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Portrait of León Herbert

La Aurora – Die Geschichte von fünf Generationen in der Tabakindustrie

Familie, Familie, Familie. Das ist das Schlüsselwort, um La Aurora zu verstehen. Ein über hundertjähriges Unternehmen, das trotz der mehr als 1000 Beschäftigten, trotz einer jährlichen Produktion von über einer Milliarde Zigarren, trotz seiner Größe eine horizontale Unternehmensstruktur aufrechterhält und wo die Türe des Präsidenten, Guillermo León Herbert, immer offen ist.

Schon früh morgens sitzt er in seinem Büro: Er ist unter den Ersten, die in der Fabrik eintreffen, und unter den Letzten, die sie verlassen. Samstags arbeitet er oft und er trifft für jeden Bereich des Tagesgeschäfts der Fabrik Entscheidungen – horizontal, wie es sich in einer Familie gehört.

Mit einem Präsidenten, der sich so einbringt, ist es nicht verwunderlich, dass das Niveau aller Mitarbeiter sehr hoch ist. „Bei La Aurora ist das Wichtigste das Humankapital“, erklärt uns Guillermo León langsam und mit viel Ruhe, in vollem Bewusstsein um die Wichtigkeit der Werte, die er von seinen Vorgängern geerbt hat. „Das Unternehmen gründete mein Großvater Eduardo León Jimenes 1903. Ihm folgten mein Vater Fernando León Asensio und meine Onkel Eduardo, Guillermo und José, mit einer klaren Vorstellung von der Art und Weise, wie ein Team zusammenzustellen ist, das nicht nur hochqualifiziert, sondern auch stolz darauf ist, zur Familie von La Aurora zu gehören.“

DIE FÜNFTE GENERATION

Aber schon vor Eduardo León Jimenes hatte es zwei Tabakarbeiter in der Familie gegeben: Antonio Gabino León und Elías León, Urgroßvater und Ururgroßvater von Guillermo León Herbert und somit erste und zweite Generation der Leóns im Tabakgeschäft und Zeugnis des bäuerlichen Ursprungs, den sie nie verneinen. Ganz im Gegenteil. In Guillermos Büro kann man das Glaubensbekenntnis der Leóns sehen, ein Text, der von allen Familienmitgliedern unterschrieben wurde und den sie stolz für sich beanspruchen: „Familie von bäuerlicher Herkunft, gestählt durch kontinuierliche Arbeit und starke Sonne“, und sie verpflichten sich „zur Arbeit für das Allgemeinwohl, zu Integrität, Authentizität, Ehrlichkeit, Standhaftigkeit, Ehrbarkeit und zur Leidenschaft, um das Beste hervorzubringen“.

„La Aurora ist ein Unternehmen, dessen Herkunft zu hundert Prozent dominikanisch ist, woraus sich eine Reihe von Werten ergibt, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Sie haben unserer 113-jährigen Geschichte Sinn verliehen“, wiederholt Guillermo León, ein Mann, dessen Wort so viel Wert hat wie ein unterschriebenes Stück Papier. „Die Qualität bei den Herstellungsprozessen, in all ihren Details, ist uns sehr wichtig. Unser System der Qualitätskontrolle ist sehr aufwendig, sodass sichergestellt wird, dass das Produkt, das unser Konsument in den Händen hält, seine Erwartungen noch übersteigt.“

Und schließlich gelangen wir zu den Themen Zeit und Konsistenz des Geschmacks. Es ist bekannt, dass alles rund um den Tabak Geld kostet, und je mehr Zeit benötigt wird, um Tabak zu verarbeiten, desto mehr Geld kostet es, aber: „Die Zeit ist heilig. Jeder Tabak braucht seine eigene Zeit für die Trocknung, Fermentation, Reifung und Ruhe im Aging Room. Wenn man die notwendige Zeitspanne der einzelnen Prozesse nicht berücksichtigt, kann man kein gutes Produkt herstellen, und wir, obwohl es die Produktionskosten signifikant erhöht, geben dem Tabak die Zeit, die er braucht, um seinen optimalen Zustand zu erreichen.“

Photo: Tony Nunez

3. OKTOBER 1903

Die Tradition reicht weiter zurück, aber es war am 3. Oktober 1903, als Eduardo León Jimenes, Sohn und Enkel von Tabakbauern, beschloss, einen Schritt weiter zu gehen, als es die Familientradition des Tabakanbaus vorgesehen hatte. Mit nur 18 Jahren gründete er die Zigarrenfabrik La Aurora in Guazumal in der Provinz Santiago de los Caballeros. „Schon mein Großvater hatte den Traum, eine Zigarrenmarke von globaler Dimension zu kreieren“, versichert uns Guillermo León. „Seine Anfänge waren sehr bescheiden, mit wenigen Hektar Land und nur sechs Tabakrollern. Er stellte damals Doppel-Figurados her, heute bekannt als La Aurora Preferidos oder Edición 1903.

