{"id":34059,"date":"2020-03-06T08:34:52","date_gmt":"2020-03-06T07:34:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/?p=34059"},"modified":"2020-03-06T08:34:52","modified_gmt":"2020-03-06T07:34:52","slug":"jeder-wird-gluecklich-auf-seine-weise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cigarjournal.com\/de\/jeder-wird-gluecklich-auf-seine-weise\/","title":{"rendered":"\u201eJeder wird gl\u00fccklich auf seine Weise!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Heinrich Villiger wird in wenigen Wochen 90 Jahre alt. Er hat viel erlebt: die Ups and Downs der Zigarrenbranche, einen Weltkrieg, Wirtschaftswunder, B\u00f6rsencrashs, Finanzkrisen, den Klimawandel. Fragen zur Zigarre hat er schon oft vorausschauend und kompetent beantwortet. <\/em>Cigar Journal<em> wollte nun mit diesem Gespr\u00e4ch etwas pers\u00f6nlichere Fragen an jenen Mann stellen, der seit fast 70 Jahren das Familienunternehmen Villiger Cigars leitet.<\/em><\/p>\n<p><em>Cigar Journal:<\/em> Herr Villiger, vor einigen Jahren haben Sie die Hysterie rund um das Genussmittel Tabak mit dem Bild eines Pendels verglichen, das gerade stark in die negative Richtung ausschl\u00e4gt. Wo befindet sich Ihrer Meinung nach das Pendel \u2013 am schlimmsten Punkt der negativen Richtung oder bewegt es sich wieder auf die Mitte zu?<\/p>\n<p><em>Heinrich Villiger:<\/em> Ich wei\u00df nicht, ob mein damaliger Vergleich der Hysterie rund um das Genussmittel Tabak mit einem Pendel, das einmal nach links und dann wieder nach rechts ausschl\u00e4gt, richtig war. Ich w\u00fcrde eher sagen, dass das Pendel auf der falschen Seite h\u00e4ngen geblieben ist. Die World Health Organization [WHO] drischt unabl\u00e4ssig weiter auf dem Tabak herum, als ob sie keine wichtigeren Aufgaben h\u00e4tte. Zur Erinnerung: Die WHO wurde erst am 7. April 1948 als Sonderorganisation der Vereinten Nationen gegr\u00fcndet. Die Zahl der Mitgliedsl\u00e4nder bel\u00e4uft sich auf 194. Sie hat ihren Sitz in Genf und besch\u00e4ftigt weltweit eine respektable Zahl von Mitarbeitenden, die einen Leistungsausweis erbringen m\u00fcssen. Dabei spielt offensichtlich der Kampf gegen den Tabakgenuss die gr\u00f6\u00dfte Rolle, aber der Leistungsausweis ist mager \u2013 zum Gl\u00fcck. Zum Gl\u00fcck vor allem f\u00fcr die von der Tabakbranche abh\u00e4ngigen Wirtschaftszweige. Allein in Deutschland bezifferten sich die Einnahmen aus der Tabaksteuer im vorigen Jahr auf 14,4 Milliarden Euro. Fazit: Vergessen wir die WHO. Sie wird ihr angestrebtes Ziel, den Tabakgenuss bis Mitte dieses Jahrhunderts zu eliminieren, ohnehin nicht erreichen.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Gab es Ihrer Ansicht nach einen grundlegenden Fehler, den die Branche in diesen Zeiten der militanten Ablehnung von Tabak gemacht hat? Oder positiver gesagt: Was h\u00e4tte die Zigarrenbranche besser machen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>H.V.: Ich denke, nein. Es ist immer schwierig, gegen den Zeitgeist anzukommen. Meine Meinung dazu: Lasst die Hunde am Stra\u00dfenrand bellen \u2013 die Karawane zieht weiter. Vor allem auch bedingt durch die unterschiedlichen tabaksteuerlichen Gesetzgebungen und die Tabakmonopole in Frankreich, Italien, Spanien und \u00d6sterreich war die Tabakindustrie vor der Errichtung eines gro\u00dfen gemeinsamen Marktes ein stark kartellisierter Wirtschaftszweig, in dem die Verb\u00e4nde und die Monopole tonangebend waren. Das \u00e4nderte sich schlagartig mit der Errichtung eines gro\u00dfen europ\u00e4ischen Marktes. Das stellte f\u00fcr die Industrie eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen dar \u2013 sie hat ja auch zur Konzentration auf signifikant weniger Hersteller gef\u00fchrt. So gibt es beispielsweise in der Schweiz zurzeit nur noch zwei Zigarrenhersteller \u2013 im ehemaligen Stumpenland ist nur noch Villiger pr\u00e4sent, und unser einziger noch bestehender Mitbewerber hat seine Produktion in Brissago in der italienischen Schweiz.