{"id":68322,"date":"2024-08-01T16:01:10","date_gmt":"2024-08-01T14:01:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/geschichte-zweier-zigarren\/"},"modified":"2024-10-16T16:31:42","modified_gmt":"2024-10-16T14:31:42","slug":"geschichte-zweier-zigarren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/geschichte-zweier-zigarren\/","title":{"rendered":"Geschichte zweier Zigarren"},"content":{"rendered":"<p>Der Vergleich bringt oft neue Einsichten, vor allem, wenn es um Genuss und Geschmack geht. Erst der Vergleich mit anderen Zigarren schult den eigenen Geschmack und erweitert den Horizont. Am Anfang ist man schier \u00fcberw\u00e4ltigt ob der F\u00fclle des Angebots, und die Orientierung im Humidor des vertrauten Fachh\u00e4ndlers f\u00e4llt sicherlich schwierig aus. Mit der Zeit w\u00e4chst der eigene \u201eGeschmackskatalog\u201c im Kopf und die Vorlieben entwickeln sich. Und damit herzlich willkommen in unserem literarischen Rauchsalon. Dieses Mal wollen wir uns einem gezielten Vergleich zweier Zigarren widmen. Es geht um die E.P. Carrillo Encore Majestic und die Gilbert de Montsalvat 15 Years. Warum dieser Vergleich?<\/p>\n<p>Raymondo Bernasconi \u2013 das Schweizer Mastermind hinter der Marke Gilbert de Montsalvat \u2013 und Ernesto P\u00e9rez-Carrillo verbindet eine lange Freundschaft. Als es darum ging, eine Zigarre zum 15-Jahr-Jubil\u00e4um von Gilbert de Montsalvat zu erschaffen, schlug Ernesto kurzerhand vor, einen seiner bereits bestehenden Blends mit geringer Anpassung zu verwenden. Bernasconi entschied sich f\u00fcr den Blend der Encore-Reihe. Das Format Majestic war es, das in den diversen Fachmagazinen der Branche in den Himmel gelobt wurde und mit h\u00f6chsten Punktebewertungen auf s\u00e4mtlichen Skalen triumphierte. Der Unterschied zum Original liegt lediglich in Form und Format. Bei der Encore Majestic handelt es sich um eine box-pressed Grande. Die Gilbert de Montsalvat 15 Years ist eine Gordo und klassisch rund, mit einem geschlossenen Fu\u00df und einem Pigtail am Kopf.<\/p>\n<p>Ob diese kleinen Unterschiede tats\u00e4chlich so viel ausmachen, wollen wir in unserem Tasting dieses Mal erkunden. Idealerweise raucht man die Zigarren parallel. Wem das vielleicht etwas zu viel des Guten ist, dem sei empfohlen, die beiden Zigarren zumindest am selben Tag zu verkosten und zu genie\u00dfen. Nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie sich Zeit und erlauben Sie sich vor allem den Genuss. Machen Sie es sich gem\u00fctlich, greifen Sie zu Ihrem favorisierten Werkzeug und einem Getr\u00e4nk. Dieses Mal empfehle ich Ihnen entweder eine Kanne frisch gebr\u00fchten Schwarztee, eine hausgemachte Holunder-Limetten-Minze-Limonade oder ganz klassisch eine gro\u00dfe Tasse Kaffee.<\/p>\n<p>Wir wollen mit der Vorlage beginnen. Die Encore Majestic startet mit einer Prise Pfeffer. Es ist tats\u00e4chlich nur eine Prise, aber vor allem retronasal sp\u00fcrt man sie sofort. Doch bereits in diesem Moment zeigt sich eines der Merkmale, die diese Zigarre zu etwas ganz Besonderem machen. Es ist eine unterschwellige karamellige S\u00fc\u00dfe, die direkt auf die Zungenspitze trifft. Wenn Sie das Maximum an S\u00fc\u00dfe herauskitzeln wollen, empfehle ich Ihnen die 80\/20-Methode. Einfach erkl\u00e4rt: Blasen Sie 80 Prozent des Rauchs durch den Mund und 20 Prozent retronasal aus. Dadurch k\u00f6nnen Sie die perfekte Balance zwischen Mundraum, Nase und Raumaroma wahrnehmen. So sp\u00fcrt man diese unglaubliche S\u00fc\u00dfe sofort. Sie dient jedoch lediglich als Abrundung eines Geschmacksbildes, das sich erst nach und nach enth\u00fcllt. Die Encore Majestic aus der Casa Carrillo (vormals Tabacalera La Alianza) besticht vor allem durch ihre Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p>Doch halt! Da gibt es ja noch eine zweite Zigarre. Bei solch einem mundw\u00e4ssernden Beginn darf man nicht auf die andere Hauptdarstellerin vergessen. Die m\u00e4chtige Gilbert de Montsalvat liegt auch schon f\u00fcr ein Flammenopfer bereit.