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Casa Turrent: Mexikos beste Zigarre

Er wusste es schon immer. Allein die Zauberformel fehlte ihm zu seinem größten Coup. Längst war sie nicht nur in seinen Gedanken, sondern greifbar vor ihm. Die Rezeptur steckte verpackt in zahllosen Tabakballen. Weitere Formelbestandteile schlummerten in der langen Familiengeschichte und ihrer immensen Erfahrung mit Tabak. Ein unschätzbares Element fand sich in der speziellen mexikanischen Erde und schließlich die wichtigste „Zutat“ trug er in sich selbst: der Glaube, an eine, an die großartige mexikanische Zigarre.

Was sich wie eine geheimnisvolle Medizin aus der Zeit der Azteken liest, ist etwas ganz anderes, entstammt jedoch dem Mutterland dieser Hochkulturen. Die Medizin heißt Casa Turrent, ist eine hervorragende Zigarre und das Beste, was bisher aus Mexiko in Sachen Tabak in die Welt getragen wurde. Ihre Wirkung: Sie bereitet Zigarrenrauchern allerorts Freude, ist wohlschmeckend und man will mehr davon haben.

Die Casa Turrent schlug in Fachmagazinen und Blogs global seit ihrer Lancierung positiv ein. Um das Geheimnis der Formel rund um diese neuartige mexikanische Zigarre zu lüften, treffen wir Alejandro Turrent, Mastermind hinter dem Produkt, in Mexiko City und begeben uns mit ihm auf Spurensuche. Unsere Recherche verläuft antizyklisch. Nicht im Tabakfeld, wo jede Zigarre ihren Anfang nimmt, beginnen wir zu forschen, sondern in der Lounge Casa Turrent, wo das Endprodukt verkauft wird.

Alejandro eröffnete vor drei Jahren die Location im noblen Stadtteil Polanco. Seither hat die Lounge einige optische und bauliche Liftings erfahren. Alejandro gibt ganz offen zu: „Ich hatte keine Erfahrung mit Gastronomie, daher musste ich viel ausprobieren. Und ich bin jemand der sich nicht leicht zufrieden gibt, es muss alles stimmig sein, vorher gebe ich nicht auf.“ Die Casa wirkt leger und einladend, spricht Leute an, die bei einer guten Zigarre entspannen wollen und sich dazu einen Drink gönnen.

Wir treffen auf internationales Publikum – zwei Passionados, die auf der Durchreise nach Kuba in der Lounge einen Zwischenstopp einlegen: Buchautor Richard Lechner und Reisekompagnon André Beer aus Deutschland. Die Zigarrenfans sind sich einig: „Das ist eine echt coole Location. Wir sind hier zufällig reingestolpert und freuen und über diesen Reiseauftakt.“

Alejandro will sowohl das Konzept der Lounge als auch die Lokalität selbst noch ausbauen. „Ich plane, in Mexiko City zwei bis drei weitere Casas zu eröffnen und in zwei bis drei anderen großen Städten in Mexiko ebenfalls. Die Zahl der Zigarrenraucher hier in Mexiko steigt, sie werden bezüglich Rauchkultur immer gebildeter und damit auch anspruchsvoller.“ Allerdings funktioniere das Angebot der mexikanischen Tabakshops für Zigarrenraucher nicht wirklich, meist würde sich das Verkaufspersonal dort nicht auskennen, erklärt uns Turrent. Gute Hotels verfügen oft über einen kleinen Humidor, aber das war’s dann schon, was Mexiko für seine Passionados zu bieten hat. Daher setzt Alejandro Turrent auf eigene Stores mit integrierter Lounge. Im pulsierenden Stadtviertel Santa Fe befindet sich bereits seit Juni 2014 der große Turrent Store und erfreut sich regen Zulaufs.

