Vom Fass in die Kiste

Die Verwendung von Holz, um Getränken neue Geschmacksnoten zu geben, ist kein neues Konzept. Über die Jahrhunderte haben Hersteller von Wein und anderen Getränken dieses Verfahren genutzt, um so ihre Produkte reifen zu lassen, ihnen Komplexität und neue organoleptische Eigenschaften zu verleihen. Angesichts des wachsenden Verbrauchermarktes suchen Erzeuger in letzter Zeit nach verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten für eine größere Vielfalt von Fässern, um ihre Produkte zu differenzieren und neue sensorische Erlebnisse zu erforschen. Obwohl der Einsatz von Fässern zur Fermentation oder Reifung von Tabakblättern im Vergleich zu Getränken ein relativ neues Konzept ist, findet es in der Zigarrenbranche immer mehr Anhänger. Die erste Marke, die von diesen Prozessen profitierte, war Cohiba. Die 1966 geschaffene Zigarre erregte aufgrund ihrer Komplexität und Exklusivität stets Aufmerksamkeit. Eduardo Rivero, der Mann hinter den frühen Blends beschloss, diesen einer zusätzlichen Fermentation in Fässern zu unterziehen, um mehr Ausgewogenheit und Komplexität zu erzielen. Die Verwendung von Fässern zum Fermentieren des Tabaks in Verbindung mit den besten Rohstoffen und einer kontrollierten sowie limitierten Produktion trug dazu bei, die Aura der begehrtesten kubanischen Zigarrenmarke zu schaffen. 

Mit der Jahrhundertwende und Marken, die auf einem anspruchsvollen, innovationsfreudigen Markt konkurrieren, begannen viele Hersteller nach Wegen zu suchen, um ihre Zigarren attraktiver und komplexer zu machen. „Die Perdomo Reserve 10th Anniversary Champagne Series stellte für Perdomo den Beginn der Bourbon Barrel-Reifung von Tabaken dar. Dieser besondere Prozess war jahrelang ein Familiengeheimnis von Perdomo, und Nicholas Perdomo Sr. gab den im Bourbon-Fass herrlich gereiften Connecticut-Deckblättern den Namen ,Champagne‘“, sagt Arthur Kemper von Perdomo Cigars. Das Experiment war so erfolgreich, dass die Manufaktur nun bei all ihren Premiumzigarren fassgereifte Deckblätter verwendet. Perdomo hat auch eine Linie, bei der sämtliche Blätter der Zigarre in Bourbon-Fässern reifen. Die Perdomo Double Aged 12 Year Vintage trägt die Nummer 12, weil der verwendete Tabak zehn Jahre in Ballen und dann zwei weitere Jahre in Fässern reift, was diese Serie zu einer extrem limitierten Auflage macht. Ein ähnlicher Prozess fand bei La Aurora statt: 2004 wurde mit La Aurora Preferidos Platinum, Emerald und Gold die erste Linie mit fassgereiftem Tabak präsentiert. Das Ergebnis war so positiv, dass man dieses Verfahren zur zusätzlichen Reifung auf alle Super-Premium-Linien des Unternehmens ausweitete. Laut Gustavo Velayos, Marketing Director von La Aurora, durchläuft nur der erlesenste Tabak diesen zusätzlichen Reifeprozess. „Man kann diese Tabake als die besten der besten betrachten, die unsere Qualitätsstandards übertreffen. Und so können wir unseren Zigarren noch mehr Komplexität verleihen“, sagt Velayos. 

Viele Marken verwenden fassgereiften Tabak, um den Zigarren mehr Komplexität zu verleihen und die Aufmerksamkeit von Kunden zu gewinnen, die nach unterschiedlichen Geschmackswahrnehmungen suchen

Viele mögen nun denken, dass man mit dieser Art der Fermentation beabsichtigt, das Tabakblatt mit dem Geschmack der Spirituose zu bereichern, doch es geht darum, süße und Eichenholznoten hinzuzufügen und die Bittertöne des Tabaks noch mehr zu verringern. VegaFina lancierte zwei limitierte Editionen mit in Rum-Fässern gereiftem Tabak. Die erste erschien 2016 im Salomones-Format, die zweite 2018 unter dem Namen Galeones. „Ich denke, dass Zigarrenliebhaber erwarten, dass die Zigarre, die sie rauchen, Karamell und den süßen Hauch von Rum aufweist, ohne den Tabakgrundgeschmack zu verlieren“, sagt Celia Sánchez Alarcón, International Brand Manager von Tabacalera Premium Cigars. 

