{"id":439,"date":"2014-09-15T15:05:07","date_gmt":"2014-09-15T13:05:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cigartrophy.com\/?p=439"},"modified":"2015-05-04T20:42:49","modified_gmt":"2015-05-04T18:42:49","slug":"ein-tag-im-leben-von-estanislao-sanchez-acosta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/ein-tag-im-leben-von-estanislao-sanchez-acosta\/","title":{"rendered":"Ein Tag im Leben von Estanislao Sanchez Acosta"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein freier Markt ist nicht sein Fall. Estanislao Sanchez Acosta, der seit 63 Jahren in Tabakfeldern im westlichen Kuba arbeitet, ist schlichtweg zufrieden, seine Produkte nicht an verschiedene Klienten verkaufen zu mu\u0308ssen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Estanislao geho\u0308rt einer lokalen Kooperative in <strong>San Juan y Marti\u0301nez<\/strong> an, 20 Minuten au\u00dferhalb von <strong>Pinar del Ri\u0301o<\/strong> im Westen Kubas. Ich hatte gehofft, ihn in seinem Haus anzutreffen, doch dort ist absolut keine Spur von ihm. Laut seiner Frau Zenaida Hernandez Prieto befindet er sich irgendwo drau\u00dfen auf den Feldern hinter der Trockenscheune, doch die Pflanzen sind gro\u00df \u2013 gro\u0308\u00dfer als so mancher Kubaner. \u201eEr ist wohl zuru\u0308ckgegangen, um Bla\u0308tter zu ernten\u201c, meint sie, als sie u\u0308ber den Grasweg aus dem Haus des Ehepaars zur Scheune zuru\u0308ckkehrt.<\/p>\n<p>In der glu\u0308henden Nachmittagssonne spaziere ich den Pfad, der die zwei Haupttabakfelder voneinander trennt, entlang bis zum Ende, wo Estanislaos Pferd an einen Zaun angebunden ist, der als Abgrenzung zum benachbarten Tabakfeld dient.<\/p>\n<h4>Der rote, kiesige Boden hier eignet sich ausgezeichnet f\u00fcr Tabak.<\/h4>\n<p>Als ich zuru\u0308ckblicke, sehe ich plo\u0308tzlich, dass einige der Tabakblu\u0308ten hin- und herschwanken. Nach wie vor keine Spur von Estanislao, aber ich spu\u0308re seine Gegenwart, und wa\u0308hrend ich mich na\u0308here, bemerke ich immer mehr Aktivita\u0308t zwischen den Reihen der sich bewegenden Pflanzen. Ich sehe seinen schmutzigen wei\u00dfen Hut, bevor ich ihn selbst zu Gesicht bekomme sowie vier oder fu\u0308nf seiner Kollegen von eher kleiner Statur in ebenso verschwitzter, dreckiger Kleidung. Sie alle tragen verschiedenste Arten schu\u0308tzender Kopfbedeckungen und pflu\u0308cken systematisch \u2013 Reihe fu\u0308r Reihe \u2013 Tabakbla\u0308tter.<\/p>\n<p>\u201eWir pflanzen die Samen normalerweise im November und ernten im Ma\u0308rz, aber manchmal muss man sich anpassen und sowohl spa\u0308ter sa\u0308en als auch ernten\u201c, erza\u0308hlt er mir, ohne dabei den Blick von den Pflanzen abzuwenden. \u201eDer rote, kiesige Boden hier eignet sich ausgezeichnet fu\u0308r Tabak. Der pH-Wert ist gut und wenn nicht, dann fu\u0308gt man Kalziumkarbonat hinzu, um die Sa\u0308ure zu reduzieren.\u201c<\/p>\n<h3>Eine befriedigende Kooperative<\/h3>\n<p>Estanislao ist einer von fast 70 Farmern, die der Kooperative angeho\u0308ren. Sie tragen die Verantwortung fu\u0308r ihre \u201eeigenen\u201c Felder, die sich rund um die Gegend befinden. Wie in Kuba so u\u0308blich, besitzt niemand von ihnen das Land. \u201eDer Staat verpachtet das Land an den Chef der Kooperative\u201c, erkla\u0308rt er. \u201eUnd wir, die leitenden Farmer, sind selbst fu\u0308r die Bewirtschaftung und Arbeiter verantwortlich.\u201c Die Felder auf der gegenu\u0308berliegenden Seite des Zauns werden in Form einer CPA (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gefu\u0308hrt, doch Estanislao bevorzugt die Arbeitsweise seiner Kooperative.<\/p>\n<p>\u201eDiese Farmer arbeiten ebenso wie wir kollektiv, aber es gibt einen Unterschied. Nach der Ernte verkaufen sie ihren Tabak und das Geld wird zwischen ihnen aufgeteilt. Ich bezahle einige Leute dafu\u0308r, dass sie fu\u0308r mich arbeiten. Was u\u0308brig bleibt nachdem ich den Tabak verkauft und [meine Arbeiter] bezahlt habe, behalte ich selbst. Am Ende der Woche mache ich also eine Kalkulation der Ernte um zu sehen, was produziert wurde. Die Kooperative leiht mir dann Geld, damit ich meine Angestellten entsprechend bezahlen kann. Der Rest geho\u0308rt mir.