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Über die Namensgebung der Marke wird diskutiert: Manche behaupten, dass Eduardo León ihn der Frau eines Nachbarn seines Vaters gewidmet hat, die ihn sehr dazu ermuntert hatte, seine Fabrik zu gründen. Fakt ist, dass auf dem ersten Etikett der Zigarren, in der Mitte, eine Frau abgebildet war. Guillermo León denkt jedenfalls, dass La Aurora, gesprochen mit dem spanischen Artikel, ein „neuer Tag“ bedeutet, weshalb auch der Sonnenaufgang in der Etikettierung dargestellt wird. Vielleicht ist beides wahr.

Außer Zweifel steht, dass die Geschäfte gut liefen, dank der Initiative von Eduardo León und seinem treuen Bruder Herminio León, und die Fabrik 1912 in die Calle Independencia nach Santiago de los Caballeros verlegt wurde. Die gelbe Fabrik mit riesigen Fenstern im Kolonialstil ist heute, neben dem Löwen, das Firmensymbol der Marke.

Doch die wahre Revolution der La Aurora begann erst 1930. In jenem Jahr, obwohl La Aurora als Zigarrenmarkenname erhalten bleibt, wird das Unternehmen in die Aktiengesellschaft E. León Jimenes umgewandelt, was zum Ausdruck bringt, welches Ausmaß das Volumen der Produktion angenommen hat. Eduardo León stirbt im Jahr 1937, und sein Bruder Herminio übernimmt die Zügel im Unternehmen. Seine Neffen, Eduardo und Fernando, waren noch zu jung, um die Führung anzutreten. Herminio machte es sich zur Aufgabe, mit enormer Unterstützung der Witwe Eduardos, Mayún Asensio, die Werte der Familie an die nächste Generation weiterzugeben. Herminio León war außerdem ein exzellenter Kenner der Felder und der Pflanze selbst. Seine Liebe zum Tabak hat er seinem Neffe Fernando León, Vater des derzeitigen Präsidenten Guillermo León Herbert, weitervererbt.

Von Fernando werden vor Ort viele Geschichten erzählt. Er ist die vierte Generation der Leóns im Tabakgeschäft. Ein aufrechter Typ, der viel verlangt, aber gerecht ist und sich durch sein großes Wissen den Respekt der dominikanischen Bauern zu verdienen wusste. Er fand einen großen Lehrer in seinem Onkel Herminio. „Mein Onkel Herminio schenkte meinem Vater seine Ausbildung“, erzählt Guillermo León. „Einmal legte ihm ein Bauer einen sehr schönen Tabak vor und Herminio lehnte ab. Als mein Vater ihn fragte, warum er ihn nicht wollte, erklärte ihm sein Onkel, dass im Vorjahr das Feld für den Anbau von Guineos (die kleinen, köstlichen dominikanischen Bananen) genutzt worden war, was der Bauer auch bestätigte, und der Tabak darum nicht gut abbrennen würde.“

DIE NEUE ZEIT

Die Diktatur unter Leónidas Trujillo ließ die dominikanische Tabakindustrie nicht unberührt. Der „Generalísimo“ versuchte die Fabriken mit willkürlichen Steuern und Gesetzen zu ersticken, um eine einzige nationale Tabakindustrie unter seiner Führung zu schaffen.

La Aurora konnte aber dem staatlichen Druck standhalten, und so unternahmen die Brüder León Asensio 1963, nach dem Tod des Diktators, den nächsten Schritt. Während der Zeit Trujillos, ohne Investitionen, war die Lage schwierig, aber La Aurora war ein solides Geschäft und bot die Liquidität, die notwendig war, um in jenem Jahr eine Zigarettenfabrik zu eröffnen.

Diese Zigarettenmarke La Aurora von damals existiert heute nicht mehr. Sechs Jahre später hatte jene Fabrik ihren definitiven Durchbruch, als sie eine Partnerschaft zur Produktion von Marlboro mit Philip Morris einging. La Aurora wurde zum Kern dessen, was sich zu einer der größten Unternehmensgruppen der Dominikanischen Republik entwickeln sollte: die Gruppe León Jimenes, die, mit ihrem Einstieg in das Biergeschäft und dem Kauf der Brauerei Cervecería Nacional Dominicana (Presidente Bier), im Jahr 2000 10 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen der dominikanischen Staatskasse ausmachte.

