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Zigarrenpersönlichkeit: José Blanco

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Der einzige Weg, einen guten Blend zu erzielen, ist, sich Zeit zu nehmen, und fortwährend andere Blätter zu probieren. – José Blanco

José Blanco und ich treffen uns frühmorgens in Little Havana, Miami. In einem kleinen Café in der Calle Ocho reden wir bei einem kubanischen Kaffee über sein Leben im Zigarrengeschäft, zu dem seine vormaligen Jobs als Verkaufsleiter bei La Aurora sowie als Vizepräsident von Joya de Nicaragua und EPC zählen. „Mein Ururgroßvater baute Tabak an, dann sein Sohn, dessen Sohn und zuletzt mein Vater“, beginnt er. „Ich wuchs in New York auf und erinnere mich, dass mein Vater drei, vier Zigarren pro Tag rauchte. Er war ein politischer Flüchtling unter Rafael Trujillo (Diktator, der 1930-1961 in der Dominikanischen Republik regierte).“ Nach der Ermordung von Trujillo im Jahr 1961 kehrte Josés Vater zum ersten Mal nach über 30 Jahren mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Im Alter von 13 begann José, die Fabrik seines Onkels – Tabacalera Palma – zu besuchen; im Jahr darauf fing er an, heimlich Zigarre zu rauchen. Als ihn sein Vater eines Tages dabei erwischte, sagte er ihm, er dürfe nicht rauchen, bis er 16 sei. Doch das hielt ihn nicht davon ab. „Mit 17 habe ich kleine Blends mit Piloto Cubano und Olor aus verschiedenen Teilen des Landes gemacht“, erzählt er.  Josés professionelle Einführung ins Tabakgeschäft erfolgte viel später, als er Verkaufsleiter für Presidente-Bier bei der Grupo (heute: Empresa) León Jimenes, der Muttergesellschaft von La Aurora, war. 1999 erhielt Blanco, der viele Jahre lang Mitglied des Smoking Panels war, ein Jobangebot von Guillermo León und dessen Vater Fernando. „Damit ist für mich ein Traum wahr geworden“, erinnert er sich. „Für viele galt Fernando damals als sachkundigster Tabakexperte in der Dominikanischen Republik.“ La Aurora wurde für Blanco zur Akademie, wo er sich in die Kunst des Blendings vertiefte. Er arbeitete fast zwei Jahre lang an La Aurora 100 Años. 40 Blends wurden getestet. „Für mich ist sie eine der besten Zigarren, die je in der Dominikanischen Republik hergestellt wurden“, sagt er stolz. Nach zwölf Jahren stieg er bei La Aurora aus. Zwei Monate später meldete sich Joya de Nicaragua bei ihm, und er zog mit seiner Frau Emma Viktorsson, Tochter von Åke Viktorsson, ehemaliger Gebietsleiter für Osteuropa bei Swedish Match, nach Nicaragua. Er lernte viel über die Tabaktradition Nicaraguas, obwohl Joya bei seiner Ankunft begonnen hatte, dominikanischen Tabak zu verwenden. Davor war es ausschließlich nicaraguanischer. Blanco befasste sich erstmals mit Tabak aus Ometepe und Condega und schuf CyB – laut eigener Aussage eine seiner besten Zigarren. Doch schon zwei Jahre später kehrten die Blancos in die Dominikanische Republik zurück und gründeten ihre eigene Firma Las Cumbres Tabaco. „Ich hatte ein wenig Heimweh“, gibt er zu, „und es war etwas, was wir beide tun wollten. Viele Leute haben uns auch dazu ermutigt.“ Eine Weile lief alles gut. Bis sich die FDA einmischte. Da wurde die Sache zu kostspielig. So leitet Emma das Unternehmen nun von Mazedonien aus und konzentriert sich auf Europa. „Das funktioniert prima“, sagt er. Etwa zur gleichen Zeit erhielt Blanco einen Anruf von einem dritten großen Spieler im Zigarrengeschäft – Ernesto Perez-Carrillo. „Er ist eine der letzten lebenden Legenden der Branche und wie ich sehr wählerisch und anspruchsvoll. Seine New Wave Reserva Connecticut ist wohl eine der reichhaltigsten, cremigsten Connecticuts. Was sie so anders macht ist, dass Ernesto sie mit einem Connecticut Broadleaf-Umblatt versehen hat, das sich durch Süße, Süße und Süße auszeichnet. Ein weiteres Deckblatt, das man als Binder verwenden kann, ist San Andrés Negro. Das hat aber eine ganz andere Süße als Connecticut Broadleaf.“

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Am frühen Morgen kauft José einen kubanischen Kaffee in Little Havana, Miami

