• en
  • de
Portrait of Jon Huber

Tinte und Tabak – Tätowierungen in der Zigarrenindustrie

Das Ganze begann vermutlich so richtig, als Jonathan Drew von Drew Estate im Jahr 1998 Jessi Flores als seine rechte Hand aufnahm. Nachdem Flores anfangs als Chauffeur, Übersetzer und in anderen Bereichen, wo Not am Mann war, arbeitete, erkannte Drew bald das Potenzial des Graffitikünstlers und vormaligen Tätowierers aus Miami. Das war die Wurzel des urbanen Profils, das dem Zigarrenunternehmen dazu verhalf, eines der größten der Welt zu werden.

„Irgendwann sah er (Jonathan) mir beim Kritzeln zu und fragte mich, ob er die Zeichnung auf ein T-Shirt drucken könne“, erinnert sich Jessi Flores. „Ich war überrascht, aber dachte mir: Okay. Danach bat er mich um mehr Motive und so gestaltete ich schließlich das Logo mit der Manhattan Bridge.“ Eines Tages bekam Flores Besuch von einem unbekannten Graffitikünstler aus Managua. „Er läutete an meiner Haustür und fragte mich, ob wir ein gemeinsames Werk machen können. Das taten wir dann im Stadtzentrum auch.“ Später rief ihn Jonathan an und meinte, er solle den Künstler dieses Werks ausfindig machen. Als er erfuhr, dass es Jessi war, beauftragte er ihn, ein Design für seine Fabrik zu schaffen.

Bereits einige Zeit davor, im Jahr 1993, war Pete Johnson von Tatuaje Cigars im Einzelhandelsbereich ins Zigarrengeschäft eingestiegen. Aufgrund seiner Tätowierungen starrten ihn die Leute stets an, und als er eine Dekade später seine eigene Marke gründete, wussten sie immer noch nicht so recht, was sie von ihm halten sollten.

„Sie schauten mich komisch an“, erinnert sich Johnson. „Niemand bei den Messen hatte damals Tattoos und deshalb glaubten die Menschen nicht, dass ich der Inhaber einer Marke war. Es dauerte eine Weile, bis ich Anerkennung bekam. Ich glaube allerdings nicht, dass es etwas mit dem Namen Tatuaje zu tun hatte, denn die meisten Leute wissen vermutlich gar nicht, dass es das spanische Wort für Tätowierung ist. Abgesehen davon deutet nichts des Designs auf Tattoos hin. Tatuaje war einfach nur schwer auszusprechen.“

Der Name leitete sich von Tattoo Pete ab, dem Spitznamen, den Johnson erhielt, als er ins Zigarrengeschäft einstieg. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten hatte er bereits eine andere Seite der Zigarrenszene erlebt. „Ich war Musiker und kannte viele Schriftsteller sowie andere Musiker, die Zigarre rauchten. Aber ich komme aus Los Angeles und das ist vielleicht eine vielseitigere Stadt. Generell war Zigarrenrauchen in der Öffentlichkeit nicht sehr verbreitet.“

Bei der ICPCR in Cincinnati traf Johnson 1996 einen anderen, inzwischen bestens bekannten, tätowierten Akteur des Marktes – Jon Huber von Crowned Heads. Dieser startete seine Karriere im Zigarrengeschäft ein wenig früher im selben Jahr, als er einen Job bei CAO in Nashville bekam. „Ich feierte das, indem ich mir mein erstes sichtbares Tattoo stechen ließ – einen originalen Cohiba-Ring“, erzählt Huber.

Seine Erfahrungen vor der Gründung seiner eigenen Marke im Jahr 2011 unterschieden sich etwas von Johnsons. In der Tat gehörte er zu jenen, die Zigarrenrauchern die Tattoo-Kunst näherbrachten. Man kannte Huber bereits, weil er als Repräsentant von CAO viel herumkam und 2006 die Rock ’n‘ Rolled-Tour machte. „In jeder Stadt luden wir einen lokalen Tattoo- Künstler ein, ein Kunstwerk mit CAO-Bezug auf Leinwand zu schaffen. Da Tätowierer ihre Arbeit auf die Haut zaubern, verstehen nicht alle Leute, dass es sich um echte Künstler handelt. Das war meine Art zu demonstrieren, was sie können. Am Ende jedes Events versteigerten wird das jeweilige Bild. Cigar Press brachte einen großen Beitrag darüber. Rückblickend waren wir der Zeit wohl ein Stück voraus.“

