{"id":42529,"date":"2021-07-27T14:08:21","date_gmt":"2021-07-27T12:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/?p=42529"},"modified":"2021-07-27T14:08:21","modified_gmt":"2021-07-27T12:08:21","slug":"von-wegen-kalter-kaffee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/von-wegen-kalter-kaffee\/","title":{"rendered":"Von wegen kalter Kaffee!"},"content":{"rendered":"<p><img class=\" wp-image-42532 alignleft\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting1_18-2-500x334.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting1_18-2-500x334.jpg 500w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting1_18-2-770x514.jpg 770w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting1_18-2.jpg 950w\" sizes=\"(max-width: 363px) 100vw, 363px\" \/>Ohne den Hinweis auf R\u00f6stnoten oder Bitterstoffe kommt kaum eine Zigarrenbeschreibung aus. Der Kaffee bringt davon ebenso viel mit. Doch im Gegensatz zum h\u00e4ndischen Zigarrenrollen, das auch in der modernsten \u201eFabrica\u201c eine fast archaische Technik darstellt, hat die Kaffeewelt mehrere Revolutionen hinter sich. In der \u201eThird Wave\u201c bl\u00fchten weltweit die Barista-L\u00e4den auf, die sich hingebungsvoll R\u00f6stgraden und Herkunftsl\u00e4ndern widmeten. Seither ist man mit flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4ngen bei der \u201eFifth Wave\u201c der Kaffeezubereitung angelangt. Und einer ihrer Stars ist der \u201eCold Brew\u201c: Statt unter Druck und mit hei\u00dfem Wasser in kurzer Zeit Aromen aus den gemahlenen Bohnen zu extrahieren, geht man dabei den umgekehrten Weg. Bis zu 24 Stunden weicht das grobe Kaffeemehl in kaltem Wasser auf, \u00e4hnlich wie man es mitunter im Sommer beim Eistee praktiziert, der \u00fcber Nacht im K\u00fchlschrank seinen Geschmack aus den Bl\u00e4ttern zieht. Kann diese Art des Kaffees auch zu Zigarren passen? Das war die Forschungsfrage, der sich acht Genie\u00dfer im Wiener Palais-Hotel Hansen Kempinksi widmeten. Verkostet wurden dabei sechs verschiedene Herkunftskaffees, um die aromatische Vielfalt zu zeigen, aber auch ein Nachkaufen der am besten bewerteten Kaffees zu erm\u00f6glichen. Daher verzichteten wir im Test auch auf Kaffeemischungen, die nicht international erh\u00e4ltlich sind. Fachgesch\u00e4fte allerdings sollten die \u201eSingle Origins\u201c entweder f\u00fchren oder aber besorgen k\u00f6nnen, um die Pairings der Jury mit eigenen Zigarren nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Bei der Zubereitung gab es drei verschiedene Varianten: Neben den in Flaschen gef\u00fcllten Cold Brews \u201eJ. Hornig\u201c (aus einer Grazer Traditionsr\u00f6sterei) und \u201eKaffeetschi\u201c (vom Wiener Barista Amar Cavic), die pasteurisiert wurden, fanden sich auch zwei \u201eNitro Cold Brews\u201c. Diese neue Zubereitungsart sorgt mit Stickstoff f\u00fcr einen k\u00fchl gezapften Kaffee, der in der Optik an Stout-Biere erinnert. Auf den stabilen Schaum dieser beiden Kostproben, des \u201eKirinyaga Kamwangi\u201c (Kenia) und des \u201eMandheling\u201c (Indonesien), werden wir noch zu sprechen kommen. Die restlichen Kaffees waren am Vortag mit kaltem Wasser zubereitet worden; analog zum Tee spricht man hier von der \u201eMizudashi\u201c-Methode.<\/p>\n<p>KEINESWEGS BITTERE ERGEBNISSE\u00a0 <img class=\" wp-image-42534 alignright\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting3_18-2.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"685\" \/><br \/>Auf der Seite der Zigarren waren wie \u00fcblich drei Formate im Einsatz, die repr\u00e4sentativ f\u00fcr unterschiedliche Stile stehen. Die Jubil\u00e4umszigarre \u201e1888\u201c aus dem Schweizer Haus Villiger bot als leichteste den Einstieg. Ihr folgte eine relativ neue Lancero von LUJ Cigars und die kr\u00e4ftige \u201eOval\u201c, eine Toro von A.J. Fernandez\u2019 Marke \u201eSan Lotano\u201c. Alle drei Zigarren wurden mit allen sechs Kaffees verkostet und die so entstandenen 18 Paare individuell mit Punkten bewertet. Die H\u00f6chstnote neun ergab damit ein m\u00f6gliches Punktemaximum von 72 Punkten f\u00fcr die herausragendste Kombination. Und so viel kann man vorwegnehmen: