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aj fernandez portrait with cigar door

A. J. Fernandez – Disziplin und Leidenschaft

In jedem Berufszweig gibt es Ausnahmetalente. Auch unter den Zigarrenmachern finden sich einige, denen die Bezeichnung Genie gerecht wird. Abdel J. Fernandez ist einer von ihnen.

 

In der Musik spricht man von dem Phänomen des absoluten Gehörs, es wird unter anderem Mozart, Bach oder Chopin zugesprochen. Ungeklärt sind die neuronalen Zusammenhänge, aber man weiß, dass diese Gabe sowohl angeboren ist, aber auch erlernt werden kann und dass das frühkindliche Umfeld dieses Talent stark fördert.

Der Mann mit dem absoluten Geschmack

Gäbe es so etwas wie den absoluten Geschmackssinn, wäre A. J. Fernandez ein Kandidat auf dieser Liste. Mittlerweile ist jedoch erforscht, dass Geschmack im Kopf entsteht und sowohl einem Lernprozess als auch kulturellen Einflüssen unterworfen ist. Beide Eckpfeiler der Geschmacksausbildung finden sich im bisherigen Lebenslauf von A. J. Fernandez.

aj fernandez in the middle of tobacco plants inspecting tobacco field

Photo: Klaus Rauch

Er wuchs in Kuba auf – nicht irgendwo in Kuba, sondern in San Luis. Die Kleinstadt gehört zur Provinz Pinar del Río. Wer in der berühmten Tabakregion lebt, kommt meist schon als Kleinkind mit Tabakverarbeitung in Kontakt.

Eine frühe Erinnerung von A. J. ist, wie er seinem Großvater beim Entrippen der Blätter half. „Wo ich geboren wurde, war es gar nicht zu vermeiden, mit Tabak in Kontakt zu kommen.

Tabak war allgegenwärtig. Ich wuchs damit auf, es war keine Frage, was ich später tun würde – es war vorgezeichnet“, beschreibt der Exilkubaner seinen beruflichen Werdegang.

„In meinem Universum gab es nichts außer Tabak, denn mein Vater arbeitete mit Tabak, mein Großvater, meine Onkel … Es wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt, es liegt in meinem Blut“, sinniert er weiter.

Aber der junge Abdel hatte noch einen weiteren Heimvorteil: er arbeitete mit Alejandro Robaina, der ihn in alle Geheimnisse des Tabaks einweihte. Dieses ideelle Erbe nahm er mit in seine neue Heimat Nicaragua. Während er von seinen Kindheitstagen erzählt, nimmt er einen langen Zug an seiner Zigarre. Täglich raucht er je eine Zigarre jeder Linie seines Portfolios … und davon jedes Format. „Seine Zigarren sind wie Kinder für ihn. Er möchte täglich wissen, wie ihr Zustand ist“, erklärt der Marketingmanager von A. J. Fernandez Cigars, Clay Roberts.

Kometenhafter Aufstieg

Bedenkt man, dass A. J. Fernandez erst vor neun Jahren Kuba verließ, so ist es umso bemerkenswerter, dass er heute in seiner Manufaktur täglich zwischen 40.000 und 60.000 Zigarren produziert. Er begann 2004 kurze Zeit für seinen Onkel Nestor Plasencia zu arbeiten, doch schon bald kaufte er selbst Tabak und eröffnete seine erste „Fabrik“ in Estelí – eine Garage, wo sechs Roller für ihn drehten.

aj fernandez first tabacelera entrance door

Photo: Klaus Rauch

Noch heute ziert der Schriftzug „Tabacalera Fernandez“ das Tor. Längst wird dort nicht mehr produziert, doch A. J.’s Emotionen hängen an diesem Ort und er gibt ihn nicht auf. Der damals 25-Jährige produzierte Zigarren für Marken, die sich sehr gut verkaufen ließen. Schnell sprach sich innerhalb der Branche herum, dass in Estelí ein junger talentierter Exilkubaner Zigarren produziere. Aufträge über Aufträge trafen ein.

Bereits 2006 kann A. J. seine erste eigene Tabakplantage mieten und auf der Farm „La Soledad“ selbst Tabak anbauen. Ein Meilenstein wird 2008 gelegt – das Unternehmen kauft sein erstes eigenes Feld und die Mitarbeiter erinnern sich an eine lange fröhliche Partynacht auf genau diesem Feld.

aj fernandez tobacco farm depot

Photo: Klaus Rauch

Es gab aber noch mehr Gründe, das Jahr 2008 zu feiern. Bekannte, große Labels lassen inzwischen bei der Tabacalera Fernandez produzieren. Einer von ihnen ist Rocky Patel mit seiner Summer Blend 2008. 2009 wird die Zigarre Man O’ War ein Verkaufsschlager in den USA – made by A. J. Fernandez.