Photo: Tony Nunez

„Nun sind neue Zeiten für La Aurora angebrochen“, stelllt Guillermo León fest. „Im Jahr 2011 haben wir uns von der Gruppe León Jimenes getrennt. Wir sind zurück nach Guazumal gegangen, zu unserem Ursprung in Tamboril, und konzentrieren uns nun auf die Produktion von Zigarren und anderen hochqualitativen Produkten.“ Es stimmt, was Guillermo sagt, denn seit 2013 vermarktet La Aurora den Rum La Aurora 110 Aniversario, eine hochqualitative Spirituose, hergestellt aus einer Mischung aus Reservas, die noch eine zusätzliche Reifung in Sherryfässern durchmacht und wovon nur 3000 Flaschen pro Jahr auf den Markt kommen. Ein Rum, der von der American Spirit Association als einer der besten der Welt bezeichnet wurde.

Von seinem Vater, Fernando León, hat Guillermo León die hohen Ansprüche auf Qualität geerbt, die sich im kleinsten Detail zeigen. Er ist ein zurückhaltender Mensch, der harte Arbeit dem Scheinwerferlicht vorzieht. Oft sieht man ihn auf den Procigar Festivals einen Schritt hinter den anderen Herstellern stehen oder bei den Pressekonferenzen, die das Festival vorstellen, am Ende des Tisches sitzen.

Seine Philosophie ist eine andere: „Der Traum meines Großvaters Eduardo, eine Zigarrenmarke mit internationalem Bekanntheitsgrad zu kreieren, ist wahr geworden“, sagt er mit Bescheidenheit, aber auch mit großer Genugtuung. „La Aurora ist heute in über 60 Ländern bekannt und wird in ebenso vielen verkauft, und wir wachsen immer weiter. Darum ist es ein guter Zeitpunkt, um unser Wissen und unsere Leidenschaft für den Tabak weiterzugeben. Dieses Ziel verfolgen wir mit dem La Aurora Cigar Institute, welches als erstes in der Welt eine Ausbildung im Bereich Tabak anbietet.“

LA AURORA CIGAR INSTITUTE

Das Projekt, das 2016 so richtig angelaufen ist, dreht sich um mehr als nur das Tabakgeschäft. Es werden auch die Verbreitung und Würdigung der dominikanischen Tabakkultur beleuchtet : im La Aurora Cigar Institute.

Guillermo León hat einige der bekanntesten Tabakexperten um sich geschart, wie zum Beispiel Daniel Núñez und Benji Menéndez, die ihr enormes Wissen im Zuge der angebotenen Kurse vermitteln. „Unser Ziel ist es, diesen essenziellen Teil der dominikanischen Kultur langfristig zu erhalten und weiterzugeben“, versichert Guillermo León. Zu diesem Zweck errichtete das Unternehmen ein neues Gebäude mit zwei Sälen, mit einer Kapazität für jeweils 60 Schüler, außerdem eine Dauerausstellung über die vorindustriellen Prozesse rund um den Tabak, ein Museum, das die 113-jährige Geschichte von La Aurora erzählt, und eine Raucherlounge.

„Meine Familie widmet sich seit fünf Generationen dem Tabak. Ihm verdanken wir alles, was wir sind, was wir geschafft haben und wofür wir stehen“, schließt Guillermo León ab. „La Aurora Cigar World ist unsere Art, die große Schuld, die wir gegenüber dem Tabak haben, teilweise zurückzuzahlen.“

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Winter-Ausgabe 2016 veröffentlicht. Mehr

Javier Blanco Urgoiti

Javier Blanco Urgoiti ist ein spanischer Journalist, der für die Prozesse rund um den Tabak schwärmt, die vor der Fertigung in der Zigarrenfabrik stattfinden, insbesondere für die Geheimnisse des Tabakanbaus. Ein Bereich, in dem er unermüdlich versucht, sich weiterzubilden. Javier raucht und schreibt seit 1998, zunächst für die spanischen Magazine “La boutique del fumador” und “La cava de cigarros”, später als Pressechef bei La Aurora, der ältesten Tabakfabrik der Dominikanischen Republik und nun für Cigar Journal, als Korrespondent in Spanien.


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