Die acht Verkoster kamen dieser Wertung bei ihrem \u201eCold Brew &amp; Cigar\u201c-Traumpaar schon recht nahe. \u201eTabak und Kaffee sind eine Familie, da herrscht Harmonie. Aber manchmal streiten ja auch Geschwister\u201c, fasste Ercan Hazar die Eindr\u00fccke mit einer Analogie zusammen. In einem Punkt hatte der Zigarrenfachmann damit den Kern der Eignung des Cold Brews als Begleitgetr\u00e4nk getroffen: Denn es gab kaum Pairings, die als g\u00e4nzlich unm\u00f6glich ausgeschlossen wurden \u2013 ein rarer Fall in der Geschichte der Cigar Journal-Verkostungen. Dass die Meinungen im Einzelfall auch auseinandergehen, zeigte etwa die kr\u00e4ftige \u201eSan Lotano\u201c. W\u00e4hrend sie einige H\u00f6chstnoten f\u00fcr das Zusammenspiel mit dem Wiener \u201eKaffeetschi\u201c erntete, der auf einem indischen Kaffee basiert, waren anderen die Bitterschoko-Noten am Ende zu viel des Guten. Dennoch sei festgehalten, dass kaum ein Paar aus \u201ekaltem Kaffee\u201c und Rauchware unter f\u00fcnf (von neun Punkten) bewertet wurde.<\/p>\n<p>BEEREN-TRAUM STATT R\u00d6STNOTEN<br \/>Denn der anf\u00e4nglichen Skepsis, ob der mitunter auch als \u201eHipster-Kaffee\u201c bezeichnete urbane Trend auch aromatisch mit intensiven Zigarren mithalten k\u00f6nne, folgte eine erste \u00dcberraschung beim \u201eAlma Negra\u201c. Der aus der R\u00f6sterei \u201eAlt Wien\u201c stammende Costa-Rica-Kaffee trocknet im Fruchtfleisch, ein als \u201eBlack Honey\u201c bezeichneter Prozess, der den Zuckergehalt erh\u00f6ht, aber besonders die Fruchtnoten akzentuiert. Schwarze Johannisbeere, Marzipan, Cranberry und eine unterschwellige S\u00fc\u00dfe zeichneten diesen raren Kaffee aus, der so gar nichts mit dem bitterr\u00f6stigen Getr\u00e4nk in der Espressotasse gemeinsam hatte. Zur \u201eVilliger 1888\u201c mit ihrer dezenten Kr\u00e4uternote war derlei Beeren-Gewalt fast schon zu viel des Guten. Die generelle Eignung des \u201eCold Brew\u201c als Zigarrenbegleiter zeigte sich im Vergleich mit der herk\u00f6mmlichen Konsumation eines Espressos deutlich. Den Unterschied zwischen den Zubereitungen erkl\u00e4rte Oliver Goetz als R\u00f6st-Experte der Verkosterrunde technisch anschaulich: \u201eDie Extraktion mit hei\u00dfem Wasser l\u00f6st mehr Koffein, S\u00e4ure und Bitterstoffe aus den Kaffees\u201c. Der langsam extrahierte Geschmack \u2013 bei Goetz\u2018 R\u00f6sterei \u201eAlt Wien\u201c erfolgte das Ziehen \u00fcber 20 Stunden \u2013 hingegen \u201eist runder, man kann auch sagen: Teeartiger\u201c. Zudem waren drei der Kaffees nur \u00e4u\u00dferst kurz ger\u00f6stet worden (f\u00fcr Fachleute: Omniroast). Der aus Costa Rica stammende \u201eAlma Negra\u201c kam etwa nur f\u00fcr knapp acht Minuten in die R\u00f6sttrommel, w\u00e4hrend 20 Minuten durchaus \u00fcblich f\u00fcr einen \u201eEspresso Roast\u201c sind.<\/p>\n<p><img class=\" wp-image-42536 alignleft\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting2_18-2-500x334.jpg\" alt=\"\" width=\"348\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting2_18-2-500x334.jpg 500w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting2_18-2-770x514.jpg 770w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting2_18-2.jpg 901w\" sizes=\"(max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/>EINER F\u00dcR ALLE ZIGARREN<br \/>Diese R\u00f6stdauer wies etwa der \u201eMandheling\u201c aus Sumatra auf; seine Schoko-Nuss-Note zeigte sich als praktisch universell einsetzbar, wenn man aus Sicht der Zigarrengenie\u00dfer denkt. Denn nicht nur, dass der reinsortige Arabica (mit Bio- und Fairtrade-Zertifizierung) der Kooperative \u201eKokowagayo\u201c mit einem Punkteschnitt von nahezu 8,0 pro Verkoster die Wertung anf\u00fchrt. Er konnte mit allen drei Zigarren in der \u201eTop ten\u201c der besten Paarungen punkten. Herausragend zur \u201eMorpheus Maduro Lancero&#8220;, erhielt er auch zu Villigers \u201e1888 Corona&#8220; Top-Noten. Lediglich die intensivste Zigarre der Verkostung, die San Lotano, zeigte die aromatischen Grenzen auf. \u201eBeide Produkte gut, aber nicht ganz in Harmonie\u201c, meinte etwa Philipp Ernst dazu. Vor allem die ausschlie\u00dflich