• en
  • de
blank

Crossover Tasting: Da rauchte die Teetasse

blank

Kenner Maresh P. Ramnani führte die Tester in die feine Welt des Tees ein

Die Blätter werden extra beschattet, ehe die händische Ernte beginnt. Nur das beste Material wird schließlich fermentiert, um am Ende – sorgsam erhitzt – weltweit den Genießern Freude zu bereiten. Nein, diesmal geht es nicht um die Zigarre, die Rede ist vom Tee! Mit besonderer Vorfreude wurde nämlich das aktuelle Getränke-Pairing von allen Teilnehmern erwartet: Wie würden sich einige der bekanntesten Tees dieser Welt in Kombination mit den „anderen“ Blättern für Connaisseure, dem zur Zigarre gerollten Tabak, bewähren? In insgesamt 24 Kombinationen wurden dazu drei Typen von Zigarren mit Tees aus Indien und China im Wiener Hotel Ritz-Carlton verkostet. Die Auswahl erfolgte in Absprache mit den Tee-Experten Eva Haas (Wien) und Mahesh P. Ramnani (Tallinn), der auch an der Verkostung teilnahm. Ihre subjektiv besten „Zigarrenbegleit-Tees“ wurden von Bar- Chef Lukas Hochmuth in der jeweils perfekten Ziehzeit für die acht Verkoster zubereitet. Auf aromatisierte Tee-Varianten wurde in der Verkostung verzichtet, der pure Geschmack zur „Puro“ sollte ja getestet werden. Einzige Ausnahme bildete ein Blend, den das Schweizer Teehaus „London Tea“ im Vorjahr eigens für die Davidoff „702“ kreiert hatte. Der „Smoky Assam“ verband den indischen Tee mit einem kleinen Anteil des Rauchtees „Lapsang Souchong“ und etwas Vanille.

GEGENLÄUFIGE ENTWICKLUNGblank
Auf den Einsatz eines reinen Lapsang wurde verzichtet, da bereits aus einigen Pairings feststand, dass geräucherte Aromen zur Zigarre meist nicht funktionieren. Für den rauchigsten Tee im Test ergab sich dennoch eine interessante Beobachtung: Der „Smoky Assam“ gewann von Runde zu Runde mehr Fans, im Schnitt legte er von der „Frothy Monkey“ bis zur „Maduro“ um zwei Punkte zu. Je intensiver die Zigarre, desto besser funktionierte der ursprünglich aufgrund seiner Gewürznoten als „weihnachtlich“ charakterisierte Tee-Blend. „Die Zigarre hält mit“, attestierte etwa Cigar Journal-Chefredakteur Reinhold C. Widmayer der kräftigsten Aromenkombination. Wie alle acht Verkoster hatte er neun Punkte als Maximum zur Verfügung, um das Zusammenspiel zu bewerten. Dafür standen wie schon in den bisherigen Pairing-Tests drei Zigarren zur Verfügung, die als Variable für die Intensität eines Longfillers – von mild bis kräftig – dienen sollten. Auch sie hatte der estnische Spezialitäten-Importeur Mahesh P. Ramnani mit im Reisegepäck, da er auch als Vertreter der in der Dominikanischen Republik gefertigten Marke Principle tätig ist. Mit der milden Principle Frothy Monkey Signature wurde die erste „Tee-Zeremonie“ eingeleitet, die mittelkräftige Principle Accomplice White Band Robuste wurde danach mit allen acht Tees verkostet, gefolgt vom Testdurchgang mit der kräftigen Principle Accomplice Green Band Nightstick. Bei allen Gemeinsamkeiten im Fermentier-Stadium trennen sich die Wege von Tabak- und Teeblättern, wenn sie für den Genuss vorbereitet wurden: „Zigarren werden komplexer, je heißer sie geraucht werden, der Tee aber verliert seine subtilen Noten, wenn er zu heiß getrunken wird“, formuliert es Mahesh Ramnani. Der Schnittpunkt zwischen diesen beiden Aromakurven ergibt den optimalen Genuss in dieser Paarung – und wir erwischten ihn oft genug. Denn die ausgewählten Tees boten eine gute Voraussetzung für das Pairing mit Zigarren. Unter Kennern steht der Assam Black etwa für betonte Malzigkeit. Der „Nilgiri“ wiederum, aus Indiens „Blauen Bergen“ stammend, bringt eine eher florale Charakteristik mit. Auch der halb- fermentierte Oolong, dem eine cremig-süße Butterkeks-Note nachgesagt wird, erwies sich als schöner Partner zu den Rauchwaren.

