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Zu Besuch bei Maria Sierra, Meisterrollerin in der El Titan de Bronze-Fabrik

El Laguito. Die Fabrik der Fabriken. Ein mythischer und mysteriöser Ort in Havanna, wo einst ausschließlich Zigarren für Fidel Castro, ausländische Diplomaten und Würdenträger produziert wurden. Die Fabrik, in der die Marke Cohiba geboren wurde und die nur sehr wenige Menschen zu sehen bekommen. Dort arbeitete María Sierra, nunmehr Meisterrollerin bei El Titan de Bronze in Miami, 31 Jahre lang, bevor sie in die USA kam. An diesem Ort lernte sie, Cohibas zu rollen, wie nur wenige andere, wofür sie jetzt unter Zigarrenrauchern in ihrem neuen Heimatland sehr angesehen ist.

Alles begann 1967, als Castros rechte Hand, Celia Sánchez, im Namen der Gleichberechtigung beschloss, Frauen ins Zigarrengeschäft einzubeziehen. Hunderte standen Schlange für die prestigeträchtige Aufgabe, Zigarren für das kubanische Staatsoberhaupt und seine Gäste zu rollen; 30 wurden aufgenommen. Darunter die 18-jährige María Sierra. „Es war nicht so schwierig, den Job zu bekommen, aber die Arbeit war ziemlich hart“, erinnert sie sich. „Ich hatte gerade erst die Schule abgeschlossen und wollte meine berufliche Laufbahn beginnen. Ich dachte mir, ich probiere es einmal damit und schau, ob es mir gefällt – und ich liebte es.“

Sie und die anderen Frauen lernten bei Castros persönlichen Rollern Eduardo Rivera und Avelino Lara. Es gab einen kontinuierlichen Auswahlprozess, doch Sierra blieb und wurde eine der besten Rollerinnen der Fabrik – sie erreichte Kategorie 9, die höchste Qualifikationsstufe für Zigarrenroller. Dies bedeutete Vorteile, die wenige andere genossen. „Ich bekam Tickets für das Tropicana und eine Woche bezahlten Urlaub“, erinnert sie sich. „Zudem reiste ich mit der Firma nach Hongkong und Deutschland. Die Arbeiter stimmten darüber ab, wer mit durfte. Man brauchte eine gute Einstellung, musste engagiert sein, die Arbeit ernst nehmen und natürlich hochwertige Zigarren machen.“

Es gab extrem strenge Qualitätskontrollen. „Sie waren sehr genau. Wenn sie dich bei der Herstellung einer Zigarre erwischten, die nicht gut genug war, dann schickten sie dich zurück in die ,Schule‘. Wenn man sich nicht wieder verbesserte, flog man raus.“ Abgesehen vom Prestige – und in Sierras Fall den Vorteilen – bot ein Job bei El Laguito jedoch keine finanziellen Anreize. „Wir arbeiteten von 7 bis 16.30 oder 17 Uhr und bekamen das gleiche Gehalt wie Leute unserer Qualifikation in ande- ren Fabriken“, informiert Sierra. Sie beschreibt die Atmosphäre als freundlich, die Arbeitssituation als angenehm und ihre Kollegen als eine große Familie. Sie plauderten miteinander, aber nicht zu viel, da Zigarrenrollen Konzentration erfordert. Stattdessen gab es traditionsgemäß „lectores“ – Vorleser. „Sie lasen morgens die Nachrichten und nach- mittags aus Büchern berühmter kubanischer und ausländischer Autoren. So konnten wir etwas über die Welt lernen, während wir arbeiteten.“

Fidel Castro hat sie trotz ihrer langjährigen Tätigkeit bei El Laguito nie getroffen. „Das ganze war ein gesperrter Bereich. Wir sahen die Autos mit den Diplomaten vorbeifahren, aber er kam nie in die Fabrik.“

Photo: Simon Lundh

Im Jahr 1998 zog sich Sierra aus dem Berufsleben zurück und elf Jahre später übersiedelte sie nach Miami, um in der Nähe ihrer einzigen Tochter zu sein. Als Sandy Cobas, Inhaberin von El Titan de Bronze, erfuhr, dass eine vormalige Angestellte von El Laguito kommen würde, stellte sie diese sofort an. Sierra traf an einem Freitag ein und begann am Montag darauf zu arbeiten. „Ich war so überrascht. O Gott, ich konnte es kaum glauben, dass ich gleich einen Job bekam“, erzählt sie. „Montag morgen klopfte sie ganz aufgeregt an die Tür“, ergänzt Cobas, die an der anderen Seite des Tisches sitzt.

Die Arbeit in einer Fabrik in Amerika unterscheidet sich natürlich in vielerlei Hinsicht, aber es gibt auch Ähnlichkeiten. „Ich war glücklich in Kuba. Ich hatte ein Haus dort. Gleichzeitig bedaure ich, dass ich nicht schon früher in die USA gekommen bin. Hier hätte ich ein Haus haben und Geld sparen können. Ich sehe, dass meine Tochter viel mehr Möglichkeiten hat. In Kuba waren sie sehr organisiert, doch Sandy ist das ebenfalls. Sie ist wählerisch“, meint Sierra lachend und wirft ihrer Chefin einen herzlichen Blick zu. Ihr Heimatland vermisst sie nach wie vor.

„Nicht alles in Kuba ist schlecht. Ich wurde dort geboren und es gibt viele Dinge, die mich zurückziehen. Manchmal beginne ich zu weinen, wenn ich an meine Heimat denke, aber ich bin hier ebenfalls glücklich.“ Das sind auch viele andere Menschen. Denn ihre Fertigkeit im Zigarrenrollen blieb nicht unbemerkt. Bill Paley von La Palina Cigars in Washington D.C. schuf beispielsweise eine Linie namens Goldie Laguito, weil er eine von Sierra gefertigte Zigarre wollte. Eine Nat Sherman Show in New York war komplett überlaufen, weil so viele Leute kamen, die sie sehen wollten. Und ein Fan fuhr sogar fast 250 Meilen nach Miami, sein Kofferraum gefüllt mit Zigarrenkisten – Inhalt made by María Sierra –, damit sie diese signiert.

„Alles was sie macht, ist bereits ausverkauft, noch während sie daran arbeitet“, sagt Cobas stolz. Nicht schlecht für jemanden, der nie in seinem Leben eine Zigarre geraucht hat. „Ich weiß, ob sie gut ist oder nicht, wenn ich daran rieche“, meint Sierra lächelnd. „Anfangs war es nicht leicht, aber nach einer Weile habe ich es gelernt.“

Dieser Artikel wurde in der Cigar Journal Frühjahrs-Ausgabe 2016 veröffentlicht. Mehr

Simon Lundh

Nachdem Simon Lundh 2005 sein Ingenieursdiplom in Vermessungstechnik erwarb, entschied er sich für eine journalistische Laufbahn. Er entdeckte die Welt der Zigarren während er für eine nichtstaatliche Organisation in Estelí, Nicaragua, arbeitete und verdient seinen Lebensunterhalt nun größtenteils mit Artikeln über Zigarren, Metal Music und Tattoos sowie Reiseberichten.


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