<\/p>\n<p>Wow! Ich wei\u00df nicht, ob es Ihnen genauso geht, doch der Unterschied ist fulminant. Fast kein Pfeffer, nicht einmal in der Nase, stattdessen sp\u00fcrt man die S\u00fc\u00dfe unvermittelter. Die W\u00fcrze, die den Gaumen kitzelt, hat eher etwas Nussiges, und eine interessante Note macht sich an den Zungenr\u00e4ndern bemerkbar. Man ahnt, was sich hier entwickeln kann. Nach den ersten Z\u00fcgen beider Zigarren rate ich Ihnen zu einer kleinen Pause. G\u00f6nnen Sie sich einen Schluck. Nicht, dass die Zigarren unbedingt danach verlangen, aber wir sind doch alle Genie\u00dfer, und in meinem Fall ist ein Schl\u00fcckchen Tee niemals falsch. Die vermischten Raumnoten beider Zigarren sind herrlich \u2013 zugegeben, vielleicht nicht besonders herrlich f\u00fcr jemanden, der gerade den Raum betritt, aber f\u00fcr uns Passionados ist es g\u00f6ttlich!<\/p>\n<p>Greifen wir wieder zur Encore Majestic. Die kleine Verschnaufpause von einer Minute hat ihr gut getan. Der Rauch ist nun etwas k\u00fchler; der Pfeffer kaum noch bemerkbar, daf\u00fcr \u2013 und das mag auch an der Wahl meines Beigetr\u00e4nks liegen \u2013 erschmecke ich etwas Tee im Rauch. Unglaublich vielschichtig. Die Mitte des ersten Drittels wird von karamelliger S\u00fc\u00dfe und Schwarztee dominiert, begleitet von einer undefinierbaren W\u00fcrze, die den Gaumen umschmeichelt.<\/p>\n<p>Ganz anders verh\u00e4lt es sich bei der Gilbert de Montsalvat 15 Years. Der anf\u00e4ngliche Eindruck an den Zungenr\u00e4ndern verst\u00e4rkt sich nun. Auch ihr hat die kurze Verschnaufpause gut getan. Denn jetzt ist es eindeutig: Creme! Unverkennbar cremige Buttrigkeit. Diese Zigarre ist wahrlich fett und vollmundig. Die S\u00fc\u00dfe erweist sich hier als noch etwas subtiler, und ich muss mich wirklich anstrengen, nicht zu hastig zu rauchen. Bereits jetzt kann man sagen, dass es sich um eine g\u00f6ttliche Sch\u00f6pfung handelt.<\/p>\n<p>Es ist wieder an der Zeit f\u00fcr eine Pause. Vor allem beim gleichzeitigen Rauchen von zwei Zigarren gilt es, Hast zu vermeiden. Es kann schon schnell deutlich zu viel werden. Ein kleiner Tipp am Rande: Gehen Sie bei solchen Experimenten kein Risiko ein. Essen Sie vorher reichlich. Stellen Sie sich vielleicht etwas zum Knabbern beiseite und eventuell auch einen Softdrink mit viel Zucker. Auf eine \u00dcberdosis Nikotin ist niemand scharf. Beide Zigarren sind zwar im mittelkr\u00e4ftigen Bereich angesiedelt, was den Nikotingehalt betrifft, aber das kann einen bei falscher Verfassung auch mal kalt erwischen.<\/p>\n<p>Das Ende des ersten Drittels war bei beiden Zigarren eine absolut unterhaltsame Ouvert\u00fcre f\u00fcr einen gelungenen Opernabend. Die Encore Majestic legt zu Beginn des zweiten Drittels deutlich an Kraft im Aroma zu. Sie wird nun w\u00fcrziger und offenbart den Charakter einer Zigarre, die zur G\u00e4nze aus nicaraguanischem Tabak besteht. Zu den anf\u00e4nglichen Schwarzteenoten gesellen sich Ankl\u00e4nge von Erde und Leder. Dirigiert wird dieses orchestrale Erlebnis von der karamelligen S\u00fc\u00dfe, die wir seit Beginn der Zigarre erleben d\u00fcrfen. Absolute Spitzenklasse! Ein Beweis daf\u00fcr, dass Ernesto definitiv zu einem der gr\u00f6\u00dften Kreativen in dieser Branche geh\u00f6rt und zu einem der ganz wenigen Menschen, die sich einen Platz im Zigarrenolymp bereits gesichert haben.