinen Zigarren etwas nicht passt, und die übrigens auch seine Freundin ist – Janny García

Zwei Jahrzehnte später schuf Pete seine Version davon: Tatuaje Brown Label war die erste Marke, die er mit José „Don Pepín“ García in der El Rey de Los Habanos-Fabrik in Miami produzierte. Diese Zigarre entsprach genau seinen Vorstellungen: „Sie basierte auf Smokes der Alten Welt. Ich mag die Einfachheit der Originale.“ Pete landete in den frühen Neunzigern in der Branche und arbeitete in einem Zigarrenladen in Los Angeles, bevor er begann, seine eigenen Zigarren herzustellen. Er kam aus der Heavy Metal-Szene des Sunset Strip, wo Hung Jury versuchte, den Durchbruch in der Hardrock-Szene zu schaffen, die damals von Nirvana und deren Grunge-Kollegen in Seattle durcheinandergebracht wurde. „Unsere Genres änderten sich drastisch, von Hair Metal wie Warrant über Skid Row, Grunge à la Stone Temple Pilots und Alice in Chains bis hin zu Screaming mit Harmonien und Melodien im Stil von Korn. Wir haben sogar ein wenig Rap reingemischt.“ Pete teilte auch eine Wohnung mit seinen Bandmitgliedern und kann die eine oder andere Anekdote aus dieser Zeit erzählen: „Irgendwann bekamen alle außer dem Sänger und mir Läuse. Ich hatte meine Haare gerade burgunderrot getönt und das hat mich vermutlich gerettet. Wir mussten dann natürlich die Wohnung reinigen und sie war makellos. Zumindest bis zu meinem Geburtstag im selben Jahr, als meine Freunde beschlossen, mich in der Küche mit Ahornsirup zu übergießen. Wir haben eine Woche lang nicht geputzt, und so lebten wir in der Folge mit Tausenden von Kakerlaken, die über den Boden flitzten.“ Pete rauchte früher Zigarren auf der Bühne. Als er in der Branche zu arbeiten begann, wurde er schnell als „der tätowierte Typ“ bekannt. „Die Leute sahen mich bei der Messe komisch an und nannten mich bald Tattoo Pete, den Burschen mit dem Opus X Tattoo“, erinnert er sich. Keiner konnte sich vorstellen, dass er Markeninhaber ist, und so dauerte es eine Weile, bis er ernstgenommen wurde. Gleichzeitig stach er hervor, denn er stellte alles andere als ein traditionelles Gesicht einer Marke dar. Zuerst wollten einige Leute wegen seiner Tätowierungen nicht mit ihm reden, aber als sie merkten, dass er ein gutes Produkt hat, ignorierten sie die Tattoos. Einer davon war ein Konkurrent des Besitzers von jenem Zigarrenladen, in dem Pete arbeitete, bevor er seine eigene Marke gründete. „Er sagte, er verstehe nicht, was Tätowierungen mit Zigarren zu tun haben, und dass er nie einen Manager mit Tattoos einstellen würde“, so Pete. Ironischerweise war dieser Mann schließlich einer seiner ersten Kunden. Er mochte seine Zigarre, und als ihn Pete erinnerte, was er einst gesagt hatte, meinte er: „Na ja, da war ich noch jung.“

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Pete ganz erwachsen und bereit, für seine Freundin gut auszusehen

Fernab von lausfreien burgunderroten Haaren und einer in Ahornsirup getränkten Küche am Sunset Strip tat Pete sein Bestes, um in die für ihn neue Zigarren-Szene zu passen. Aus Respekt vor Zigarrenunternehmen warf er sich für Messen in Schale. Damals war das ein Problem für ihn: „Ich fühlte mich, als würde ich eine andere Person darstellen. Am Ende bin ich leger gekleidet in T-Shirt und Jeans aufgetaucht.“ Heute sieht das anders aus. „Jetzt trage ich einen Blazer, wenn ich nach Europa reise. Ich bin wohl ein wenig erwachsener geworden und versuche, in meinem Leben verantwortungsvoller zu sein“, meint er schmunzelnd. Hauptverantwortlich dafür dürfte seine Gefährtin Janny García, Pepíns Tochter und Petes Hauptkontakt bei My Father, sein. „Ich glaube, ich wollte damals erwachsen werden, aber war noch nicht soweit. Jetzt mag ich für meine Freundin gut aussehen. Wenn sie sich so schick macht und ich Jeans und T-Shirt trage … da sollte ich doch besser ein Sakko anziehen.“In den späten Achtzigern wurden Metallica in der Metal-Szene immer größer, bevor sie 1991 mit The Black Album einen neuen Weg einschlug. Plötzlich sangen alle bei Mainstream-Hits wie Enter Sandman und Nothing Else Matters mit. Petes Werdegang als Zigarrenhersteller verlief ähnlich. „Jeder Musiker ändert mal seine Stilrichtung. Man liebt all die Musik, die man gemacht hat, aber manchmal will man experimentieren und andere Dinge ausprobieren. Wie Metallica, als sie ein Live-Album mit dem San Francisco Symphony Orchestra aufgenommen haben. Ich höre mir diese Aufnahme ständig an, weil die Hintergrundmusik und die Dynamik so gewaltig sind. Für alte Metallica-Fans mag es ein Sakrileg sein, aber ich finde das Album großartig.“