<\/p>\n<p><em>C.J.: <\/em>Welchen Rat haben Sie an einen Enthusiasten, der \u00fcberlegt, seine eigene Zigarrenmarke aufzubauen?<\/p>\n<p>H.V.: Eine eigene Zigarrenmarke zu kreieren, ist relativ leicht, wenn auch arbeitsintensiv: Findung und Schutz (Registrierung) der Marke, Suche nach einem qualifizierten Hersteller, Gestaltung des Werbe- und Promotion-Materials. Aber wenn das alles steht, kommt unweigerlich das Vertriebsproblem. Ohne Vertriebsorganisation l\u00e4sst sich das Produkt nicht distribuieren und verkaufen. Und Sie werden heute kaum noch einen Distributeur finden, der bereit ist, die Kosten und das Risiko der Einf\u00fchrung einer neuen Marke zu \u00fcbernehmen. Dazu kommt, dass der Zigarrenmarkt bereits heute schon in einem Ma\u00df \u201e\u00fcberflutet\u201c ist, dass Neuheiten kaum noch einen Platz an der Sonne finden.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Wenn Sie an Ihre Mitbewerber denken \u2013 wem zollen Sie wof\u00fcr besonderen Respekt?<\/p>\n<p>H.V.: Mitbewerber haben wir in unserer Branche nach wie vor \u201ejede Menge\u201c. Vor Jahrzehnten spielte sich der Konkurrenzkampf auf nationaler Ebene ab, heute tummeln sich mehr oder weniger alle Hersteller auf allen M\u00e4rkten \u201equer durch den Garten\u201c, selbstredend mit sehr unterschiedlicher Bedeutung von Land zu Land. Im Gegensatz zur Zigarette konnten sich bei der Zigarre kaum einzelne individuelle Marken auf internationaler Ebene durchsetzen \u2013 mit Ausnahme vielleicht von Davidoff. Respekt verdient hier Kuba. Nach der Revolution und der danach folgenden Verstaatlichung der gesamten kubanischen Tabakwirtschaft in die damalige Cubatabaco gelang es dieser, ein weltweites, zentral gef\u00fchrtes Vertriebsnetz aufzubauen und zugleich f\u00fcr das breite Sortiment individueller Marken die zentrale Marke Habanos f\u00fcr s\u00e4mtliche kubanischen Zigarren und Zigarillos zu etablieren. Initiiert wurde \u2013 nach der Revolution \u2013 dieser ganze Vorgang von Francisco Padr\u00f3n, dem ersten Pr\u00e4sidenten von Cubatabaco. Padr\u00f3n war kein Politiker, sondern Professor f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre an der Universit\u00e4t von Havanna. Mit Padr\u00f3n gr\u00fcndete ich vor 30 Jahren das erste Joint-Venture f\u00fcr den Vertrieb kubanischer Zigarren in der Bundesrepublik Deutschland. Heute umfasst dieses Vertriebsnetz um die vierzig Importunternehmen rund um den Globus, in der Regel Joint-Ventures mit nationalen Teilhabern und unterschiedlichen Beteiligungsverh\u00e4ltnissen. In Deutschland ist es die 5th Avenue Products Trading, die zugleich auch f\u00fcr den Vertrieb in \u00d6sterreich und Polen verantwortlich zeichnet. In der Schweiz folgte einige Jahre sp\u00e4ter die Intertabak AG, an der wir ebenfalls eine Beteiligung halten. Francisco Padr\u00f3n \u2013 der bereits seit langem verstorben ist \u2013 zolle ich ganz besonderen Respekt \u2013 ein Vollblutunternehmer trotz Funktion\u00e4r eines staatlichen Monopols. Padr\u00f3n ist vor etwa 20 Jahren verstorben.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Was war in Ihrem Berufsleben der ergreifendste Moment?<\/p>\n<p>H.V.: Der ergreifendste Moment, nicht nur in meinem Berufsleben, sondern auch im Kreis meiner Familie, war der Tod meines Vaters. Alles, was ich in meinem Leben gelernt habe, habe ich ihm zu verdanken. Auch er war durch und durch eine Unternehmerpers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> In welcher Rolle haben Sie sich nie wohl gef\u00fchlt \u2013 und in welcher besonders?<\/p>\n<p>H.V.: Ich traue auch mir das Attribut \u201eUnternehmer\u201c zu. Gegen\u00fcber Zahlen bin ich grunds\u00e4tzlich misstrauisch \u2013 denn mit Zahlen l\u00e4sst sich immer alles beweisen. Deshalb f\u00fchle ich mich auch nicht wohl in meiner Rolle als Pr\u00e4sident des Verwaltungsrates, der alle Bilanzen abzeichnen muss. Zumindest passiert das nur einmal im Jahr. Viel lieber schaue ich mir die Tabakfelder in Kuba und auch in Brasilien an oder schaue den Zigarrenroller*innen \u00fcber die Schultern.