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Fred Vandermarliere: „Ich liebe es, Menschen zusammenzubringen“

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Der Umgang mit Tabak wird von erfahrenen Oliva-Mitarbeitern weiterhin wie gehabt praktiziert – Arbeitsmittel und -plätze wurden jedoch rundum erneuert

Marc, ein Taxifahrer, holt mich ab. „Ah, du besuchst Fredje! Er ist ein super Typ und dazu ein klasse Arbeitgeber. Du wirst Spaß haben.“ Ich bin gespannt. Angekommen in Handzame, stoße ich zu einer Gruppe, welche aufmerksam einer Präsentation lauscht. Kein großgewachsener Mann steht da vorne, aber alle sind eingenommen von seiner Person. Der Vortragende ist Fred Vandermarliere, ein Energiebündel, charmant, mitreißend, eine Stimmungskanone. Sein Auditorium: allesamt Fachleute, Mitglieder der Bruderschaft Jean Nicot. Bis Fred Zeit für ein Interview findet, lerne ich mit der Gruppe den Produktionsstandort Handzame kennen – hier kommen die Bobinen aus Sri Lanka an, wo J. Cortès mehr als 2000 Menschen beschäftigt, außerdem werden hier die Zigarillos und Shortfiller der Marken Neos und Amigos hergestellt. Jean Nicot setzt sich in Frankreich und Belgien ähnlich wie Cigar Rights of Europe für Genussraucher ein. Wir geraten schnell ins fachsimpeln, die Liebe zum Tabak verbindet uns. „Ich liebe es, Leute zu vernetzen“, eröffnet Fred später unser Interview, „deshalb war es mir wichtig, dass du heute kommst und nicht nur mich, sondern andere Tabakfreunde aus Belgien kennenlernst.“ Auch wenn Fred eine fröhlich-lockere Art ausstrahlt, ist er gleichzeitig Stratege und Vollblutgeschäftsmann. „Work hard and play hard“ ist das Motto, das er sich selbst und seinen Mitarbeitern abverlangt. Vom Firmennamen J. Cortès abgeleitet, nennt er alle, die für ihn arbeiten (sich eingeschlossen), die „Cortèsiens“. „Das bedeutet mehr als eine Person zu sein, die bei Cortès arbeitet. Leute, die mit uns durchstarten wollen, müssen zwar ihre Spezialkenntnisse haben, aber vor allem sollten sie bestimmte Werte hochhalten. Unsere Unternehmenskultur ist es, flexibel und bescheiden zu sein, zu wissen was man kann und was nicht, den anderen zu vertrauen, einander zu helfen, wenn es ein Problem gibt.“ Seine Energie stellt Fred nicht nur seinem Unternehmen zur Verfügung, er kämpft permanent auf nationaler und europäischer Ebene für die gesamte Tabakindustrie.

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Trotz Eigentümerwechsel ist bei Oliva alles gleich geblieben – so empfinden es die Mitarbeiter; und das ist beruhigend für Fred Vandermarliere

DER CORTÈSIENS-BOSS
Fred ist der jüngste Spross von Guido Vandermarliere, dessen Vater vor bald 100 Jahren das Familienunternehmen gründete. Als Sohn Fred 2005 ins Unternehmen ein- steigt, ist er gerade 23 Jahre und will nach abgeschlossenem Studium der angewandten Ökonomie eigentlich auswärts Erfahrung sammeln. Aber: Vater Guido bittet ihn, für das Tochterunternehmen Gryson zu arbeiten. „Er startete dort ein Experiment und wollte, falls das schief gegangen wäre, eine verantwortliche Person haben, die er leicht wieder rauswerfen konnte“, lacht Fred.„Und das war ich.“ Als sich Guido Vandermarliere 2011 aus dem Unternehmen zurückzieht und eine Beraterrolle einnimmt, hinterlässt er große Fußstapfen. Mit dem Kauf der Marken Neos und J. Cortès wurde das Unternehmen in den 1970er-Jahren ein Global Player. Heute nennt sich der ganze Betrieb nach der Erfolgsmarke J. Cortès. Fred übernimmt ein mehr als solides, weltweit agierendes Unternehmen. Er hätte es erstmal entspannt angehen können, mit 29 Jahren bleibt viel Zeit zum Gestalten. Aber das Vandermarliere-Gen, eine Mischung aus Energie, Strategie und Risikobereitschaft, treibt ihn zu großen Schritten. Nach nur vier Jahren beschließt er, den beiden Schwestern die Firmenanteile abzukaufen. „Gut, dass ich noch so jung war, weil man da die Gefahren nicht so sehr sieht. Zuallererst habe ich diesen Schritt gewagt, weil ich an unsere Branche glaube und mit Leidenschaft dabei bin und natürlich, weil meine Schwestern an mich glaubten. Außerdem wollte ich Diskussionen innerhalb der Familie vermeiden. Tabak ist kein einfaches Business und stille Teilhaber verstehen sicher nicht jeden Schritt, den der aktive Part setzen muss.“

