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Nestor Plasencia Sr. – Königliches Comeback eines unschlagbaren Kämpfers

Das gesamte Eigentum in einer Revolution zu verlieren würde das Ende der meisten Unternehmen bedeuten. Nestor Plasencia erlitt diesen Verlust sowohl in Kuba als auch in Nicaragua. Heute hat er die Kontrolle über Tabakanbau des möglicherweise größten Ausmaßes in Zentralamerika.

 

Die Familie Plasencia leitet heute die Produktion von Zigarrentabakblättern auf mehr als 1200 Hektar Land in Nicaragua, Honduras, Panama und Costa Rica. Sie besitzt Zigarrenfabriken und zeichnet für die Kreation vieler der besten Zigarren von Rocky Patel, Alec Bradley, Villiger und Casa Magna sowie unzähliger kleiner, exklusiver Marken verantwortlich.

don sixto at la limonera jalapa tobacco farm

Photo: Cigar Research/Plasencia Company

Allein in Nicaragua und Honduras sind 6000 Angestellte in ihren Einrichtungen beschäftigt. Ihre Tabake werden in den meisten der weltweit bedeutendsten Zigarrenfabriken verarbeitet.

Nestor Plasencia Sr. ist der derzeitige Chef des Unternehmens. Zuversichtlich reist er zwischen den Anlagen in Honduras und Nicaragua hin und her und behält den Tabak wachsam im Auge, während dieser vom Saatgut zur Pflanze heranwächst, verarbeitet und schließlich in eine Premiumzigarre verwandelt wird. Ein Unternehmen dieses Umfangs erfordert viele Menschen, um die Qualität auf hohem Niveau zu halten.

Glücklicherweise liebt sein zweiter Sohn, Nestor Junior, das Geschäft ebenso sehr wie sein Dad und wurde seine rechte Hand. So beeindruckend das derzeitige Unternehmen auch ist, die Geschichte des heutigen Plascencia-Betriebs nahm mit Nestor Seniors Vater Sixto Plasencia in den Feldern von Kuba ihren Anfang. Lassen Sie uns also dort beginnen.

In Kuba

Die Familie Plasencia lebte seit vielen Generationen in San Luis, einem kleinen, aber wichtigen Teil Kubas. San Luis ist ein Tabakanbaugebiet in der Region Pinar del Río und als Herz der Deckblatt-Produktion bekannt. Die berühmten Familien Eiroa, Robaina und Fuego kultivierten Deckblätter in diesem kleinen Gebiet. Es war eine Landschaft mit üppig grünen Feldern und übersät von Trockenscheunen, durch die Ochsen Karren voller Tabakblätter zogen – eine idyllische Farmergemeinschaft.

Nestors Vater Sixto Plasencia bewirtschaftete eine Tabakanbaufläche von etwa 50 Hektar und züchtete 600 Mastrinder auf seinem anderen Stück Land. Er war ein erfolgreicher Tabakfarmer – bis zum 3. Oktober 1963. Fidel Castros Landreformen erreichten Sixtos Familie erst ein paar Jahre nach Revolutionsbeginn, versetzten ihr jedoch einen schweren Schlag. Die Farm wurde konfisziert und Sixto blieb nur sein Haus, sein Auto und ein kleines Stück seiner Plantage. Nestor Senior war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt und half seinem Vater auf der Farm.

Nach Mexiko und darüber hinaus

Sixto beschloss, dass es das Beste für seine Familie wäre, Kuba zu verlassen, um seiner Frau Felicita Fernandez de Plasencia und seinen zwei Söhnen Nestor und Gustavo anderswo ein besseres Leben zu ermöglichen.

don sixto plasencia at his farm san benito pinar del rio

Photo: Cigar Research/Plasencia Company

1965 fand Sixto eine Stelle bei einer jamaikanischen Firma und begann seine Übersiedlung von Kuba nach Jamaika in die Wege zu leiten. Doch die Ausreise aus Kuba war nicht so einfach. Sixto konnte nur ein Einreisevisum für Mexiko oder Spanien bekommen.