Er produziert für Cigars International außerdem die Marken Diesel und Ave Maria, daneben bestimmte Linien für Gurkha, Padilla und weiterhin für Rocky Patel. Auf die Frage, wie er so viel Erfolg in so kurzer Zeit verkraften könne, antwortet A. J. schlicht: „Durch Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit.“

Der Schritt zu den Eigenmarken

Während von 2004 bis heute das Produktionsvolumen monatlich wuchs und aus einer kleinen Garage sieben Fabrikationsstätten wurden, die sich über ganz Estelí verteilten, wuchs bei dem Zigarrenmacher der Wunsch, eine eigene Marke zu kreieren. Nicht irgendeine Zigarre, sondern die Zigarre. 2010 kam A. J.’s erste Eigenmarke auf den Markt, die San Lotano. San Lotano war die Hausmarke seines Großvaters in Kuba, der Name lehnt sich an seinen Geburtsort San Luis an. Die Kreation wurde von Passionados weltweit enthusiastisch aufgenommen. In den USA werden davon jährlich 1,5 Millionen Stück verkauft.

aj fernandez factory cigar roller at work

Photo: Simon Lundh

Thomas Strickrock von Woermann Cigars importiert sie nach Europa und kommt angesichts des Absatzerfolges ins Schwärmen: „San Lotano war und ist ein Glücksgriff für unser Haus, weil sie weltweit großes Interesse hervorruft. Für unseren Europavertrieb haben wir dank dieser Marke eine Menge internationaler Kunden dazugewonnen.

Nun kommt schon die nächste Eigenmarke von A. J. – die Pinolero. Der nächste Hammer, nach dem schon viele Konsumenten und Händler fragen!“ Die neueste Marke besteht inzwischen aus sechs Formaten.

Während San Lotano eine Hommage an Kuba ist, huldigt A. J. Fernandez mit der Pinolero seiner neuen Heimat. Pino ist eine Fruchtart in Nicaragua, ein Pinolero der „Saftmacher“. In den USA ist die Pinolero seit acht Monaten auf dem Markt und die Manufaktur kommt mit den Lieferungen kaum nach. „Wenn sich die Zahlen weiterhin so entwickeln, haben wir innerhalb eines Jahres eine halbe Million Zigarren von der Pinolero verkauft“, freut sich Clay Roberts.

aj fernandez katja rauch team group portrait

Photo: Klaus Rauch

Momentan ist das Unternehmen an einem Punkt angekommen, wo es unmöglich ist, neue Aufträge für Fremdfirmen anzunehmen. A. J. Fernandez Cigars produziert zu 85 Prozent für fremde Labels, zu 15 Prozent für die Eigenmarken.

Das Verhältnis soll sich in den nächsten Jahren jedoch so entwickeln, dass mindestens 25 Prozent der Kapazität für den Eigenbedarf frei zur Verfügung stehen. Fragt man A. J. nach dem Rezept seines Erfolgs, ist auch hier die Erklärung des wortkargen Tabakmenschen knapp: „Mein Credo ist einfach, es setzt sich aus zwei Dingen zusammen: Disziplin und Leidenschaft.“

A. J. gibt dem Tabak die Zeit, die er braucht, und er nimmt nur bestes Rohmaterial. „Ich lehne Aufträge ab, die von mir fordern, zu jungen Tabak zu verwenden. Das ist eines meiner Prinzipien“, erklärt der Unternehmer.

Die XXXL-Fabrik – Eine Zukunftsinvestition

War bei meinem Besuch in Nicaragua die Produktion der Zigarren auf sieben verschiedene Fabriken innerhalb Estelís aufgeteilt, so öffnete inzwischen die neue, immens große Fabrik am Stadtrand von Estelí die Pforten. Sie ist eine der größten Zigarrenproduktionsstätten in Mittelamerika.

Beginnend von der Lagerung des Rohmaterials über das Fermentieren bis hin zum Gefrierraum … alles befindet sich unter einem Dach, auf einer Fläche von 12.000 Quadratmetern.

aj fernandez new factory hall for cigar rollers

Photo: Klaus Rauch

A. J.’s Augen leuchten, als er fragt: „Wie gefällt dir die neue Fabrik? Es war höchste Zeit, unsere Kräfte zu bündeln und alles unter einem Dach zu haben.“ Mir verschlägt es angesichts der Fläche die Sprache, aber wo 15 Millionen Zigarren pro Jahr entstehen sollen, muss genug Platz sein. Innerhalb der Fabrik befindet sich auch die Rollerschule; drei bis sechs Monate dauert die Ausbildung zum Roller bei A. J. Fernandez Cigars. Das Unternehmen bietet 1300 Menschen einen Arbeitsplatz, in Schlüsselpositionen agieren jedoch fast nur Kubaner.

Hier verlässt sich A. J. auf Familienmitglieder und Freunde. Die bauliche Struktur ist gut durchdacht, alles wird Hand in Hand gehen und logistisch kein Weg zuviel zurückgelegt werden.