EIN WHISKY IN TEEBLATT-FORM
Als besondere Überraschung fand sich ein neuer Tee aus dem indischen Anbaugebiet Assam in der Auswahl, der als „Single Malt Tea“ vermarktet wird. Tatsächlich, so der britische Whisky-Kenner Jason Turner, „erinnert er an Speyside Malts“ mit seinen malzigen Tönen und der leicht bitteren Röstkastanien-Note. Freilich gibt es auch Tees, die sich nicht zur unmittelbaren Begleitung der Zigarre, sondern als Schluck für eine Rauchpause eignen. Der delikate „Silver Needle“ wurde bewusst eingestreut, um diese reinigende Wirkung zu demonstrieren. Zwischen mehreren Zügen wird der Gaumen so erfrischt und aufnahmefähig für neue Eindrücke der Zigarre. In der Sozialwissenschaft würde man ihn wohl als „Kontrollgruppe“ bezeichnen. Doch genug der einzelnen Tees und ihrer Anbaugebiete (die sich auf China und Indien beschränkten) – wie kamen sie mit den Zigarren an? Konkret machte etwa der Assam Black die Frothy Monkey „verführerischer“, wie es Jason Turner formulierte. Für Reinhold Widmayer ergab dieses Paar überhaupt „die perfekte Frühstückskombination“. Ginge es um den perfekten Allrounder zu allen drei Zigarren-Typen, hätte der Assam Black Anrecht auf diese Bezeichnung. Praktisch gleichauf mit dem Nilgiri Black hat er die meisten Punkte erhalten, wenn man alle drei Wertungen addiert. Beide finden sich in den jeweiligen „Top 3“-Begleitern der drei Zigarren-Typen. Wobei der Nilgiri die beste Paarung zur mittelkräftigen Principle Accomplice White Band Robuste darstellte, er holt mit einer Schnitt-Wertung von 7,2 Punkten (von neun möglichen) pro Verkoster auch die absolute Höchstnote von 58 (aus 72) Punkten. Dicht gefolgt von den 57 Punkten, die das Genuss-Matching zwischen der kräftigen Principle Accomplice Green Band Nightstick und dem Assam Black erhielt. „Der Tee unterstützt die Zigarre“, war sich in diesem Fall Cigar Journal- Chefredakteurin Katja Gnann mit Tee-Fachmann Mahesh P. Ramnani einig, für den „die Zigarre die Charakteristik des Tees hervorhebt“. So klingt pure Harmonie!

blank

Kritische Blicke der internationalen Jury in der „D-Bar“: Passt der Tee wirklich zum gesamten Rauchverlauf der Zigarre oder ist er „nur“ ein reini- gender Schluck für den Gaumen?