EINE VISION WIRD WAHR
2016, nur zwei Jahre später, setzt der Jungunternehmer einen zweiten, entscheidend großen Schritt: Er kauft die weltbekannte Marke Oliva Cigars, ein Familienunternehmen, dessen Produkte weltweit zu den Top-Zigarren gehören. Ganz ähnlich wie Fred zum Schluss gekommen war, dass Familie und Geschäft möglicherweise schwierig unter einen Hut zu bekommen wären, waren die Bedenken der vier Oliva-Geschwister: zu viele Eigentümer innerhalb einer Familie – zu viele unterschiedliche Interessen. Aber statt einen zum Boss zu küren, entschied die Familie, dass alle verkaufen sollten. Keine leichter Schritt für ein Unternehmen, das zu diesem Zeitpunkt 130 Jahre im Tabakbusiness erfolgreich agiert hatte. „Ein Familienunternehmen zu verkaufen ist wie zuzusehen, wie eines deiner Kinder heiratet; es ist eine bittersüße Erfahrung. Deine größte Hoffnung ist, dass es an jemanden geht, der den gleichen Respekt und die gleiche Leidenschaft für die Arbeit deiner Familie hat“, beschreibt José Oliva, ehemaliger CEO von Oliva, seine Gefühle, die ihn vor dem Deal umtrieben. Ein ganz ähnliches Bild findet Fred Vandermarliere, fragt man ihn, wie er heute, drei Jahre nach dem Kauf, empfindet: „Ja, es wird immer mehr zu meiner Marke. Ich weiß, ich sollte sagen ‚ja – von Anfang an zu 200 Prozent‘. Aber: es ist nicht mein Baby, sondern ein fast erwachsenes Kind, das ich adoptiert habe. Das muss ich akzeptieren und respektieren, und diesem Kind möchte ich die bestmögliche Zukunft geben.“

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Zigarren der Traditionsmarke Oliva sind mittlerweile in über 60 Ländern verfügbar

ANTRIEB FÜR DEN TRAUM
Zwei Gründe gaben Freds Vision, eine Longfiller-Manufaktur zu besitzen, Futter: Leidenschaft und Strategie. Als er für seinen Vater zu arbeiten begann, lernte er vier Jahre lang in Sri Lanka die Komplexität von Rohtabak kennen. „Dass Deckblätter in 400 Farbnuancen klassifiziert werden können, hat mich fasziniert. Damals habe ich Feuer gefangen.“ Er gesteht, dass ihm in seinem Segment innerhalb der Branche zunächst der Antrieb fehlte. „In Asien geht es immer um Zahlen, in Europa reden wir meist über Bürokratie und Gesetze.“ Vandermarliere bereist mit einem Tabakeinkäufer drei Wochen lang Mittelamerika und besucht nahezu 30 Zigarrenmanufakturen. „Ich kam mit aufgeladenen Batterien nach Hause, hatte Leute getroffen, die eine Leidenschaft hatten für das Produkt wie ich. Es war, wie Brüder zu finden. Gleichzeitig empfand ich tiefen Respekt vor ihrem Wissen und Können und erkannte, wie groß mein Interesse für Tabakanbau und handgerollte Zigarren ist.“ Neben seiner Passion für Zigarren glaubt der Belgier außerdem, dass sich der Shortfillermarkt in den nächsten 30 Jahren komplett verändern, der Premiumzigarrenmarkt jedoch stabil bleiben wird. „Leute, die nach Genuss suchen, die Premiumzigarren und ihre Geschmacksvielfalt lieben, die wird es immer geben. Durch nichts lässt sich diese Art zu genießen ersetzen.“ Daher ist der Kauf von Oliva auch strategisch eine gute Entscheidung, glaubt Vandermarliere.