International plant der Zigarrenmacher das Konzept des Casa Turrent Ambassador-Programms. Raymondo Bernasconi in Basel, seit langem Importeur von Zigarren aus dem Hause Turrent, wird der erste Botschafter sein. „Alejandro Turrent ist für mich eine großartige Persönlichkeit mit einer unheimlichen Passion für hervorragende Tabake aus Mexiko“, äußert sich der Eigentümer der Royal Cigar Company über den Mexikaner. Mit der neuen Marke, der Casa Turrent, kommt auch ein gleichnamiger Tequila auf den Markt – erhältlich vorerst nur bei den Ambassadors. Ähnlich wie bei Zigarren, hat Alejandro Turrent auch bei der Spezialabfüllung für seinen Tequila lange nach der richtigen Formel gesucht – das Ergebnis ist ein weicher, bernsteinfarbener Agaven-Brand geworden, der hervorragend mit seinen Zigarren harmoniert. „Ich bin fest davon überzeugt, dass man Zigarrengenuss noch steigern kann: durch einen schönen Ort, gemeinsam mit Freunden und durch die passende Spirituose“, lautet Alejandros Credo.

Mexiko City ist Alejandro Turrents Fixpunkt geworden. Von hier aus reist er rund um die Welt, ist ständig auf Achse zwischen dem Büro in den USA, Europa, Asien und natürlich der Fabrik und den Feldern in San Andrés, nahe des Golfs von Mexiko gelegen. Dorthin führt uns die Reise weiter, mitten durchs Land, wir überqueren einen Pass von 3000 Metern Höhe. Rechts erstreckt sich das Vulkanmassiv des Popocatépetl und seiner kleinen Schwester, der Iztaccihuatl, mit 5286 Metern auch kein Zwerg. Nach einer Wildwest-Landschaft mit faszinierenden Kakteenpflanzen kommen wir 100 Kilometer vor Veracruz in einem fruchtbaren Paradies an. Eine üppige Vegetation kleidet die bergige Landschaft, subtropisches Klima raubt uns nach dem überraschend frischen Mexiko City die Luft. Hier, an der Ostküste von Mexiko bei La Antigua, landete 1519 Hernán Cortés und wurde von einer Abordnung des Aztekenherrschers Moctezuma freundlich empfangen – was dieser Hochkultur nur wenig später zum Verhängnis wurde und der Anfang ihres Untergangs war. Bald erreichen wir das in der Zigarrenbranche berühmte San Andrés Tuxtla. Die Kolonialstadt ist von Vulkanen umgeben und liegt in einem Kessel. Klima und Boden lassen hier einen ausgezeichneten Tabak wachsen.

Vor uns liegen außer sattgrünen Tabakfeldern in einer bezaubernden Landschaft vier Tage, an welchen Alejandro Turrent mit viel Geduld und Leidenschaft zeigt, wie er arbeitet. Was bereits in Mexiko City zu erahnen war, findet sich hier bestätigt: Turrent ist detailfokussiert und hartnäckig, er versucht bei allen Arbeitsgängen besser und noch besser zu werden. Dabei ist er nicht verbissen, sondern ruhig, konzentriert und im ständigen Diskurs mit den Leuten in Schlüsselpositionen innerhalb der Manufaktur.

Photo: Eliher Hidalgo

Sehr eng ist die Zusammenarbeit mit seinem Vater, Alberto Turrent. Bis zum ersten Fermentationsprozess ist er zuständig; danach übernimmt Alejandro. Die Abläufe in der Manufaktur, Blending, Marketing und Vertrieb liegen in seinen Händen. Vater und Sohn tauschen sich ständig aus, kontrollieren sowohl im Lager als auch in der Fabrik ihre Tabake. Alejandro lässt unentwegt Wickel drehen, die sofort von Alberto und ihm verkostet und besprochen werden. Auch wir dürfen probieren. Im Büro, wo wir testen, erklärt uns Alberto Turrent: „Wir haben das Glück, dass wir in San Andrés verschiedene Sorten Tabak sehr gut anbauen können. Die Erde nimmt nicht zu stark Einfluss auf den Geschmack der Blätter.“

Hinter dem Seniorchef erstreckt sich eine riesige Weltkarte an der Wand, markiert sind mit Stecknadeln die Länder, welche Turrent-Rohtabak kaufen, und in einer anderen Farbe jene, die Turrent-Zigarren importieren. Das Stecknadelmeer ist beeindruckend und aufgrund der Beliebtheit der Casa Turrent wird Alberto Turrent in den kommenden Monaten noch weitere Punkte markieren können.