<\/p>\n<p>Die Gilbert de Montsalvat kommt sowohl im w\u00f6rtlichen als auch im \u00fcbertragenen Sinne g\u00e4nzlich ohne Ecken und Kanten daher. Sie ist so rund, wie eine Zigarre nur sein kann. Das k\u00f6nnte man zwar negativ interpretieren, ist aber sicherlich nicht so gemeint. Denn was diese Zigarre zu Beginn des zweiten Drittels liefert, ist eine Cremigkeit, die man in vielen Zigarren vergeblich sucht. Die S\u00fc\u00dfe tritt deutlich in den Hintergrund und bleibt kaum sp\u00fcrbar zur\u00fcck. Die W\u00fcrze der Schwesterzigarre geht hier eher in Richtung der Sherrynote eines 25 Jahre alten Whiskys aus der Speyside. Sie legt sich an die Zunge und unterst\u00fctzt die weiche Textur des Rauches wie ein Mezzosopran die Arie eines Soprans im Hauptakt von Tosca \u2013 m\u00f6gen Opernliebhaber mir verzeihen.<\/p>\n<p>Beide Zigarren \u00fcberzeugen auf ganzer Linie ab der zweiten H\u00e4lfte der Rauchdauer. Sie sind an Komplexit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten. Die zwei Zigarren zeigen deutlich ihre Verwandtschaft. Aber sie sind \u2013 wenn auch verwandt \u2013 eher Cousinen zweiten Grades als Schwestern.<\/p>\n<p>Die Encore Majestic besticht zur H\u00e4lfte mit Noten von Erde, Leder, Kaffee und Karamell, kombiniert mit leichter Honigs\u00fc\u00dfe und einem Hauch von Vanille. Die Gilbert de Montsalvat hingegen \u00fcberzeugt mit buttriger Cremigkeit, einem Hauch von Bergamotte, Honig, Milchschokolade und Kakao, gepaart mit der S\u00fc\u00dfe von Butterscotch. All das ist eingebettet in einen unglaublich s\u00fc\u00df duftenden Rauch. Sie verstr\u00f6mt ein Aroma, das man in den fr\u00fchen Morgenstunden bei einem Spaziergang durch Paris erleben kann, wenn die B\u00e4ckereien ihre frischen Buttercroissants aus dem Ofen holen, w\u00e4hrend der Duft von Baguette noch in der Luft liegt.<\/p>\n<p>Bevor das Finale seine T\u00f6ne offenbart, sollten Sie Ihrem Mund eine kleine Pause g\u00f6nnen und vielleicht auch ein wenig Feuchtigkeit, falls Sie beide Zigarren auf einmal testen.<\/p>\n<p>Der letzte Akt der Encore Majestic kommt mit viel W\u00fcrze daher, begleitet von dunkler Schokolade und einem Hauch von Chili. Die Jubil\u00e4umszigarre von Raymondo Bernasconi bietet ebenfalls einiges an Bitterschokolade und die Cremigkeit l\u00e4sst langsam nach. Zum Ende beider Zigarren bleibt schneewei\u00dfe Asche zur\u00fcck \u2013 und die Lust auf Wiederholung.<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir ausnahmsweise ein kleines Fazit. Es ist unglaublich, wie verschieden die beiden Zigarren anmuten. H\u00e4tte ich nichts vom Blend gewusst, dann h\u00e4tte ich wohl kaum darauf getippt, dass es sich um denselben Blend handelt. Es sind komplett verschiedene Zigarren. Punkt!<\/p>\n<p>Im direkten Vergleich findet man Verwandtschaft, jedoch keine n\u00e4here. Es sind Experimente wie dieses, die einem immer wieder vor Augen f\u00fchren, wie viel es in der Welt des Zigarrengenusses noch zu entdecken gibt, wenn man unvoreingenommen und sich der eigenen Fehler und Unstimmigkeiten im menschlichen Denken bewusst ist. Vielleicht dazu mehr beim n\u00e4chsten Mal.<\/p>\n<p>Bis dahin bleiben Sie uns gewogen und genie\u00dfen Sie eine der gr\u00f6\u00dften Freuden des Lebens, die wir schlicht Zigarre nennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vergleich bringt oft neue Einsichten, vor allem, wenn es um Genuss und Geschmack geht. Erst der Vergleich mit anderen Zigarren schult den eigenen Geschmack und erweitert den Horizont. 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