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Was war beruflich Ihr gr\u00f6\u00dfter Fehler? Und was war Ihr gr\u00f6\u00dfter Erfolg?<\/p>\n<p>H.V.: Jeder macht Fehler im Leben, nicht nur Mitarbeiter auf unteren Stufen, sondern auch F\u00fchrungskr\u00e4fte. Wir hatten seinerzeit versucht, als Diversifikation eine zweite Sparte aufzubauen \u2013 das Fahrradgesch\u00e4ft. Es lief mehr oder weniger alles schief, was schieflaufen konnte. Das Unternehmen schrieb nur Verluste, wir hatten einen F\u00fchrungswechsel nach dem anderen, sodass ich mich letztlich entschlie\u00dfen musste, die ganze Sparte Fahrrad zu verkaufen. Zum Gl\u00fcck fanden wir einen zahlungskr\u00e4ftigen K\u00e4ufer, das US-Unternehmen TREK. Das hat mir sehr weh getan, umso mehr als sich das Fahrradgesch\u00e4ft in den letzten Jahren zu einer ausgesprochenen Wachstumsbranche entwickelt hat.<\/p>\n<p>Ja, und was war der gr\u00f6\u00dfte Erfolg? Der gr\u00f6\u00dfte Erfolg ist eigentlich der, dass uns der Spagat vom seinerzeitigen reinen Stumpenhersteller zum Anbieter von hochpreisigen handgerollten Premiumzigarren gelungen ist. Das vollzog sich selbstredend nicht von heute auf morgen \u2013 neue Marken mussten kreiert und die Produktion in der Karibik und in Zentralamerika aufgebaut werden. Vor einigen Jahren kam dann Brasilien noch dazu, wo der Einstieg der dortigen Hersteller in das \u201eLuxus-Segment\u201c schlicht verschlafen wurde, und dies trotz der exzellenten Qualit\u00e4t der brasilianischen Zigarrentabake im Nordwesten des Landes.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Wird die Welt immer schlechter oder immer besser?<\/p>\n<p>H.V.: Ich meine, dass es meine Nachkommen schwerer haben werden als ich \u2013 nicht kurzfristig, aber nach zwei oder drei Generationen. Die Welt wird einfach zu klein f\u00fcr die vielen Menschen, die laufend \u201eneu dazu kommen\u201c. Wo sollen die alle hin und ihr Auskommen finden? Da bringt auch eine \u201egr\u00fcne Revolution\u201c keine L\u00f6sung. Und freiwillig wird niemand auf einen gewissen erarbeiteten Luxus verzichten, und sollte der noch so gering sein. Was man hat, hat man.<\/p>\n<p><em>C.J.:<\/em> Welche Ver\u00e4nderungen fallen Ihnen gesellschaftlich am meisten auf \u2013 und welcher Umbruch gef\u00e4llt und welcher sorgt Sie?<\/p>\n<p>H.V.: Wir stehen einer Verrohung der Gesellschaft gegen\u00fcber. Wir k\u00f6nnen uns dagegen nicht abschotten, wir m\u00fcssen damit leben. Die Schweiz ist ein kleines Land, aber wir sind keine eigenst\u00e4ndige Insel. Wir m\u00fcssen uns einerseits integrieren in ein gro\u00dfes und selbstbewusstes Europa, andererseits unsere Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren. Das werden wir auch schaffen. Und was passiert mit dem Tabak? Auch der Tabakgenuss wird \u00fcberleben, und zwar beide Welten \u2013 die Genusswelt der Zigarrenraucher und die Suchtwelt der Zigarettenraucher. Der Einzelne tr\u00e4gt schlie\u00dflich die Verantwortung f\u00fcr das, was er tut.<\/p>\n<p>Jeder Mensch pflegt sein G\u00e4rtchen. Der eine hat Kaktusse, der andere pflegt sein Tabakfeld. Dazwischen ist eine breite Spielwiese \u2013 jeder wird gl\u00fccklich auf seine Weise.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.villigercigars.com\">www.villigercigars.com<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich Villiger wird in wenigen Wochen 90 Jahre alt. Er hat viel erlebt: die Ups and Downs der Zigarrenbranche, einen Weltkrieg, Wirtschaftswunder, B\u00f6rsencrashs, Finanzkrisen, den Klimawandel. Fragen zur Zigarre hat er schon oft vorausschauend und kompetent beantwortet. 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