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Leider bedeutet Experimentieren zuweilen, dass man seine „Load“- und „Reload“- Momente hat, bevor man den Weg zurück findet. „Ich fühle mich, als hätte ich mich ein wenig verirrt“, sagt Pete und vergleicht sein Zigarren-Schaffen mit Songwriting: „Ich musste einen Haufen verschiedener Songs schreiben. Jede Zigarre, die ich im Laufe der Jahre mit den Garcías gemacht habe, hat einen anderen Stil. Manchmal bin ich wohl in Genres vorgestoßen, in denen ich nicht immer gut war. Jetzt will ich zurückkehren und meine alte Musik spielen.“ Viele seiner Kunden werden sich über diese Entscheidung gewiss freuen – so wie Metallica-Fans auf der ganzen Welt von Death Magnetic begeistert waren. Aber Load, Reload und selbst St. Anger hatten ebenfalls ihre Anhänger. Das gilt auch für Petes Cabaiguan. „Die Leute waren an Brown Label und Selección de Cazadores gewöhnt, als ich Cabaiguan herausbrachte“, erklärt er. Pete entwarf eine andere Verpackung, der Name Tatuaje schien nicht auf dem Ring auf, und so dachten einige Leute, dass es sich nicht um eine Tatuaje handelt. Andere, die einen neuen Stil zu schätzen wissen, liebten sie. Sein Ziel ist es, Zigarren für jede Stimmung, jeden Geschmack und jede Brieftasche zu machen. Einige Leute steigen darauf ein, andere wollen stets dieselben Dinge. Pete stellt folgenden Vergleich an: „Das ist wie ein Typ, der eine alte Platte abspielt. Eines Tages fängt sie an zu springen. Vielleicht findet er eine Nachpressung, aber sie wird nicht denselben kratzigen Sound haben, und er wird enttäuscht sein. Zigarren sind ebenso etwas sehr Persönliches.“ Letztendlich will er einfache Zigarren machen, die Leute mögen und die sie dazu bringen, diese eineinhalb Stunden zu genießen. Um das zu tun, gelte es, die Tradition der alten Schule zu respektieren. „Ich versuche, die Dinge nicht zu komplizieren, indem ich z. B. Tabak aus sieben verschiedenen Ländern in den Blend mische.“Ob einfach oder kompliziert – was er macht, muss perfekt sein. Das würde man zwar von jedem Zigarrenhersteller hören, aber es gebe viele Ebenen von Perfektionismus. „Janny kann das bestätigen. Ich rufe sie stets zuerst an, wenn ich auf ein Problem stoße“, sagt Pete und gibt zu, dass er immer schon ein wenig unsicher gewesen sei und Akzeptanz für ihn eine große Rolle spiele. „Ich will, dass die Leute mich mögen, und ich will nicht, dass jemand eine schlechte Erfahrung mit einer Zigarre macht.“ Das Streben nach Perfektion kann manchmal erdrückend sein. Pete wird von der Angst angetrieben, bei etwas zu scheitern, das er besser kann als alles andere in seinem Leben. Er gibt zu: „Ich bin wahrscheinlich ein wenig zu sehr damit beschäftigt, die perfekte Maschine zu bauen. Es deprimiert mich, wenn jemand eine schlechte Erfahrung mit meinem Produkt macht oder es gar nicht mag.“

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Pete und Janny amüsieren sich im My Father-Büro in Miami

Heute ist er in der Branche nicht nur als tätowierter Typ, sondern auch als seriöser und erfahrener Zigarrenhersteller bekannt. Doch die Frage ist: Wird er jemals aufhören, Tattoo Pete zu sein? „Ich kann heute zwei Dutzend Zigarrenhersteller mit tätowierten Armen nennen, aber ich denke, dass mich die Leute immer noch als Tattoo Pete sehen. Ich bin der Zigarrentyp mit Tattoos, der großartige Zigarren mit einer traditionellen Familie herstellt. Einige Leute meinen sogar, dass ich mir selbst untreu geworden bin, wenn sie mich in schöner Kleidung sehen.“ Eingefleischte Metallica-Fans werden an dieser Stelle vermutlich auf die Diskrepanz in der chronologischen Analogie zu Petes Karriere hinweisen können. Die Vorwürfe, dass sich Metallica „verkauft“ hätten, hingen damit zusammen, dass sie sich in den Neunzigern die Haare abschnitten und im Mainstream ankamen. Wenn Pete sich „verkauft“, dann ist das rein oberflächlich. „Als ich kürzlich mit Janny zum Abendessen ging, trug ich einen Anzug und einige Leute fragten sich, was zum Teufel da los ist. Und gestern Abend fragte Tony Gómez von La Flor Dominicana sie, was sie bloß mit mir macht“, sagt er lachend. „Es gibt immer noch Zeiten, wo ich Jeans und T-Shirt trage, aber ich fühle mich dabei wohl, mich jetzt auch schöner anzuziehen. Und es macht sie glücklich. “Hemd und T-Shirt hin oder her – er kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Wir können nur hoffen, dass er sich nicht zurückentwickelt und eine „St. Anger“- Version macht. Pete findet, dass Robert Trujillo, der aktuelle Bassist von Metallica, großartig ist. Aber: „Ich bin ein Fan von (dessen Vorgängern) Jason Newsted und Cliff Burton. Ich denke, ich mag halt die alten Sachen.“

 

www.tatuajecigars.com

Copyright Fotos: Christian Lünig

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Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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