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Ria Bos Nationales Kulturerbe Niederlande

Das Handwerk des Zigarren-Rollens ist in den Niederlanden „Immaterielles Kulturerbe“

Ria Bos aus den Niederlanden hat es geschafft, das Zigarren-Rollen als immaterielles, nationales Kulturerbe registrieren zu lassen.

Der Begriff „immaterielles Kulturerbe“ bezeichnet kulturelle Ausdrucksformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden. Es gibt fünf Kategorien, eine davon ist das Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken. Bereits 1997 rief die UNESCO das Arbeitsprogramm „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Kulturerbes“ ins Leben, 2003 wurde von 193 Statten ein Übereinkommen verabschiedet, das den Schutz und Erhalt dieses Kulturgutes vorsieht, seit 2006 ist die Konvention in Kraft. In unterschiedlichem Tempo nahmen sich die europäischen Länder diesem Anliegen an. Die Schweiz war ein Vorreiter, während Deutschland erst 2013 das Übereinkommen in Kraft setzte. Erst wer es auf die nationale Liste des immateriellen Kulturgutes schafft, hat Chancen – durch Empfehlung des jeweiligen Staates – auf die internationale „Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ zu gelangen.

Ria Bos ist die wahre Heldin dieser Geschichte. Mit 16 begann Ria in der Zigarrenfabrik von Oud Kampen im niederländischen Kampen zu arbeiten. Mit vielen anderen Frauen saß sie tagein tagaus an Maschinen und stellte Shortfiller her. Nach drei Jahren hatte die damals 18jährige die Nase voll. Und wer Ria heute kennt, kann sich bildhaft vorstellen, dass die fröhliche, energiegeladene Niederländerin schon damals genau wusste, was sie will und kann. Oud Kampen wurde an Ritmeester verkauft und Ria zog nicht mit. Sie begann stattdessen für Thomas Klapphage von De Olifant im Shop in Kampen zu arbeiten. Dort saßen noch einige Roller älteren Semesters direkt im Laden und fertigten von Hand Zigarren. „Ich war sofort fasziniert von dieser Arbeit und wollte das lernen,“ erinnert sich Ria, „aber die Roller meinten nur, das sei nichts für Frauen und bremsten mich aus.“ Thomas Klapphage sprach ein Machtwort und Ria Bos wurde in die Rollkunst eingeweiht. Bereits mit 19 reiste Ria durch Europa und bestritt als Rollerin exklusive Events für De Olifant. Vor 14 Jahren trennten sich Rias und Thomas’ Wege – aufgrund des Tabakwerbeverbotes durfte unter Markennamen kein Showrollen mehr stattfinden. Die Rollerin wurde ihre eigene Chefin und hält seither Workshops ab oder bestreitet Events. Sie kann sich vor Anfragen kaum retten.

Wie gelang der Coup?

„Vor etwa drei Jahren dachte ich, was passiert eigentlich, wenn ich einmal nicht mehr Zigarre rollen kann! Dann geht dieses Wissen verloren. Es gibt noch drei, vier Roller außer mir, aber diese sind sehr alt. Ich werde irgendwann die letzte sein, die hier Zigarre rollen kann“, erläutert Ria und wird dabei sehr nachdenklich.

Aus diesen Überlegungen entstand die Idee, ihr Handwerk auf die „Nationale Inventaris Immaterieel Cultureel Erfgoed“, eben auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Niederlande stellen zu lassen. In den Niederlanden ist das „Kenniscentrum Immaterieel Erfgoed“ in Culemborg dafür zuständig. Das Aufnahmeverfahren ist mehrstufig, aber bis die Rollerin überhaupt für den schriftlichen Antrag zugelassen wurde, musste sie eine Abfuhr nach der anderen einstecken. „Wir können das Verfahren nicht eröffnen, da es um Rauchen geht,“ war die Standardantwort. „Nein, es geht nicht um das Rauchen, sondern um die Herstellung einer Zigarre. Das ist eine traditionelle althergebrachte Kunst“, argumentierte Ria. Sie musste das Formular sechs Mal einreichen, alles sah nach einer Hinhaltetaktik aus. Doch 2016 kam der positive Bescheid. Der Status gilt bis 2018, dann wird überprüft, ob Ria ihren Aufgaben als Trägerin des Kulturerbes nachgekommen ist – unter anderem, ob sie das Handwerk und Kulturgut zu verbreitet.

Unterstützt wird die Niederländerin von Steph Kronenburg von Gajane Benelux. Der Zigarren- und Tabakimporteur hat für Ria Bos ein Marketingkonzept entwickelt. Teil davon ist die MOC Rollerbox, MOC steht für My Own Cigar. Sie beinhaltet alles, was man braucht, um selbst eine Zigarre herstellen zu können: Tabakblätter, Zigarrenkleber, Rundmesser, Modeln, eine kleine Presse samt einer Anleitung. Wer bei Ria Bos einen Kurs besucht, kann die Box erstehen oder diese über Gajane beziehen.  Wer bei Ria Bos einen Kurs besucht, kann die Box erstehen oder diese über Gajane beziehen.

 Ria hat in der antirauch-feindlichen Welt ein Licht entfacht, das große Auswirkungen haben könnte. Nachmachen erwünscht!

INFO
riabos.nl
www.myowncigar.org

Foto: Jakob Gnann

Katja Gnann

Bei einer regionalen Tageszeitung erlernte sie das journalistische Handwerk von der Pieke auf und erstellte dort langjährig redaktionelle Beiträge. Durch die Mitarbeit bei der Zeitschrift „Der Spiegel“ in Rom bekam sie die Chance, ihre Kenntnisse im Medienbereich zu professionalisieren. Katja Gnann studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Heidelberg, Palermo und Rom und verbrachte im Zuge des Studiums viele Jahre in Italien. Das Land war ihr Lehrmeister in Sachen Genuss und Lebensstil. Seit 2004 arbeitet sie für das Cigar Journal, seit 2010 als Chefredakteurin.


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