Die Familie ist nicht nur der größte Tabakanbauer Mexikos, sondern auch der bedeutendste Rohtabakexporteur des Landes. Gleichzeitig stellt Turrent die meisten Puros her. 350 Hektar nennen sie ihr Eigen, 200 davon werden bewirtschaftet, die übrigen 150 dürfen sich im Rotationsverfahren ausruhen. Drei verschiedene Tabaksorten baut die Familie an. Einmal den berühmten Negro San Andrés, er nimmt etwa die Hälfte des Anbauvolumens ein, dann Sumatra-Tabak und Habano Seed; diese Sorten teilen sich die übrigen 50 Prozent Volumen. Die Tabakfarmer in San Andrés können zwischen drei Bodentypen wählen: einem Lehmsandboden, einer sandigen Erde oder einem Lehmboden.

Alberto und Alejandro bekommen für die Weiterentwicklung des Saatgutes berühmte Unterstützung aus Kuba. Kein Geringerer als Eumelio Espino, Saatgutspezialist für Tabak, forscht mindestens zweimal im Jahr auf den Feldern der Turrents und sorgt für Weiterentwicklung. „Wir sind sehr froh, dass Eumelio seit vielen Jahren mit uns zusammenarbeitet,“ verrät Alberto. „Wir haben gerade einen neuen Cuban Seed entwickelt, der als Wrapper perfekt wird – ölig, samtig und dünn mit wenigen Adern.“ Außerdem gelang es dem Kubaner, den Negro San Andrés so zu züchten, dass er nicht mehr von Blauschimmel angegriffen werden kann. Diese neue Errungenschaft bedeutet eine immense Erleichterung für die Tabakfarmer, es gibt noch genug weitere unberechenbare Parameter, welche die Ernte angreifen oder gar vernichten können. In 30 Scheunen trocknen die Blätter, 20 davon sind klimatisiert. Klimawandel ist auch in San Andrés Thema – die letzten Jahre waren kühler, daher wird mit Technik nachgeholfen, wo es nötig ist.

Photo: Eliher Hidalgo

Auch beim Fermentieren experimentiert Alejandro mit einer Art Sauna: In mit Zedernholz ausgekleideten Holzkisten fermentiert bereits fermentierter Tabak weiter, in einem künstlichen, hochtropischen Klima. Der Juniorboss probiert aus, verbessert und überdenkt jeden Produktionsschritt. Seine Kunden danken es ihm, namhafte Käufer wie Rocky Patel, My Father, Abe Flores, Jochi Blanco, Altadis, STG, Ashton und einige mehr greifen auf Turrent-Tabak zurück. Von jährlich 400.000 Kilo verkauft die Familie zwischen 60 und 70 Prozent. Da liegt der einzige, aber wunde Streitpunkt zwischen Vater und Sohn. „Am liebsten würde ich all unseren Tabak behalten“, sagt Alejandro scherzend. Hätte das Familienunternehmen die Kapazität, könnte es die doppelte Menge Rohtabak absetzen. Aber nun, da Alejandro die Rezeptur für die Top-Zigarre aus Mexiko entdeckt hat, wird er mehr und mehr Tabak für sich zurückhalten.

Die Frage, die Grund unserer Reise nach Mexiko war, soll nun von Alejandro Turrent beantwortet werden. Wie entstand die Casa Turrent?

Seit Alejandro sofort nach seinem Studium zum internationalen Betriebswirt mit Schwerpunkt Agronomie ins Familienimperium einstieg, war er stets auf der Suche nach einer großartigen Zigarre aus Mexiko für anspruchsvolle Passionados. Diese wollte er zudem international lancieren. Zugpferd bei Turrent war die berühmte Te-Amo. Ein US-Hersteller ließ diese legendäre Zigarre seit 1963 bei Turrent herstellen, Alberto Turrent beteiligte sich an dem Unternehmen, bis er es 1994 schließlich ganz aufkaufte. Te-Amo war im Mediumsegment lange Zeit die bekannteste Zigarre in New York, es war die „Taxifahrerzigarre“.