Am 21. Mai 1965 ließ die Familie ihre Farm zurück und flog mit Kurzzeitvisa nach Mexico City. Vor ihrer Abreise aus Kuba stellte die Regierung ein Inventar ihres Bauernhauses auf und ging sicher, dass sie keinerlei kubanisches Staatseigentum mitnahmen. Dies beinhaltete so gut wie alles; selbst Teller und Kaffeetassen wurden genau abgezählt.

In Mexiko musste Sixto einen schweren Rückschlag einstecken. Einen Tag vor der geplanten Abreise der Familie nach Jamaika erfuhr er, dass die Firma in Konkurs gegangen war. Sein sicherer Job und das neue Leben waren mit einem Mal verschwunden. Er hatte wenig Geld und Zeit, Mexiko zu verlassen und neue Wege zu finden, um für seine junge Familie zu sorgen.

Julio Eiroa, der später für Camacho-Zigarren bekannt wurde, war ein Freund aus San Luis, der sich zu diesem Zeitpunkt geschäftlich in Honduras niedergelassen hatte. Er war zwar außer Landes und konnte Sixto keinen Job anbieten, aber es gelang ihm, für die Familie Einreisevisa nach Honduras zu organisieren. Und so buchte Don Sixto seinen Flug nach Jamaika um und trat die Reise nach Tegucigalpa, Honduras, an.

Neustart in Honduras

„Tegucigalpa war damals ziemlich klein“, erinnert sich Nestor. Im Vergleich zu Havanna und Mexico City muss ihm Tegucigalpa in den 1960er-Jahren wie ein Provinznest vorgekommen sein. Mittlerweile hatte Sixto fast kein Geld mehr und so schickte er Telegramme an den größeren Familien- und Freundeskreis in aller Welt. Jeder litt zu dieser Zeit, doch Sixto erhielt kleine Beträge – 5, 25 und schließlich 100 US-Dollar.

don sixto plasencia in front of his truck at el corojal pinar del rio cuba

Photo: Cigar Research/Plasencia Company

Mit 100 US-Dollar in der Tasche traf Sixto gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am Flughafen in Honduras ein, wo niemand wartete, um sie willkommen zu heißen. Er bat einen Taxifahrer, sie zu einem günstigen, aber sauberen Hotel zu bringen, und sie stiegen schließlich im Hotel Boston, einem sehr bescheidenen Hotel in Tegucigalpa, ab. Sixto begab sich unverzüglich auf die Suche nach vertrauten Namen und Gesichtern. Er musste einen Job in diesem fremden Land finden, bevor ihm das Geld ausging.

Es war reines Glück, dass er auf Raul Leon, einen Tabakanbauer und Händler aus San Antonio de los Baños, Kuba, stieß. Dieser war zufällig gerade in Tegucigalpa, besaß eine Farm im Süden von Honduras und bot Sixto eine Stelle an – zwei Stunden nach dessen Ankunft in Honduras. Weitere zwei Stunden später wandte sich auch Angel Oliva mit einem Jobangebot an Sixto. Das Glück war an diesem Tag auf seiner Seite. Nestor glaubt, dass Sixtos guter Ruf in Kuba der Grund war, weshalb er diese zwei Angebote so schnell bekam. Und so zog die Familie nach Danlí, um auf der Farm zu arbeiten. Sie mussten von vorne beginnen, doch sie waren wieder von Tabak und einigen bekannten Gesichtern umgeben.

Ankunft in Nicaragua

Da es kein Haus für die Plasencias in Danlí gab, errichteten sie Wände in einer Ecke des Tabakverarbeitungsgebäudes und schufen sich eine Behelfsunterkunft neben Stapeln von Tabak. Ihr provisorisches Zuhause befand sich neben dem Friedhof von Danlí und so sahen sie jeden Tag Trauerzüge vorbeiziehen.

Nach einem Monat in Danlí übersiedelte Sixto mit seiner Familie nach Estelí, Nicaragua. Nestor Sr. kommentiert ihre Reise von der Kleinstadt Danlí bis zur nicaraguanischen Grenze folgendermaßen: „Als wir in Nicaragua ankamen, sahen wir asphaltierte Straßen!“ Nicaragua war in den 1960er-Jahren ein viel besser entwickeltes Land als Honduras und glich mehr ihrer Heimat als Danlí.

Wir waren die erste kubanische Familie, die nach Estelí zog.