OLIVA CIGARS. DIE NEUE ÄRA
„Manchmal muss sich alles ändern, damit es bleiben kann wie es ist.“ Dieses Zitat aus Der Gattopardo trifft passgenau auf den Eigentümerwechsel bei Oliva Cigars zu. Darin bestand der Wandel – und der Rest sollte vorerst bleiben, wie er war. „Meine große Angst war, dass die Schlüsselfiguren bei Oliva gehen würden. Was würde dann passieren? Ich war angewiesen auf ihre Erfahrungen, wollte sichergehen, dass die hohe Qualität weiterhin garantiert sein würde“, erzählt Fred von seinen größten Bedenken. José Oliva wollte seinerseits immer, dass es dem Unternehmen, den Mitarbeitern und dem neuen Eigentümer „gut ginge“.„José und ich haben gewusst, dass die Übernahme sanft und natürlich vonstatten gehen musste“, erzählt Fred. „Er war der entscheidende Faktor, dass alle Mitarbeiter bleiben würden.“José Oliva wusste genau, wie der künftige Besitzer der Marke sein sollte, und Fred war sein Wunschkandidat. „Fred Vandermarliere verkörpert alles, was wir uns nur erhoffen konnten. Er hat eine unendlich große Leidenschaft für Tabak und respektiert die Tradition. Die Arbeit mit Fred war, wie ein neues Mitglied in der Familie zu haben. Fred ist nicht nur ein zukunftsorientierter Visionär, sondern auch ein großartiger Kurator der Geschichte. Er hat Erfolg, weil er auf Details achtet und sich um die Menschen kümmert.“ Noch immer steht José, der inzwischen in die Politik gewechselt ist, als Berater hinter Fred. Die Olivas sind nach wie vor Eigentümer der Tabakfelder in Nicaragua und kümmern sich um den Anbau. Deal ist, dass die Oliva-Manufaktur die Vorkaufsrechte und -pflichten bezüglich dieses Tabakvolumens hat. „Das größte Kompliment ist, von den Mitarbeitern zu hören: ‚Fred, es hat sich nichts verändert‘“, gesteht der Unternehmer. So ganz stimmt das natürlich nicht. Vandermarliere bringt seine globalen Businesserfahrungen natürlich stark in Nicaragua ein. Eine neue Kistenfabrik wurde gebaut, die Arbeitsgeräte und -plätze der Roller runderneuert, die Arbeitsabläufe wurden optimiert und die Sicherheitsbestimmungen in der Fabrik entsprechen EU-Standards. „Die Seele ist gleich geblieben, aber der Körper hat sich verändert“, beschreibt Fred den Wandel. Der „Körper“ von Oliva wuchs nicht nur durch eine zweite Fabrik in Estelí, Tabolisa II, und die Kistenfabrik, sondern der neue Eigentümer ist darauf bedacht, den Tabakvorrat kontinuierlich zu vergrößern – momentan seine größte Investition. „Ich möchte Qualität garantieren, dafür brauche ich Zeit, Geduld, natürlich Geld und eben ein großes Lager“, sagt Vandermarliere. Außerdem expandiert die Marke, mit den drei Linien Oliva, Nub und Cain stetig in Europa und Asien. „Dabei spielt weiterhin Brian Shapiro eine wichtige Rolle. Auch er, ehemaliger internationaler Verkaufschef des Unternehmens, ist uns erhalten geblieben. Er ist inzwischen Brand Ambassador und hat unserem Sales Team viel beigebracht.“ In Zwevegem, dem Logistik-Zentrum von J. Cortès, hat Vandermarliere ein großes und perfekt klimatisiertes Warenlager für Premiumzigarren installiert. Hier wird je nach Landesvorgabe die Kiste beklebt und weiterverschickt. Inzwischen ist Oliva Cigars in mehr als 60 Märkten präsent und verzeichnet seit 2016 jährlich zweistellige Wachstumsraten.

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José Oliva ist als Ratgeber im Hintergrund für Fred Vandermarliere immer bereit

Auf dem Rückweg zum Flughafen lerne ich bei einem kurzen Stopover noch Freds Eltern kennen, Guido und Thérèse. Fred liebt es, wie erwähnt, Leute zusammenzubringen. Schnell fühle ich mich so wohl, dass ich eigentlich nicht zurückfliegen mag und lieber Guidos Erzählungen aus der Tabakbranche gelauscht hätte. Der Tag mit Fred war eine aufregende Reise durch sein Leben zwischen Belgien, Sri Lanka und Nicaragua. Woher er sein wirklich auffällig großes Energiepensum hernimmt, will ich am Ende doch noch wissen. „Meine Frau steht voll hinter mir und bremst mich ein, wenn ich zu oft ,ja‘ sage zu unwichtigen Dingen. Meine Energie habe ich aber von meinen Eltern geerbt. Sie haben mir gute Gene weitergegeben, aber auch die Gabe, mich am Leben zu erfreuen. Dinge positiv sehen als Grundeinstellung, das gibt einfach Kraft.“

 

 

www.olivacigar.com

Copyright Fotos: Jef Boes

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She learned her journalistic skills from scratch at a regional daily newspaper, for which she wrote articles for many years. Through working for the magazine Der Spiegel in Rome she had the opportunity to increase her professional knowledge in the field of media. Katja studied art history and Romance studies in Heidelberg, Palermo and Rome and, during the course of her studies, spent many years in Italy. The country was her teacher in things related to pleasure and lifestyle. She has been working for Cigar Journal since 2004. In 2010 she became editor-in-chief.


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