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Wenn Herkunft zum Verhängnis wird: Die H. Upmann-Manufaktur

Vom Aufstieg und Fall der Familie Hupmann. Das Gebäude, in dem die weltbekannten Zigarren der Marke H. Upmann damals gerollt wurden, ist verschwunden; die Familie ging bankrott.

 

Hermann und August Hupmann aus Bremen in Deutschland landeten 1843 auf der Insel Kuba. Als Deutsche erregten sie ein gewisses Aufsehen, denn es waren vor allem Spanier, die auf der Karibikinsel ihr Glück versuchten. Im Jahr 1844 richteten sie eine kleine Zigarrenfabrik ein und gründeten in Havanna ihre eigene Bank. Die Familie war nicht unvermögend.

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Photo: Claudia Puszkar

Die Gebrüder betrieben ihre Geschäfte sehr erfolgreich. Ihre Zigarren waren schon nach wenigen Jahren für herausragende Qualität und besonderen Geschmack bekannt.

Die Marke profitierte auch davon, dass Zigarren in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts weltweit beliebter wurden denn je. Die Nachfrage in Europa, Amerika und Asien war enorm.

In den 1880er-Jahren begannen Hermann und August mit dem Bau eines riesigen Gebäudes auf der damaligen Avenida Carlos III – heute: Avenida Salvador Allende. Es ist eine sehr breite Straße, die früher sicherlich einmal eine der Prachtstraßen Havannas war. Sie führt vom Capitol, wo sie noch Avenida de Bolívar genannt wird (früher: Avenida Reina), direkt nach Westen.

1891 wurde die Fabrik in Betrieb genommen. Sie nahm eine Fläche von 1000 Quadratmetern ein. Mehrere Hundert Arbeiter konnten dort gleichzeitig beschäftigt werden, eine für damalige Verhältnisse gigantische Kapazität. Die Front des Gebäudes war beeindruckend, das zeigt das historische Foto. Sechzehn eckige Säulen bildeten die Vorderfront, auch die Seitenfronten waren nur unwesentlich kleiner. Zwei Etagen hatte das Haus, schmiedeeiserne Balkone schmückten die obere Etage.

Sie nannten sie Madama

Die Manufaktur hieß La Madama. Es sieht ganz danach aus, als hätten die Arbeiter der Fabrik sie selbst so benannt. Denn es findet sich kein Hinweis, dass die Fabrik jemals offiziell so geheißen hat. Indes ist auch unklar, wie die Arbeiter auf diesen Namen kamen. Vielleicht spricht der Name für den Respekt, den die Torcedores ihrer Arbeit oder ihren Arbeitgebern entgegenbrachten.

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Photo: Claudia Puszkar

Denn diese waren und blieben etwas Besonderes. Die Familie hatte auch nach vielen Jahrzehnten des Lebens in der Karibik ihre deutsche Herkunft nie ganz vergessen.

Das merkten auch die Arbeiter in der Manufaktur. Während andere Manufakturen beispielsweise mit Vorlesern arbeiteten, beschlossen die Hupmanns, ihre Angestellten mit Musik von Richard Wagner und Beethoven zu verwöhnen. Diese beiden Komponisten bevorzugte die Familie. Regelmäßig fanden deshalb kleine Konzerte statt. Doch offensichtlich waren die Torcedores, sonst karibische Rhythmen gewohnt, von den Klängen nicht begeistert.

Aufstieg und Fall

Die Zigarren der Marke H. Upmann waren irgendwann so gefragt, dass man in La Madama mit der Produktion nicht mehr hinterherkam. Noch dazu wurde neben der Marke H. Upmann auch noch eine ganze Reihe anderer gefertigt wie La Limpia Bandera, Benjamin Franklin, Figaro, Genesta, La Lola, La Flor de Manrigo, Adelina Patti und viele mehr. Zunächst mietete man zusätzliche kleine Werkstätten an. Als auch das nicht mehr reichte, baute man 1905 eine zweite, ebenso große Fabrik in Calabazar, am Stadtrand von Havanna.

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Photo: Claudia Puszkar

So arbeiteten am Ende im Zigarrengeschäft mehr als 1200 Arbeiter für die Familie Upmann. Die Geschäftsleitung hatten inzwischen die Söhne Herman Hupmanns, Herman, Albert und Carl Julius, übernommen. Es wurden 25 Millionen Zigarren pro Jahr produziert, das Geschäft lief ungeheuer erfolgreich! Der dauerhafte Erfolg schien gesichert. Niemand ahnte, was auf die Familie zukommen sollte.

Doch das Schicksal schlägt manchmal erbarmungslos zu und einstmals Bedeutendes fällt dem Untergang anheim. Der tödliche Schuss auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 wurde der Familie Hupmann zum Verhängnis.

Dieses Ereignis entschied das Geschick der Familie, obwohl sie beinahe am anderen Ende der Welt lebte. Denn Deutschland stand am Ende dieses Desasters, das man auch den Ersten Weltkrieg nannte, als Kriegsverlierer da und mit ihm alle Menschen deutscher Herkunft und ihre Unternehmen. Die Gesellschaften der Familie Upmann landeten auf einer so genannten „Schwarzen Liste von Unternehmen mit deutschen Eigentümern und deutscher Beteiligung“. Deutsche Unternehmen wurden gezielt boykottiert.