Ein weiteres Unternehmen, das fassgereiften Tabak für seine Zigarren verwendet, ist Davidoff. Im Jahr 2016 brachte es seine erste Zigarrenlinie mit in Bourbon-Fässern fermentiertem Tabak auf den Markt: die Camacho American Barrel Aged.  Es dauerte eine Weile, bis das Unternehmen die richtige Tabaksorte und Fermentierungszeit gefunden hatte. „Wir mussten natürlich herumprobieren, da wir nicht genau wussten, welchen Tabak wir verwenden sollen und wie lange wir ihn fermentieren müssen. Doch bald stellten wir fest, dass fünf bis sechs Monate und eine Tabaksorte mit einer dickeren Struktur optimal waren“, sagt Sam Reuter, Direktor der Oettinger Davidoff AG. „Die Vorteile sind, dass wir uns auf einen natürlichen Prozess konzentrieren und nicht etwa den Tabak mit Bourbon oder Whisky verdampfen. Wir tragen Bourbon oder Whisky auf die Innenseite der Fässer auf und füllen sie dann mit Tabak.“ 

Dieser erfolgreiche Auftakt war auch ein Augenöffner für das Unternehmen, fassgereiften Tabak in einigen seiner Blends zu verwenden. Es dauerte nicht lange, bis es ein zweites Experiment startete, diesmal unter der Marke Davidoff mit der Winston Churchill Late Hour. Ein weiterer Aspekt, der viele Hersteller motiviert hat, dieses neue Experiment zu wagen, ist die zunehmende Bedeutung des Pairings. Passionados wünschen sich einen weichen und harmonischen Übergang zwischen ihrer Zigarre und Lieblingsspirituose. Dies erklärt die Präferenz, Rum-, Bourbon- oder Whisky-Fässern beim Reifen oder Fermentieren von Tabakblättern zu verwenden. 

Drew Estate entschied sich nicht nur für den Einsatz von Bourbon-Fässern, sondern brachte auch eine Linie auf den Markt, die nach einer der seltensten und feinsten Bourbon-Marken benannt ist. Seit ihrem Launch wird bei der Pappy Van Winkle das Feuertrocknungsverfahren angewandt und der Tabak daraufhin in den begehrten Bourbon-Fässern fermentiert. Trocknung und Fermentation verleihen dieser Linie einen starken Charakter, der es einem leicht macht, beim Pairing die amerikanische Spirituose zu wählen. Auch Getränkehersteller reagieren auf diese Nachfrage. In den letzten Jahren wurden von vielen Unternehmen Produkte lanciert, die das Pairing von Spirituosen und Zigarren promoten, darunter Cohiba Cognac von Martell oder Havana Club Unión. Dieser wurde entwickelt, um ein perfektes Pairing des Rums mit der Cohiba Siglo VI zu bieten. 

Der Fermentations- und Reifeprozess und dessen Dauer variieren von Unternehmen zu Unternehmen. Doch der neue Trend hat sich bei Kritikern und Konsumenten als Erfolg erwiesen und Hersteller scheinen ihm jährlich mehr Platz in ihrem Portfolio einzuräumen. „Wir sind sehr stolz auf unsere beiden Limited Editions, denn sie waren nicht nur ein großer Verkaufserfolg, sondern erhielten auch hervorragende Bewertungen vom Tasting Panel des Cigar Journals: 92 bzw. 91 Punkte“, sagt Celia Sánchez Alarcón von der Tabacalera Premium Cigars, was den Trend zu bestätigen scheint. 

Alexandre Avellar gilt in Brasiliens als Instanz in Punkto Zigarren. 2010 gründete er Conexão Tabaco/Tudo Sobre Charuto, die nationale Top-Website in Sachen Zigarren-News. Zudem schreibt er für viele Zigarrenpublikationen in aller Welt. Beim 15. und 16. Habanos-Festival wurde er von Habanos S.A. für die Auszeichnung „Hombre Habano del Año“ (Habanos-Mann des Jahres) in der Kategorie Kommunikation nominiert. Er reist rund um den Globus, um über die wichtigsten Veranstaltungen zu berichten und die Kultur des Zigarrenrauchens zu fördern.


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