„Das war okay so, auch Kenner rauchten Te-Amo. Aber ich wollte durch eine Top- Zigarre unser Prestige insgesamt steigern und ich wusste, dass wir das Zeug dazu haben“, erinnert sich Turrent Junior. Der junge Unternehmer begann, neue Blends zu entwickeln, verpackt in neuen Designs. Zuerst verwendete er gereifte Tabake für die Te-Amo, es entstanden Premium-Linien wie die Te-Amo Aniversario oder die Cabinet Selection. Dann lancierte Alejandro die Marke A. Turrent; hierfür verwendete er erstmals Cuban Seed. Schließlich experimentierte er mit Tabaken aus anderen Herkunftsländern, die Te-Amo Word Selection Series waren geboren. Der Gipfel der Neuerungen war – wie der Name besagt – die Marke Revolution.

„Gemeinsam mit einem jungen neuen Verkaufsteam von Altadis, unserem Vertriebspartner in den USA, wollte ich etwas total Neues aus Mexiko lancieren. Ich machte alles anders, als man es gewöhnlich tun sollte.“ Turrent nahm statt einem dünnen Binder einen dicken, für den Wrapper erstmals Blätter aus dem Mittelteil der Pflanze vom Negro San Andrés – dies ergab die besondere rötliche Farbe der Revolution. Die Marke schlug ein – aber nur kurzfristig, noch immer war Alejandro Turrent nicht da, wo er hinwollte.

Photo: Eliher Hidalgo

„Nach der Revolution wollte ich erneut eine Zigarre mit unserem Familiennamen kreieren. Die Casa Turrent entstand. Casa bedeutet für mich nicht nur zu Hause, sondern auch Familie. Genau das sind wir: Wir repräsentieren Geschichte und Erfahrung und können stolz auf unseren mexikanischen Tabak sein, wir brauchen uns nicht zu verstecken.“ Parallel zum Marketingkonzept kreisten die Gedanken des Herstellers natürlich um den Blend. Er startete unzählige Versuche, Ausgangspunkt war immer der Negro San Andrés, geblendet mit anderem Saatgut, gewachsen in Mexiko. Turrent erkannte, dass Tabak aus Nicaragua am besten zu seiner Vorstellung der Casa Turrent passte. Dann schließlich fand er Tabakblätter für den Filler, die bereits sortiert und klassifiziert waren, aber nochmals von ihm sortiert wurden. Das Material wurde bisher nicht für Filler genutzt, aber durch die Neusortierung passten diese hervorragend zum Blend. „Sie zeichnen sich durch eine besondere Dicke und Dunkelheit aus“,verrät Alejandro. Inzwischen experimentiert er nur mit diesem speziell und vielfach klassifizierten Tabak und trug seit 2013 Sorge, dass nun genügend davon vorhanden ist, um eine große Menge an Casa Turrent in drei Linien zu produzieren. „Wir sind jetzt soweit, wir können international liefern“, freut sich unser Gastgeber.

Was die größte Herausforderung der kommenden Jahre für ihn ist, wollen wir abschließend wissen. Alejandro muss lange nachdenken. „Eine gute Frage“, sagt er. „Ich könnte sagen, es ist die Aufgabe, die gute Konsistenz der Casa Turrent zu halten, aber wir haben genügend Spitzentabak, um dies zu garantieren. Daran haben wir hart gearbeitet. Das ist kein großes Thema. Die größte Herausforderung könnte sein, dass wir eine so große Nachfrage haben, dass wir den Markt nicht befriedigen können“, lacht Alejandro. Eine schöne Sorge, finden wir, die wir dem Erfinder der Casa Turrent von Herzen wünschen – nicht aber jenen, die diese großartige Zigarre aus Mexiko regelmäßig im Humidor beherbergen wollen.

Katja Gnann

Bei einer regionalen Tageszeitung erlernte sie das journalistische Handwerk von der Pieke auf und erstellte dort langjährig redaktionelle Beiträge. Durch die Mitarbeit bei der Zeitschrift „Der Spiegel“ in Rom bekam sie die Chance, ihre Kenntnisse im Medienbereich zu professionalisieren. Katja Gnann studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Heidelberg, Palermo und Rom und verbrachte im Zuge des Studiums viele Jahre in Italien. Das Land war ihr Lehrmeister in Sachen Genuss und Lebensstil. Seit 2004 arbeitet sie für das Cigar Journal, seit 2010 als Chefredakteurin.


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