{"id":63314,"date":"2023-05-12T16:34:42","date_gmt":"2023-05-12T14:34:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/?p=63314"},"modified":"2023-05-12T16:34:42","modified_gmt":"2023-05-12T14:34:42","slug":"was-hat-zigarrenrauchen-mit-dem-variete-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/was-hat-zigarrenrauchen-mit-dem-variete-zu-tun\/","title":{"rendered":"Was hat Zigarrenrauchen mit dem Variet\u00e9 zu tun?"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das Variet\u00e9 entstand mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung. Das Mittel- und Kleinb\u00fcrgertum brauchte Unterhaltungsst\u00e4tten. Und das f\u00fchrte zu Investitionen und neuen Gesch\u00e4ftsideen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Im England<\/span><span class=\"s1\"> des 18.\u00a0Jahrhunderts ging das am\u00fcsierbed\u00fcftige Publikum in Pubs, Wirtsh\u00e4user oder Hotelhallen, weil sich viele Leute den Eintritt in die gro\u00dfen Theater und Konzerts\u00e4le nicht leisten konnten. Und so entstanden die ersten Pub- und Saloon-Theater, Song-and-Supper-Rooms, Tavern-Concert-Rooms und Tea-Gardens. Die B\u00fchne war zun\u00e4chst nur ein Podium oder die Darbietung fand sogar auf dem Parkett statt. Der Eintritt war frei. Es ging in erster Linie um die Gastronomie und das gesellige Beisammensein. Stillschweigen und Aufmerksamkeit wurden nicht erwartet. Nat\u00fcrlich durfte da eine gute Zigarre nicht fehlen. Deshalb nannte man es im Volksmund auch Verzehr- oder Rauchtheater.\u00a0 <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es traten Akrobaten auf, Taschenspieler, Balletteusen, S\u00e4nger, Kom\u00f6dianten, Tierdresseure. Es gab sogar Groteskclowns, Pr\u00fcgelszenen, Satire, Mimiker, Imitatoren und unfl\u00e4tige Witze. Auch Kr\u00fcppel, Riesen und Zwerge waren auf der B\u00fchne, die sich zur Schau stellten.* Und da jedes Publikum lachen will, hatte Humor den absoluten Vorrang. Das wurde zum Merkmal des englischen Variet\u00e9s, das bis heute noch wirkt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Um 1850 entstanden die ersten Music-Halls, die das B\u00fchnengeschehen zur Hauptsache machten. Pl\u00f6tzlich wurde Stille und Aufmerksamkeit verlangt. 1870 existierten in London 40, im \u00fcbrigen England 290 Music-Halls. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">In Frankreich <\/span><span class=\"s1\">gab es nach der Revolution (1789\u20131799)die Caf\u00e9-chantants und die Caf\u00e9-concerts, Caf\u2019 conc\u2019 genannt. Das waren allerdings kein Caf\u00e9s sondern Wirtsh\u00e4user mit Unterhaltungsprogramm. Der Gesang dominierte. Es wurden haupts\u00e4chlich Chansons, Lieder der Stra\u00dfe und Gosse gesungen. Dazu kamen komische Nummern, Artisten und Akrobaten und ein starker Hang zu lasziver Erotik. In Paris gab es um 1850 etwa 200 Caf\u00e9-chantants. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Um das ganze etwas gediegener zu machen, entwickelten sich dann die Music Halls: die Music Hall de Variet\u00e9, dann die Revue und das Grand Spectacle, das man bis heute kennt. Nackttanz, Cancan und extrem aufwendige Produktionen waren und sind noch heute das Kennzeichen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein britischer Journalist beschrieb es so: \u201eDie T\u00e4nzerinnen sind zu 80 Prozent oberhalb des Kopfes und zu 15 Prozent an den F\u00fc\u00dfen bekleidet. Ganze 5 Prozent bleiben f\u00fcr den Anstand.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Folies Berg\u00e8re, Moulin Rouge und Paradis Latin sind noch heute aktiv. Dort wurden Legenden eingeladen und gemacht wie Lo\u00efe Fuller, Mata Hari, Josephine Baker und Maurice Chevaliere. So wurde in den Revuetheatern z.\u00a0B. La Goulue zur Legende. Sie ist die Frau, die Henri de Toulouse-Lautrec zur Cancan-K\u00f6nigin erhob. Eigentlich hie\u00df sie Louise Weber, war eine temperamentvolle Rotblondine mit \u00fcppigen Formen, schwarz gemalten Augen und einem so guten Appetit, dass man sie \u201eVielfra\u00df\u201c nannte, was La Goulue bedeutet. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">In \u00d6sterreich<\/span><span class=\"s1\"> trug das Variet\u00e9 von Anfang an operettenhafte Z\u00fcge. Operettenstars, S\u00e4nger, Komiker und Kapellmeister traten ganz selbstverst\u00e4ndlich im Variet\u00e9 auf. Mitten im Nummernprogramm des Variet\u00e9 gab es pl\u00f6tzlich eine Kurzposse, eine Burlesque oder eine Kurzoperette. Nat\u00fcrlich bei laufender Gastronomie. Daraus entwickelte sich die Wiener Revue: Prunk, Farbe, Nacktheit, Witze, Tempo, Clownerie, Zoten, Ironie. Sie war in den 1920er-Jahren die beliebteste Unterhaltungsform in Wien.