\u201c<\/p>\n<h4>Ich bezahle einige Leute daf\u00fcr, dass sie f\u00fcr mich arbeiten<\/h4>\n<p>Der Tabak wird an das staatseigene Unternehmen <strong>Cubatabaco<\/strong> verkauft, das diesen wiederum an verschiedene Fabriken liefert. Viele wu\u0308rden sagen, dass ein freier Markt besser wa\u0308re, aber Estanislao bevorzugt es, das Ganze mo\u0308glichst einfach zu halten. \u201eIch finde es gut, wenn man wei\u00df, wer sein Produkt kauft und dass man nicht versuchen muss, es an verschiedenen Orten zu verkaufen. Das ist praktisch.\u201c<\/p>\n<h3>F\u00fcr die Arbeit mit Tabak geboren<\/h3>\n<p>Wir gehen zu seinem bescheidenen Haus zuru\u0308ck, wo er einige seiner vielen Tiere ha\u0308lt \u2013 Hu\u0308hner, Hunde und scheinbar \u2013 laut Estanislao \u2013 einen Wicht von einem Schwein. Er mo\u0308chte unbedingt, dass ich es sehe und versucht, es mit einem seltsamen entenartigen Ruf anzulocken, doch das Schwein la\u0308sst sich vorerst nicht blicken. \u201eVielleicht kommt er spa\u0308ter raus\u201c, meint Estanislao und gibt die Suche auf. Nur keine Eile, denk ich mir.<\/p>\n<div id=\"attachment_1007\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-tobacco-leaves-front.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1007\" class=\"wp-image-1007 size-medium\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-tobacco-leaves-front-500x666.jpg\" alt=\"one day estanislao acosta tobacco leaves front\" width=\"260\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-tobacco-leaves-front-500x666.jpg 500w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-tobacco-leaves-front.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-1007\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Simon Lundh<\/p>\n<\/div>\n<p>Der heute 70-ja\u0308hige Estanislao arbeitet seit 63 Jahren mit Tabak und kennt sich aus oder, genauer gesagt: Er versteht sein Gescha\u0308ft bestens. \u201eIch wurde da quasi hineingeboren\u201c, erkla\u0308rt er. \u201eWir waren sechs Geschwister und haben alle den Beruf von unserem Vater gelernt. Ich begann mit der Reinigung und dem Entfernen von Knospen sowie dem Pflu\u0308cken der Bla\u0308tter und diese Arbeit hat mir immer schon gefallen.\u201cIn der Vergangenheit arbeitete Estanislao auf verschiedenen Plantagen, doch vor 20 Jahren begann er, sich auf den Anbau vor der eigenen Haustu\u0308r zu konzentrieren, und das tut er nach wie vor.<\/p>\n<p>Seine Kinder sind allerdings nicht in seine Fu\u00dfstapfen getreten. \u201eIch habe zwei So\u0308hne. Der eine arbeitet als Krankenpfleger in Venezuela und der andere als Lehrer auf Isla de la Juventud, Insel vor der Su\u0308dku\u0308ste Kubas. Sie haben Sie haben beide studiert und andere Berufswege gew\u00e4hlt. Ich habe auch einen Stiefsohn, der zwar nicht hier arbeitet, aber manchmal kommt und mir hilft.<\/p>\n<p>Etwa 50 Meter vom Gartentor entfernt, hinter einer Reihe von B\u00e4umen und neben einem der Tabakfelder, sind vier Ochsen im Schatten angekettet \u2013 ein paar davon liegen, ziemlich unbeeindruckt von meiner Gegenwart einfach da, w\u00e4hrend die anderen etwas misstrauisch wirken und so viel Abstand wie m\u00f6glich halten. \u201eDas sind gute, robuste Tiere\u201c, sagt Estanislao.<\/p>\n<h3>Ernte das ganze Jahr \u00fcber<\/h3>\n<p>Jeden Morgen steht er um 5.30 Uhr auf und wa\u0308hrend der Tabaksaison sieht sein Tagesablauf mehr oder weniger immer gleich aus. Tabak ist sein Haupterzeugnis, doch daneben widmet er sich auch der Kultivierung anderer Produkte sowie der Tierhaltung.<\/p>\n<p>\u201eIch stehe auf, melke die Ku\u0308he und bringe die Ochsen hinaus. Danach helfe ich bei der Tabakarbeit, die gerade zu tun ist. Wenn ich nicht mit Tabak bescha\u0308ftigt bin, widme ich mich dem Anbau von Yuca, Bohnen oder Reis. Am na\u0308chsten Tag der gleiche Einsatz. So sieht mein Leben aus. Am Sonntag konzentrieren wir uns mehr auf Tabak, weil dieser am Montag abgeholt wird, das hei\u00dft wir mu\u0308ssen ihn vorbereiten und sicherstellen, dass er trocken ist.