Portrait Jessi Flores

Photo: Simon Lundh

Doch zurück zu Drew Estate. Kurz nachdem Flores das Design der Fabrik fertiggestellt hatte, schuf er immer größere Kunstwerke – alle im gleichen Street Art-Stil mit lateinamerikanischen Elementen gehalten – zuerst für die Fabrik und später für Messen in aller Welt. „Jonathan wollte, dass ich sämtliche Räumlichkeiten sowie die Außenfassade der Fabrik mit Kunstwerken versehe, was sie zu einem Wahrzeichen gemacht hat“, meint Flores. „Immer wieder stoppten Leute, um Fotos zu machen. Für die Messen überlegten wir uns andere Dinge. Einmal schickte ich 6000 handbemalte Paar Schuhe, ein anderes Mal sieben Container mit Kunst. So etwas gab es nie zuvor. Jonathan wollte auf diese Weise Menschen für Messebesuche begeistern.“

Drew und Flores konnten nicht ahnen, dass sie damit die gesamte Zigarrenindustrie verändern würden. Oder vielleicht doch? „Als wir vor kurzem in Managua waren, fragte ich ihn, ob er sich daran erinnern kann, dass er sagte, dass wir das Geschäft revolutionieren werden“, erzählt Jessi. „Er antwortete: ,Ja, du hast Recht. Das hab ich gesagt. ‘Das ist ziemlich cool!“ Damals beschloss Drew, alles auf eine Karte zu setzen. Er überreichte Flores quasi seine Kreditkarte, damit er „ein Imperium aufbaut“. Dieser ist nun Geschäftsführer der Abteilung für Art Design & Marketing und in den „Subculture Studios“ schafft er gemeinsam mit Partnern Kunst für die verschiedensten Aspekte von Drew Estate. „Ich genieße die Vielfalt von dem, was wir hier tun. Normalerweise werden Künstler erst nach ihrem Tod berühmt, aber ich lebe noch und kann die Früchte meiner Arbeit sehen. Andere Tätowierer verwenden nun meine Designs und es gab sogar jemanden, der sich meine Unterschrift auf seinen Arm tätowieren ließ. So ein Verrückter!“

Vor ein paar Jahren kam die Sache dann ins Rollen, als ein hartnäckiger Cigar Safari-Besucher Flores überredete, das Tätowieren wieder aufzunehmen. „Ich hatte nach meinem Umzug nach Nicaragua damit begonnen und eröffnete 2003 das erste professionelle Tattoo-Studio des Landes, gab es nach einer Weile aber wieder auf. Bei einer Cigar Safari meinte dieser Typ dann, dass er nicht gehen würde, wenn er nicht ein Tattoo bekäme. Also lieh ich mir schließlich das Werkzeug meines Assistenten aus und verpasste ihm das Gasmasken-Logo der MUWAT (My Uzi Weighs A Ton – Meine Uzi wiegt eine Tonne) samt meiner Unterschrift. Danach ging’s so richtig los.“ Flores begann damit, Dirty Rat, Navy Girl, Fireman, Bounty Hunter, Flying Pig und viele andere Drew Estate-Designs in den verschiedensten Ausführungen zu machen – nicht nur als Tattoos, sondern auch für Zigarrenkisten und Humidore, T-Shirts und Schuhe, Schutzhelme und Schmuck. „Ich habe inzwischen 45 bis 50 Drew Estate-Tattoos gemacht“, erzählt er. „Die Leute bringen Sachen zu den Safaris mit, die sie bedruckt haben möchten. Ein Typ wollte Dirty Rat als Golfer – als Tätowierung und auf einem T-Shirt.“

Dirty Rat Ring

Photo: Simon Lundh

Das stellt uns auch vor die Frage, was all dies für die Zigarrenwelt bedeutet. Haben diese Akteure die Spielregeln geändert? „Wir haben viele Hardcore-Fans und die Mehrheit unserer Anhänger sind Leute jeden Alters mit oder ohne Tätowierungen, die diese Art von Stil mögen. Viele, von denen ich gar nicht wusste, dass sie unsere Zigarren mögen, tauchten plötzlich wie aus dem Nichts auf und wollten Dirty Rat- Kunstwerke“, erzählt Flores.