Damit kommen wir zu Josés Karriere in Sachen Bildung. Zum Zeitpunkt unseres Treffens hat er fast 900 Seminare zum Thema Blending und Rauchen in über 30 Ländern gehalten. „Ich möchte, dass die Leute mehr darüber erfahren, wie man Zigarren aufbewahrt, bewertet und langsamer raucht.“ Anfangs fertigte er aus jedem Tabak kleine Zigarren, die alle rauchen konnten. Dann probierten die Leute den endgültigen Blend. Aber als sie ihn nach dem Effekt des Deckblatts fragten, hatte er eine andere Idee. „Ich habe eine Zigarre mit fünf verschiedenen Deckblättern gemacht – von mild bis stark – und die Eigenschaften erklärt. Dann lasse ich die Leute raten, aus welchem Land der Wrapper stammt. Die meisten wissen nicht, welchen Einfluss er auf die Zigarre haben kann, wie wichtig das Verhältnis zu Filler und Binder ist.“ Das bringt uns zu einem weiteren Thema seiner Seminare: Missverständnisse bei Rauchern. Eines der größten ist, dass Menschen Geschmack mit Stärke verwechseln. Viele rauchen Maduros nicht, weil sie denken, dass sie zu stark sind. „Aber beurteilen Sie eine Zigarre nicht nach der Farbe des Deckblatts“, meint er. Laut Blanco gibt es sechs Elemente bei einer Zigarre: Geschmack, Stärke, Aroma, Komplexität, Ausgewogenheit und Finish. Am schwierigsten zu erreichen sind Komplexität und Ausgewogenheit. „Es spielt keine Rolle, wie gut eine Zigarre ist. Wenn sie von Anfang bis Ende den gleichen Geschmack, die gleiche Stärke und die gleichen Noten hat, wird sie zu einer guten, langweiligen Zigarre. Aber man will ja eine abwechslungsreiche Zigarre. Das ist wie bei einer Symphonie. Alles muss passen. Wie oft raucht man eine Zigarre, die die ersten paar Zentimeter gut ist und dann platt oder eindimensional wird?“ Wir sind offensichtlich in sein Fachgebiet vorgedrungen. Er hat seinen Kaffee schon eine Weile nicht mehr angerührt und erklärt mit zunehmender Intensität: „Wenn das geschieht, dann können zwei Dinge passiert sein: Es kann sein, dass der Roller die Blätter nicht richtig platziert hat. Oder er hat sich ablenken lassen und drei statt vier Filler bzw. den gleichen Filler zweimal verwendet. Viele Konsumenten denken, dass man die ganze Zigarre rauchen muss, um zu wissen, wie das Finish ist. Aber das stimmt nicht. Schon nach etwa einem Zentimeter weiß man, ob die Zigarre ein langes, kurzes oder kein Finish oder einen Nachgeschmack hat.“

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José präsentiert eine seiner Kreationen, auf die er besonders stolz ist: die Ernesto Perez-Carrillo Encore

Wie erzielt man also Komplexität und Ausgewogenheit? „Nun, das ist die Millionen-Dollar-Frage. Man kann Blending mit Kochen vergleichen. Beim Kochen verwendet man Salz, Pfeffer, Knoblauch, Zwiebel, Tomatenmark etc. Beim Blending sind die Zutaten verschiedene Teile der Pflanze und verschiedene Tabaksorten aus unterschiedlichen Regionen. Die Leute reden von Süße, aber welche Art von Süße? Milchschokolade oder bittersüße Godiva- Schokolade? Geschmack ist subjektiv. Der einzige Weg, einen guten Blend zu erzielen, ist, sich Zeit zu nehmen und fortwährend andere Blätter zu probieren.“ Die zweite Sache ist die Fermentation. Man kann sich alle Zeit der Welt nehmen, aber wenn der Tabak nicht ausreichend gealtert und richtig fermentiert wird, wirkt sich das auf den Blend aus. Je reifer der Tabak ist, desto besser brennt und schmeckt er. „Das ist eines der tollen Dinge bei Ernesto“, meint Blanco. „Er hat so viel gereiften Tabak, ist echt wählerisch und ein Perfektionist. Niemand kann einen 6 x 60-Blend so mischen wie er.“ Heute, nach zwei Jahren bei EPC, konzentriert sich José Blanco auf eine neue Aufgabe: seinen Sohn. „Ernesto wollte, dass ich bleibe und ich hätte das auch gerne getan“,erklärt er. „Ich war drei Wochen im Monat unterwegs, und ich liebe es zu reisen. Aber mein Sohn beginnt jetzt mit der Schule, und ich möchte für ihn da sein, wenn er aufwächst. Ernesto, der selbst Vater ist, versteht das. Doch ich gehe definitiv nicht in den Ruhestand. Ich werde in der Branche bleiben.“

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Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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