\u201c<\/p>\n<p>Zum Ende der Saison \u2013 u\u0308blicherweise Ende Ma\u0308rz \u2013 a\u0308ndert sich Estanislaos Arbeitstag. \u201eWenn die eine Saison endet, beginnt schon die na\u0308chste. Nach dem Tabak ist es also zum Beispiel an der Zeit, Reis zu ernten. Dieses Jahr haben wir eine spa\u0308te Ernte, weil wir Probleme mit Wasser hatten. Viele Samenbeete wurden zersto\u0308rt und mu\u0308ssen neu austreiben.<\/p>\n<div id=\"attachment_1006\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-cow.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1006\" class=\"wp-image-1006 size-medium\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-cow-500x375.jpg\" alt=\"one day estanislao acosta cow\" width=\"260\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-cow-500x375.jpg 500w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-cow-770x577.jpg 770w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/one-day-estanislao-acosta-cow.jpg 904w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-1006\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Simon Lundh<\/p>\n<\/div>\n<p>Nach der Reisernte im Juni widmen wir unsere Aufmerksamkeit dann wieder dem Tabak und dem Entfernen der Adern.\u201c<\/p>\n<p>Auf meine Frage, ob sie die Tabakfelder je ruhen lassen, antwortet er: \u201eJa. Das einzige was wir dort anbauen ist Mais, weil das keine Auswirkungen auf den Boden hat. Und wir lassen auch unsere Tiere grasen, weil deren Kot und Urin ein guter Du\u0308nger sind.\u201c<\/p>\n<p>Bei unserer Ru\u0308ckkehr taucht zwischen dem Wohnhaus und einer Art Lager, das sich von diesem kaum unterscheidet, plo\u0308tzlich das Schwein auf. Das Tier ist eindeutig skeptisch was meine Gegenwart betrifft und ha\u0308lt Distanz. Als ich mich na\u0308here, ergreift es schnurstracks die Flucht durch ein gro\u00dfes Loch im Zaun. Estanislao la\u0308uft ihm nach, um es zu fu\u0308ttern. Angesichts des La\u0308chelns, das sich unter dem dreckigen, sonnengebleichten Hut auf seinem Gesicht breit macht, du\u0308rfte er ebenso stolz auf das Schwein wie auf seine Ochsen sein.<\/p>\n<p>An beiden Enden des Gartens befinden sich Bananenhaine, in denen Hu\u0308hner herumhuschen, teils in Begleitung des Schweins. Ich bemerke eine schiefe Leiter, die gegen einen von zwei Mandelba\u0308umen am Gela\u0308nde gelehnt ist. \u201eDie ist fu\u0308r die Hu\u0308hner\u201c, erla\u0308utert Zenaida. \u201eSie klettern abends auf den Baum und schlafen dort.\u201c Gleich daneben befindet sich ein Hu\u0308hnerstall, der angesichts dessen etwas u\u0308berflu\u0308ssig wirkt.<\/p>\n<p>Alles in allem scheinen Estanislao und seine Frau ein glu\u0308ckliches, entspanntes Leben zu fu\u0308hren. \u201eEs gibt nicht viel, woru\u0308ber ich mir Sorgen machen mu\u0308sste\u201c, meint er. \u201eAm meisten besorgt ist man wohl, wenn seine Kinder krank sind. Aber unsere sind gesund, nett und waren auch nie widerspenstig oder so. Daru\u0308ber bin ich glu\u0308cklich.\u201c<\/p>\n<p>In der Ku\u0308che sind neben der Abwasch drei bunte Thermosflaschen im 80er-Jahre-Stil neben zwei leeren Flaschen Havana Club aufgereiht und ich frage mich, welche Kombination von Getra\u0308nken dieses a\u0308ltere Paar wa\u0308hrend eines Arbeitstages konsumiert. Im Wohnzimmer befinden sich gegenu\u0308ber dem Fernseher zwei Schaukelstu\u0308hle \u2013 anscheinend ein Muss in Lateinamerika \u2013, in denen es sich das Ehepaar nach der Arbeit gemu\u0308tlich macht.<\/p>\n<p>\u201eDu solltest dein Hemd wechseln. Es ist ja total dreckig\u201c, sagt Zenaida zu ihrem Mann, als ich ein Foto von den beiden machen mo\u0308chte. \u201eSetz dir zumindest einen sauberen Hut auf.\u201c Estanislao winkt mit einem freundlichen La\u0308cheln ab, nachdem sie gegen seinen Willen einen anderen Hut holt. \u201eIch arbeite mit Tabak. Da wird man dreckig. Das ist eben so.\u201c<\/p>\n<p>Und so geht ein weiterer Arbeitstag, ein weiterer erfolgreicher Einsatz zu Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2013 ver\u00f6ffentlicht. <a title=\"Herbst-Ausgabe 2013 \u2013 Nestor Plasencia Sr.\" href=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/vergangene-ausgaben\/herbst-ausgabe-2013-nestor-plasencia-sr\/\">Mehr<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein freier Markt ist nicht sein Fall. 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