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Noch heute sind die Namen der ersten \u00f6sterreichischen Variet\u00e9s bekannt: das Leicht\u2019sche Pratervariet\u00e9 und das Ronacher. Dort gastierten viele der damals weltweit angesagten K\u00fcnstler und Artisten. Eine der gr\u00f6\u00dften Entdeckungen des Ronachers ist Marika R\u00f6kk, die schon mit 20 ein Variet\u00e9star war und dadurch erste Filmrollen angeboten bekam.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Vorl\u00e4ufer f\u00fcr <\/span><span class=\"s2\">das deutsche Variet\u00e9<\/span><span class=\"s1\"> waren Polka-Kneipen und Zirkusse. Dann gab es Spezialit\u00e4tenvorstellungen in sogenannten Singspielhallen und Theater, die Akrobatik, Magie, Clownerie, Dressur und andere Besonderheiten auf die B\u00fchne brachten. Diese Vorstellungen waren so erfolgreich, dass dies zu den ersten Variet\u00e9s f\u00fchrte. Ab 1880 entstanden gro\u00dfe Variet\u00e9-Prunkbauten als Gastronomie-, Verzehr- und Rauchtheater. In Hannover gab es 1900 schon neun Variet\u00e9s, in Berlin sogar 80! Viele dieser H\u00e4user hatten weit \u00fcber 1.000 Sitzpl\u00e4tze. In Deutschland tendierte man zum Nummernprogramm. Das hei\u00dft, man kaufte einfach Darbietungen unterschiedlichster K\u00fcnstler ein und lie\u00df diese nacheinander auftreten. Man engagierte alle, die erfolgversprechend schienen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Im Berliner Wintergarten gab es am 1.\u00a0November 1895 die Variet\u00e9nummer \u201eDas Bioskop \u2013 die interessanteste Erfindung der Neuzeit\u201c. Dort f\u00fchrten die Gebr\u00fcder Skladanowsky ihre ersten bewegten Bilder vor. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass es die erste \u00f6ffentliche Filmvorf\u00fchrung war. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Zeitgenosse schilderte den Wintergarten folgenderma\u00dfen: \u201eIm Saal konnte man bequem einen Schoppen Bier trinken und eine Zigarre rauchen, w\u00e4hrend man den Vorstellungen auf der B\u00fchne Auge und Ohr lieh.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In den <\/span><span class=\"s2\">USA<\/span><span class=\"s1\"> gab es bereits vier, dem Variet\u00e9 \u00e4hnliche Formate: Vaudeville Shows, Minstrel Shows, Extravaganza und die Burlesque Show. All das hatte gro\u00dfen Einfluss auf das amerikanische Variet\u00e9.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mit den Einwanderungswellen von 1860 bis 1890 kam die Variet\u00e9idee in die USA. Und bald wurde New York das Vergn\u00fcgungszentrum. Die Glanzzeit hatte das Variet\u00e9 dort von 1890 bis 1930. Oscar Hammerstein I., ein deutscher Einwanderer, arbeitete sich vom Zigarren-Hilfsarbeiter zum Million\u00e4r hoch. Er er\u00f6ffnete das Olympia Theatre und das Victoria Theatre in einem tristen New Yorker Stadtteil, der bald zum Broadway avancierte. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dann gab es die Ziegfeld-Revuen, die das franz\u00f6sische Variet\u00e9 amerikanisierten und damit Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr ganz Amerika setzten. Fred Astaire und Gypsy Rose Lee wurden darin zu Stars. Die Shubert Brothers amerikanisierten das deutsche Variet\u00e9. 1914 gab es in New York bereits 65 Variet\u00e9s. Das Hippodrome hatte rund 5.200 Pl\u00e4tze und galt als \u201ethe largest playhouse of the world\u201c. Die B\u00fchne war 61 Meter breit und 33 Meter tief! Im Palace Theatre (ca. 1.800 Pl\u00e4tze) tanzte Anna Pawlowa, Helen Traubel sang und Pietro Mascagni dirigierte. Bald spielten sie vier Vorstellungen pro Tag, wobei die teuerste Karte einen Dollar kostete. Jazz wurde integriert, Elefanten kamen auf die B\u00fchne, Liliputaner-Shows waren popul\u00e4r.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Zwischen 1922 und 1929 galt das Variet\u00e9gesch\u00e4ft als sehr gewinnversprechend an der B\u00f6rse. Und so entstanden die Trusts. E.F. Albee hatte zu seiner Glanzzeit 350 Variet\u00e9theater in den Vereinigten Staaten, mehr als 20.000 K\u00fcnstler pro Jahr und lie\u00df sie bis zu 78 Wochen durch seine Etablissements touren. