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Toscano und die stolzen Frauen aus Lucca

Von ihren leidenschaftlichen Anhängern wird sie selbstbewusst „stortignacolo“, die Krumme, genannt. Und seit mittlerweile über 200 Jahren steht sie synonym für pures italienisches Lebensgefühl: die Toscano. Ob zum Espresso am Morgen oder zu schwerem Rotwein am Abend – die aromatisch-starke Zigarre aus der Toskana ist fester Bestandteil des legendären „dolce vita“ und ein Geheimtipp unter Zigarrenliebhabern. Ihre enorme Beliebtheit in Italien – aber mittlerweile rund um den Globus – verdankt die Toscano dem gekonnten Zusammenspiel aus urwüchsiger Kraft, den würzig-feinen Aromen des Dark Fired Kentucky-Tabaks und der handwerklichen Präzision und Erfahrung von Frauen, die mindestens so stark sind wie der Tabak, den sie rollen.

Handwerkliche Präzision und kleine Kunstwerke
Der Gesichtsausdruck ist konzentriert, aber nicht angestrengt. Aromatischer Tabakduft liegt in der Luft. Aus dem Radio irgendwo in der Manufaktur dudelt italienische Schlagermusik. Die Finger fliegen förmlich über die auf Holztischen ausgebreiteten tiefbraunen Dark Fired Kentucky-Tabakblätter, streichen sie gefühlvoll glatt, schneiden das Deckblatt in die gewünschte Form, zupfen und ziehen an der Einlage, straffen das geschmeidige Deckblatt mehrmals nach und vermählen dann geschickt mit wenigen Handgriffen Einlage und Deckblatt zu einem kleinen elliptischen Kunstwerk – einer echten Toscano. Der ganze Vorgang dauert inklusive des Schneidens der Enden kaum eine Minute.  Dann wiederholt sich die Prozedur mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks wieder und wieder. Ungläubig staunend steht man vor einer der berühmten Zigarrenrollerinnen der Manifatture Sigaro Toscano S. p. A. in Lucca, einem idyllisch zwischen sanften Hügeln und schier endlosen Weinbergen in der Toskana gelegenen Ort voller Geschichte und Geschichten. Heimat der Toscano, und Heimat auch einiger außergewöhnlicher Frauen.

Selbstbewusst, unabhängig, und stolz auf ihre Arbeit
So monoton die Arbeit der Zigarrenrollerinnen auf dem ersten Blick dem Betrachter auch scheinen mag: Hier sind absolute Spezialistinnen am Werk, deren perfektes Handwerk in der Region – und weit darüber hinaus – höchstes Ansehen genießt. Denn in Lucca kennt jeder die Manufaktur; sie gehört quasi zur Familie. Und für die Manifatture Sigaro Toscano zu arbeiten, ist nicht nur Teil einer sozialen und ökonomischen Emanzipation von Frauen, sie ist auch Teil einer tiefen kulturellen Verortung. In den Nachkriegsjahren besuchten nämlich vorrangig begüterte Damen des Bürgertums die legendäre „Bar di Simo“ in der Via Fillungo – und, ausgestattet mit dem Wissen um ihren aufgrund ihrer Arbeit hohen gesellschaftlichen Status wie auch einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, ebenso die Arbeiterinnen der Manufaktur.

Grundlage dieses Selbstbewusstseins ist der enorme Erfahrungsschatz, den die Frauen rund um das Produkt „Tabak“ und seine spezifischen Produkteigenschaften mitbringen. Jahrelange Erfahrung in der Verarbeitung, viel Gefühl für die richtige Konsistenz einer Zigarre und der Anspruch, jede Zigarre zu einem außergewöhnlichen Unikat für Genießer zu formen – das alles zeichnet jede der Rollerinnen bis heute aus. Da kann es kaum überraschen, dass in der maschinellen Produktion bei Toscano der Anteil der weiblichen Mitarbeiter bei knapp 45 Prozent liegt, bei den von Hand gerollten Premium-Zigarren sogar bei 98 Prozent. Nur zwei männliche Roller haben es aktuell in diese Spitzenliga geschafft.

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Wissenstransfer von der Mutter zur Tochter
Der Weg dorthin ist lang. Sehr lang. Denn die gut dotierten Arbeitsplätze bei Toscano sind heiß begehrt. Nach intensiver Sichtung der BewerberInnen – neben handwerklichem Geschick und immenser Geduld zählt Leidenschaft für das Naturprodukt Tabak zu den Auswahlkriterien – wird im Durchschnitt lediglich eine Nachwuchsrollerin/ ein Nachwuchsroller pro Jahr ausgewählt und findet bei Toscano eine Anstellung. Für dieses Traditionshandwerk bei Toscano gibt es keine Ausbildung im klassischen Sinne; vielmehr durchläuft jede Zigarrenrollerin ein zweimonatiges „Trainee-Programm“. Erfahrene Zigarrenrollerinnen geben in dieser Zeit ihr Wissen weiter, und erst nach sehr strenger Qualitätskontrolle können die von den Novizinnen produzierten Zigarren auch in den Verkauf gegeben werden.

Vielen der Spitzenrollerinnen ist zudem die Leidenschaft für Zigarren quasi in die Wiege gelegt worden: Einige der Familien rollen bereits in der vierten Generation Zigarren für die Manufaktur, und es ist keine Ausnahme, dass die fünfzigjährige Mutter neben ihrer zwanzigjährigen Tochter sitzt, und sie generationsübergreifend in die letzten Geheimnisse einer perfekten Toscano einweiht. Ein Wissenstransfer, der sich, wenn es um die Premium-Produkte und Raritäten wie die „Il Moro“ geht, für das Unternehmen und ganz besonders für Genießer auszahlt: Es gilt als Ehre, eine Il Moro zu rollen, und nur die erfahrensten Rollerinnen mit weit mehr als zehn Jahren Expertise sind in der Lage, diese begehrten Spezialitäten zu fertigen. Doch so unterschiedlich eine Toscano in Form und Format auch sein mag: Sie alle wurden gefertigt von starken Frauen, die stolz sind auf ihr Handwerk und auf die Qualität ihrer Zigarren. Und genau das schmeckt man.

Interessierte können die Produktion der Toscano Zigarren hautnah zu erleben.
Buchungen unter: www.visitamanifattura.it/en

www.alles-andre.de


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