Einer der Anhänger ist Rodney Chappell aus Louisiana. „Jessi hat diesen Trend wesentlich geprägt“, meint er. „Er brachte nicht nur den urbanen Stil mit ins Spiel, sondern vermischt diesen mit vielen anderen Dingen, und das macht das Ganze so besonders. Ich glaube, die Leute, die Drew Estate anspricht, sind nicht gegen Tradition, haben es jedoch satt, dass sich nie etwas ändert.“ Es sei interessant, dass es wegen eines hartnäckigen Typen zu einem derartigen Wandel kam, kommentiert Flores und fügt hinzu: „Danach hatte dann auch Pete Erfolg mit Tatuaje.“ Anfangs wusste er nicht, wo all dies hinführen würde, und fragte Jonathan, wieso er urbane Kunst wolle. „Jetzt höre ich von Leuten, die durch ihre Liebe für diese Kunst den Zigarrengenuss entdeckten. Das ist eine ziemlich coole Bestätigung!“

„Drew Estate hat sicher viel dazu beigetragen, ein jüngeres Publikum anzusprechen. Aber Tattoos stoßen heute generell auf größere Akzeptanz und Zigarrenraucher sind ganz normale Leute“, meint Johnson. „Es gab einen demografischen Wandel“, erklärt Huber. „Wir haben nun eine jüngere Klientel mit neuen Werten und Trends. Dennis Rodman war lange der einzige komplett tätowierte Athlet, aber heute haben sogar schon High School- Basketballspieler volltätowierte Arme.

blank

Photo: Simon Lundh

Der Einfluss von Drew Estate ist nicht zu leugnen. Jonathan schuf etwas Einzigartiges und hat nun eine treue Anhängerschaft. Heute geht es um Personenkult und da war er ein dringend notwendiger Impulsgeber. Es ist schwierig, in einer Industrie mit einer so starken Tradition seinen Fingerabdruck zu hinterlassen, aber ihm gelang das. Er schuf mehr als nur Zigarren – er schuf einen Lifestyle.“

Allerdings nicht ganz ohne Widersprüche. „Anfangs gefiel dem Topmanagement die Idee nicht – also Bilder von Frauen mit großen Brüsten und so“, erinnert sich Flores. Sein erster Gedanke war, dass er wegen der Konservativen seinen Job verlieren würde. „Aber die Leute bei Swisher, von denen wir letztes Jahr übernommen wurden, liebten es. Sie meinten, wir sollen gar nichts ändern. Und wissen Sie was: Die Damen lassen sich ebenfalls Dirty Rat-Tattoos machen!“

Glauben also die meisten Leuten nach wie vor, dass nur Herren mittleren Alters mit einem hohen Einkommen Zigarren rauchen? Um ehrlich zu sein: vermutlich schon. Aber so viel steht fest: Die Zahl jener, die Zigarren mit tätowierten Personen, Street Art und allen möglichen Menschen, ganz egal welchen Alters, Geschlechts, Bekenntnisses oder Hautfarbe, assoziieren, ist definitiv gestiegen – besonders unter Zigarrenrauchern.

„Wir sehen nun, dass sich die Kultur ausweitet, von diesem gehobenen, konservativen Klischee entfernt, und ich denke, wir haben maßgeblich dazu beigetragen“, meint Flores. Johnson fügt abschließend hinzu: „Meiner Ansicht nach ist das Zigarrengeschäft sehr rebellisch geworden. Wir werden alle stets von Regierungsbehörden bombardiert, und letztlich ist es vollkommen egal, ob man ein Tattoo im Gesicht oder unzählige Piercings hat oder ein Nudist ist. Es geht hier um einen Lifestyle, eine Möglichkeit zu entspannen. Und man kann der ärmste oder reichste Mensch der Welt sein, aber am Ende sind wir alle Zigarrenraucher, die sich einfach nur diese 30 bis 45 Minuten Auszeit gönnen möchten.“

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Herbst-Ausgabe 2016 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


Newsletter

    Related posts

    Top