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die beiden Weltkriege, der aufkommende Film, ein Striptease-Boom und das Fernsehen beendeten die gro\u00dfe Variet\u00e9zeit. Anfangs wechselten die renommierten H\u00e4user immer wieder zwischen Kino- und Variet\u00e9programmen. So auch die Radio City Music Hall in Manhattan \u2013 \u201eThe Showplace of the Nation\u201c. Sie galt als Kinovariet\u00e9, hatte 6.200 Sitzpl\u00e4tze in Klubsesseln und pr\u00e4sentierte auf der 40 Meter breiten und 20 Meter hohen B\u00fchne sowohl Variet\u00e9 also auch Filmvorf\u00fchrungen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der letzte Variet\u00e9boom im Palace Theatre war 1967 mit Filmstar Judy Garland, die selbst aus einer Vaudeville-Familie kam. Das Palace Theatre engagierte sie f\u00fcr 14 Tage mit einer Tagesgage von USD 4.500. Doch da der Erfolg so gro\u00df war, wurde verl\u00e4ngert, und das Programm war sechs Monate ausverkauft. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Einige wenige H\u00e4user haben sich gehalten, und viele wurden inzwischen wiederer\u00f6ffnet. Das Variet\u00e9 erfreut sich erneut gro\u00dfer Beliebtheit, vieles von dem guten Alten wird wiederbelebt und auch Neues entdeckt. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Schauen Sie doch mal in Ihrer N\u00e4he. Nur die Zigarre sollten Sie inzwischen lieber f\u00fcr danach einplanen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Text: Andreas Gebhardt<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s3\">* In diesem Artikel wurden zur Veranschaulichung der damaligen Variet\u00e9szene die zu jener Zeit gebr\u00e4uchlichen Begriffe (\u201eZwerg\u201c, \u201eLiliputaner\u201c etc.) verwendet, die heute unzeitgem\u00e4\u00df sind und als diskriminierend empfunden werden.<\/span><\/p>\n<p>Zum Autor: Andreas Gebhardt tourte 20 Jahre lang als Variet\u00e9k\u00fcnstler durch die Welt. Auch Zigarrenkisten hat er jongliert. Inzwischen ist er Jongleur und Business-Speaker und h\u00e4lt erfrischende Keynotes zum Thema Fehlerkultur und Mut zur Ver\u00e4nderung. <a href=\"http:\/\/www.andreasgebhardt.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.andreasgebhardt.de<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bilder:<br \/>\n<\/span><a href=\"https:\/\/www.google.com\/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Ftaz.de%2Fpicture%2F4471831%2F948%2F26208258-1.jpeg&amp;tbnid=_EqLanN-eNJ9jM&amp;vet=12ahUKEwj1nJzD_f39AhUhMuwKHR_lAY4QMygBegUIARC9AQ..i&amp;imgrefurl=https%3A%2F%2Ftaz.de%2FVor-100-Jahren-eroeffnet%2F!5722277%2F&amp;docid=G-lYiW4HlLm43M&amp;w=948&amp;h=474&amp;q=scala%20variete%20berlin&amp;client=firefox-b-d&amp;ved=2ahUKEwj1nJzD_f39AhUhMuwKHR_lAY4QMygBegUIARC9AQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 1<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=hippodrome+new+york&amp;tbm=isch&amp;ved=2ahUKEwiUv5L0_f39AhXXk6QKHf56AMMQ2-cCegQIABAA&amp;oq=hippodrome+new+york&amp;gs_lcp=CgNpbWcQAzIFCAAQgAQyBQgAEIAEMgUIABCABDIFCAAQgAQyBQgAEIAEMgYIABAFEB4yBggAEAgQHjIGCAAQCBAeMgYIABAIEB4yBggAEAgQHjoECCMQJzoHCAAQigUQQ1CXDFj-SGDUT2gCcAB4AIABggGIAfsKkgEEMjEuMZgBAKABAaoBC2d3cy13aXotaW1nwAEB&amp;sclient=img&amp;ei=ZociZJT0AdenkgX-9YGYDA&amp;bih=947&amp;biw=1920&amp;client=firefox-b-d\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 2<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.weimarberlin.com\/2020\/11\/wintergarten-berlins-great-variety.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 3<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=cancan+1900&amp;tbm=isch&amp;ved=2ahUKEwifkeGChP79AhWBrUwKHfNwCYQQ2-cCegQIABAA&amp;oq=cancan+1900&amp;gs_lcp=CgNpbWcQAzIGCAAQBRAeOgQIIxAnOgkIABCABBAKEBg6BQgAEIAEOgQIABAeOgcIIxDqAhAnUOwYWPhZYKRgaA5wAHgAgAFfiAHKDJIBAjI2mAEAoAEBqgELZ3dzLXdpei1pbWewAQrAAQE&amp;sclient=img&amp;ei=z40iZN_tEYHbsgLz4aWgCA&amp;bih=947&amp;biw=1920&amp;client=firefox-b-d#imgrc=zZIa6V1wHV2WVM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 4<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Apollo-Theater_%28Wien%29#\/media\/Datei:Apollo-Theater_Wien_Zuschauerraum_(1904).jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 5<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Variet\u00e9 entstand mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung. 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