Gleich neben dem neuen Fabrikgebäude agiert A. J.’s. Schwager. Er ist der Eigentümer der Kistenfabrik mit 220 Mitarbeitern. Hier werden die Kistchen für die Fernandez-Zigarren hergestellt, aber auch jene der Fremdmarken und für viele andere Labels, die in Estelí produziert werden.

Nächtliche Inspiration

Genies spricht man neben Talent eine ungeheure schöpferische Kraft zu. Bei A. J. Fernandez ist diese spürbar – es geht ihm nur um Zigarren, um nichts anderes. Seine Person in den Mittelpunkt zu stellen, liegt ihm fern. Auch wenn seine Zigarren seinen Namen tragen, möchte er nicht der Star sein, der den Markennamen als Botschafter nach außen hin vertritt. Sein Platz ist in Nicaragua, auf seinen inzwischen 15 Plantagen und in seiner Fabrik.

Er sieht sich als Tabakbauer und Blender, nichts sonst. Manchmal, spät nachts, hat er die besten Einfälle zu neuen Blends. Dann hält ihn nichts und er fährt, plötzlich inspiriert, in seine Manufaktur und probiert sofort aus, was geschmacklich in seinem Kopf gerade stattgefunden hat.

Zehn Fragen an A. J. Fernandez

Wer war dein wichtigster Lehrer?
Mein Vater.

Und wer war deine größte Stütze?
Meine Familie, Freunde und engen Vertrauten.

Welche Fehler kannst du schlecht verzeihen?
Ich bin nicht nachtragend und verzeihe stets. Ich konzentriere mich lieber auf die Zukunft statt über Fehler der Vergangenheit nachzugrübeln. Aber natürlich lerne ich aus den Fehlern, die ich gemacht habe.

Welche Eigenschaft an dir ist besonders?
Bescheidenheit! Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Wer ist dein größter Held?
Meine Eltern und Großeltern. Meine gesamte Verwandtschaft hat mich stets unterstützt. Das ist wirklich ein Segen.

Was war dein bisher größter Erfolg?
Ich hatte das Glück, bei einigen der besten Zigarrenhersteller der Welt zu lernen. Mein Erfolg war es, dieses Wissen zu nutzen und selbst einige feine Zigarren zu produzieren.

Was war deine bisher größte Leistung?
Allen möglichen Menschen einen festen Arbeitsplatz bieten zu können und die persönliche Befriedigung, die ich dabei empfinde.

Womit erklärst du dir deinen bisherigen Erfolg?
Harte Arbeit und der Wunsch, meine Träume zu verwirklichen.

Die perfekte Zigarre muss wie … sein?
Die Kreation der perfekten Zigarre hängt von verschiedenen Faktoren ab: sorgfältige Pflanzung und Pflege der Tabakpflanzen, traditionelle Erntemethoden, geheime Verfahren der Trocknung und Fermentation sowie hochwertige Auswahl und Blending des Endprodukts. Ich gebe mir sehr viel Mühe, um all diese arbeitsintensiven Schritte zu verbinden und die perfekte Zigarre zu kreieren. Eine Zigarre mit erstklassigem Abbrand und wunderbarer Textur. Ein Geschmackserlebnis von Anfang bis Ende, das Menschen wirklich dazu veranlasst zu sagen: WOW!

Wo siehst du A. J. Fernandez Cigars in zehn Jahren?
Uff! In zehn Jahren kann so viel passieren. Ich habe in den letzten zehn Jahren schon so viel erlebt. Meine Konsumenten- und Händlerbasis wächst täglich. Ich würde mir wünschen, dass die Marke A. J. Fernandez eines Tages in aller Welt verbreitet ist. Ich möchte, dass Zigarrenliebhaber aus allen Gesellschaftsschichten meine Produkte genießen können. Das ist mein Ziel. Und so wie mein Unternehmen Tag für Tag wächst, muss auch ich wachsen – beruflich und privat – ohne dabei je mein Bekenntnis zu Qualität und Bescheidenheit aufzugeben.

A. J. Fernandez – Portfolio 2013

aj fernandez portfolio 2013

Photo: Wolfgang Hametner

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Sommer-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Katja Gnann

Bei einer regionalen Tageszeitung erlernte sie das journalistische Handwerk von der Pieke auf und erstellte dort langjährig redaktionelle Beiträge. Durch die Mitarbeit bei der Zeitschrift „Der Spiegel“ in Rom bekam sie die Chance, ihre Kenntnisse im Medienbereich zu professionalisieren. Katja Gnann studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Heidelberg, Palermo und Rom und verbrachte im Zuge des Studiums viele Jahre in Italien. Das Land war ihr Lehrmeister in Sachen Genuss und Lebensstil. Seit 2004 arbeitet sie für das Cigar Journal, seit 2010 als Chefredakteurin.


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