Niemand kaufte mehr Zigarren der Marke H. Upmann! 1922 schließlich, nachdem die Familie alles versucht hatte, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, verkauften sie die Marke und die Manufaktur zu einem Schleuderpreis, der etwa nur zehn Prozent des reellen Wertes ausmachte. Damit endete die Zigarrengeschichte der Familie in Kuba. Wie lange die Manufaktur La Madama in Betrieb war, ist nicht bekannt.

Auf Spurensuche in Havanna

Die ehemalige Manufaktur existiert nicht mehr. Auch anhand alter Stadtpläne oder durch grobe Schätzung konnte die genaue Position der früheren Hausnummer 159 nicht bestimmt werden. Die Avenida Salvador Allende ist eine sehr lange Straße mit heute bis zu vierstelligen Hausnummern.

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Photo: Claudia Puszkar

Man sagt, dass sich die Manufaktur an der Kreuzung der Avenida Salvador Allende zur Calle Belascoain befunden haben soll. Das ist jedoch unwahrscheinlich, denn kein Teil der Kreuzung passt zu der auf der überlieferten Fotografie abgebildeten Straßenmitte und dem dazugehörigen Fußweg. Interessanterweise findet sich nur drei Straßen weiter an der Ecke zur Calle Oquendo ein passendes Gebäude oder vielmehr ein Gebäudeteil. Das Haus No. 617 auf der Avenida Salvador Allende könnte, rein optisch, der Rest der Manufaktur La Madama sein.

Betrachtet man die alten Fotos, sind gewisse Ähnlichkeiten vorhanden. Die Form der Säulen ist gleich, ebenso der Balkon, der an der Vorderseite durchgehend ist, während die Balkons an der Seite klein und abgetrennt voneinander sind.

Auch die Straße davor entspricht in ihrer Anlage jener auf der historischen Fotografie. Letztendlich ist auch die Position der beiden Bäume, die heute natürlich wesentlich größer sind, korrekt.

Die Fenster in der oberen Etage haben die richtige Form und auch das Muster des Balkons ist identisch mit dem auf dem alten Foto. Allerdings handelt es sich nur um einen Teil des Gebäudes. Lediglich vier Säulen, also etwa ein Viertel des alten Gebäudes, stehen noch. Leider findet sich am Gebäude selbst keinerlei Hinweis auf seine Vergangenheit. Der Gebäudeteil hat heute allerdings eine dritte Etage, die beim Bau der Fabrik jedenfalls nicht da gewesen ist. Doch das ist in Havanna nichts Ungewöhnliches.

Ein falscher Nachbar?

Eines aber spricht gegen diese Theorie. Am Giebel des übernächsten Hauses links neben dem noch erhaltenen Gebäudeteil steht klar und deutlich die Jahreszahl 1904. Doch was bedeutet dies? Wäre dieses Gebäude tatsächlich 1904 erbaut worden, hätte die Manufaktur La Madama nicht sehr lange, nur etwas mehr als 10 Jahre, existiert. Das ist sehr unwahrscheinlich.

Nur der rechte Teil des Gebäudes ist noch erhalten: 16 Säulen säumten früher die Vorderfassade der Manufaktur.

Die Probleme der Familie Hupmann wegen ihrer deutschen Abstammung ergaben sich frühestens zu Beginn des Ersten Weltkrieges, also 1914. Von anderen Schwierigkeiten ist nichts bekannt. Es könnte allerdings sein, dass das Nachbargebäude nicht 1904 erbaut wurde. Nicht immer beziehen sich die Angaben auf den Giebeln auf das Jahr der Erbauung des Hauses. Noch dazu macht der Giebel den Eindruck, als wäre er früher anders gestaltet gewesen und die Jahreszahl 1904 erst später angebracht worden. Spekulieren kann man jedenfalls viel. Vielleicht wird es irgendwann einmal möglich sein, die Sache endgültig zu klären. Doch auch wenn von dieser ehrwürdigen Manufaktur nichts mehr übrig sein sollte, hat doch eines alle Wirren der Zeit überstanden: der auch heute noch weltberühmte Name H. Upmann.

Übrigens verlor die Familie viel, aber offensichtlich nicht alles. Denn obwohl auch die familieneigene Bank finanziell ruiniert war, finden sich Nachkommen der Familie 1959 noch im Kreise der reichsten Familien Kubas.

Information:

NAME DER MANUFAKTUR
La Madama

ERBAUER
August und Hermann Hupmann

GRÜNDER
Gebrüder Hupmann (später Upmann)

JAHR DER ERÖFFNUNG
1890/1891

ADRESSE
Avenida Carlos III. No.159
(heute Avenida Salvador Allende)

LAGE
Mit dem Taxi vom Capitol aus nur wenige Minuten entfernt

MARKEN
H. Upmann

 

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Frühjahres-Ausgabe 2013 veröffentlicht. Mehr

Claudia Puszkar

Claudia Puszkar, von Hause aus Diplom-Soziologin, schreibt schon seit Jahren über kubanische Zigarren und deren Geschichte. In Havanna ist sie regelmäßig auf den Spuren alter und neuer Zigarrenmanufakturen unterwegs, aber auch immer auf der Suche nach neuen Impressionen, die die Stadt und die Menschen vor Ort zu bieten haben.


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