in der Kombination beider Produkte auftretende Salznote polarisierte. Vergleiche mit Erdn\u00fcssen wurden zu Papier gebracht, allerdings sch\u00e4tzte nicht jeder Verkoster diesen Ton. Als Allrounder zu unterschiedlichen Rauchst\u00e4rken konnte sich aber kein Kaffee besser positionieren. Fast umgekehrt erging es den beiden pasteurisierten Cold Brews, n\u00e4mlich dem brasilianischen Kaffee von \u201eJ. Hornig\u201c und dem \u201eKaffeetschi\u201c, einem aus Indien stammenden Typica-Kaffee. Sie erhielten ihre h\u00f6chsten Bewertungen beide zur \u201eOval Toro\u201c. David Penker als Gastgeber im Hotel Kempinski fand die letztere Kombination \u201ef\u00fcr mich perfekt ausgeglichen, mit einer sch\u00f6nen Bitterschoko-Note\u201c. Sein Kollege Philipp M. Ernst wiederum bezeichnete den Cold Brew generell \u201eals Feelgood-Getr\u00e4nk, das wir in meiner Bar ,Josef\u2018 im Tumbler servieren\u201c. Tats\u00e4chlich diskutierten die Verkoster vor allem die Frage, zu welcher Gelegenheit man den neuen kalten Kaffee eigentlich trinkt. \u201eIst das eine schnelle Erfrischung oder setze ich mich damit in den Garten\u201c, brachte Johann Gall\u00e9e von \u201eDios Cigars\u201c diese Frage auf den Punkt.<\/p>\n<p>DER REIZ DES STICKSTOFFS <img class=\" wp-image-42540 alignright\" src=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting4_18-2-500x334.jpg\" alt=\"\" width=\"357\" height=\"238\" srcset=\"https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting4_18-2-500x334.jpg 500w, https:\/\/www.cigarjournal.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/CrossoverTasting4_18-2.jpg 674w\" sizes=\"(max-width: 357px) 100vw, 357px\" \/><br \/>Denn vor allem die beiden Nitro-Kaffees lebten auch in der Bewertung stark von der Schaumkrone. Das \u201etolle Mundgef\u00fchl\u201c, das etwa Cigar Journal-Chefredakteurin Katja Gnann dem kenianischen Kaffee attestierte, hob die mit Stickstoff zubereiteten Kaffees von den anderen ab. Allerdings hat auch die Temperatur einen gro\u00dfen Einfluss auf die Eignung als Zigarrenbegleiter: zu kalt sollte der Kaffee dann auch nicht sein, zeigte sich angesichts des kolumbianischen \u201eCauca La Laja\u201c. Er kam in allen drei Durchg\u00e4ngen am k\u00e4ltesten in die Tassen. Die Bitterschoko-Note wurde dadurch akzentuiert, allerdings zeigten sich erst im w\u00e4rmeren Zustand die Frucht-Akzente. Dass der Cold Brew auch in gr\u00f6\u00dferen Mengen gereicht werden sollte, dar\u00fcber herrschte zwischen den Bartendern Philipp M. Ernst und David Penker ebenso Einigkeit wie mit R\u00f6ster Oliver Goetz. Auf Eisw\u00fcrfel kann man aber verzichten, ergab die Verkostung, gerade die subtilen Geschmacksnoten der Kaffees reagierten n\u00e4mlich teilweise deutlich mit den Zigarren und hoben das Gesamtergebnis auf eine h\u00f6here Genuss-Ebene. Mit einer Flasche oder Kanne des k\u00fchlen Getr\u00e4nks zur Seite l\u00e4sst sich jedenfalls auch ein gro\u00dfes Format gut begleiten. Denn im Gegensatz zu anderen Getr\u00e4nken wirkt hier auf Dauer weder der Alkohol, noch die S\u00fc\u00dfe oder S\u00e4ure st\u00f6rend. Im Gegenteil: In jedem der drei Pairings zeigten sich neue Aspekte w\u00e4hrend des langsamen Trinkens. Bei der Lancero \u201eMorpheus\u201c von LUJ Cigars etwa brachte der kolumbianische Kaffee rote Trauben und Muskatnuss hervor, zur Toro von \u201eSan Lontano\u201c blieb hingegen ein Nachhall von Chili. Der brasilianische \u201eYellow Icatu\u201c von Qualit\u00e4tsfanatiker Ismael Andrade gl\u00e4nzte daf\u00fcr zu dieser kr\u00e4ftigen Zigarre, verlieh wiederum aber der \u201eMorpheus\u201c eine \u201egewisse Sch\u00e4rfe\u201c, wie Johann Gall\u00e9e anmerkte. Und was gibt es Sch\u00f6neres, als aus einer vermeintlich bekannten Lieblingszigarre pl\u00f6tzlich neue Aromen hervor zu kitzeln? Offenbar macht \u201ekalter Kaffee\u201c nicht nur die Menschen sch\u00f6n &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fotos: Isabella Petricek<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne den Hinweis auf R\u00f6stnoten oder Bitterstoffe kommt kaum eine Zigarrenbeschreibung aus. 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