„Wir waren die erste kubanische Familie, die nach Estelí zog“, verkündet Nestor Sr. stolz. „Vor uns gab es zwar einzelne Personen, die das taten, aber wir waren die erste Familie.“ Nestor Sr. besuchte die High School in Estelí und studierte danach an der Universität sowie an der angesehenen Escuela Internacional de Agricultura in Rivas, Nicaragua. Sein Bruder Gustavo zog nach Spanien, um Medizin zu studieren. Im Dezember 1969 heiratete Nestor Sr. Melalina Torres de Plasencia und 1970 begann er gemeinsam mit seinem Vater in den Tabakfeldern von Jalapa zu arbeiten.

Vater und Sohn beeindruckten Tabakkäufer mit ihrem Engagement und der Qualität ihrer Tabakblätter, insbesondere Candela. Im Jahr 1971 erwarben die beiden eine neue Plantage namens El Coyol in Jalapa, die etwa 56 Hektar umfasste – eine große Farm für damalige Verhältnisse. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Nestor Sr. Anteil an einer Farm und erhielt 50 Prozent der Gewinne.

Nicaraguas Revolution

Tabakanbau erwies sich als profitables Geschäft und Sixto und Nestor waren erfolgreich. Doch auch die Herrscherfamilie Somoza investierte in Tabak und war Teilinhaber einer anderen, größeren Plantage in Jalapa. Als sich der Guerillakrieg abzuzeichnen begann, machte sich die Familie Plasencia Sorgen um die Existenz ihres Unternehmens.

In der Saison 1978/79 gingen sie auf Nummer Sicher und pachteten eine Farm in Jamastran auf der anderen Seite der Grenze in Honduras. Dies entpuppte sich als eine weise Entscheidung. „In Jalapa wurde es gefährlich für Kubaner und so verließen wir das Land“, erklärt Nestor. Ihre Plantage wurde konfisziert, in Stücke zerteilt und an viele kleine Farmer übergeben. Erst 1991 sollte die Familie Plasencia ihre Tabakanbau-Aktivitäten in Nicaragua wieder aufnehmen.

Schulden und schlechte Ernten

Da die Plasencias nach Honduras übersiedelten, waren sie weiterhin in der Lage, ihre Kunden mit Deckblättern zu versorgen. Im Jahr 1980 bepflanzten sie eine Fläche von 48 Hektar – dreimal so viel wie 1979. Das Unternehmen wuchs schnell, um der steigenden Nachfrage nachzukommen. In der Saison 1980/81 bestellten sie je 120 Hektar in Jamastran und Trojes, Honduras. 1981/82 erweiterten sie die Anbauflächen auf etwa 200 Hektar. Während sie rasch expandierten und viel Geld dabei liehen, kam es zu einer Katastrophe. Blauschimmel vernichtete den Großteil der Ernte; nur etwa 10 Prozent konnten als Deckblätter verkauft werden.

nestor plasencia at jamastran valley tobacco farm

Photo: Cigar Research/Plasencia Company

Nachdem sie die Felder nur pachteten und nicht besaßen, ließ sie dies mit unbeglichenen Schulden zurück. Aufgrund von schrecklichen Ernten, Produktionsrückgängen und hohen Zinssätzen hatte Nestor Sr. bis Ende der 1980er-Jahre einen Schuldenberg in der Höhe von zehn Millionen US-Dollar angehäuft. Doch während seine Schulden stiegen, baute Nestor einen anderen Geschäftszweig aus.

Die Familie widmete sich dem Zigarrenrollen. Sie starteten 1985 mit zehn Rollern. Dank dieser neuen Sparte und externer Faktoren sollte es ihm innerhalb weniger Jahre gelingen, seinen Schuldenberg abzubauen. „Das waren die harten Jahre“, sagt Nestor.

Die Auslandsverschuldung von Honduras stieg in den 1980er-Jahren dramatisch an und Kreditgeber fürchteten, dass sie ihr Geld nie wiedersehen würden. Sie erlaubten Schuldnern für kurze Zeit, ihre Kredite zu 20 Prozent des Nennwerts zurückzuzahlen. Nestor sah darin eine Chance, seine Schulden von zehn auf zwei Millionen Dollar zu reduzieren, vorausgesetzt er könnte zwei Millionen Dollar auftreiben.