EDELTEE MIT SCHWEREM STAND
Dass es bei der Tee-Begleitung sehr auf die Intensität der Zigarren ankommt, demonstrierte aber auch der subtilste Tee, der „White Needle“. Dieser weiße Tee stammt von der gleichen Pflanze (Camellia sinensis) wie grüner und schwarzer Tee, es wird nur ein anderes „Reifestadium“ der Teeblätter verwendet. Konkret sind das die gerade noch geschlossenen Blattknospen mit einem weißen Flaum, der auch den Namen gibt. Ähnlich wie die Volados beim Tabak, also die leichtesten, untersten Blätter der Pflanze, enthalten die „weißen Nadeln“ einen zarteren Geschmack. Konkret ist das Koffein in diesen Tees am wenigsten vorhanden. Entsprechend hat dieser „Assam White Needle“ auch einen höheren Preis aufgrund seiner Seltenheit und der kleineren Blätter, von denen mehr für ein Kilo fertigen Tee benötigt werden. In unserer Verkostung demonstrierte Mahesh Ramnani damit eine weitere Verwendung von Tee für Zigarrenraucher. „Der Gaumen wird zwischen den einzelnen Zügen gereinigt und wieder vorbereitet für die Aromen der Zigarre“. Der „White Needle“ stellt also weniger eine Begleitung zur Zigarre, als ein Getränk zwischen dem Rauchen dar. Aber: Mit seinen zarten Aromen konnte er auch im Pairing überzeugen – allerdings nur bei der mildesten Zigarre. Mit der Frothy Monkey hat diese in China auch „White Monkey“ genannte Tee-Art nicht nur einen Namensbestandteil gemeinsam, auch die Milde prädestinierte die beiden zur Aromenpartnerschaft. „Für Ladies, die nicht oft Zigarre rauchen“, empfahl etwa Bartenderin Isabella Lombardo diese Kombination. Abseits dieses Pairings auf Augenhöhe konnte der weiße Tee nicht punkten; schon bei der Robusto „war nur die Zigarre zu schmecken“, wie es Verkosterin Katharina Kreft formulierte. Bei der kräftigsten Zigarre im Test, der Principle Accomplice Green Band Nightstick, ging dann „der Tee komplett unter“ (Irene Rittler).

DIE BASICS ZUR TEE-AUSWAHLblank
Die Ausgewogenheit stellte aber nicht immer die Grundlage einer ausgewogenen Kombination dar. So konnte der Oolong Se Chuong der leichten Frothy Monkey einen Aromenschub verpassen; die – zumindest von versierten Zigarrenrauchern – als zu sanft empfundenen Röstaromen dieses Formats wurden durch den chinesischen Tee deutlich verstärkt. Diese Paarung brachte dann insgesamt auch die dritthöchste Wertung hervor, hier war das Ganze definitiv mehr als die Summe der beiden einzelnen Genüsse. Ansonsten ließ die Verkostung im Ritz-Carlton aber vor allem einen Schluss zu: Dass man die Zigarrenaromen besser „unterspielen“ sollte. Intensiver Eigengeschmack, wie ihn etwa der „Smoky Assam“ mitbrachte, funktionierte für die Tester nur mit einem kräftigem Format (Principle Accomplice Green Band Nightstick). Umgekehrt brachte es der subtile „Gaumenreiniger“ Silver Needle nur mit der milden Frothy Monkey auf eine achtbare Punktezahl. Sehr gut hingegen hielt sich die am Whisky-Aromaprofil orientierte Neuheit „Single Malt Tea“, die es zwei Mal in die Top 3 schaffte. Einen gangbaren Kompromiss stellten auch die beiden Oolongs mit ihrer cremigen Tasse dar, die sich grundsätzlich mit allen Zigarren vertrug. Der leichte Gerbstoff der Assam-Tees aber stellte mit dem Doppelsieg für Nilgiri und Assam Black die beste Empfehlung für Harmonie mit Zigarren dar. Durch die Vermeidung von Überextraktion – auch die Schwarztees zogen nie länger als drei Minuten – kam dieser Vorteil voll zum Tragen. Man konnte in diesen Fällen geradezu mitverfolgen, wie sich die abkühlenden Tee-Aromen auf die heißer gerauchten Zigarren-Flavours zubewegten. Am Ende stand aber nicht deren Kollision, sondern eine Geschmacksexplosion. Und zwar eine, die sich mit der Teekanne neben dem Ascher Schluck für Schluck reproduzieren lässt.

 

Fotos: Isabella Petricek 

blank

Roland Graf schreibt als Getränke-Journalist für Magazine und Online-Medien des deutschen Sprachraums. Seine Beiträge zur Sensorik und Geschichte von Alkoholika erscheinen in Magazinen wie „A la Carte“, „BEEF!“ oder „Mixology“. Für das Cigar Journal organisiert er Verkostungen und dokumentiert die genussreichsten Pairings von Zigarren und Getränken.


Newsletter

    Related posts

    Top