Er machte sich auf den Weg, fand Banken, die bereit waren, ihm zwei Millionen zu leihen, und konnte so seine Schulden gewaltig verringern. Dann, als die Firma Swisher International im Jahr 1990 ihre Fabrik in Tampa schloss, bekam Nestor den Auftrag, 60 Prozent von deren Zigarren in seiner neuen Anlage in Honduras zu rollen. In diesem Jahr gelang es ihm, seine Produktion auf 10 Millionen Zigarren zu steigern und er konnte eine der zwei Millionen Schulden abzahlen. 1991 schaffte er es, die zweite Million zurückzuzahlen und somit war er in der beneidenswerten Lage, „pleite“ zu sein. Aber sein Geschäft wuchs und sein Ruf war besser denn je zuvor.

Die Wachstumsjahre

Revolutionen und Schulden hinter sich gelassen, konnte Nestor Sr. seine Geschäfte in Honduras stärken. Nach den Wahlen in Nicaragua am 25. Februar 1990 kam eine neue Regierung an die Macht. Nestor kehrte zurück.

nestor plasencia jr at jalapa tobacco leaf

Photo: Cigar Research/Plasencia Company

Seine alte Farm in Jalapa konnte er zwar nicht wiederbekommen, aber die neue Regierung bot ihm etwa 150 Hektar für den Tabakanbau in Estelí an.

Das bedeutete fast doppelt so viel Tabak, als er in Honduras zog. Nun, da Frieden und Stabilität in Zentralamerika herrschte, baute Nestor sein Business langsam aus.

Das Unternehmen profitierte vom großen Zigarrenboom Mitte der 1990er-Jahre. Er erschloss nach und nach mehr Plantagen, Anlagen zur Sortierung und Reifung von Tabak sowie Fabriken in Nicaragua wie auch Honduras.

In Kooperation mit seinen Söhnen leitet er nun Farmen in Estelí, Condega, Jalapa, Ometepe, Olancho, Jamastran, Talanga, Panama und Costa Rica. Sie verarbeiten Tabakblätter in Estelí, Ocotal, El Paraíso, Danlí und Morocelí. Sie erzeugen Zigarrenkisten und betreiben sogar Horte, Schulen und Gesundheitszentren für ihre Angestellten.

Blick in die Zukunft

Nun, da Nestor Jr. mehr Verantwortung im Unternehmen hat, werden enorme Innovationen auf den Feldern vorgenommen. 2012/13 fand die erste Bepflanzung mit einer Tabakpflanze statt, die hauptsächlich Ligero-Blätter hervorbringt. Außerdem hat die Familie mit der Kultivierung von Connecticut-Saatgut in Estelí begonnen. Und seit Jahren sind sie die einzigen Großerzeuger von zertifiziert organischem Tabak, der – so Nestor Jr. – für ihre Reserva Organica-Zigarrenlinie verwendet wird. Es ist ein Experiment. Er wollte sehen, ob es möglich wäre, organischen Tabak anzubauen und in den Genuss dessen zu kommen, was die Indianer und Kolumbus wohl geraucht hatten.

Die Familie Plasencia wurde auf die Probe gestellt. Doch sie hat ihr Ziel über Generationen beharrlich verfolgt und die Tabak- und Zigarrenindustrie vorwärtsgebracht. Sixto verstarb im Jahr 1983. Nestor Sr. und Jr. bewahren sein Andenken und setzen sein Lebenswerk fort. Ihr Familienerbe ist zu einem Paradebeispiel für ein familienbetriebenes Tabakunternehmen geworden.

Für sein Lebenswerk erhielt Nestor Plasencia Sr. die Cigar Journal Trophy 2012.

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Colin C. Ganley

Colin Ganley worked for Cigar Journal from 2007 to 2015 and now makes his home in Nicaragua where he heads up Cigar Tourism and Twin Engine Coffee. He ist he author of Le Snob: Cigars (2011). He also writes for cigar publications around the world, including Cigar Snob magazine, and runs the website cigarresearch.com, which is devoted to his research and writing on cigars. He developed a system for rating and reviewing cigars called the Independent Cigar Rating System (ICRS), which has been adopted by several independent reviewers and websites.


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